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Leselupe.de > Horror und Psycho
Jenseits der Spiegel
Eingestellt am 18. 05. 2018 13:49


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haroldkebba
Hobbydichter
Registriert: May 2018

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Ich kann dieses Grauen, welches auf mir lastet, einfach nicht mehr alleine mit mir herumtragen, auch wenn ich damit meine ärztliche Schweigepflicht verletze. Wenn dieses Objekt jemandem anderen in die Hände fallen würde... ich kann gar nicht daran denken. Die Welt muss gewarnt werden.
Sie muss...
Ich arbeite nun seit einigen Jahren als Facharzt an einer psychiatrischen deutschen Klinik. Mein Fachgebiet sind Fälle von speziellen Phobien, die selten oder ganz und gar neuartig sind. Während meiner Laufbahn als Psychiater beschäftigte ich mich schon oft mit den obskursten Phänomenen des menschlichen Geistes und versuchte, meinen Patienten so gut es ging zu helfen.
Ich hatte bereits vor dem 12. Juli 1978 mit der so genannten Spektrophobie (der Angst vor Reflexionen) zu tun gehabt, aber nie war es hier zu größeren Komplikationen gekommen. Die meisten Fälle waren gut behandelbar gewesen und auch wenn die Patienten nie ganz über ihre Abneigungen hinwegkamen, so wurden ihre Leiden doch durch meine Hilfe gemindert.
Aus diesem Grunde war es auch zuerst nichts Besonderes, als Miharu Hamano an mich verwiesen wurde, da sie scheinbar unter jener besonderen Phobie litt.
Miharu Hamano war eine neunzehnjährige Japanerin von fragiler Statur und schulterlangen, schwarzen Haaren, die sie scheinbar sehr gewissenhaft pflegte. Ihr Gesicht war zierlich und sie besaß kleine, spitze Lippen, welche ihr ein sehr junges Aussehen verliehen, jedoch lag in ihren Augen schon bei dem ersten unserer Zusammentreffen ein seltsamer Schatten, eine unterschwellige Furcht, die ihr schönes Gesicht fremd und fern wirken ließ. Ihr Aussehen war jedoch nicht so ungewöhnlich, dass es mich beunruhigt hätte und die seltsame Dunkelheit in ihren Augen hatte ich schon bei vielen meiner Patienten beobachtet, die irgendwelche starken Ängste mit durchs Leben trugen. Daher erschien mir Miharu Hamanos Fall auch nicht als wirklich herausragend und ungewöhnlich.
Als ich am 12. Juli das erste Mal auf sie traf, wurde sie von ihrer Mutter begleitet. Die gute Frau schien zwar ein wenig beunruhigt zu sein, aber keine ernsthafte Sorge war in ihrem Gesicht zu lesen.
Ich geleitete sie aus meinem Sprechzimmer, da mir ein Privatgespräch mit Miharu deutlich weiser erschien und die Anwesenheit ihrer Mutter womöglich unnötige Hindernisse in den Weg räumen würde. Miharu störte dies nicht weiter. Sie schien sich ein bisschen zu schämen und war sogar ein wenig froh, dass sie alleine mit mir über ihre Sorgen reden konnte. Es war ihre eigene Entscheidung gewesen, mich als Facharzt aufzusuchen und sie hoffte anscheinend, durch eine wöchentliche Sprechstunde eine gute und schnelle Genesung erzielen zu können.
Nach einer kurzen BegrĂĽĂźung setzte sie sich auf den bequemen Ledersessel, der neben meinem BĂĽrostuhl stand, und lieĂź ihre Arme nutzlos zur Seite baumeln.
„Erzählen Sie mir doch, was genau Sie bedrückt. Warum haben Sie entschieden, mich aufzusuchen und wie hoffen Sie, dass ich Ihnen helfen kann?“, begann ich das Gespräch.
„Nun, ich habe seit Neuestem diese... diese Angst vor meinem Spiegelbild. Es ist... schwer zu beschreiben. Wenn ich irgendwo meine Reflexion sehe, dann habe ich ein seltsames Gefühl. Als ob mich etwas Anderes anstarren würde, etwas von jenseits der Spiegel. Ich weiß natürlich, dass das vollkommen unbegründet ist, ich bin schließlich nicht abergläubisch, aber trotzdem...“
Miharu rang unruhig mit ihren Händen.
