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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Jenseits aller Vorstellungskraft
Eingestellt am 01. 10. 2012 11:18


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Ruedipferd
AutorenanwÀrter
Registriert: Jun 2009

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„Noch einen Kaffee, Schatz?“ Elfie sah den LebensgefĂ€hrten besorgt an, als sie ihre Hand zur Kaffeekanne fĂŒhren wollte. Irgendetwas bedrĂŒckte Jochen. Er saß traurig in sich gekehrt am FrĂŒhstĂŒckstisch und wirkte bekĂŒmmert auf sie. Seine Augen erschienen ihr trĂŒb und blickten heute Morgen auf eine sehr merkwĂŒrdige Weise durch sie hindurch. Mit seinen Gedanken musste er augenblicklich ziemlich weit fort sein. So kannte sie ihren stets fröhlich und jungenhaft auftretenden Partner gar nicht. Sonst lachte er bereits am frĂŒhen Morgen und weckte sie mit lustigen Worten. Aber Jochen mochte nur ungern ĂŒber Probleme reden. Sie hatte es recht bald bemerkt, nachdem sie sich vor annĂ€hernd zwei Jahren zufĂ€llig ĂŒber den Weg gelaufen waren. Elfie wusste nicht sehr viel ĂŒber ihn, doch das Wenige, das er ihr in den wundervollen gemeinsamen NĂ€chten in ihrer kleinen Bonner Wohnung, wenn sie sich in seine krĂ€ftigen Arme schmiegen durfte, erzĂ€hlte, reichte ihr.
Er war Jahrgang 1938, in Berlin geboren wie sie und als Halbjude 1943 in Ausschwitz bereits dem Tode geweiht gewesen. Dann kamen die Alliierten, er wurde siebenjĂ€hrig gerettet und zu Onkel und Tante nach Ost-Berlin zurĂŒckgebracht. Dort wuchs er auf, machte in der DDR sein Abitur und studierte Elektrotechnik. Als seine Zieheltern kurz hintereinander starben, nutzte er die Gelegenheit und nahm das Angebot eines Freundes zur Flucht an. Im Westen baute er sich ein neues Leben auf und jetzt war auch Elfie Teil dieses Lebens geworden.
An seine schreckliche Vergangenheit erinnerte nur noch die tĂ€towierte Ziffernfolge auf seiner Haut. Z-3421. Nie wĂŒrde sie diese Nummer und die TĂ€towierung auf seinem Unterarm vergessen. Man hatte sie ihm in Ausschwitz kurz nach der Ankunft zugefĂŒgt. Seine Mutter starb in der Gaskammer. Er wurde zusammen mit anderen Kindern in eine kleine Baracke gepfercht, bekam Tabletten zu schlucken, erhielt Spritzen und musste leichte StromschlĂ€ge ĂŒber sich ergehen lassen. Sie weinte hemmungslos voller MitgefĂŒhl, als er ihr erzĂ€hlte, auf welch furchtbare Weise unschuldige Kinder im Konzentrationslager drangsaliert und zu unmenschlichen Versuchen missbraucht wurden. Er war der Mann ihres Lebens geworden, nachdem


