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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Jetzt fahr'n wir übern See
Eingestellt am 24. 01. 2011 23:21


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upag
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jan 2011

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Der Tag war sonnig und friedlich. Sie hatten für das Wochenende ein Zimmer in einem komfortablen Hotel am See gebucht, das nicht nur für seine Lage sondern auch für sein Restaurant berühmt war. Sie wollten den Alltag vergessen, abschalten und allen Frust und Ärger, der sie langsam entzweite, für ein paar Stunden hinter sich lassen. Ein langer Spaziergang am Vormittag, das übersichtliche, feine Menü zum Mittagessen und am Nachmittag Entspannung im weitläufigen Garten des Hotels. Gegen Spätnachmittag, die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, schlug er vor, ein Ruderboot zu mieten, um sich vor dem opulenten Abendessen den notwendigen Appetit zu verschaffen. Er war überrascht, als sie sofort einwilligte, da sie solchen spontanen Unternehmen eher zögerlich gegenüberstand, sich meist lange bitten ließ oder sie ohnehin kategorisch ablehnte.

Sie gingen zu dem nahegelegenen Bootsverleih und er vereinbarte mit dem Besitzer, dass sie erst nach Rückkunft und dann nach Dauer bezahlen würden. Der Verleiher drückte das schmale Boot fest an den Bootssteg und half ihnen beim Einsteigen, konnte aber nicht verhindern, dass es stark schwankte, als sie sich mit ihrem beträchtlichen Gewicht auf den hinteren Sitz plumpsen ließ, während ihr Mann sich geschickt an ihr vorbeischlängelte, den Ruderplatz einnahm und die Ruder einhängte. Sie atmete tief durch, setzte ihre Sonnenbrille auf und drückte die kleine, weiße Handtasche resolut auf ihren Schoß. Dann gab der Bootsverleiher dem Kahn einen kräftigen Stoß.

Er hatte schon lange nicht mehr gerudert und tat sich anfangs schwer, wurde aber bald immer sicherer und legte sich, nachdem er seinen Rhythmus gefunden hatte, mächtig ins Zeug. Das Boot entfernte sich bei den kräftigen Zügen der Riemen rasch vom Ufer, der Bootssteg war kaum noch auszumachen, das Ufer verschwamm im Dunst des Nachmittags. Es war etwas kühler geworden und in einiger Entfernung vor dem Bug war eine Nebelbank, auf die das Boot geradeswegs zusteuerte. Sie bedauerte wortreich, ihre Strickjacke nicht mitgenommen zu haben, während er sich durch die Ruderarbeit warm hielt und ihr Jammern ignorierte. Nach einer Weile schwieg sie resigniert, hielt aber ihr Schweigen nicht lange durch. Sie würde sich eine Erkältung holen und jetzt habe sie keine Lust mehr und er solle doch bitte umkehren, sofoort, bitte schön. Ihr Mann antwortete nicht, sondern ruderte verbissen und heftig schnaufend weiter.

Als sie den Nebel erreichten, legte dieser sich augenblicklich feucht, kühl und wattig um sie. In dieser hellen, weißen Suppe war nur noch die Sonne als diffuser Fleck zu erkennen, ansonsten gab es nichts, an dem sich das Auge hätte orientieren können. Und auch die Ohren waren durch die seltsame Nebelstille orientierungslos geworden. Doch die einlullende Stille wurde alsbald durch ihr erneut einsetzendes Klagen und Nölen unterbrochen, das an und abschwoll, mal ein forderndes Schreien, mal ein hilfloses Wimmern. Sie würden aus diesem Nebel nie mehr herausfinden, nie mehr. Sie spüre ihre Arme und Beine vor lauter Kälte schon nicht mehr, sie habe Hunger und Angst, ja Angst und er solle nur nicht so dreckig lachen. Denn statt einer Antwort hatte er nur sarkastisch gelacht, legte aber schließlich die Ruder doch in das Boot und beugte sich mehrmals weit vor und zurück, um sich zu entspannen. Das Boot schwankte und sie zeterte nun angstvoll, er solle mit diesem Quatsch aufhören. Er hörte aber nicht auf, sondern schalt sie einen Angsthasen, mit dem man nichts, aber auch gar nichts machen könne. Sie schwieg beleidigt und er stellte schließlich seine Entspannungsübungen auch ein, schwieg aber nicht, sondern steigerte sich nun seinerseits in seinen Zorn. Was denn schon dabei sei, in eine Nebelbank zu fahren, es sei ja schließlich Sommer und solange man die Sonne noch erahnen könne, würde er auf jeden Fall, er betonte, auf jeden Fall, zurück finden und sie solle endlich den Mund halten. Einmal in Fahrt gekommen, beschränkte er sich mit seinem Geschimpfe nicht mehr auf den konkreten Anlass und landete beim Grundsätzlichen. Sie gehe ihm schon seit langem auf den Geist, ja, nicht nur jetzt, sondern schon seit langem. Sie sei eine doofe Nuss und er wisse gar nicht, wie er auf die Schnapsidee gekommen sei, sie zu heiraten.

