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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Jedem Seins!
Eingestellt am 05. 10. 2014 15:10


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Elenore May
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Registriert: Nov 2013

Werke: 13
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Frisch und voller Energie tritt der Jogger seinen Trainingslauf an. Er stellt die Musik seiner Kopfhörer lauter, biegt in den schmalen Waldweg ein, richtet den Blick nach unten; keine der tĂŒckischen Baumwurzeln darf ihm jetzt entgehen, seine Knöchel wĂŒrden das nicht verzeihen.

Als der Weg den Wald verlĂ€sst und breiter wird, sich weit sichtbar zwischen den Wiesen schlĂ€ngelt, nimmt er die Strecke ins Visier, konzentriert sich auf Musik und Lauf, auf sein höheres Tempo, auf das perfekte Zusammenspiel von Muskeln und Sehnen. Nimmt er die Ohrstöpsel wĂ€hrend des Laufs raus, kann er seinen Atem, sein laut und krĂ€ftig schlagendes Herz hören – eine runde Sache.

Etwa zweihundert Meter vor ihm geht ein Mensch mit Hund; Unmut breitet sich in ihm aus. Er will seinen Lauf nicht unterbrechen und schreit deshalb dem Menschen in den RĂŒcken „den Köter an die Leine!“ Mensch und Hund zucken erschreckt zusammen, waren sie doch so vertieft in ihr Spiel mit der Beute ‚Stock‘ und hörten ihn deshalb nicht herannahen.

Der Hund möchte aufmucken und ist schon auf dem Weg zum Jogger. Doch der Mensch, von schlechtem Gewissen geplagt, versucht es mit einem entschuldigenden LĂ€cheln, einigen Rechtfertigungsversuchen und ruft barsch den Hund zu sich. Er greift in das Halsband des verunsicherten Hundes, zieht ihn eng zu sich heran - schon muss der Jogger nicht mehr auf der Stelle laufen und kann endlich passieren. „Geht doch!“, murrt er und setzt seinen Lauf stramm fort.

Doch zu frĂŒh lĂ€sst der Mensch den Hund wieder los; von hinten taucht ein Schwarm Radfahrer auf, die ihre Geschwindigkeit wegen der vor ihnen gehenden BelĂ€stigung nur ungern drosseln wollen.
Sie richten ihre Oberkörper auf, stemmen die Arme in die Seiten, lĂ€uten den Bremsvorgang ein - schnell bringt noch einer seinen Schnauzer in Form – und der Mensch mit Hund wird mit Geklingel, einigen FlĂŒchen und hektischen Armbewegungen rigoros in das Buschwerk gescheucht.
Schon ist die Bahn wieder frei. Die behelmten Köpfe werden gesenkt, die RĂŒcken sind wieder rund, die Augen fixieren den Weg; jetzt aber in die Pedale getreten, die unnötige Unterbrechung hat Zeit gestohlen.

Mensch und Hund rappeln sich aus dem GebĂŒsch. Trotz der herrischen Zurechtweisung freut sich der Mensch ein bisschen: hat die vorbeirauschende Schar doch einen versteckt sitzenden Fasan aufgescheucht, der empört laut kollernd aufflattert.
Ein wirklich guter Flieger ist er jedoch nicht, vor allem der Start schafft oft Probleme. Doch nach kleinen Anfangsschwierigkeiten zieht er mit breit gefĂ€cherten Schwingen hoch und sein prĂ€chtig gefĂ€rbtes Gefieder mit den langen Schwanzfedern glĂ€nzt dabei wie irisierend im Licht, ein wahrer Augenschmaus fĂŒr den Menschen!
Einige Meter weiter lĂ€sst er sich im dichten Strauchwerk vor einem Buchenhain nieder, dabei hört man ihn wegen der Störung noch ein bisschen nachmaulen, doch dann beherrscht wieder das vielstimmige Gezwitscher der Vögel die sich wie flĂŒssige Seide anfĂŒhlende Luft.