Elfie hieß eigentlich Elfriede und wurde 1927 in Berlin geboren. Als der Krieg 1939 begann war sie noch ein kleines MĂ€dchen gewesen. Ihr siebzehnjĂ€hriger Freund Heinz meldete sich im Winter 1944 freiwillig an die Front. Sie wurde ebenfalls Siebzehn und wollte auf ihn warten, heiraten und seine Kinder bekommen. Dann erhielt sie ein Schreiben der Wehrmacht. Ihr Heinz war auf den Seelower Höhen, unweit von Berlin von einer russischen Granate zerfetzt worden. Sie schickten ihr seine persönlichen Sachen und auch den letzten, noch nicht an sie abgesandten Brief. Heinz schrieb, wie sehr er sich fĂŒrchtete und wie er sie liebte und in den grauenvollen NĂ€chten im Sperrfeuer allein nur durch den Gedanken an sie und ihre gemeinsame Zukunft um sein Leben kĂ€mpfen konnte. Danach blieb Elfie allein. Sie beendete ihre Ausbildung als SekretĂ€rin und schaffte es nach etlichen Jahren sogar bis ins Bundeskanzleramt. Der Sechzehnstundentag unter ihrem Chef Kanzler Helmut Schmidt machte ihr nichts mehr aus. Die Arbeit war interessant und dass sie hĂ€ufig auch am Wochenende arbeiten musste, wurde durch die vielen Dienstreisen, auf denen sie den Bundeskanzler begleiten durfte vollends wieder wettgemacht.
Sie war auch dabei gewesen, als er im London International Institute for Strategic Studies im Jahre 1977 seine ergreifende Rede hielt und von der Nato Gegenmaßnahmen fĂŒr die von den Russen stationierten und auf Westeuropa gerichteten atomaren Mittelstreckenraketen vom Typ SS-20 forderte. Das strategische Gleichgewicht war nun nicht mehr gewĂ€hrleistet und auch der Westen mĂŒsste aufrĂŒsten und atomare Sprengköpfe in Europa bereit halten.
Elfie war mit sich und mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden. Sie glaubte, aus ihrem Leben das Beste gemacht zu haben. Sie hatte sich ganz in ihre Aufgaben gestĂŒrzt und war Heinz treu geblieben. Einen anderen Mann wollte sie nicht. Es wĂ€re ihr Heinz gegenĂŒber wie Verrat vorgekommen.
Ein paar Monate spĂ€ter ging sie wie immer in der Mittagspause in den angrenzenden Park. Dort am See stand er und fĂŒtterte die Enten mit Brotkrumen, die er aus einem Plastikbeutel nahm. Ein gutaussehender Mann, so um die Vierzig, schlank, muskulös, durchtrainiert. Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen. Dann drehte er sich um und rutschte aus. Mitten in den See. Sein schicker dunkelblauer Anzug war plötzlich ĂŒber und ĂŒber mit GrĂŒnpflanzen und Matsch bedeckt. Er sah sie erst hilflos an, begann zu lachen und blickte ihr direkt in die Augen. Sie sprang sofort auf um ihm zu helfen und spĂŒrte zum ersten Mal in ihrem Leben wieder eine unerklĂ€rliche Sehnsucht nach NĂ€he und 
Liebe.
NatĂŒrlich nahm sie ihn gleich mit zu sich in ihre Wohnung, die nur zehn Minuten entfernt vom Kanzleramt lag. Warum sollte sie Angst vor ihm haben? Er trug die Kleidung eines Diplomaten und hatte vielleicht auch gerade Mittagspause, als das UnglĂŒck geschah. Er wusch sich bei ihr und dann rief er einen Freund an, der ihm frische Kleidung aus seiner Wohnung brachte. Sein Name war Jochen KrĂŒger. Er arbeitete fĂŒr den BND und durfte ihr nichts von seiner Dienststelle erzĂ€hlen. Aber das hielt sie fĂŒr selbstverstĂ€ndlich. Elfie gehörte ja als eine der engsten SekretĂ€rinnen des Kanzlers ebenfalls zu den GeheimnistrĂ€gern. Es war Liebe auf den ersten Blick. Er fragte sie nie nach ihrer Arbeit und auch sie sprach ihn nicht auf seinen Job an. Die wenigen Stunden und NĂ€chte gehörten nur ihnen beiden allein und Elfie genoss das Leben an Jochens Seite. Sie blĂŒhte förmlich auf und musste doch immer öfters Akten mit nach Hause nehmen, weil sie fĂŒr zusĂ€tzliche Überstunden im BĂŒro kaum noch Zeit hatte. Er schĂŒttelte missbilligend den Kopf, half ihr aber so fleißig beim Diktat, dass sie dachte, er wĂ€re der KanzlersekretĂ€r und nicht sie und danach lagen sie wieder engumschlungen im Bett. Sie dachte auch ans Heiraten, wagte jedoch noch nicht, ihn darauf anzusprechen.

