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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Jetzt aba Rock
Eingestellt am 07. 12. 2001 08:06


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Sebastian Dalkowski
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2001

Werke: 33
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Jetzt aba ma Rock

Ledernes und synthetisches Schuhwerk scharrt grob ĂŒber den staubigen, kalten Steinboden und vereint sich allmĂ€hlich zu einer rauhen, immer lauter werdenden Symphonie der Ungeduld.
Der beißende Qualm automatengezogener, aber ĂŒberwiegend selbst gedrehter Zigaretten steigt rasch hinauf und zerfließt an der tief hĂ€ngenden Decke wie das Wasser von Regentropfen auf grauem Asphalt. Schon bald verschwinden die ersten Köpfe im weißen Dunst.
Die Anarchie schleicht sich wie ein böser Geist durch die Ritzen der schlecht gemauerten WÀnde und schafft erste Provokationen: Geschlechtertrennung ist im Raum nicht vorgesehen.
Schamlos, ohne einen Hauch von Anstand gemischt stehen die Menschen beiden Geschlechts Schulter an Schulter, HĂŒfte an HĂŒfte, zusammengepfercht wie billiges Schlachtvieh. Teuflische DĂ€mmerung verdeckt ihre nervösen Körper.
Zur unertrÀglichen Ungeduld mischt sich der penetrante Gestank von eilig gezapftem Bier und illegalen Genusswaren.
Nur allzu bald schlĂ€gt die Ungeduld um in leichte VerĂ€rgerung und mĂŒndet schließlich in eine Phalanx der Empörung. Leere Plastikbecher fliegen und letzte verbliebene Tropfen zischen bei Hautkontakt auf wie Wasserspritzer auf einer Kochplatte, ein Schlagring glitzert bedrohlich im DĂ€mmerlicht und die geschliffenen Kanten der stĂŒtzenden Pfeiler wirken mit einem Male wie scharfe Rasierklingen, die hinterhĂ€ltig auf SchĂ€delspaltungen spekulieren.
Die anwesende Fernsehreporterin bereitet sich schon auf die Meldung eines BĂŒrgerkriegsausbruchs vor, als einer der anwesenden mit lauter Stimme grölt: "Jetzt aba ma rock."
Der tobende Mob grölt zurĂŒck. Ein schallendes Yeeeeaaaaaahhh, das manch einem die Filmerinnerung an den König des Dschungels zurĂŒckruft, erfĂŒllt die Halle und vom Geist der SpontaneitĂ€t inspiriert steht sie auf einmal da: Die Rockband.
Und als der Gitarrist mit seinen Fingern in die Stahlseiten greift, schießen helle Lichtstrahlen auf die Mengen zu und tauchen sie in ein Meer der Erleuchtung und der Erleichterung.
Das wache Auge mustert die Zuschauer mit kritischem Blick.
Die MĂ€nner tragen extrem rockbetonte Kleidung. Auf ihren Shirts prangen pfiffige wie geniale Aphorismen der zeitgenössischen Kunst wie "Rock", "Rockstar" oder "Let's Rock" und ihre ausgewetzten Jeans mit einer besorgniserregenden Zahl an LĂŒftungsschĂ€chten werden von PatronengĂŒrtelplagiaten und nietembesetztem Leder gehalten. Zudem legen einige viel Wert darauf, ihre Unterhosen respektive Boxershorts den anderen zur Betrachtung freizugeben, damit ein jeder sieht: Hier wohnt der Rock.
Nur die Frauen wissen diese Personifizierung des wahren RockgefĂŒhls noch zu ĂŒbertreffen.
Auch sie tragen unvergleichliche Perlen der adoleszenten Gegenwartskunst auf ihren schweißdurchnĂ€ssten T-Shirts, ausgeheckt in den Köpfen der stĂ€ndig brĂŒtenden intellektuellen Elite. Worte wie "Rockschlampe" "Superrockschlampe" oder "Superrock" dokumentieren das feinen GespĂŒr fĂŒr das passende Outfit. Gelegentlich fallen Zahlen des kleinen Einmaleins ins Auge, die wahllos von der Industrie auf Shirts gedruckt und auf den Markt geschmissen wurden. Außerdem tragen sie extrem stoffökonomische Hosen, vollgesogen mit der kostbaren Luft historischer Konzerte, aus denen der allseits beliebte Tanga in weiß und schwarz lugt.
