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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Jemand ganz anders
Eingestellt am 13. 03. 2019 07:37


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SilberneDelfine
???
Registriert: Oct 2015

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Ilse ist anders als ich. Ganz anders. Wir gingen zusammen in die Grundschule. Sie hatte zwar schlechtere Noten als ich, aber ein wesentlich größeres Selbstbewusstsein. Nie wäre ihr eingefallen, an sich zu zweifeln. Als wir beide in die Pubertät kamen, wurde ich groß und schlank, Ilse dagegen blieb klein und rundlich. Aber nicht nur äußerlich waren wir verschieden. Ich verliebte mich nie, sondern wartete ab, bis sich ein Junge mal in mich verliebte. Ilse dagegen war dauernd verliebt, aber sie fing es immer sehr ungeschickt an. Anstatt sich zu bemühen, den Jungs zu gefallen, erzählte sie erst einmal der ganzen Clique, dass sie sich verliebt hatte. Also wusste es jeder, vermutlich auch der betreffende Junge, und so wurde nie eine wirkliche Liebesgeschichte daraus. Aber Ilse schien mit diesen unerfüllten Lieben zufrieden zu sein. Heute denke ich, damals war sie eine von den Leuten, die unglückliche Liebe glücklicher macht als glückliche. Aber das legte sich irgendwann, spätestens dann, als Ilse ihre große Liebe, Klaus, kennenlernte. So ein verliebtes Paar hatten wir noch nicht gesehen. Es war unmöglich, einen von beiden alleine anzutreffen und falls doch, war jedes zweite Wort "Ilse", wenn Klaus sprach und "Klaus", wenn Ilse sprach.
Es haute mich regelrecht um, als dieses Traumpaar sich dann tatsächlich trennte. Warum, erfuhr ich nicht wirklich, damals war ich nur noch sehr locker mit Ilse befreundet.
Ein Jahr verging und ich traf Klaus irgendwann mal in der Kneipe. Eigentlich hatte ich gar keine Lust, lange mit ihm zu reden, unsichtbar stand da immer noch Ilse neben ihm und das machte ihn uninteressant. Doch er lud mich ein und es wäre wohl unhöflich gewesen, abzulehnen. So saß ich in der Kneipe neben ihm und hörte ihm höflich zu, denn ich selbst hatte nichts zu sagen und musste mir außerdem ständig Fragen nach Ilse verkneifen.
Ich weiß gar nicht mehr, was er alles erzählte. Jedenfalls fragte er mich, ob ich ihn noch einmal wiedersehen wolle. Ich wollte nicht unhöflich sein und sagte ja, obwohl ich keine Lust hätte. Ilse hätte sicher jemanden abblitzen lassen, auf den sie keine Lust hatte. Auch in diesem Fall war sie ganz anders als ich.
Dann traf ich Klaus noch ein paarmal, der ersten Einladung folgten weitere. Schließlich fand ich ihn gar nicht mehr so übel. Er sah ja recht passabel aus und da er ständig redete, musste ich nicht viel zur Unterhaltung beitragen. Das fand ich angenehm. Wir konnten ja schließlich Freunde sein. Und vielleicht irgendwann doch noch mehr.
Doch dann kam der Abend, an dem er mich küssen wollte. Wir waren spazieren gegangen und schauten auf den Fluss, der wieder einmal Hochwasser führte.
"Das letzte Mal war ich mit Ilse hier, als der Fluss Hochwasser hatte", bemerkte Klaus und ich verdrehte innerlich genervt die Augen. Ich wollte gerade etwas sagen, so etwas wie: "Vergiss Ilse doch endlich", doch da umarmte er mich und wollte mich küssen. Völlig verdutzt wich ich zurück. In dem Moment merkte ich, dass Liebe zwischen uns nicht funktionieren würde.
"Klaus, wenn du das willst, das wird nichts mit uns."
Er schwieg völlig verblüfft. Dann fragte er, warum ich denn solange mit ihm herumgezogen war. Wenn ich ihn doch gar nicht möge?
"So ist das ja nicht", beeilte ich mich zu versichern. (Ich bin halt so, ich will nie jemanden kränken.) "Ich mag dich ja. Aber..."
"Aber", äffte er mich nach, noch ehe ich den Satz zu Ende sprechen konnte. "Gib dir keine Mühe, ich habe schon verstanden. Steig ins Auto, ich bringe dich nach Hause. Und dann war es das mit uns."
Auf der Rückfahrt schwieg er beharrlich.
Als wir vor meiner Haustür angekommen waren, entließ er mich mit den Worten: "Ich dachte, ich hätte wieder jemanden wie Ilse gefunden. Aber du hast mich schwer enttäuscht."
Dann fuhr er mit aufheulendem Motor davon und ich wusste, dass ich es verbockt hatte.
Warum war ich denn auch nicht einfach so wie Ilse?

