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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Jelinek? Nobel!
Eingestellt am 08. 10. 2004 13:36


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Hella Streicher
???
Registriert: Sep 2003

Werke: 2
Kommentare: 3
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Ich wage zu bezweifeln, daß - wie die Tagesschau meldete - die gesamte Kulturszene angesichts des Nobelpreises fĂŒr Elfriede Jelinek jubelt; denn Elfriede Jelinek wĂ€re nicht Elfriede Jelinek, wenn alle reinsten Herzens jubilierten. Elfriede Jelinek ist aber Elfriede Jelinek; und ihre BĂŒcher gehören mit zum Bösesten, Provozierendsten, Wahrsten & Witzigsten, was jemals in deutscher Sprache geschrieben wurde. Eben deshalb hat es mich nicht gewundert, als MRR einst die Diskussion ĂŒber Lust mit den Worten beschloß: "So, Freunde, wir werden den Fall Jelinek heute abend nicht mehr klĂ€ren." Das war im MĂ€rz 1989. Ist der Fall jetzt geklĂ€rt?

Ganz gewiß nicht; denn so mancher von denen, die sich vor laufenden Kameras ĂŒber die Entscheidung der Juroren freuen, ob mĂ€nnlich oder weiblich, wird sich ertappt fĂŒhlen, wenn er oder sie vorm Schlafengehen noch einmal in ein Buch wie Die Klavierspielerin oder Lust hineinsieht und SĂ€tze liest wie:

Erika ist fast immer auf dem Heimweg, wenn man sie im Freien antrifft.

Die Mutter klopft die Mitglieder der Familie mit einem HĂ€mmerchen ab und sondert sie einen nach dem andern aus.

Konservatorien und Musikschulen, auch der private Musiklehrbereich, nehmen in Geduld vieles in sich auf, was eigentlich auf eine MĂŒllkippe oder bestenfalls ein Fußballfeld gehörte.

Der Direktor kennt seine Arbeiter nicht einzeln, aber er kennt ihren Gesamtwert, grĂŒĂŸ euch Gott, alle miteinander.

Der Sohn spricht außerhalb der FĂŒtterungszeiten wenig mit seiner Mutter, obwohl diese ihn beschwörend mit einer Decke aus Essen ĂŒberzieht.

Der Vater hat einen Haufen Sperma abgeladen, die Frau soll alles ordentlich wegputzen.

Die Wut des Mannes ist jetzt ausgewachsen, Aufruhr kommt aus seinem Rohr und wird mit schaumigem Strahl gelöscht.


Aufruhr kĂ€me auch von den meisten Frauen, wagten sie es, Elfriede Jelinek zu lesen. Doch Hera Lind und Gaby Hauptmann sind ihnen lieber; schon weil man diese BĂŒcher nicht erst vor IHM verstecken muß und dann vor sich selbst. WorĂŒber man nicht sprechen kann, darĂŒber muß man schweigen. Elfriede Jelinek aber hat das Ungeheuerliche immer wieder ausgesprochen; und das Stockholmer Komitee hat gut daran getan, den deutschen Literaturbetrieb und die Leserinnen und Leser daran zu erinnern, daß lesen nicht von schmökern kommt, sondern von auswĂ€hlen.

"Wenn man den Preis als Frau bekommt, dann kriegt man ihn eben auch als Frau", so Elfriede Jelinek lt. Tagesschau. Das fĂŒrchte ich auch. Eben deshalb sage ich: daß die diesjĂ€hrige Nobelpreisvergabe ein GlĂŒcksfall ist - und zwar fĂŒr die gesamte deutschsprachige Literatur, ja fĂŒr die Weltliteratur; denn was das Werk der Elfriede Jelinek so bedeutend macht, ist noch lange nicht geklĂ€rt. WĂ€re es anders, dann hĂ€tte man ihr den lĂ€ngst verdienten Nobelpreis ganz gewiß nicht zuerkannt. Sie glauben es nicht? Je nun; hier ist, zum Meditieren! einer ihrer SĂ€tze:

Das Gewitter, das von unsrem Gott, dem Geschlecht, ausgeht, lĂ€ĂŸt uns alle auf kĂŒrzestem Weg in unser Verderben rennen.

Das Gewitter, das von Elfriede Jelinek ausgeht, könnte ein reinigendes sein.
__________________
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stresa
Guest
Registriert: Not Yet

Guter Beitrag! Danke - vor allem fĂŒr den Satz(teil) - "daß Lesen nicht von schmökern kommt, sondern von auswĂ€hlen" - wie wahr.
gruß stresa
p.s.: tolle Homepage!