Einer Jury wĂŒrde nur das eine Urteil bleiben:
Die Klamotten sind jetzt aba ma Rock.
Auch die Band ist jetzt aba ma Rock. Mit der brachialen Raubeinigkeit eines kreischenden Dampfhammers drescht der triefende Trommler auf seine metallumspannten Teufelstöpfe ein, der betont behaarte Zupfmeister bedient mit gekonnt diabolischem Grinsen sein dröhnendes ArbeitsgerĂ€t, wĂ€hrend der AnfĂŒhrer des Trios sich daran versucht, mit höllischer Inbrunst und bedingungsloser Bösartigkeit gewagte und völlig neuartige Verse wie "Fuck the Police", "Fuck the law" and "Fuck the state" aus seiner dĂŒrstenden Kehle zu pressen. In verlĂ€sslicher RegelmĂ€ĂŸigkeit produziert er ein artistisches Hohlkreuz und beugt seinen Oberkörper gefĂ€hrlich weit nach hinten, ĂŒberzieht sein ZĂŒge mit einer schmerzverzerrten und verbissenen Gesichtsgymnastik und steigt rasch auf der Tonleiter acht, neun Stufen gleichzeitig hoch.
Die rasende, enthusiastische Menge dankt im das mit ohrenbetĂ€ubendem Geschrei und liefert sich mit ihren Kumpels eine lebensgefĂ€hrliche SchlĂ€gerei, die jedoch - das sei zur AufklĂ€rung gesagt - auf rein freundschaftlicher Basis ablĂ€uft. Auch blutende Nasen und unkonventionell positionierte Knochen gereichen hier nicht, um ernsthaft an der LiebenswĂŒrdigkeit der Freunde zu zweifeln.
Zwischen den Songs wirft der singende Barde einen verbalen Gassenhauer nach dem anderen auf die sĂŒchtige Menge, die unverkrampftes RockgefĂŒhl aufs deutlichste dokumentieren.
"Sagt mal, war das bisher alles im grĂŒnen Bereich?" Und sie schreien mit terroristischem Fanatismus - auch wenn ihnen die Musik mehr als fremd erscheint - nochmals den Rockurschrei: "Yeaaaaaaahhhhhhh."
Das Repertoire zur comedy-orientierten Anheizung des SÀngers ist jedoch noch lange nicht erschöpft.
"Gestern beim Konzert im Jugendzentrum Rheda-WiedenbrĂŒck waren weniger Leute", witzelt er mit showmasterlicher Leichtigkeit. Erneut verfĂ€llt der Mob in altertĂŒmliche Verbalbegeisterung und archaische Gestik. Der Mann mit der extrem rocklastigen Stimme weiß seinem WortkĂŒnstlertum nach einem wirklich apokalyptischem Song noch das SahnehĂ€ubchen aufzusetzen.
"Das ist Rock", brĂŒllt er und den denken Beobachter hĂ€tte es nicht gewundert, wenn er sich jetzt beidseitig unter den Achselhöhlen gekratzt und Tierschreie imitiert hĂ€tte. Das Publikum kennt kein Halten mehr und verwandelt den Saal endgĂŒltig in ein prĂŒgelndes Tollhaus, das nachher in Scharen und im Vollrausch ĂŒber das Vorhandensein einer ihnen unterstehenden Krankenkasse grĂŒbelt.
Niemand denkt auch nur eine Sekunde daran, in diesen geschichtstrĂ€chtigen, konspirativen, staatsfeindlichen Momenten den Raum zu verlassen. Auch nicht, wenn die Blase nur allzu heftig drĂŒckt und die Luft AggregatzustĂ€nde in obiger Richtung wechselt.
Nur ein unscheinbarer Mann in unscheinbarer Jeans und unscheinbarem weißem Hemd rĂŒmpft seine Nase und geht.
"Wat is'n?" fragt ein verdutzter Zuschauer, "dat ist doch jetzt aba ma Rock."
"Falsche Richtung", antwortet der Mann im weißen Shirt.
Der Blick seines GegenĂŒbers wird nun noch verdutzter.
"HĂ€h?"
"Geht mir zuviel von innen nach außen", erklĂ€rt der andere und verschwindet. Die verwirrten Blicke bleiben.

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McFire
Hobbydichter
Registriert: Dec 2001

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Rock

*ROFL*
und wieder -
*ROFL*
nein ich les es nicht nochmal, sonst
*ROFL*
es tut schon weh.

Da sieht man's wieder: Lachen ist so gesund gar nicht...

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