Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92225
Momentan online:
147 Gäste und 7 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
Jede Menge Bits
Eingestellt am 28. 04. 2004 21:22


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Silberstreif
???
Registriert: Jun 2001

Werke: 53
Kommentare: 98
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Silberstreif eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Mein grĂ¶ĂŸter Wunsch ist es, ein Buch zu veröffentlichen. Nicht als Verlegerin, sondern als Autorin, selbstverstĂ€ndlich. Möglicherweise ist es jedoch nicht sehr produktiv, nur allein durch stete Willens- und VorhabensĂ€ußerung diesen Wunsch erfĂŒllt zu bekommen. Es ist ja schließlich nicht so, als wĂŒrde man sagen: “ich wĂŒnsche mir ein paar Prada-Sandalen”. Bei meinem Wunsch ist schon mehr körperlicher Einsatz gefragt.
Meine Buchbesessenheit ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass meine Ex-Freunde und Ex-Bekannten den Kopf ĂŒber die arme Irre schĂŒtteln; meine Tante Milli mich gelegentlich zur Seite nimmt und etwas ĂŒber den Ernst des Lebens flĂŒstert und dass ich mich in meinem Alter diesem doch vielleicht mal zuwenden könnte.
Meine Mutter hĂ€lt noch zu mir, obwohl ich vermute, dass sie sich gelegentlich heimlich des Nachts fragt, was sie wohl bei meiner Erziehung falsch gemacht haben könnte. Darauf kann ich jedoch keine RĂŒcksicht nehmen.
So utopisch mein Wunsch auch immer sein mag, so eindringlich hat er sich bei mir festgefressen.

Ich habe sogar schon mal was geschrieben.

Daraufhin suchte ich mir gleich einen Literaturagenten. Die gibt es wie Sand am Meer und da sie an mir mitverdienen wollen, kann es ihnen nur gelegen sein, mich meinem Ziel nĂ€her zu bringen und einen Verlag fĂŒr mich zu finden.
Sehr eindrĂŒcklich erschien mir aber die Aussage, dass eine, auf einer einzigen Seite Platz findenden, Kurzgeschichte - auch wenn sie noch so gut ist (beeilte sich ein Agent zu versichern) - nicht ganz dafĂŒr geeignet ist, zwei Buchdeckel zu fĂŒllen. Zumindest wĂ€re es sehr schwierig, jemanden zu finden, der dieses minimalistische Buch dann auch kaufen wĂŒrde, wo es doch sehr viel bequemer und billiger ist, es gleich - innerhalb kĂŒrzester Zeit - in der Buchhandlung direkt zu lesen, sofern es jemals dahin kĂ€me. Dieses Argument leuchtete mir ein. Ich habe zu Hause auch kein Buch, bestehend aus nur einer Seite.

Doch so schnell gebe ich mich nicht geschlagen.
Ich begann zu rechnen. Eine DIN-A4 Seite voll Geschichte ergibt im DIN A5- Buchvormat 2 Seiten. Um also ein einigermaßen standardisiert, dickes Buch zu bekommen, mĂŒsste ich ca.150-200 Geschichten schreiben. Mehr als eine Seite kriege ich nĂ€mlich pro Geschichte nicht hin. FĂŒr die eine habe ich 3 Monate gebraucht. Macht bei 150 Geschichten 450 Monate, also 37,5 Jahre. Ich hĂ€tte also am Tag meiner Geburt mit dem Schreiben beginnen mĂŒssen, um mir dieses Jahr zu Weihnachten meinen Wunsch erfĂŒllen zu können.
Leider habe ich das versÀumt.
Ich stelle fest, meine Eltern haben bei meiner Erziehung wirklich etwas falsch gemacht. Sie hĂ€tten hier viel konsequenter vorgehen mĂŒssen. In weiteren 37 Jahren bin ich 74. Wenn ich endlich mein Buch zusammen hĂ€tte, könnte es ja sein, dass ich dann plötzlich einen ganz anderen Wunsch habe. Darauf kann ich mich also nicht verlassen, zumal ja bekannt ist, dass die Menschen oft ganz sprunghaft in ihren BedĂŒrfnissen sind.
So habe ich das Geschichtenschreiben aufgegeben - ich gebe zu, dass es auch ziemlich mĂŒhselig war - und versuche nun durch die HintertĂŒr doch noch meinen Willen zu bekommen. Und sogar in ganz großem Stil.