Elfie spĂŒrte seit kurzem eine unerklĂ€rliche VerĂ€nderung in Jochens Wesen. Er sah seit einiger Zeit immer öfter blass und abwesend aus. Vielleicht war es die Witterung, dachte sie. Es war Februar und das nasskalte Wetter setzte auch ihr zu. Sie hatten in den letzten Wochen vor Weihnachten obendrein sehr wenig voneinander gehabt. Elfie musste viel arbeiten. Der sogenannte Nato-Doppelbeschluss, an dem der Bundeskanzler maßgeblich beteiligt war, konnte nun endlich unter Dach und Fach gebracht werden. Aber es gab unzĂ€hlige Demonstrationen und auch in den eigenen Reihen regte sich Widerstand. Sogar die Koalition drohte zu zerbrechen. Als KanzleramtssekretĂ€rin stand sie an vorderster Front und erlebte die Spannungen, unter denen ihr Chef zu leiden hatte, hautnah mit. Jochen war dabei wohl etwas zu kurz gekommen. Am 12.12. des letzten Jahres wurde der Beschluss nun endlich gefasst und es ging langsam wieder etwas ruhiger an ihrem Arbeitsplatz zu.

„Schatz? Jochen, kann ich dir helfen? Liebling, sag doch etwas!“ Elfies Stimme klang schriller als sonst. Irritiert schaute er auf und langsam begannen seine Wangen wieder Farbe anzunehmen. „Was meinst du? Kaffee, nein danke, es ist alles in Ordnung. Ich habe nur einen schweren Fall zu lösen.“ Elfie atmete erleichtert auf. Er warf ihr einen liebevollen Blick zu und doch lag dieses Mal ein geheimnisvoller Hauch von Melancholie darin. „Warte bitte nicht auf mich. Es wird wahrscheinlich sehr spĂ€t.“
Er nahm sie in den Arm und kĂŒsste sie zĂ€rtlich und sehr fest auf den Mund. Sie erschrak, zitterte, wie bei Heinz, jagte es ihr durch den Kopf. Dann war er schon zur TĂŒre hinausgegangen und Elfie rĂ€umte wie gewöhnlich den Tisch ab.

Als er am Abend nicht nach Hause kam, dachte sie sich noch nichts dabei. Am Morgen war sein Bett unberĂŒhrt geblieben. Sie rief besorgt bei seinen Kollegen an. Niemand wusste etwas. Auf der Arbeit telefonierte sie mit dem BND. Auch in seiner Abteilung konnte ihr keiner sagen, wo er war. Am spĂ€ten Abend ging sie voller Angst zur Polizei. Dort beruhigte man sie. Aber Elfie sollte ihnen ein Foto abgeben und der freundliche Polizist wĂŒrde in den KrankenhĂ€usern der Umgebung nachfragen.
Einen Tag spĂ€ter wurde sie gegen Mittag zum Bundeskanzler gerufen. Herr Schmidt hatte Besuch. Zwei Kriminalbeamte wollten mit ihr sprechen. Sie brachten Elfie nach Hause, zeigten ihr einen Hausdurchsuchungsbeschluss und packten seine Sachen ein. Sie fanden auch einige Akten, an denen sie gerade arbeitete. Sie wurde zum Verhör mitgenommen. Was dann geschah, kann ein Außenstehender nur noch als Albtraum bezeichnen.
*
Fast ein halbes Jahr war inzwischen vergangen. Jochen hatte sich nicht mehr bei ihr gemeldet. Kripobeamte und der Staatsanwalt waren die einzigen Besucher. Auch einen Rechtsanwalt hatte man ihr geschickt. Elfie verstand nicht, was man von ihr wollte. Jochen war verschwunden. Vielleicht war ihm etwas Schlimmes passiert und die Polizei hatte nichts Besseres zu tun, als sie ĂŒber ihre Arbeit zu befragen. Man teilte ihr mit, dass sie vorerst vom Dienst suspendiert wĂ€re. Elfie verstand die Welt nicht mehr.
Sie trug heute wieder das graue KostĂŒm und die weiße Bluse mit den goldenen Knöpfen dazu, welches sie am Tag ihrer Verhaftung angezogen hatte. Sie durfte sich Kleidung und einige persönliche GegenstĂ€nde einpacken.

