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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Jesus im Kaufhof
Eingestellt am 19. 12. 2012 11:57


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DocSchneider
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Köln, dritter verkaufsoffener Samstag vor Weihnachten.

Es ist Mittagszeit und die Menschen schieben und drÀngeln in den GeschÀften.
Die letzten Geschenke mĂŒssen besorgt werden. Im Kaufhof
ist es besonders schlimm.
Überall voll, aus den Lautsprechern dudelt unentwegt "Heilige Nacht, Stille Nacht", "Ihr Kinderlein kommet" oder "SĂŒĂŸer die Glocken nie klingen".

Da betritt Jesus den Kaufhof durch den Haupteingang. Da er ein Mensch wie Du und ich ist, erkennt ihn niemand. Seine Haare sind vielleicht ein bisschen zu lang, er ist leger gekleidet, trÀgt Jeans und Sportschuhe, Sweatshirt und Daunenjacke. Die Menschen hasten an ihm vorbei. Er wird geschoben und angerempelt. "Junger Mann, stehen Sie doch nicht so im Weg", schnauzt ihn ein VerkÀufer an.
So etwas kann Jesus natĂŒrlich nicht wirklich schocken, da hat er ganz andere Dinge aushalten mĂŒssen. Verwundert betrachtet er die hektischen Menschen. Wem rennen sie hinterher? Warum sind sie so nervös?

Er sieht kitschige Krippendarstellungen und Rauschgoldengel, kunstvoll verpacktes ParfĂŒm, WeihnachtsmĂ€nner in allen GrĂ¶ĂŸen und Formen sowie glitzernde Rentiere. Er liest "Geiz ist geil" und "Saubillig". Was hat das denn mit seinem Geburtstag zu tun?
Es war doch alles ganz anders im Stall, damals.
Was stellen die Menschen sich vor?
Er war ein Kind armer Leute und seine ersten Besucher waren die Hirten, auch arme Menschen, die am Rande der Gesellschaft standen. Zu denen ist er immer gegangen.
Was ist hier aus seinem Geburtsfest geworden? Ein Konsumrausch? Das sind die Gedanken, die Jesus durch den Kopf schießen.

Dann sieht er in die Herzen der Menschen im Kaufhof.

Er sieht, dass sie oft voll Feindschaft und Hass sind, dass sie traurig sind, dass sie Kummer und Sorgen haben... und trotzdem kaufen sie Geschenke. Lasst das sein, will er ihnen zurufen. Versöhnt Euch erst, dann könnt ihr meinen Geburtstag feiern.
Und wenn ihr es nicht wollt, dann tut ihr es eben nicht.
Man muss nicht jedes Fest feiern.

Jesus steht ratlos in der Menge.
Er kann die Menschen nicht erreichen.
Das hat er damals schon nicht geschafft.
Nur bei einigen wenigen.

Plötzlich zupft ihn jemand am Ärmel.
"Du, ich hab meine Mama verloren", sagt ein kleines MĂ€dchen zu ihm. "Was soll ich machen? Gerade war sie noch da und
nun ist sie weg" flĂŒstert sie und beginnt zu weinen.
Jesus nimmt ihre Hand. "Keine Angst, ich bleib bei Dir", tröstet er sie. "Sie sucht Dich bestimmt auch schon und wir bleiben am besten hier stehen, dann findet sie dich."

Das MĂ€dchen nicht vertrauensvoll. "Was wĂŒnscht Du Dir zu Weihnachten?" fragt sie.
"Oh", erwidert Jesus, "gute Frage. Eigentlich wĂŒnsche ich mir nur Frieden auf Erden und dass alle Menschen sich vertragen." Der spinnt, denkt das MĂ€dchen. Das sind ja WĂŒnsche! "Also ich wĂŒnsche mir ein Barbiehaus mit Zubehör", strahlt sie ihn an. "Ich glaube, ich kriege das auch, denn ich war ziemlich lieb in letzter Zeit."

Jesus muss schmunzeln. "Willst Du nicht versuchen, auch sonst mal lieb zu sein?", fragt er sie. "Und wie feiert ihr Weihnachten? Geht ihr auch in die Kirche?" Das MĂ€dchen nickt eifrig. "Ja, Weihnachten gehen wir immer in die Kirche, schon wegen der Oma, und dann setzen wir uns zusammen und reden und spielen." Jesus ist etwas beruhigt. Na gut, wenigstens diese Familie erlebt Gemeinschaft.

