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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Jeder Mensch kann jeden Menschen lieben –
Eingestellt am 04. 02. 2009 17:27


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Penelopeia
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Jeder Mensch kann jeden Menschen lieben –

soll es in einem Demmler-Text heißen. Ich hab’s nicht recherchiert, ich weiß also nicht, ob es diesen Text tatsächlich mit diesem Wortlaut gibt; mir fehlt derzeit die Lust, nach Texten dieses Dichters, Liedermachers, Sexbesessenen zu suchen, nun, da er nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Und jeder seinen Kommentar zu Werk und Person meint geben zu müssen. (Ich mache da keine Ausnahme, auch wenn ich mich nicht mit jedem gemein machen möchte. Was mich von „jedem“ unterscheidet, aber auch nur vielleicht: ich will mein Statement kurz machen und in normalen Worten halten.)

Ja, der Demmler war ein begnadeter Dichter. Er textete die ganze DDR zu. Er schien ein Fließband für hochwertige, perfekt gereimte Texte in seinem Kopf zu haben. Pro Tag produzierte er oft mehrere. Es sollen in Summe um die zehntausend geworden sein.

Der erste Demmler-Text begegnete mir Anfang der Siebziger, zu Zeiten des Anti-Allende-Putsches. Wir klampften voller Begeisterung einen Song der Renft-Combo, „Chilenisches Metall“. Den einfachen, eingängigen Melodiepart könnte ich noch heute auf der Gitarre repetieren, ohne lange nachzudenken. Kleine Ironie des Schicksals: Deutsches Metall in Form von Gitterstäben blieb weder dem Komponisten des Songs, Günter Kunert, noch seinen Bandkollegen erspart. Mir auch nicht.

Den letzten Text von K. Demmler vernahm ich 1989, während der Übertragung der Demo vom Alex, er zupfte selbst, vor ca. 500 000 „Demonstranten“, ein Liedlein über die „ganz leise Polizei“, in dem er blödelte, „einer ist immer dabei“. Über dieses „Werk“ konnte ich nur müde lächeln. Schwach, dachte ich. Sehr schwach und blutleer. Wirklichkeitsfremd. Den Apparat hat er nicht kennen gelernt. Nicht wirklich.

Ich versuchte Demmler zu vergessen, die Staatssichheit, die Singeclubs, das deutsche Metall. Ich versuchte, aus meinem Gedächtnis die hochlyrischen, pseudophilosophischen, teilweise tiefkryptischen Texte einer Rock- und Liedkultur zu streichen, die ein Durchschnittshörer mit „Westsozialisation“ nie so recht verstanden hatte, und die vom Zeitpunkt des Mauerfalls an eine Zeitlang weder Ost- noch Westsozialisierte hören wollten. Ostalgie war später...

Natürlich ist das so eine Sache mit dem „Vergessenwollen“. Das gelingt nicht immer so, wie wir uns das vornehmen. Im Unterbewusstsein köchelt die Suppe weiter, mal stärker, mal schwächer. Mit der Nachricht über Demmlers Verhaftung wegen Missbrauchs Minderjähriger, kochte jedoch die ganze Suppe von der Widersprüchlichkeit der verflossenen DDR erneut hoch. Zumindest in mir.

Sein Freitod gestern scheint alle Vorwürfe zu bestätigen. Nun ist der Brei übergekocht, auf die heiße Platte des öffentlichen Bewusstseins gelaufen, und stinkt.

Mir liegt nichts an der Person Demmler. Ich habe einige seiner Texte bewundert, manche nicht gemocht, viele überhört. Ich denke aber, dass er ein fähiger, intelligenter, sensibler, hochproduktiver Dichter war.

Was ich interessanter finde, und was mich verleitet, von der Person Demmler weg- und zum Spannungsverhältnis Künstler – Gesellschaft hin zu kommen, sind einige Implikationen, die das Beispiel Demmler für dieses Thema liefert.

Ich las heute in einem gutgemeinten Kommentar, man solle und könne doch trennen zwischen dem „guten Dichter“ und dem „fehlerhaften Menschen“. Diesem Versuch kann ich nicht und will ich nicht folgen. Denn Demmler – und andere Künstler/Dichter/Kulturmacher – waren bzw. sind personifizierte Ambivalenzen.

Oder auch nicht. Handelt es sich wirklich um Ambivalenz, wenn einer sein dichterisches und musikalisches Talent einsetzt, um Minderjährige zu manipulieren, um kleine, dumme, hoffende Mädchen für das Ausleben seiner sexuellen Phantasien einzuspannen?