Das Boot dümpelte vor sich hin und schaukelte leicht und sanft im Takt der kleinen Wellen. Durch sein Gerede und diese Beleidigungen wütend geworden, gab nun auch sie alle Zurückhaltung auf und schrie ihn an, er sei ein sadistisches, gefühlloses Arschloch, ein Idiot, der sie immerzu quäle und einen Streit nach dem anderen vom Zaun bräche. Er war über ihren Ausbruch sichtlich verblüfft und blickte sie statt einer Antwort nur böse an. Dann fing er, wohl wissend, was sie höllisch ängstigte, damit an, das Boot zum Schwanken zu bringen, erst sacht und langsam, dann immer schneller und heftiger. Sie hielt sich mit beiden Händen an dem schmalen Sitzbrett fest, die Handtasche war auf den Boden gefallen und schrie mit sich überschlagender Stimme, er solle aufhören, sofort aufhören. Das Boot würde umkippen, er wisse doch, dass sie nicht schwimmen könne und er doch auch nicht. Er achtete nicht auf ihre Worte und fuhr mit dem Geschaukel fort und sie steigerte sich mehr und mehr in ihre Angst, in ihre Wut hinein. Sie wolle mit solch einem Blödmann keinen Abend, keine Nacht mehr verbringen, sie scheiße auf das gemeinsame Abendessen und reise noch heute ab. Dann hielt sie erschöpft inne, versuchte einen kurzen Moment lang ihn mit flehen und betteln umzustimmen. Er solle doch bitte, bitte aufhören und umkehren und sie wolle auch wieder ganz lieb und gut zu ihm sein. Doch statt eine Antwort zu geben oder einzulenken, richtete er sich in dem schmalen Boot auf und verstärkte so die Schlingerwirkung. Nun begann sie zu heulen und ihre Worte erstickten fast in ihrem Geheul, das mit der Ankündigung endete, sie wolle sich endgültig von ihm trennen, nicht nur abreisen, nein, sie wolle sich von ihm scheiden lassen. Darauf hin er, sie wisse doch gar nicht, was sie da sage, von was sie denn, bitte schön, leben wolle, sie hinge doch voll von ihm ab, voll und ganz, von ihm und nicht nur von seinem Geld. Sie sei doch ohne ihn ein Nichts, ein Garnichts, ein Fliegenschiss. Nach diesem Ausbruch schwiegen beide und er hörte mit dem Gewackel auf. In die Stille hinein sagte sie ganz ruhig, ganz leise, ganz ohne Schluchzen, seltsam gefasst, dass sie ihn nicht mehr brauche, dass sie auch ohne ihn leben könne, er werde schon sehen.

Diese ruhigen Worte ärgerten ihn offensichtlich mehr als ihr Geschrei und ihr Geheul, mehr als ihre Tränen und ihre Wut. Er packte eines der Ruder und fuchtelte damit drohend über ihrem Kopf, stieß wüste Flüche und Verwünschungen aus und stieg schließlich, um sein Tun und seine Worte zu verstärken und ins Maßlose zu steigern auf die Ruderbank und machte lange, ausholende Bewegungen. Daraufhin schwankte der Kahn in der Tat bedrohlich und ein Schwall Wasser nach dem anderen schwappte über Bord und vergrößerte die Pfütze zu ihren Füßen. Sofern sich ihre Angst noch steigern ließ, ja zu einer richtigen Todesangst ausartete, dann jetzt, als sie den rasenden Mann, ihren Mann, hoch über sich stehen und mit dem langen Ruder gestikulieren sah. Als er, so glaubte sie, zu einem Schlag auf ihren Kopf ausholte, ließ sie sich rückwärts von dem schmalen Brett fallen, riss dabei mit einer unvermutet schnellen Bewegung ein Bein hoch und trat ihm mit aller Kraft den spitzen Absatz ihres Stöckelschuhs zwischen die Beine. Er heulte auf, ließ das Ruder los, das aufplatschend ins Wasser fiel und griff sich, Linderung suchend, in den Schritt. Dabei verlor er das Gleichgewicht, schwankte noch stärker als das Boot und eine Sekunde später erfolgt ein zweites, diesmal weit heftigeres Aufklatschen.