"Da ist meine Mama," ruft das MĂ€dchen auf einmal aufgeregt und lĂ€uft auf eine Frau zu. Sie dreht sich noch einmal um und ruft ihm zu "Danke fĂŒrs Aufpassen und schöne Weihnachten!" Die Frau schaut ihre Tochter streng an. "Wer war das, der da auf Dich aufgepasst hat?", fragt sie. "Oh, der war nett, aber der spinnt ein bisschen, der wĂŒnscht sich zu Weihnachten nur Frieden und so komische Sachen," entgegnet das MĂ€dchen und hat ihn dann schon vergessen.



Version vom 19. 12. 2012 11:57
Version vom 30. 12. 2013 12:06
Version vom 30. 12. 2013 12:08

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Architheutis
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Erzengel Schneider,

ich hĂ€tte Deinem Jesus gefallen, denn ich habe im materieller Hinsicht nichts außer zwei selbstgebastelten Kalendern meiner Lieben bekommen. OK, ich war nicht in der Kirche, aber irgendwas ist ja immer. :-)

Sprachlich hapert es hier und da:

quote:
Erkennen tut ihn natĂŒrlich niemand

quote:
Die Hoffnung aufgeben tut er aber nicht.

Das tut richtig weh. Umschreibe es einfach. :-)

Mit Deiner Kommerzkritik ist sicher jeder einverstanden, aber mir ist es hier ein wenig zu sehr Moralpredigt. Wie gesagt, ich gehe nicht in die Kirche...

Mich stören die vielen AbsÀtze, es muss nicht alles unterbrochen werden. Du kannst unmöglich so viele Sinnpausen in Deinem Text sehen!

Was Rhondaly schon ansprach, das Problem hatte auch ich. Wie gesagt, ich bin kein religiöser Mensch, aber wenn Jesus wiederkehren sollte, wĂŒrde er sich dann ĂŒber uns verkommene Schafe wirklich wundern? Warum sonst sollte er wiederkehren, wenn nicht, uns erneut auf den rechten Weg zurĂŒck zu bringen?

Ich glaube seine Verwunderung nicht. Ich glaube aber eh nicht an Wunder, auch nicht an religiöse. Ich kann mir eh nicht vorstellen, wieso eine Allmacht an uns Gefallen finden sollte, warum Gott uns missraten und nicht gleich perfekt erschaffen hat, sondern seinen/ihren Sohn zu uns schickt, damit wir ihn auch noch massakrieren können. Das ist die grösste Satire auf Erden! Den Teufel gibt es ja auch nur, damit es die Kirche gibt. Heute wohnt Luzifer halt im Kaufhof, eher aber noch in den Banken, das alles muss Jesus als Sohn Gottes doch wissen! Oder?

Wie gesagt: Deine Botschaft kommt an, ich unterstĂŒtze sie, aber wenn ich sowas hören möchte, gehe ich in die Kirche.

Eine "Note" kann und will ich hier aber nicht vergeben, denn Religion ist immer eine persönliche Sache. Eine Bewertung verbietet sich mir daher.

Lieben Gruß,
Archi

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DocSchneider
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Hallo Archi, dieser Uralt-Text von mir bedurfte dringend der Überarbeitung und ich habe auch den letzten Absatz ganz entfernt, so erscheint er mir sinnvoller und der Leser kann sich selbst ein Urteil ĂŒber eine Begegnung mit Jesus im Kaufhof machen.
Es ist immer schwer, ĂŒber Religion zu schreiben oder gar zu diskutieren, aber der Text und das Thema lagen mir am Herzen.

Übrigens: Es gibt hier durchaus noch mehr religiöse Texte, auch wenn wir nicht in der Kirche sind:
Hier klicken


LG Doc, weder Engel noch aus Erz ;-)
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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Dnreb
Guest
Registriert: Not Yet