Ich fürchte, dem ist nicht so. Wer das meint, behauptet, Dichtung sei a priori gut. Wer dichtet, könne nichts Böses im Schilde führen; Dichtung und Unmoral schlössen sich aus...

Das Beispiel Demmler zeigt jedoch: Die schönsten Dichtkünste sind kein Ausweis für eine grundmoralische Gesinnung, erstens. Zweitens: Künstlerische Fähigkeiten können sehr wohl in den Dienst niederer Bedürfnisse genommen werden, sie können durchaus zum Werkzeug atavistischer Triebe werden. Benutzt von Angehörigen einer gesellschaftlichen Schicht gegen andere Schichten wie auch von einer Person gegen eine oder mehrere andere.

Demmler hat mit seinem scheinschizophrenen, möglicherweise nicht unbedingt ambivalenten Verhalten, nicht nur der einst recht eigenständigen, inselhaften, aus politischen und wirtschaftlichen Zwängen entstandenen Ostkultur einen nicht wieder gut zu machenden Schaden zugefügt – man wird die Lieder mit seinen Texten nicht mehr so unbedarft wie bisher singen und hören.

Sein Fall zeigt, ich wiederhole es: Die Worte der Dichter sind eben nur Worte und keine göttlichen Wahrheiten. Man traue ihnen nicht – es könnten auch Werkzeuge sein, sehr gezielt, sehr bewusst eingesetzt. Seien sie auch noch so schön und eingängig, es ist immer ein Fehler, den Menschen mit seinen – möglicherweise, aber nicht zwangsläufig; es gibt keine Erbsünde – dunklen, abseitigen, verwerflichen Bedürfnissen dahinter zu vergessen.

Zum Schluss, und ganz aus der Seele heraus: Demmler, du dummer Hund. Konnt’ste Dich nich bremsen...




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jon
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Ich mag an dem Text, dass er im besten Sinne sehr persönlich, tagebuchartig ist. Vielleicht wäre noch ein Tag mehr Reifung nötig gewesen, um ihn pointierter werden zu lassen. Ein ganz kleines bisschen nur und ich könnte auch nicht mal sagen, in welchem Sinne. Aber vielleicht hat dieser changierende Klang auch damit zu tun, dass das Thema bzw. der Themenkomplex für den Autor nicht abgeschlossen ist.

Nachtrag: Vielleicht meine ich mit "pointierter" auch nur, "informativer" im Sinne von "weniger das Wissen um die kommentierten Fakten voraussetzend". Ja, das könnte es sein ...

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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Penelopeia
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Liebe Jon,

danke für den Kommentar. Es ist sicher richtig, was Du anmerkst. Man hätte den Text noch ein paar Tage lang reifen lassen können. Ich neige allerdings bei solcherart Anlässen dazu, das Unfertige - von mir aus auch: das Halbgare - dem feingefeilten und polierten Stück vorzuziehen. Mein Statement ist, wenn man sich die Aussagen genauer ansieht, sehr wohl angreifbar. Die Äußerungen zum Zusammenhang zwischen "atavistischen Trieben" und künstlerischen Aktivitäten sind ziemlich spekulativ, Beweise gibt es dafür nicht.

Vermutungen dafür umso mehr, ich erinnere an Freuds "Sublimierungstheorie".

Auf jeden Fall hat ein Mensch, der sich künstlerisch betätigt, eine Verantwortung, er kann und darf also nicht in einer Weise wirken, die seine Mitmenschen schädigt, traumatisiert, verschreckt, depressiv macht. Das halte ich für einen Fakt.

LG

P.

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dubidu
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Sehr schön

Auch wenn der Verfasser laut jon noch etwas aufsatteln könnte, besticht der Text, so wir er bei mir ankommt, durch seine Authentizität. Hier muss kein großer Stil vor dem Inhalt glänzen, denn hier schreibt jemand, der weiß, wovon er schreibt!