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 2
Kommentare: 497
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Hallo Hella Streicher,


es ist schön, eine so engagierte Stellungnahme zu lesen. Ich sympathisiere damit, andererseits sollte man auch nicht in haltlose Hymnen ausbrechen - mahne ich mich. Ein wenig schmal ist das Werk noch, trotz allem, wie ich schon an anderer Stelle schrieb, finde ich es großartig, dass Jelinek den Preis erhĂ€lt. Ich gestehe, dass ich einst die Klavierspielerin nach zehn Seiten weglegte, dann spĂ€ter wieder vornahm, genauso ging es mir mit Bernhard, der sicher einer der wenigen ist, dem man in gleicher Weise den Preis hĂ€tte gönnen können. Nun, das ist zu spĂ€t.

Mir fiel deine Vorliebe fĂŒr Semikolons auf – hier ist ja nicht der Ort fĂŒr inhaltliche Dispute, sondern fĂŒr journalistische Textarbeit – auch ein paar FlĂŒchtigkeitsfehler sind noch in deinem gut zu lesenden Text (gewndert).

Was ja eine journalistische Glanzleistung ist – so rasch einen Beitrag zu verfassen. Mir wĂ€re das nicht gelungen, ich brauche immer viel Zeit, daher habe ich mich in die Plauderecke mit meinen Jelinek-Gedanken begeben. Man kann ein ĂŒberraschendes FĂŒr und Wider dort nachlesen. Der Anspruch, etwas Haltbares ĂŒber Jelinek auszusagen, ist natĂŒrlich in einem Plauderthread nicht drohend ĂŒber einem.

Dein Stil, die Formulierungen, ĂŒberzeugen mich. NatĂŒrlich kann man mit Abstand noch inhaltlich weiter vordringen. Ein sehr schöner Beitrag, wie ich meine, der eine Bresche schlĂ€gt.

Liebe GrĂŒĂŸe

Monfou

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Montgelas
???
Registriert: May 2004

Werke: 1
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"Der Direktor kennt seine Arbeiter nicht einzeln,
aber er kennt ihren Gesamtwert,
grĂŒĂŸ euch Gott, alle miteinander."



da, liebe hella streicher

ist elfriede jelinek
einen alten bÀren aufgesessen,
denn das setzt ja immerhin einige
kenntnisse voraus
im globalen casino
sind die eher hinderlich.


lg

montgelas

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Zinndorfer
???
Registriert: Jun 2004

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HIGHLY OPIONONATED

Solche Kolumnen so schnell zu verfassen, ist das Wesen des Weblogs, in dem Hella Streicher ihren Text ursprĂŒnglich verfasst hat. Diese Kolumnen unterscheiden sich von Kolumnen aus dem Printbereich und sind oft schneller als die Nachrichtenticker, Zeitungen und -sendungen. Sie sind highly opionated, subjektiv und, wenn sie gut sind, subversiv. Hella Streicher hat interessante Themen und eine ordentliche Weblog-FĂŒhrung. Macht Spaß, darin zu blĂ€ttern.
BuchmessengrĂŒĂŸe, Zinndorfer

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jon
Foren-Redakteur
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Lektor
Registriert: Nov 2000

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Kommentare: 6206
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Als "erste Reaktion" wirklich nicht schlecht – man merkt das Engagement.

Es ist andererseites aber nur fĂŒr Leute halbwegs verstĂ€ndlich, die wissen, wovon eigentlich die Rede ist, die Hintergrundwissen haben. Als "Uneingeweihter" kaommt wohl schnell die Frage: Ja, was ist denn DARAN (an den Zitaten) so "böse", dass Teile der Kulturszene (und nicht etwa notgeile MĂ€nner, Fabrikbesitzer oder Nymphomaninnen) " nur falschherzig jubilieren". Wer sich in den Figuren nicht wiederfindet (oder wiederfinden will), wird es einfach als "Stichelei gegen die anderen" auffassen und sich diebisch freuen – kein Grund zum Erbost-Sein also. Was ist an Jelineks Werk so anders, dass das (Nicht-Auf-Sich-Beziehen) offenbar nicht geht?

Formfrage: Die Zitate sollten in AnfĂŒhrungsstricheln stehen, damit man die RĂŒckkehr zum eigenen Text sofort erkennen kann.
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalÀsst (Klaus Klages)

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Hella Streicher
???
Registriert: Sep 2003

Werke: 2
Kommentare: 3
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Liebe Leserinnen & Leser,

nuu habbich den Beitrag endlich so formatiert, wie es sich gehört. Vielen Dank fĂŒr eure Geduld.

Und was das Werk der Jelinek so böse/brisant macht? Ich verweise auf die BĂŒcher selbst - und auf die entlarvenden BeitrĂ€ge der Herren MRR & Matussek im neuen SPIEGEL.

H.S.

__________________
http://www.hoeherewelten.de

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