„Ich hoffe einfach, dass Sie mir dabei helfen können, dieses Gefühl loszuwerden. Eigentlich war es nie so stark, bis letztens...“
Sie brach ab und schluckte verzweifelt.
„Was ist denn passiert? Was hat sich genau verändert, was wollen Sie mit mir gemeinsam in den Griff kriegen?“, hakte ich nach.
„Nun, ich sollte wohl genauer von dem erzählen, was mich bewogen hat, zu Ihnen zu kommen.
Ich kam als sehr junges Mädchen nach Deutschland - mit zwei Jahren, um genau zu sein – und daher fühle ich mich auch hier zu Hause, aber meine Eltern und Großeltern, die ebenfalls hierherkamen, sind eher noch mit ihren Gedanken in Kanosawa, einer kleinen Stadt in der Nähe von Tokio.
Sie sind sehr abergläubisch und meine Großmutter erzählte mir früher einige Mythen und Sagen aus der japanischen Kultur. Ich habe sie gerne gehört, doch eine hat mir irgendwie Angst gemacht. Es geht um ein Mädchen, das von ihrer sterbenden Mutter einen Spiegel geschenkt bekommt und sie dort in Zeiten des Leides sieht. Es ist eine schöne Erzählung, aber etwas darin fühlte sich unheimlich an.
Ich habe zwar früher oft an die Geschichte gedacht, aber langsam vergaß ich sie wohl. Bis ich letzte Woche mit einigen Freundinnen am Straßenrand einen seltsamen Spiegel fand. Wir waren auf dem Heimweg von den letzten Schulprüfungen und kamen an einem kleinen Gebüsch vorbei, in dem etwas hell blitzte. Eine meiner Freundinnen langte in den Busch und zog einen Handspiegel heraus. Er war aus einem rätselhaften, dunklen Material, fast korallenartig, und schimmerte in der Mittagssonne. Der Spiegel war nicht sehr groß, ungefähr wie meine Handfläche, aber das Ding schien irgendetwas Bedrohliches an sich zu haben. Ich erinnerte mich an jene japanische Geschichte und daran, was irgendwo in meiner Seele herumgekrochen war. Es war nicht die Geschichte selbst, sondern irgendetwas Anderes, denke ich. Als ich den Spiegel in die Hand nahm und ich hineinsah... Ich hielt ihn vor mein Gesicht, konnte die Straße hinter mir erkennen, nichts Ungewöhnliches. Aber dann, plötzlich sah ich... dieses Ding hinter mir. Dieses...“
Sie brach ab und fing an zu zittern, während sie betreten zu Boden sah. Es dauerte einige Zeit, bis sie sich beruhigt hatte und wieder zu mir aufblickte. Ihre Augen waren trübe und weit weg.
„Bitte erzählen Sie, was Sie da gesehen haben wollen. Das ist sehr wichtig! Vermutlich beschäftigt Sie schon sehr lange etwas.“
Zögernd fuhr Miharu fort.
„Ein... dürres, schemenhaftes Geschöpf… ich habe nur ganz undeutlich die Umrisse gesehen. Aber das reichte. Ich werde nie wieder vergessen, wie ich diesen Blick fühlte. Ich habe keine Augen gesehen, aber sie waren da, sie haben mich angestarrt. Ich muss wohl schreiend zusammengebrochen sein...“
Ich dachte nach. Vermutlich manifestierte sich etwas, was sie in ihrer frühen Kindheit erlebt hatte: eine Gewalttat oder ein plötzlicher Schock. Manchmal reichte es schon, wenn ein anderes Kind in der Krabbelgruppe sich hinter einer Ecke versteckte und dann plötzlich hervorsprang oder etwas ähnlich Banales. Ich hatte bereits einige solcher Patienten behandelt.
„Hören Sie mir zu, was Sie da schildern ist zwar schrecklich für Sie, dürfte aber einen recht harmlosen Ursprung haben. Ich vermute, dass es sich bei Ihnen um eine stark unterdrückte Erinnerung handelt. Wissen Sie, wenn Leute in Spiegeln Sachen sehen, die dort nicht hingehören, will ihr Unterbewusstsein ihnen meist etwas sagen. Der Spiegel wird in vielen Fällen als eine Art Tor wahrgenommen. Ich kann Ihnen für unsere weiteren Sitzungen neben dem Gespräch auch andere Behandlungsmethoden anbieten.