Der Mensch lĂ€chelt entzĂŒckt. Der Hund jedoch erkennt nach kurzem Jagdansatz die Sinnlosigkeit seines Unterfangens - er kann nicht fliegen und eine Suche in dem dichten GebĂŒsch ist ihm jetzt zu mĂŒhsam.
Er holt sich deshalb ein neues Stöckchen herbei, wirft es geĂŒbt wie ein Tambourmajor in die Luft und bringt es seinem Menschen. Sie spielen wieder, und ein kleiner Bausch Sommerwind schickt dem Menschen eine Prise wĂŒrzigen Duftes nach frischem BlattgrĂŒn um die Nase.

Der Jogger ist schneller unterwegs und trifft erneut auf die beiden, worauf sie devot ein paar Meter in die angrenzenden Wiesen hĂŒpfen. Der Hund wirft sich hin und lĂ€sst sich den RĂŒcken von den GrĂ€sern massieren. Er rĂ€kelt, dreht sich genĂŒsslich und stĂ¶ĂŸt ein paar jauchzende Seufzer aus - wĂ€hrend der Mensch aufpasst, dass er die den Wegrand sĂ€umenden Wegwarten mit ihren filigran anmutenden, blauen BlĂŒten nicht zertritt. 'Wie verzauberte Elfen', denkt er.

Schnaufend und prustend zieht der Jogger vorbei, ohne die beiden anzusehen. Er spuckt in die Wiese auf der anderen Seite und zeigt damit an, dass er hier eine wahre Leistung erbringt. Dabei rinnt ihm der Schweiß von der Stirn, die Haare sind verklebt und sein Lauf ist nicht mehr so elastisch wie noch zu Anfang seiner Rundtour. Sein Kopf gleicht einer ausgereiften Tomate, auf seinem T-Shirt breiten sich große, dunkle Flecken aus und aus seinen Kopfhörern tönt blechern die Musik am Menschen mit Hund vorbei. Der Mensch in der Wiese denkt entspannt 'das sieht gewaltig nach Arbeit aus'.

Mensch und Hund setzen ihren Weg nach der Passage des Joggers fort. Der Mensch beobachtet, wie trĂ€llernd einige Lerchen aufsteigen und sich zwitschernd in dieses schier endlos wirkende Blau schrauben. Doch kurz darauf lĂ€sst sie das sanfte in die Höhe gleiten eines Bussards kopfĂŒber, erschreckt und tonlos in die Wiesen zurĂŒckstĂŒrzen. Der Bussard hat jetzt die Lufthoheit, schwebt wie schwerelos in den Höhen und zementiert seine Alleinstellung durch einen weit ĂŒber das Land tragenden Ruf.

Der Mensch streckt sich genĂŒsslich durch und kriegt bei geöffnetem Mund eine ordentliche Ladung vom sĂŒĂŸlich herben Duft des blĂŒhenden Grases mit seinen bunten BlĂŒten ab. Er freut sich ĂŒber den klaren Gesang der Amseln, dem wie fordernd wirkenden Pfeifen der Buchfinken, dem melodischen TrĂ€llern der ĂŒbrigen Vogelschar.
Gerade noch aus den Augenwinkeln sieht er, wie einige Rehe ihre eleganten HĂ€lse mit den hoch aufgerichteten Ohren recken, um anschließend mit geschmeidigen SĂ€tzen im angrenzenden Buchenhain zu verschwinden.

Irgendwo in den Weiten der WÀlder ertönt schwach der Ruf eines Kuckucks. Der Hund rennt vorneweg und jagt eine glÀsern schillernde, Haken schlagende Libelle. Sie scheint sich ein Spiel aus der Hatz mit ihm zu machen, jedenfalls bleibt unklar, wer hier wen jagt.
'JEDEM SEINS! Was kann das Leben doch fĂŒr ein Genuss sein!', denkt sich der Mensch schmunzelnd und setzt seine Wanderung ĂŒberaus gelassen fort.
__________________
Elenore May


Version vom 05. 10. 2014 15:10
Version vom 08. 10. 2014 14:47
Version vom 08. 10. 2014 14:53

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