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FrankK
Fast-Bestseller-Autor
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Hallo SilberneDelfine
Eine ansprechende Geschichte über eine junge Frau (die Ich-Prota), die ihre Freundin Ilse zunächst scheinbar belächelte, weil ihr Leben – bzw. ihr Lebensstil – so relativ unkonventionell erschien. Erst zum Schluss, und dies ist die kleine Wendung in der Kurzgeschichte, bemerkt die Ich-Prota, dass sie doch einen gewissen – ich nenne es mal vorsichtig – Neid auf Ilse entwickelt hat.

In der Einstiegsszene führst du uns Ilse vor Augen, parallel dazu, quasi als Gegenentwurf, die Ich-Prota.

In der zweiten Szene zeigst du uns die so erfolgreich erscheinende Beziehung zwischen Ilse und Klaus. Die Auflösung dieser Verbindung ist zugleich auch der Übergang in die nächste Szene.

In der dritten Szene lässt sich die Ich-Prota von Klaus locken. Es gipfelt, nach einigen Verabredungen, in der missglückten Kusssituation und der spontanen Trennung.

Den Wendungsabschluss bildet die Schlussfolgerung der Ich-Prota.

Plot:
Ein Drama über eine missglückte Beziehung.

Figuren:
Eine überschaubare Zahl an Figuren.
- Ilse, ein scheinbares Mauerblümchen
- Klaus, die vermeintlich große Liebe in Ilses Leben
- Die Ich-Prota, die sich von Klaus anlocken lässt

Spannungsbogen:
Das Konfliktpotenzial ist nicht besonders stark ausgereizt. Zum Höhepunkt in der dritten Szene reagiert er nur gemäßigt enttäuscht, bringt sie sogar noch nach Hause. Hier wäre der ideale Platz, um für ein höheres Spannungsniveau den Konflikt zu steigern. Ein handfester, fetziger Krach.

Perspektive:
Beständig und gut eingehalten in der personalen Sicht der Ich-Prota.

Erzählsprache:
Flüssig und unterhaltsam, ein paar winzige, kleine Stellen, an denen man eventuell nachbessern könnte, einiges davon vermutlich reine Geschmacksache.

Füllwörtertest:
Nicht bestanden. Füllwörter: 114 von 651 gesamt, das sind mehr als 17%.
Am häufigsten vertreten:
8 x „aber“
8 x „so“
7 x „dann“
7 x „doch“
In einem derartig knappen Text fällt es schon auf.

Details:
Ich wäre nicht ich wenn ich nicht ein paar Erbsen zu zählen hätte ...

quote:
Ilse ist anders als ich. Ganz anders. Wir gingen zusammen in die Grundschule. Sie hatte zwar schlechtere Noten als ich, aber ein wesentlich größeres Selbstbewusstsein.

Das zweite „als ich“ könnte man unter den Tisch fallen lassen. Der Vergleichs-Bezug bleibt im Kontext erhalten.

quote:
Aber das legte sich irgendwann, spätestens dann, als Ilse ihre große Liebe, Klaus, kennenlernte.

Eine etwas holprige Formulierung. Kann ohne jeden Verlust entfallen und eliminiert darüber hinaus als synergetischen Effekt schon mal zwei Füllwörter.

quote:
Ein Jahr verging und ich traf Klaus irgendwann mal in der Kneipe. Eigentlich hatte ich gar keine Lust, lange mit ihm zu reden, unsichtbar stand da immer noch Ilse neben ihm und das machte ihn uninteressant.

Wieso „lange“? Hätte sie denn „kurz“ Lust gehabt? Aber auch für ein „kurz“ wäre Ilse präsent gewesen.

quote:
So saß ich in der Kneipe neben ihm und hörte ihm höflich zu, denn ich selbst hatte nichts zu sagen und musste mir außerdem ständig Fragen nach Ilse verkneifen.

Das zweite „ihm“ kann ebenfalls verlustlos entfallen.
Mit „denn“ würde eine Erklärung eingeleitet, aber es ist keine. Auch wenn sie selbst viel zu erzählen wüsste, könnte sie aus Höflichkeit zuhören. Verlustlos streichbar.
Auch das „außerdem ständig“ könnte ersatzlos wegfallen.

quote:
Ilse hätte sicher jemanden abblitzen lassen, auf den sie keine Lust hatte. Auch in diesem Fall war sie ganz anders als ich.

Hier würde der Begriff „dieser Hinsicht“ vielleicht etwas besser passen.

quote:
Völlig verdutzt wich ich zurück. In dem Moment merkte ich, dass Liebe zwischen uns nicht funktionieren würde.
"Klaus, wenn du das willst, das wird nichts mit uns."
Er schwieg völlig verblüfft

Innerhalb wörtlicher Rede kann ich diese Begriffe noch tolerieren, innerhalb des Erzähltextes halte ich sie für völlig überflüssig. Und – Zack – wieder zwei Füllwörter eliminiert.

quote:
Dann fragte er, warum ich denn solange mit ihm herumgezogen war. Wenn ich ihn doch gar nicht möge?