Die Konfrontation mit der Angst ist dabei eine Möglichkeit.
Es wäre auch denkbar, durch Hypnosetherapie den Grund ihrer Furcht herauszufinden. Sie müssen das selber entscheiden. Wenn es schlimmer werden sollte, als das Unwohlsein, oder sich erneut so etwas ereignet, wie bei dem schwarzen Spiegel, den Sie beschrieben, sollten Sie nicht zögern, einen Zusatztermin mit mir auszumachen. Wo wir schon mal dabei sind, haben Sie den Spiegel noch? Ich würde ihn gerne sehen.“
Sie zögerte.
„Ich vermute, er ist zerbrochen, als ich meine Panikattacke bekam. Zumindest hoffe ich das...
Vielen Dank, ich werde dann nächste Woche wieder zu Ihnen kommen.“
Die junge Frau stand abwesend auf und ich geleitete sie zur Tür. Ihre Mutter wartete noch immer draußen und sie verschwanden schnell. Es war nichts besonders Ungewöhnliches passiert und der Fall schien sogar recht schnell erledigt zu sein, da die verdrängten Erinnerungen sicherlich rasch ans Tageslicht gebracht werden konnten. Wenn ich damals gewusst hätte, was passieren würde...

Die nächste Sprechstunde mit Miharu kam schnell. Am 19. Juli 1978 besuchte sie mich wie abgesprochen erneut. Als sie von ihrer Mutter begleitet ins Zimmer trat, war sofort ersichtlich, dass etwas nicht stimmte. Die Augen des armen Mädchens wirkten müde und sie war unnatürlich bleich.
„Herr Doktor, Sie müssen etwas tun, Miharu ist nicht mehr sie selbst“, bat Frau Hamano in stark akzentuiertem Deutsch.
Ich geleitete sie erneut heraus und war wieder mit Miharu allein. Sie setzte sich wieder auf den Sessel und ich beobachtete, dass ihre Hände unruhig zitterten.
„Was ist denn geschehen?“, wollte ich wissen.
Zögernd fing die junge Frau zu erzählen an.
„Es ist schlimmer geworden, nun ja, das sieht man ja. Ich kann es mir selber nicht erklären. Wenn ich in die Nähe von einem Spiegel komme, dann wird mir schwindelig vor Angst. Ich habe Panik davor, irgendetwas dort zu sehen, was mich beobachtet, was nach mir giert. Es ist schrecklich. Ich kann einfach nicht mehr. Als ich in der Schule war, konnte ich nicht einmal auf das Klo gehen, weil ein riesiger Spiegel in der Mädchentoilette hängt. Ich halte das nicht länger aus. Tun Sie was!“
Sie war auĂźer sich und wurde zusehends lauter und panischer.
„Beruhigen Sie sich zuerst einmal. Hier sind Sie sicher. Vollkommen. Sie… haben aber nichts Weiteres gesehen? Verzeihung, ich muss das fragen. Haben Sie?“
„Nein...“, sagte Miharu zögernd.
„Nein, nichts. Ich habe einfach Angst, etwas zu sehen. Angst, dass es wiederkommt. Es ist einfach schrecklich...“
„Würden Sie in einen Spiegel schauen? Jetzt? Um zu sehen, ob etwas da ist? Wir können es gemeinsam tun, wenn Sie wollen.“
Dies war natĂĽrlich ein Vorschlag, auf den Miharu vermutlich nicht eingehen wĂĽrde, aber es war mir wichtig, dass sie sich dieser Option bewusst war.
„Ich bin dabei. Nichts kann passieren, das versichere ich Ihnen.“
„Okay, wenn Sie mitmachen...“, meinte Miharu nach kurzem Zögern.
Ich fand es sehr beachtlich, dass sie diesen Schritt so frĂĽh wagte.
Langsam nahm ich einen Handspiegel aus einer Schublade und legte ihn umgedreht auf meine Knie. Sie stellte sich neben mich.
„Sind Sie bereit?“, fragte ich.
„Ja“, sagte sie weinerlich, aber sie riss sich zusammen.
Langsam drehte ich den Spiegel um.