Elfie blickte gedankenverloren aus dem Fenster. Nach einer Weile sĂ€he man die Gitter davor nicht mehr, hatte ihr eine Mitgefangene erklĂ€rt, als sie ihr das Essen brachte. Sonst durfte sie keine Kontakte zu den anderen Insassinnen des FrauengefĂ€ngnisses haben. Der Hof lag wie immer trist und leer. Ein wenig RasenflĂ€che war alles, was den HĂ€ftlingen innerhalb der hohen Mauern mit dem Stacheldraht auf der Krone beim Hofgang blieb. In den gegenĂŒberliegenden Zellen waren manchmal Personen zu sehen. Mit einigen hatte sich Elfie mittels Zeichensprache sogar verstĂ€ndigen können. Jana musste zehn Jahre wegen Totschlags an ihrem Mann absitzen, der sie in betrunkenem Zustand stĂ€ndig verprĂŒgelte. Und Anna erschlug im Streit ihren ZuhĂ€lter. Elfie saß jetzt seit sechs Monaten in Untersuchungshaft.
Auf dem Flur kamen Schritte nĂ€her. Ihre TĂŒr wurde aufgeschlossen.
„Sind Sie bereit?“ Die blonde Vollzugsbeamtin in der blauen Uniform ließ ihren Blick routinemĂ€ĂŸig ĂŒber Elfie und durch ihre kleine Zelle wandern. „Ja“, antwortete die fast dreiundfĂŒnfzigjĂ€hrige Frau kaum hörbar und wandte sich langsam dem Ausgang zu. Ihr Haar hatte in den letzten Monaten einen starken Grauschimmer angenommen. Elfie war sich immer noch keiner Schuld bewusst. Ihre HĂ€nde wurden nun mit zwei Stahlringen gefesselt, als sie die Beamtin ins Auto setzte.

Dann erlebte sie sich im Gerichtssaal auf der Anklagebank. Sie musste sich wieder erinnern. Wie sie ihn kennengelernt hatte, wollte der Richter in der Verhandlung wissen. Elfie erzÀhlte. Von ihrer Jugend, ihrem Heinz, den Seelower Höhen und von Jochen. Vom KZ und seiner TÀtowierung, den Qualen, die er als Kind erleben musste.
Ob sie denn wirklich so naiv geglaubt habe, dass er sie tatsĂ€chlich liebte, wo er doch um so viel jĂŒnger als sie gewesen sei, wurde sie vom Staatsanwalt gefragt. Sie blickte in den Zuschauerraum. Einige der jĂŒngeren Zuhörer verzogen etwas die Mundwinkel. Sie lachen mich aus, dachte sie traurig. Nein, sie war sich sicher gewesen, dass er es ernst gemeint hĂ€tte, erklĂ€rte sie mit fester Stimme. Und ĂŒberhaupt, warum man ihn beschuldigte. Sie beide hĂ€tten doch nichts Unrechtes getan.
Ob sie wĂŒsste, was ein Romeo wĂ€re, setzte der Staatsanwalt nach. Elfie verneinte. Es waren MĂ€nner, die von der DDR Regierung ausgebildet wurden und sich gezielt an alleinstehende SekretĂ€rinnen in Bundesbehörden heranmachen sollten. Elfie empörte sich. Aber doch nicht ihr Jochen! Der Richter erklĂ€rte es ihr. Die Beweislage war eindeutig. Inzwischen hatte auch der BND festgestellt, dass Jochen KrĂŒger ein Ostagent war. Was sie von seiner Familie wusste, wurde sie gefragt. Elfie antwortete wahrheitsgemĂ€ĂŸ. Sie erfuhr, dass der Mann, den sie ĂŒber alles liebte, ein Geflecht aus LĂŒgen aufgebaut hatte und auf sie angesetzt worden war. Jeder Schritt, der ihn an sie heranfĂŒhren wĂŒrde, wurde akribisch von seinen Vorgesetzten, man nannte sie FĂŒhrungsoffiziere, geplant. Seine Zieheltern waren nicht tot, sondern wĂŒrden an hoher Stelle im Ministerium fĂŒr Staatssicherheit arbeiten. Elfie saß starr auf der Anklagebank. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Sie sah den Richter flehend an. Er hatte Mitleid mit der Frau, die nicht einmal leichtfertig auf diese perfide Masche hereingefallen war. Aber er musste Recht sprechen. Das war seine Aufgabe und die Frau hatte bewusst oder nicht, Staatsgeheimnisse verraten. Es waren Dokumente darunter gewesen, die im Nato-Doppelbeschluss auf höchster Ebene verhandelt worden waren und niemals in die falschen HĂ€nde geraten hĂ€tten dĂŒrfen. KrĂŒger, natĂŒrlich war dies nicht der richtige Name, wurde rechtzeitig vor seiner Enttarnung gewarnt und nach Ostberlin zurĂŒckbeordert. Man wĂŒrde ihn im Westen nie zur Rechenschaft ziehen können.
Ob sie wusste, dass sie keine Akten mit nach Hause nehmen durfte und welche Brisanz das Material hatte, welches sie bearbeiten musste? Elfie begann langsam zu verstehen. Sie hatte einen Fehler gemacht. Es war nicht ihre Sehnsucht nach WÀrme, ZÀrtlichkeit und Liebe, die in seinen Armen gestillt wurde. Sie selbst hatte Schuld auf sich geladen, als sie die Akten mit nach Hause nahm und ihm so zugÀnglich machte. Eine letzte Frage hÀtte sie noch:
Was war mit der TĂ€towierung auf seinem Arm? Die Nummer auf seiner Haut? War auch die tragische Geschichte seiner Kindheit nur eine LĂŒge?
Nein, antwortete der Richter. Die TĂ€towierung wĂ€re echt. Jochen war wirklich in Ausschwitz knapp dem Tode entronnen. Daraufhin lehnte sich Elfie lĂ€chelnd zurĂŒck. Sie hatte einen Fehler gemacht. Und sie war ein zweites Mal das Opfer eines Unrechtsstaates geworden. Heinz starb im Kugelhagel der Roten Armee. Sie hatte an ihrer großen Jugendliebe festgehalten und wurde so eine leichte Beute fĂŒr die Staatssicherheit der DDR. Und Jochen oder wie immer er auch hieß, war im Grunde nicht nur seiner Kindheit beraubt. Konnte man sich wirklich so verstellen? Konnte man zwei Jahre lang einer Frau Liebe vorheucheln, mit ihr schlafen, ohne GefĂŒhle? Elfie war sich sicher, ein QuĂ€ntchen Liebe musste dabei gewesen sein. Er hatte ihr die schönsten Jahre ihres Lebens geschenkt und nun alles wieder verloren. Heinz und Jochen hatten viel mehr durchmachen mĂŒssen, als das, was sie jetzt erwarten wĂŒrde. Sie wurde nicht bestraft, weil sie auf einen gemeinen Trick hereingefallen war, sondern weil sie Akten mit nach Hause genommen hatte, die nur im Kanzleramt im Safe aufbewahrt werden durften. Sie wurde nicht fĂŒr ihre Liebe bestraft.