Aufgrund meiner Gnade der westlichen Geburt habe ich von Demmler noch nie etwas gehört oder gelesen und doch hat der Verfasser mir den DDR-Dichter-und-Denker-Charakter sehr nahe gebracht. Apropos Moral: auch die Dichter und Denker müssen immer erst fressen. Wenn ich an die Swift, Nietzsche, Schopenhauer... dieser Welt denke, dann verbeuge ich mich vor ihrem Werk aber ich könnte kotzen, wenn ich an ihre Launen und Niederträchtigkeiten denke.
__________________
Die Tollkühnheit des Schreibers und sein spontanes Bedürfnis nach Wahrheit müssen allemal größer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

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Penelopeia
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Ihr Lieben,

nun scheint die Diskussion heftig aus dem Ruder zu laufen. Es bringt nix fürs Thema, Standpunkte wie Knüppel über das Leder des anderen zu ziehen. Wenn ich mal zusammenfassen darf, was die Intention meines Textes war:

1. Ein Künstler, der mich schockiert und enttäuscht hat. Dazu eine kleine Einblendung, ein gleichermaßen Schockierter schrieb das Folgende:

Augen, von der Liebe verlassen
Gänselieschen
Ehrlich will ich bleiben
Wasser und Wein
Tritt ein in den Dom

Demmler's Platten strotzen nur so vor tollen Songs und wunderbarer Lyrik, ganz obenauf die "Lieder des kleinen Prinzen" - vielleicht sein Meisterwerk (?). Seine Rock-Lyrik hat Maßstäbe in deutscher Sprache gesetzt. Lange schon bevor die politischen Grenzen fielen, mußten sich deutsche Texte auch im Westen an dieser Latte messen lassen - und - fielen bzw. fallen darunter mehrheitlich durch. Jedenfalls bei mir!
Vielleicht aber habe ich auch DANK Demmlers Textkunst gelernt, Aufrichtiges und Banales fein säuberlich zu sortieren und mir nur das anzutun, das mich berührt und zum Schwingen bringt. Einen Künstler von Staates wegen und SED-Gnaden sehe ich nicht und lasse ich mir auch nicht unterjubeln.
Die Rockmusik hat mein Leben geprägt, die von Lennon & McCartney, die der Glimmer Twins und die Riffs von Townshend, wenn er damit "My Generation" raus schrie. Demmler hat es verstanden, in deutschen Worten vergleichbare Befindlichkeiten zu formulieren. Wann immer ich mir eine Platte aus DDR-Zeiten aus dem Regal nehme, wird auch oft ein Text von diesem Mann mit der komischen Nickelbrille dabei sein. Auf diese Weise gehört er zu meinem Leben, und so wird es auch bleiben, wenn es um Rock "Made in GDR" geht.
Aber: Kurt Demmler hat dies alles erreicht, weil er die Macht der Worte beherrschte, nicht zufällig und nebenbei mal nur so, sondern bewußt und oft wohl kalkuliert oder scharf geschliffen gesetzt. Da macht es um so mehr betroffen, daß er diese Wortmacht nicht nutzte, um denen, die ihn genau dafür liebten, nicht die Chance des ehrlichen Nachdenkens ließ, ehe er freiwillig und makaber aus dem eigenen Leben schied. Dieses Kneifen hinterläßt bei mir einen Nachgeschmack, den zu beschreiben mir die Worte fehlen. Diese Art, sich zu inszenieren, ist mir zuwider, wenngleich ich versuche, zu verstehen.

Kurt, was hast Du mir (und anderen) angetan und vor allem - WARUM?!

Einem Kurt Demmler hätte ich gern einen Sockel gebaut und ihn oben drauf gestellt. Ich habe keine Vorstellung davon, wie innerlich zerrissen man sein muß oder wie man sich fühlt, sich selbst auf einem Sockel sehend, stattdessen bewusst in einen Abgrund zu stürzen, ohne sich rechtzeitig einem Freund zu öffnen, wenn er denn einen solchen hatte.
Da war und ist mir dann die dunkelblaue Whisky-Seite Cäsar's wesentlich lieber, weil menschlich offen verarbeitet.


2. Die Frage, inwieweit Künstler und "Kulturmacher" mehr Verantwortung tragen als die "Rezipienten".

3. Die Frage, was sich im Gehirn eines gebildeten, begabten Menschen abspielt bzw. abspielen könnte: Diese Frage berührt ganz unmittelbar die bekannten Fragen nach der "Art des Menschseins", nach "Willens- und Entscheidungsfreiheit", nach der "Möglichkeit eigenverantwortlichen Handelns".

Einen eindeutigen Standpunkt habe ich zu diesen Fragen immer noch nicht gefunden, trotz längerwährenden Suchens. Die Hoffnung freilich bleibt, dass der Mensch prinzipiell doch Mensch sein könne und im Interesse seiner Mitmenschen zu handeln in der Lage ist. Was bleibt uns anderes übrig, als zu hoffen.

LG

P.

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