“10 Millionen Kunden” prangt in Goldbuchstaben die Eigenwerbung auf einem Katalog. WĂ€hrend ich diesen flĂŒchtig durchblĂ€tterte, ereilte mich die geniale Idee. Ich wurde nĂ€mlich nebst den Bildern, mit sehr viel Text konfrontiert. Und irgendjemand muss diesen Text ja auch schreiben, der dann fein sĂ€uberlich gedruckt und VERÖFFENTLICHT wird. 10 Millionen Leser. Auf einen Schlag. Wenn das kein großer Coup ist.
Ein Text sprach mich ganz spontan an:
“Mit diesem Bit-Satz haben sie die perfekte Lösung fĂŒr fast alle SchraubfĂ€lle. Der Bithalter mit 2-Komponentengriff gewĂ€hrleistet ihnen formschlĂŒssiges Greifen und komfortables Arbeiten. Übrigens: die aus Chrom-MolybdĂ€n-Silizium-Mangan-Vanadium legiertem Spezialstahl gefertigten Bits sind auch fĂŒr den maschinellen Einsatz geeignet. Die Lieferung erfolgt in der praktischen und stabilen Stahlbox. Inhalt: 7 Innensechskant-Bits, metrisch mit Innenbohrung, 9 Innensechskant-Bits, zöllig, mit Innenbohrung, 12 TROX-Bits mit Innenbohrung, 3 Clutch-EinsĂ€tze, 4 Außenvierkant-Bits, 5 TRI-WING-Bits, 3 TORQ-SET-Bits, 3 XZN-Vielzahn-Bits, 5 KlauenschlĂŒssel-Bits, 3 Kreuzschlitz-PH-Bits, 2 Kreuzschlitz-PZ-Bits, 2 Schlitz-Bits, Adapter mit Außenvierkant und Außensechskant, Spezialeinsatz zum zentrischen Spannen von Schraubhaken, etc., Adapter mit Innenvierkant und Innensechskant, Maschinen-Bithalter fĂŒr Bohr-, Elektroschrauber und Bohrmaschinen, Bithalter. Set 39,80 €.”

'WOW', werden sie jetzt sagen. 'Der Typ, der das verfasst hat, scheint richtig was auf dem Kasten zu haben. Er spricht die enorme Fachkompetenz des Lesers direkt an, zĂ€hlt schlĂŒssig und nachprĂŒfbar alle vorhandenen Elemente auf, hat einen poetischen Einstieg gefunden und einen zwar ernĂŒchternden, doch prĂ€gnanten Schluß. Wenn man das so liest, ist es nicht verwunderlich, dass MĂ€nner die Science-Fiction-Literatur erfunden haben. Handwerk ist inspirierend. Diese ganzen TROXe, Clutche und Torqs. Man kann sie sich regelrecht vorstellen, als schleimbeutelige, vielzahnige Klauen-Alien-Agressoren. Und dann die Helden in ihren TRI-WINGs und XZNs - wie sie der Übermacht letztlich doch noch den Garaus machen'.

Schön und gut, darin stimme ich mit ihnen weitgehend ĂŒberein. Doch rein handwerklich mĂŒsste an dem Text noch gefeilt werden. Hier kĂ€me ich mit meinem Know-how dann ins Spiel. Ich stelle nĂ€mlich fest, dass der Text zwar durchaus auch eine erotische Komponente aufweist, doch ist die, fĂŒr die vornehmlich mĂ€nnliche Leserschaft, wohl viel zu subtil.
Daraus kann man einen richtigen KnĂŒller machen. Allein die Beschreibung des Chrom-MolybdĂ€n-Silizium-Mangan-Vanadium legierten Spezialstahls schreit geradezu nach dem Zusatz: “so einen Harten haben sie noch nie gehabt”. PH kenne ich auch. Ich muss beim Einkauf meiner Intimbereich-Waschlotionen immer darauf achten, dass dieser Wert neutral ist. Mein Lieblingswort ist “Schlitz-Bits”. Eine wirklich hĂŒbsche Metapher. Ein klein wenig vulgĂ€r vielleicht, doch ziemlich ansprechend fĂŒr die Fantasie. Das “formschlĂŒssige Greifen” könnte auch noch prĂ€zisiert werden. Der Leser will sich ja mit dem Text identifizieren können. Je mehr ich darĂŒber nachdenke, desto mehr Kritikpunkte finde ich. Außerdem ist der Text viel zu lang. Da besteht die Gefahr, dass der Leser vorher schon aussteigt.