Und ich frage mich, warum du hier nicht bei der wörtlichen Rede geblieben bist?

quote:
"So ist das ja nicht", beeilte ich mich zu versichern. (Ich bin halt so, ich will nie jemanden kränken.) "Ich mag dich ja. Aber..."

Problem 1:
Wie soll ich als Leser mit Text in Klammern umgehen? Versuche doch mal, den Satz in Kommata einzuschließen oder als eigenständige Aussage in der Inquit-Form zu kombinieren:
„So ist das ja nicht“, erwiderte ich schnell in meinem ständigen Bemühen, nie jemanden zu verletzen. „Ich mag dich ja, aber ...“
Problem 2:
Die drei Punkte (Auslassungszeichen). Wenn sie ein ganzes Wort ersetzen, erfahren sie (wie ein ganzes Wort) vor ihrem Auftreten ein Leerzeichen.

quote:
Als wir vor meiner Haustür angekommen waren, entließ er mich mit den Worten: "Ich dachte, ich hätte wieder jemanden wie Ilse gefunden. Aber du hast mich schwer enttäuscht."
Dann fuhr er mit aufheulendem Motor davon und ich wusste, dass ich es verbockt hatte.

Hier wäre, so denke ich, der ideale Platz, um eine kleinen Disput oder eine außergewöhnliche Zurechtweisung zu platzieren.
Etwas in der Richtung wie:
„Ich habe dich enttäuscht? Vielleicht hast du zu viel erwartet? Ich bin ich! Ich bin kein Ilse-Ersatz!“
So bekäme auch der Schlusssatz eine tiefere, mehrschichtigere Bedeutung.

quote:
Warum war ich denn auch nicht einfach so wie Ilse?

Das „auch“ stört völlig. Wer wäre denn damit sonst noch gemeint?
Die blau markierten Teile könnten insgesamt entfallen, ohne nennenswerten Verlust für die Aussage.


Uff, drei mal so viel Kommentar wie Ausgangstext. Ich hoffe, du kannst etwas damit anfangen.


Herzlich Grüßend
Frank
__________________
Leben und leben lassen.

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SilberneDelfine
???
Registriert: Oct 2015

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Hallo Frankk,

quote:
Uff, drei mal so viel Kommentar wie Ausgangstext. Ich hoffe, du kannst etwas damit anfangen.


Aber sicher doch. Mir macht das riesigen Spaß, wenn die Kommentare länger sind als meine Geschichte.

quote:
Erst zum Schluss, und dies ist die kleine Wendung in der Kurzgeschichte, bemerkt die Ich-Prota, dass sie doch einen gewissen – ich nenne es mal vorsichtig – Neid auf Ilse entwickelt hat.

So war der Schluss nicht gemeint. Die Prota ist nicht neidisch. Sie schüttelt innerlich den Kopf über Klaus, weil er unbedingt wieder "jemanden wie Ilse" will (einen Klon vielleicht?) und "Ich wusste, dass ich es verbockt hatte" war ironisch gemeint. Ich habe aber schon gesagt bekommen, dass die Ironie hier nicht richtig herauskommt. Aber dein Vorschlag mit dem Streit greift deswegen ins Leere. Warum soll sie sich denn auch noch rechtfertigen/streiten darüber, dass sie nicht so wie Ilse ist? Will sie doch gar nicht sein. Wer will schon ein Abziehbild eines anderen Menschen sein? Und weil Klaus Ilse-fixiert ist, weiß die Prota, dass eine Diskussion mit ihm darüber völlig zwecklos ist.

Das Konfliktpotenzial ist trotzdem zu wenig, da hast du recht. Hier hätte ich mir mehr ausdenken können.

Zu den Füllwörtern sage ich nichts hast auch da ja recht.

Zur Perspektive: Das ist mittlerweile meine Lieblingsperspektive, die personale. Danke fürs Lob.
Auktorial finde ich auch beim Lesen meist langweilig und anstrengend.

quote:
Wie soll ich als Leser mit Text in Klammern umgehen? Versuche doch mal, den Satz in Kommata einzuschließen oder als eigenständige Aussage in der Inquit-Form zu kombinieren:
„So ist das ja nicht“, erwiderte ich schnell in meinem ständigen Bemühen, nie jemanden zu verletzen. „Ich mag dich ja, aber ...“

Nee nee nee. Das mit den Klammern war schon Absicht. Ich bin halt so.... (Ich, nicht Ilse....)

Das war es erst einmal.

Vielen Dank für deine Beschäftigung mit dem Text!

LG SilberneDelfine

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