Sie richtete sich langsam wieder auf und setzte sich auf das Brett. Dann sah sie, wie ihr Mann, ein, zwei Meter vom Boot entfernt, heftig mit den Armen ruderte, nach Luft japste, keuchte, Wasser soff und ausspie und dazwischen atemlos hervorstieß, sie solle ihm helfen, verdammt noch mal und ihm endlich das Ruder hinstrecken. Sie strich sich die Haare zurück und ergriff das zweite Ruder mit beiden Händen. Er war mit seinem wilden Herumgefuchtel, mit seinen unsystematischen, hilflosen Schwimmbewegungen immerhin bis an das Boot herangekommen, hielt sich mit beiden Händen an der Bordwand fest und versuchte sich daran hochzuziehen. Sie schaute ihm ruhig dabei zu, doch als er schon ein Bein über die Bordwand gehievt hatte und das Boot sich so weit neigte, dass es fast umkippte, stieg plötzlich die Angst in ihr wieder auf und wuchs ins Unermessliche. Sie wollte nur noch diese entsetzliche Gefahr abwenden, diese Todesgefahr des Ertrinkens. Sie fasste das Ruder noch fester, hob es über ihren Kopf und schlug mit aller Kraft auf die klammernden Finger. Ein tierischer Schrei, ein erneutes heftiges Schwanken des Bootes, ein erstickter Rufe, ein lautes Platschen. Wasser wirbelte auf, der Kopf ihres Mannes hob sich ein paar Mal aus dem Wasser, dann ging er unter und alle Geräusche klangen ab, das Wasser beruhigte sich, das Boot fand zu einer stabilen Lage. Die nebelwattige Stille wurde durch nichts mehr gestört.

Sie starrte eine Weile wie gelähmt auf das Wasser, kam dann langsam zu sich, tauchte das Ruder in das Wasser und versuchte voranzukommen. Das Boot drehte sich im Kreis und schlingerte, doch schließlich schaffte sie es, aus dem Nebel herauszufinden. Sie sah wieder die Sonne, die gerade dabei war, unterzugehen und sie sah auch in einiger Entfernung einen Fischer in einem kleinen Kahn, der seine Netze auslegte und von dem Geschehen in der Nebelbank offensichtlich nichts mitbekommen hatte. Bevor sie anfing, laut zu rufen und das hochgehaltene Ruder zu schwenken, hob sie das Handtäschchen aus der Pfütze auf und entnahm die kleine Pistole, die sie von ihrem Liebhaber bekommen hatte und die sie nun nicht mehr brauchen würde. Sie warf sie ins Wasser. Die Polizei würde sicher unangenehme Fragen stellen und penible Nachforschungen durchführen. Der Fischer bemerkte sie gleich und kam rasch auf sie zu. Sie verspürte plötzlich großen Hunger.


Version vom 24. 01. 2011 23:21

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jon
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Ein herzliches Willkommen auf/in/unter der Leselupe auch von mir. Ich hatte ja schon für's Freigeben den Text vor Augen und bis jetzt Zeit, zu überlegen, wie ich ihn finde. Die Zeit brauchte ich auch. Denn einerseits ist er gut lesbar, ja sogar "mit einem gewissen Etwas", andererseits empfand ich ihn aber als sehr unspannend. Und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen war sehr schnell klar, dass hier jemand sterben würde (wenn ich auch erst in der Person irrte), zum anderen aber auch, was den Textklang angeht.

Mal sehen, ob ich es deutlicher eingrenzen kann …

Wie gesagt, es war früh klar, dass jemand sterben wird. Spätestens als er auf den Nebel zusteuert. Warum einer sterben wird, war auch klar – bei dem Gekeife. Ein wenig überraschend war dann, wer stirbt, aber merkwürdigerweise empfand ich es nicht wirklich als Überraschung. Vielleicht war der Abstand zwischen "Andeutung" (… er werde schon sehen) und Tat trotz verhältnismäßiger Kürze doch zu lang, eher liegt es aber vermutlich am Tonfall.
Zu viel war dann der Schluss – das Klischee muss nicht noch sein. "Schöner" wäre für mich gewesen, wenn sie mit "ich kann ohne dich leben" einfach nur "ich werde dich verlassen" meinte und eher aus der Situation (vielleicht nach Zögern und/oder Hilfe-Reflex) diesen anderen Weg geht (den Angst-Aspekt hast du ja schon eingeführt).

Der Tonfall ist für mich aber der wesentlichere Schwachpunkt. Die Idee der Nicht-Rede hat was, aber du musst die Lautstärke, das Gezeter, den Kampf – die ganze Dyanmik eigentlich – dann anders "rüberbringen". Mehr mit dem Satzrhythmus (Länge, Kette oder Schachtelung, auch Anknüpfungen) arbeiten! Wesentlich sind zum Beispiel deutliche Tempounterschiede zwischen den friedlichen, fast idyllischen Anfangsbildern, der sich zum Kampf steigernden Auseinandensetzung und der plötzlichen Ruhe nach dem Kampf.


Vielleicht hilft dir, es laut vorzulesen und zwar so, wie ein Schauspieler es tun würde. Ich freu mich auf die "Dynamisierung".

__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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upag
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jan 2011

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Hallo jon, vielen Dank für deine eingehende Stellungnahme und die hilfreichen Hinweise, wie man den Text verbessern könnte. Ich werde mal darüber nachdenken und wenn ich eine Lösung finde, die Dynamik der Handlung durch die Worte besser auszudrücken, mache ich eine neue Fassung.

Gruß upag

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