Elfie lĂ€chelte und stand gefasst zur UrteilsverkĂŒndung auf. Sie sah selbstbewusst in den Zuschauerraum.
Die Angeklagte Elfriede Schrader ist schuldig des Landesverrats in mindestens sechs FĂ€llen, davon in einem besonders schweren Fall. Sie wird deshalb zu fĂŒnf Jahren GefĂ€ngnis verurteilt, hörte sie im Urteilsspruch.
Hach, mein Leben war doch schon ein einziges selbst gewĂ€hltes GefĂ€ngnis, bis ich Jochen kennenlernte, dachte sie. Ich werde es ĂŒberleben. Und ich sollte ihm verzeihen. Wir sind doch beide Opfer einer mörderischen Politik und menschenverachtender Systeme geworden. Ob wir einander je wiedersehen? Ich wĂŒnsche dir alles Gute Jochen.

Am 8. Dezember 1987 unterzeichneten US PrÀsident Ronald Reagan und Michail Gorbatschow den INF Vertrag, der den Abbau aller Mittelstreckenraketen in Europa vorsah. In den Folgejahren sagten sich die ehemaligen Ostblockstaaten von Moskau los. Die UDSSR brach auseinander und am 09. November 1989 öffnete sich endlich wieder die trennende Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland.

Die Botschaft verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der DDR. So recht wollten sie es nicht glauben. Die Grenze zur BRD sollte auf sein. Man könne ungehindert von Ost nach Westberlin reisen und zurĂŒck. Auch in der Strafanstalt Bautzen grassierte das GerĂŒcht. David Tessmann war neugierig geworden. Er saß nun schon seit vier Jahren ein. FrĂŒher hatte er mal fĂŒr die Staatssicherheit gearbeitet, aber dann wurde ihm ausgerechnet sein letzter Auftrag zum VerhĂ€ngnis. Er sollte im Westen unter einem Decknamen in höchsten politischen Kreisen spionieren. Alles war genauestens geplant. Eine KanzleramtssekretĂ€rin wurde ausgeguckt und der Köder fĂŒr die alleinstehende FĂŒnfzigjĂ€hrige ausgelegt. David war dieser Köder und er dachte sich nichts dabei, als er den Auftrag ausfĂŒhrte. Doch die Sache hatte einen Schönheitsfehler. Er verliebte sich in die Frau, die doch nur ein Job wie jeder andere fĂŒr ihn darstellen sollte. Doch schon bald sandte er nur noch fehlerhafte Informationen nach Ostberlin und als dann der RĂŒckruf kam, musste er sie schweren Herzens verlassen. Nicht einmal die Wahrheit konnte er ihr erzĂ€hlen. Zu Hause bemerkte zunĂ€chst niemand etwas. Er war fest entschlossen und arbeitete fast ein Jahr lang an einem ausgeklĂŒgelten Fluchtplan. Alles hatte Hand und Fuß. Und dann war es seine eigene Tante gewesen, die ihn anzeigte. Die Schwester seines Vaters, bei der er aufwuchs, nachdem der Vater im Krieg gefallen und die Mutter in Ausschwitz umgekommen war. Ihn hatte man mit einer Nummer auf dem Unterarm in letzter Minute vor der Vergasung gerettet. Die Frau, die er als seine Mutter betrachtete, verriet ihn an die Stasi. Er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sie sah ihn nicht mehr an und besuchte ihn auch nicht. Davids Gedanken waren bei seiner Elfie. Und nun sollte angeblich die Grenze auf sein. Als er Anfang Dezember wieder in seinen persönlichen Sachen vor dem GefĂ€ngnistor stand, rannen ihm TrĂ€nen ĂŒbers Gesicht. Sie hatten alle politischen HĂ€ftlinge freigelassen. David wollte nur noch eines: Wissen, wie es ihr ging. Er hatte sie seit damals, als er Hals ĂŒber Kopf aus Westdeutschland fliehen musste, weder gesprochen, noch sonst etwas ĂŒber sie erfahren. Als er endlich den Hörer nahm und ihre Nummer wĂ€hlte, kamen ihm Zweifel. WĂŒrde sie ihn nach so langer Zeit noch anhören?

Er bekam tatsÀchlich ein Freizeichen. Doch am anderen Ende meldete sich eine fremde Frauenstimme. Wo Frau Schrader wÀre, fragte er. Das wisse sie nicht, er solle es mal beim Meldeamt versuchen. Ihre Freundin Martha, schoss es ihm durch den Kopf. Mit zitternder Hand blÀtterte er die Seiten in seinem alten abgewetzten Notizbuch um.
„Martha, hier ist Dav, Jochen. Kannst du mir sagen, wo ich Elfie finde?“ Es war still am anderen Ende. „Weißt du es nicht? Sie hat wegen dir drei ganze Jahre im Knast gesessen und ihren Job ist sie auch los. Aber sie hat mir gesagt, dass sie dir verzeiht. Verstehen kann ich sie nicht. Hast du einen Stift? Hier ist ihre Nummer. Sie lebt in Hamburg.“

Dann wĂ€hlte er noch einmal. „Schrader.“ Er wagte erst nichts zu sagen, aber dann stammelte er: „Elfie, ich bin es, Jochen. Bitte, liebe Elfie, vergib mir. Ich habe dich so geliebt, aber sie waren stĂ€rker.“ Eine warme vertraute Frauenstimme antwortete ihm aus der Leitung. „Wo bist du?“ „Noch in Berlin, wenn du es willst, nehme ich den nĂ€chsten Zug nach Hamburg.“

Ein paar Stunden spĂ€ter lagen sich zwei Menschen auf dem Bahnhof in Altona weinend in den Armen. „Ich habe immer an dich geglaubt und gewusst, dass du mich genauso liebst wie ich dich. Die Politik vermag viel. Sie kann trennen und wieder zusammenfĂŒhren. Aber eines kann sie nicht: Uns unsere Liebe nehmen!“ Elfie sah ihrem Jochen in die verheulten Augen. „Wie heißt du denn nun wirklich?“
„David, David Tessmann. Und ich hoffe, du auch bald, wenn wir endlich verheiratet sind.“

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