Ich werde demnÀchst meinen Text an die Versandthaus-Redaktion schicken:
“Was ihnen fehlt um ein ganzer Mann zu sein, ist unser Spezialbitsatz ROXXOR.
Jede Menge Bits aus Chrom-MolybdĂ€n-Silizium-Mangan-Vanadium legiertem Spezialstahl, verschaffen ihnen eine HĂ€rte, die sie so noch nie ihr Eigen nennen durften. Werden sie mit ihrem TRI-WING-Bit zum Retter des Universums, indem sie alle SchraubfĂ€lle prĂ€zise und perfekt lösen. PH geprĂŒft bleibt jeder Kreuzschlitz ohne Reizungen. Ihre Schlitz-Bits werden sich formschlĂŒssig allen Schlitzen anpassen. FĂŒr extreme EventualitĂ€ten, bieten sich die Adapter an, oder auch der Spezialeinsatz zum zentrischen Spannen von Haken aller Art. Werden sie ein Mann, und investieren sie lediglich 39,80€.”
Ich bin ganz sicher, dass ich dann endlich veröffentlicht werde. In einem Buch. Na ja, so gut wie ein Buch. Das einzig betrĂŒbliche ist, dass mein Name nicht auf dem Buchdeckel erscheinen wird. DafĂŒr habe ich aber 10 Millionen Leser. Und DAS ist doch das bisschen AnonymitĂ€t wert.


__________________
will man, was man muss?

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
prust, kicher, lach!

diese story finde ich super. kommt in meine sammlung "Lupengold".
n paar kommas sind zuviel, aber was macht das schon bei soviel spaß . . .
ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Silberstreif
???
Registriert: Jun 2001

Werke: 53
Kommentare: 98
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Silberstreif eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
hallo flammarion

gleich ins "Lupengold" - welche Ehre. Dankeschön. Mit den Kommata habe ich es nicht so - ich habe seinerzeit in der Schule nicht so genau aufgepasst. Aber ich tue jeden Fehler mit dem Kommentar: "neue Rechtschreibung" ab. Hilft immer noch.
Doch irgendwie bin ich mit der Story nicht ganz zufrieden, ich weiß allerdings auch nicht was mich stört. Die Bewertungen lassen dasselbe vermuten. Hast du eine Ahnung?

GrĂŒĂŸe von
Silberstreif
__________________
will man, was man muss?

Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
na,

mich kannste nich fragen, ich finde die story super.
lg
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Herzog
???
Registriert: Apr 2004

Werke: 39
Kommentare: 48
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Herzog eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Vielleicht ein wenig zu lang?

Mir gefĂ€llt der Text durchaus gut, besonders die ihm zu Grunde liegende Idee, aber vielleicht solltest du versuchen, ihn zu kĂŒrzen... Die (echte) Prospektbeschreibung ist ein bisschen ermĂŒdend zu lesen, und auch die eine oder andere weitere Stelle könnte eine KĂŒrzung vertragen. - Mein Vorschlag wĂ€re, den Text auf Band zu sprechen und ihn ein paar Tage "ruhen" zu lassen. Dann abhören und kĂŒrzen, bis dir selbst die Fassung gefĂ€llt.

Frdl. Gruß, Herzog

Bearbeiten/Löschen    


Silberstreif
???
Registriert: Jun 2001

Werke: 53
Kommentare: 98
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Silberstreif eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
hallo Herzog,

danke fĂŒr deinen Tipp, doch vorgelesen habe ich den Text schon etliche Male und genau diese Beschreibung ist jedesmal der BrĂŒller. Vor allen Dingen kann ich das Wort Schlitz-Bits nicht ohne Lachanfall (von meinen und Seiten des Publikums) lesen. Wahrscheinlich hat er seine Wirkung tatsĂ€chlich nur beim laut lesen. Im ĂŒbrigen ist der Text bereits stark gekĂŒrzt. Im Katalog war er viel lĂ€nger.

GrĂŒĂŸe vom Silberstreif
__________________
will man, was man muss?

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Humor und Satire Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!