Wir sahen unsere Spiegelbilder, aber sonst war nichts zu sehen. Miharu setzte sich wieder in den Sessel und ich bemerkte, wie ihr Zittern abnahm. Langsam schien sie sich zu entspannen. Der Spiegel landete wieder in der Schublade und ich sah sie an.
„Nun, da war nichts, oder?“
„Nein, natürlich nicht, es war dumm von mir. Eine lächerliche Sache.“
„Lächerlich keineswegs. Es ist einfach nur dieser Schemen, den sie gesehen zu haben glauben. Der sie so schlimm beunruhigte. Dadurch haben Sie in der letzten Woche immer mehr Ängste vor dem Konflikt aufgebaut. Es wird noch eine Weile dauern, aber in der nächsten Zeit sollte ihre Phobie verebben. Zumindest können Sie nun wieder unbeschwert ins Badezimmer gehen.“
Miharu musste lachen.
„Ja, danke sehr, das werde ich wohl tun können. Wäre es möglich, dass wir trotzdem nächste Woche die Hypnosetherapie noch versuchen? Ich will wissen, was mich beschäftigt hat. Irgendwas muss ich mir ja eingebildet haben...“
Ich sah auf die Uhr.
„Wir könnten das auch nun noch einschieben. Schließlich sind erst zehn Minuten der Sitzung vergangen. Wenn Sie wollen.“
„Ja, natürlich. Ich will damit abschließen. Es reicht. Wer weiß, ob die Angst wiederkommt. Dazu habe ich keine Nerven.“
Ich hypnotisierte sie also. Es war bewundernswert, wie sie gegen ihre Furcht ankämpfte und ich hatte Hoffnung auf eine schnelle Besserung der Situation.
Sie saĂź ruhig im Sessel, die Augen verschlossen, die GliedmaĂźen entspannt.
Ich bat sie, an den Tag zurĂĽckzugehen, an dem sie und ihre Freundinnen den schwarzen Spiegel gefunden hatten. Es schien ihr einige Anstrengung zu bereiten, jedoch gelang es schlieĂźlich.
„Ich bin an der Straße… mit meinen Freundinnen. Wir gehen langsam vorwärts. Lea bleibt plötzlich stehen, sie hat etwas gesehen, etwas im Busch, das hell blitzt. Sie holt es heraus. Es ist der Spiegel. Ich... ich habe Angst.“
„Angst wovor? Vor der Geschichte? Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Sie sind in Sicherheit, verstehen Sie?“
„Ja, ja, ich bin in Sicherheit. Aber... ich habe trotzdem dieses Gefühl, ein Unwohlsein. Ich glaube, ich habe Angst, weil der Spiegel so seltsam dunkel ist. Er kommt mir böse vor. Ich habe Angst, dass ich einen Geist darin sehe. Einen bösen Geist. Etwas Monströses aus dem Jenseits, oder einem anderen fürchterlichen Ort. Was, wenn etwas da drin ist? Ich will nicht hineinsehen...“
„Da ist nichts drin. Es ist nur ihre Fantasie. Es gibt keine Geister. Sie sind vollkommen sicher, haben Sie keine Angst.“
Miharus Gesichtszüge spannten sich an und sie schien verständlicherweise unter hohem Stress zu stehen.
„Ich... ich sehe hinein. Hinter mir ist die Straße. Autos fahren vorbei. Hinter der Straße liegt ein Feld.
Dort... dort ist er, der Schemen, nein...“
Sie verkrampfte sich und ihre Atmung wurde schwer. Ich beugte mich vor und versuchte sie zu beruhigen.
„Es ist alles gut, er kann Ihnen nichts tun. Es ist nur eine Erinnerung. Aber was für eine? Welche Erinnerung verstecken Sie? Beschreiben Sie bitte den Schemen. Es wird Sie beruhigen, vertrauen Sie mir. Es wird alles gut.“
Wenn Miharu erkannte, wessen Schemen sie vor sich sah, wussten wir, wovor sie Angst hatte. Dann waren wir fast am Ziel unserer Behandlungen. Vielleicht ihr Vater? Oder ein Kindheitsfreund? Ein Bekannter? Wer wĂĽrde es sein?