Jesus contra LIEBE

Jesus im Kaufhof contra LIEBE von Protachion in der Kurzprosa

Liebe Doc Schneiderin,
schon das Contra in meiner Überschrift ist fehl am Platze, geht es doch in beiden ProsastĂŒcken um das Thema „Liebe“. Hingegen ohne Zweifel steht die völlig unterschiedliche Herangehensweise an den uralten Dauerbrenner: Im Haupteingang des Kölner Kaufhofs nĂ€hert sich eine erzĂ€hlende Prosa in realistischer Manier ĂŒber eine wiederbelebte Jesusfigur, wĂ€hrend Protachions Liebe den Weg lyrischer Prosa bestreitet, er nutzt ein simples Naturbild, die Spiegelung von Sonne und Himmel in der zunĂ€chst ruhigen WasserflĂ€che eines Sees. Die Wahl der verwendeten Sinnbilder, durchaus stringent und die jeweilige Geschichte tragend, ob christlicher Jesus mit verbal durch Bergpredigt abgesichertem Liebesausdruck oder sinnlich erfahrbares Naturbild („FĂŒr einen jeden ist ihr heißer Hauch spĂŒrbar,...“) möchte ich in den Bereich individuellen Geschmacks verweisen, nahrhaft sind beide.
Interessanter erscheint mir der Umgang mit den stets vorhandenen StörgrĂ¶ĂŸen. Was bedroht die Liebe? Was stört? Was will Liebe bis zur Unkenntlichkeit entstellen?
Und doch behauptet der Mensch sein GrundbedĂŒrfnis, vielleicht nur der Arterhaltung wegen...
Im realistisch angelegten Jesustext sind wir dem wohlbekannten Bombardement des Konsums ausgeliefert, und doch hat da ein kleines MĂ€dchen ein „echtes“ BedĂŒrfnis nach Schutz, Geborgenheit, WĂ€rme 
 und Liebe?!
Die Autorin lÀsst uns nicht lieblos alleine, die Welt mag scheitern, die Liebe tut es nicht.
Auch Protachions Liebe erfĂ€hrt heftige Störung, die ĂŒberdauert werden will...
„Ein Wind kommt auf, verleiht diesem Abbild Bewegung, die zusehends unruhiger wird, das Bild bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und die verschiedenartigen Abbildungen ineinander verschwimmen lĂ€sst. ...“
und letztlich doch den Liebenden eine Bresche schlÀgt.
Und der See liegt da in seinem dunkler und undurchdringlicher werdendem Blau, strahlt eine immer deutlicher wahrnehmbar werdende WĂ€rme in die nĂ€chste Umgebung aus,...“
Protachion schließt mit der blauen Stunde, einem in der Romantik verankertem Sinnbild – Sehnsucht.

Liebe Doc Schneiderin, ich habe nichts gegen Deinen Jesus einzuwenden. Was mich einzig stört ist das verletzende und arrogante Auftreten einiger Mitinsassen dieses Forums. Ob lyrische Prosa oder realistisch erzÀhlende Prosa ist letztlich kein QualitÀtsmerkmal der Literatur.

Herzliche GrĂŒĂŸe
Bernd Sommer




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Vagant
???
Registriert: Feb 2014

Werke: 25
Kommentare: 415
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Hallo Doc, nun habe ich es endlich auch mal geschafft einen Text von dir zu lesen, und erst am Ende bemerkt, dass es sich ja um eine Ă€ltere Arbeit handelt. Als glĂ€ubiger Atheist habe ich beim Lesen des Titels natĂŒrlich erstmal gezuckt. Aber im Grunde geht es ja um eine allgemeingĂŒltige Aussage. Hat also gepasst. Das sind nun alles keine neuen Gedanken, aber ich finde, dass du sie gut in der szenischen Darstellung verpackt hast. Hier und da sind mir ein paar Worte aufgefallen, fĂŒr die man vielleicht ein Synonym finden sollte.
Im Absatz ;

Zitat--- Er sieht kitschige Krippendarstellungen und Rauschgoldengel, kunstvoll verpacktes ParfĂŒm, WeihnachtsmĂ€nner in allen GrĂ¶ĂŸen und Formen sowie glitzernde Rentiere. Er liest "Geiz ist geil" und "Saubillig". Was hat das denn mit seinem Geburtstag zu tun?
Es war doch alles ganz anders im Stall, damals.
Was stellen die Menschen sich vor?
Er war ein Kind armer Leute und seine ersten Besucher waren die Hirten, auch arme Menschen, die am Rande der Gesellschaft standen. Zu denen ist er immer gegangen.
Was ist hier aus seinem Geburtsfest geworden? Ein Konsumrausch?--- ZitatEnde

Also ab ; “ was hat das mit seinem Geburtstag zu tun.....“ mĂŒsste Jesus eigentlich in die Gedankenrede. Es klingt ja teilweise schon wie Gedankenrede, aber dann ist auf ein mal wieder deutlich die ErzĂ€hlerstimme zu hören ( Rande der Gesellschaft 
) . Hier hĂ€tte ich Jesus in der Gedankenrede weiter reden lassen. Na ja, gibt halt immer jemanden der etwas zu mĂ€keln hat . Ansonsten hat es mir gut gefallen.

LG Vagant

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