„Er... er ist groß... lang… unnatürlich. Bestimmt drei Meter groß, aber dürr, dürr... so dürr. Und dieser lange Hals... fast so lang, wie meine Arme... was ist das? Ich weiß, es hat mich bemerkt… es hat mich bemerkt, nein...“
Ich stutzte. Was war hier los? Es war höchst ungewöhnlich, dass sie eine so verzerrte Gestalt sah. Fast schon wollte ich sie aus der Trance erwecken, als sie sich mit einem Male entspannte. Ihre Atmung wurde ruhig.
„Er, er dreht sich wieder weg... obwohl er mich gesehen hat. Es ist ihm egal. Er verschwimmt, bevor ich den Spiegel fallen lasse, ganz kurz davor...“
Schnell wecke ich sie auf. Miharu schien erleichtert zu sein. Sie fragt mich, was ich erfahren habe.
„Ich bin mir nicht vollkommen sicher, aber dieser Schemen war wohl ein Symbol für eine Sorge. Anscheinend hat die Sorge sich aber inzwischen... aufgelöst. Sie haben gesagt, das Ding, was Sie sahen, hat sich nicht für Sie interessiert.
Wir können davon ausgehen, dass es zu keinen weiteren schwerwiegenden Vorkommnissen kommen wird. Sollten doch wieder irgendwelche Sachen sein, können Sie trotzdem gerne wiederkommen. Aber ich denke, zuerst sollten Sie sehen, ob Sie nun alleine klarkommen.“
Dankbar verabschiedete sich Miharu und auch ihre Mutter war begeistert ĂĽber die schnelle Heilung.
Es war mir zwar etwas suspekt, da ein solch rascher Erfolg noch nie in meiner Berufslaufbahn vorgekommen war, aber vielleicht war die Phobie von Anfang an nur sehr gering gewesen. Ich wusste zwar nicht, was der Schemen symbolisiert hatte, aber es schien etwas nun Unwichtiges gewesen zu sein. Ich vermutete, Miharu nie wieder in der Klinik zu sehen, aber ich sollte mich auf grausame Art täuschen.

In der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1978 erhielt ich einen Anruf aus der Klinik. Eine meiner Patientinnen sei durchgedreht und habe versucht, sich die Augen auszustechen. Es war Miharu. Vollkommen entgeistert fuhr ich zur Klinik. Ein Kollege führte mich in einen der alten Räume, die im Kellergeschoss lagen.
Ich fand Miharu in einer weißen Zwangsjacke auf einem Stuhl sitzend. Als ich die Tür schloss und mich ihr gegenüber hinsetzte, lief mir ein Schauer über den Rücken. Miharu hatte es anscheinend nicht geschafft, sich irgendwie zu verletzen, aber ihr Gesicht war nur noch eine einzige Maske. Sie starrte irre in meine Augen und hatte ein breites Grinsen im Gesicht, das sie unnatürlich wirken ließ. Ein seltsam beißender Gestank ließ meine Augen tränen, ich konnte die Quelle jedoch nicht genau ausmachen. Miharu rümpfte die Nase und fragte dann merkwürdig heiter nach meinem Befinden.
„Was ist passiert? Was haben Sie gemacht?“, wollte ich wissen, statt auf ihre Frage einzugehen.
Miharu fing an zu lachen, freudlos und kalt.
„Wollen Sie das wirklich wissen Doktor? Wollen Sie das wirklich wissen?“
„Ja, sonst wäre ich nicht hier! Was ist passiert?“
„Ich, ich war zu Hause, alles war gut. So gut. Keine Sorge, keine Spiegelangst. Alles wunderbar, wunderbar. Bis vor kurzem. Er war dort, dort. Dieses grässliche... Ding“
Miharu flĂĽsterte nun.
Ich riss entsetzt die Augen auf.
„Der Schemen?“
Erneut lachte Miharu.
„Der Schemen? Nein, nein. Der Spiegel. Der schwarze Handspiegel. Er lag auf dem Waschbecken im Badezimmer. Einfach auf dem Waschbecken. Wie ist er dahin gekommen? Wie ist er bloß dahin gekommen? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, aber er war da. Einfach so.“
Ihr Gelächter wurde hysterischer, aber dann erstarb es mit einem Schlag. Sie sah mich mit unnatürlich großen Augen an, die mich aufzusaugen schienen.
„Eine Freundin muss ihn da hingelegt haben, wer sonst? Er ist nicht zerbrochen, nein. Aber das ist ja auch egal, ich warf ihn fort, fort...“
Leise summte sie vor sich hin, lieĂź mich aber nicht aus den Augen. Mir lief ein Schauer ĂĽber den RĂĽcken, als ich bemerkte, dass sie nicht einmal mehr blinzelte.
„Und er... kam wieder?“, wollte ich wissen.
„Nein, natürlich nicht, Sie Idiot, natürlich nicht, Spiegel können nicht laufen! Nein! Er blieb fort. Es war alles gut. Ich wusch meine Hände, wollte gehen... aber dann...“
Sie beugte sich vor.
„Das Licht ging aus. Wohl ein kleiner Fehler im Stromnetz, nichts Schlimmes, oder? Nein. Das Licht ging wieder an. Und dann...“
Sie brach ab und starrte mich mit durchbohrendem Blick an. Das Schweigen war unerträglich. Ich hatte selten solch eine desillusionierte Gestalt gesehen.
Plötzlich schrie sie los.
„Es war im Spiegel, direkt vor mir. Es war dort, dieses Gesicht! Dieses scheußliche, gotteslästerliche Gesicht. Es starrte mich an, eine Fratze jenseits dieser Welt, boshaft, hässlich, abstoßend. Es starrte und starrte, so nah, ich konnte es sehen, es war so nah. Ich rannte aus dem Badezimmer, ins Wohnzimmer zu meinen Eltern, vollkommen verängstigt, so wie nie zuvor. Sie versuchten mich zu beruhigen, aber das ging nicht. Ich wusste das es noch da war. Ich sah es in jeder Spiegelung. In jeder! Im Fernseher, im Pendel der Wanduhr, überall. Es starrte mich an, diese unweltliche Fratze aus Abschaum. Ich musste meine Augen herausschneiden, ich wollte sie nicht sehen, aber meine Eltern hielten mich zurück. Sie hielten mich zurück und ich verlor die Besinnung. Aber nun, hier, als ich Zeit hatte, begriff ich. Ich begriff es, Herr Doktor.“
Sie wurde wieder ruhig, aber Speichel lief ihr aus dem Mund.
„Was? Was begriffen Sie?“, hakte ich nach.
Sie sah mich an, ernst, ohne eine GefĂĽhlsregung in ihren GesichtszĂĽgen oder ihren Augen.
„Es war mein Gesicht. Ich sehe so aus. Schauen sie mich doch an! Es war einfach nur mein Gesicht. Wie dumm ich war...“
Ihre Augen weiteten sich seltsam und mir wurde extrem unwohl zumute. Was war ihr nur widerfahren, dass sie solche Dinge halluzinierte? Es musste eine schlimme Erinnerung sein, vielleicht wurde sie als Kind mit etwas aufgezogen?
„Es ist etwas mit Ihnen passiert, vor langer Zeit. Wir können herausfinden was! Wir beide! Sie müssen so etwas nicht glauben.“
„Herr Doktor, sind sie blind? Vielleicht können Sie es fühlen. Kommen… kommen Sie her, kommen Sie.“
Damit stand Miharu auf. Sie konnte nicht gehen, da ihre FuĂźgelenke an den Stuhl gefesselt waren, der im Boden verankert war.
Es war meine Chance, sie zu ĂĽberzeugen. Ich schritt langsam auf sie zu und stand schlieĂźlich keine dreiĂźig Zentimeter vor ihr. Ihre Augen waren wie zwei Tore, die mich zu verschlingen suchten, ihr Mund nur ein schmaler Strich und ihr Gesicht aschfahl. Die Haare waren komplett zerzaust. Aber es war normal, ich konnte sie beruhigen.
„Es ist nichts, Miharu, nichts. Sie sehen nur müde aus. Sehr müde.“
„Fühlen Sie. Fühlen Sie es, diese unsägliche... Masse... kommen Sie!“
Ich muss zugeben, dass ich Angst davor hatte, ihr Gesicht zu berĂĽhren. Was, wenn ich etwas fĂĽhlte? Etwas... das nicht ihre GesichtszĂĽge war? Nein, ich konnte nicht so unprofessionell sein. Langsam lieĂź ich meine Hand zu Miharus Gesicht wandern. Ich hielt kurz davor inne, riss mich aber dann zusammen und berĂĽhrte es.
Es war weich und vollkommen normal. Ein riesiger Stein fiel von meinem Herzen und ich schimpfte mich einen Trottel. Was hatte ich erwartet? Die Geschichten waren wohl einfach zu seltsam gewesen.
„Nichts. Es ist normal. Du brauchst keine Angst haben.“
Verzweiflung machte sich in Miharus Augen breit. Sie schien wieder zu Sinnen zu kommen.
„Nein, nein, es ist diese Fratze, glauben Sie mir! Sind Sie blind?“, weinte sie nun.
Sie tat mir wirklich leid, vor allem, weil ich nicht wusste, wie lange ich sie hierbehalten sollte.
Ich wollte gerade gehen, als das Licht ausging.
Ein verschreckter Ruck ging durch Miharus Körper und sie strauchelte nach vorne und riss mich in der Hast mit zu Boden. Sie landete mit dem Kopf auf meiner Brust und stöhnte schmerzerfüllt auf.
Plötzlich zog ein unglaublicher Gestank in meine Nase. Er kam von Miharu. Ich konnte nichts sehen, aber irgendetwas in mir wollte das auch nicht. Ich schloss die Augen, wollte tief durchatmen. Ich merkte, dass das Licht wieder aufflammte, aber meine Augen hielt ich geschlossen.
Dann hörte ich es.
Nur wenige Zentimeter von meinem Ohr entfernt keuchte, gurgelte etwas, eine verzerrte Stimme.
„Herr Doktor, Herr Doktor, ich glaube... ich glaube sie können es nun auch sehen...“
Ich tastete voller Entsetzen nach Miharus Gesicht. Anstatt der glatten Haut fühlte ich eine schleimige, knorpelige Oberfläche.
Ich verlor vor Angst fast den Verstand. Das konnte nicht geschehen! Dann machte ich die Augen auf. Was ich dort sah, werde ich nicht vergessen und nie wieder werde ich nach dieser Grässlichkeit eine ruhige Minute verbringen.
Es war eine Fratze, die auf meiner Brust lag und das einst schöne Gesicht des Mädchens gewesen war. Die Augen waren riesig, rund und glubschig, kamen weit hervor und zuckten irre umher. Die Haare waren schwarz und zerzaust und standen filzig ab, die Haut war seltsam bläulich, die Nase aber vollkommen normal. Der Kiefer hingegen war weit nach hinten in den Schädel gewandert, sodass das Ding einen gewaltigen Überbiss hatte und der Mund war in sich verdreht und verzogen, fast wie ein durch Wellen verzerrtes Spiegelbild im Wasser.
Die Augen fixierten mich grauenvoll und sie hielt mich mit eisernem Griff fest, auf rätselhafte Weise aus ihrer Zwangsjacke befreit.
Ich weiß nicht mehr genau, wie ich mich losgerissen habe und hinfort rannte, während mich diese Augäpfel verfolgten. Mir ist klar, dass mir vermutlich niemand glauben wird. Dass dies wie eine Halluzination meinerseits klingt, aber… es war real.
Miharu verschwand in der folgenden Nacht aus ihrer bewachten, verschlossenen Zelle. Niemand wusste, wohin und niemand sah sie jemals wieder. Es erblickte auch niemand die Fratze, nein, ihr wahres Gesicht. Ich hörte nur, dass sie vor meinem Besuch um den schwarzen Handspiegel gebeten hatte, der wohl in ihrem Badezimmer zu Hause gefunden worden war. Wo das verfluchte Ding nun ist, weiß ich nicht. Sollte jemand ihn finden, so hoffe ich, dass er das hier liest und das grausame Objekt zerstört. Zum Glück habe ich den schwarzen Gegenstand nie selbst gesehen. Wer weiß, was mir dann im Spiegel entgegen schauen würde? Ich habe schon jetzt Angst, dass ich jene gotteslästerliche Fratze aus einer anderen Welt eines Tages in einer Reflexion sehe und sie mich holt...
Und nie wieder habe ich ruhig schlafen können. In der Dunkelheit erinnere ich mich an diese ekelhafte Stimme. Manchmal bilde ich mir ein, sie neben mir zu hören, ein Gewicht in meinem Bett zu fühlen.
„Herr Doktor, Herr Doktor, ich glaube... ich glaube sie können es nun auch sehen... ich glaube, sie können es nun auch sehen.“

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