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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Jetzt reicht es
Eingestellt am 09. 11. 2005 09:24


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jennypower
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2005

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„Jetzt reicht®s“

Und wieder quĂ€le ich mich ĂŒber den großen Platz - pĂŒnktlich um 7.15 Uhr wie jeden Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag. Der gutgekleidete Mann, Anfang 40, heute im dunklen Anzug, solariumgebrĂ€unt, kommt mir entgegen und grinst - ebenfalls wie fast an jedem Tag. Er arbeitet wohl in der Bank als Analyst oder als etwas Ähnliches. Dann gehe ich die Treppen zur U-Bahn hinunter und die blonde Schalter-Beamtin aus der Bank grĂŒĂŸt mich lĂ€chelnd. Das war aber auch das letzte freundliche Gesicht fĂŒr heute Morgen, in der U-Bahn sieht man nur noch angefressene Leute - auch wie jeden Tag. Es stinkt nach Schweiß und mir wird ĂŒbel.

Von hinten nĂ€hert sich die Frau mit dem Pferdegebiss und dem langen roten Haar, die den selben Weg zur Arbeit hat wie ich und mir im Laufe der Zeit schon ihr halbes Privatleben offenbart hat. Sie erzĂ€hlt von ihren vier Kindern, vom Hund und vom Wochenend-Haus in Ungarn, das sie schon vor Jahren gekauft hat, als die Preise dort noch wesentlich gĂŒnstiger waren. Ich höre mit einem halben Ohr zu und nicke. Wie einsam mĂŒssen Menschen wohl sein, um irgendwelche fremden Personen in öffentlichen Verkehrsmitteln einfach so anzusprechen? Sie kennt nicht einmal meinen Namen und ich auch nicht ihren, ich will ihn ja gar nicht wissen, und trotzdem sind wir einander irgendwie vertraut - gemeinsam gefangen im Alltagstrott.

Dann komme ich in die Firma. Der Kollege, der immer fĂŒnf Minuten vor mir kommt, hat schon sein Sakko abgelegt. Sein Computer lĂ€uft bereits und er öffnet gerade die rechte Schublade seines Schreibtisches, um das Foto mit seiner Frau und mit seinen beiden Kindern herrauszunehmen. Klipp klapp, der Bilderrahmen wird aufgefaltet und am Schreibtisch aufgestellt, um am Abend wieder zusammengeklappt zu werden und in der Lade zu verschwinden. Er wĂŒnscht mir einen guten Morgen und zĂŒndet sich seine erste Zigarette an. Es werden noch mindestens zwanzig weitere folgen bis die Putzfrau um 16.30 Uhr kommt und den Aschenbecher ausleert.

Heute ist Montag und deshalb gehe ich, wie jeden Montag, pĂŒnktlich um 9 Uhr ins Operations Meeting. Dort sitzen meist so um die zehn gut bezahlte, ĂŒberwiegend mĂ€nnliche Manager und diskutieren ĂŒber die wichtigsten AktivitĂ€ten der Verkaufs- und Marketingabteilung. Das Ganze dauert mindestens bis 17 Uhr, sonst kann es kein wichtiges und erfolgreiches Operations Meeting gewesen sein. Ziel dieses Meetings ist es, einerseits Schuldige fĂŒr Fehler, die passiert sind, zu finden und andererseits, was kĂŒnftige AktivitĂ€ten anbelangt, möglichst wenig Arbeit auszufassen. Ich sitze dort und höre zu. Wenn es um meine Produkte geht, versuche ich möglichst rasch ein Opfer in der Runde zu finden, dem ich die nötigen Actions ĂŒbertragen kann. So geht das Spiel und mittlerweile gehöre ich schon zu den Profis. Vor ein paar Jahren musste ich mir noch anhören: „Jenny, Du machst das sicher ganz toll. Mit Deinem Charme wirst Du diesen schwierigen Kunden schon ĂŒberzeugen“. Ich habe das damals sogar als Kompliment aufgefasst, dabei ist es nur darum gegangen, einerseits meine Kompetenz als Managerin in Frage zu stellen und andererseits mir Aufgaben zuzuschanzen, die nicht in meiner Job Description definiert sind.

Ich denke an meinen kleinen Sohn Markus. Er wird wohl gerade vom „KindermĂ€dchen“ mit dem Wagen durch die FußgĂ€ngerzone geschoben - und brĂŒllt wahrscheinlich vor sich hin. Den Kinderwagen mag er gar nicht, kein Wunder, da der Papa ihn immer so verwöhnt und ihn mit dem Bauch-Tragesack durch die Gegend schaukelt. Die Bezeichnung „KindermĂ€dchen“ trifft ĂŒbrigens nicht besonders gut zu: Frau Schoitl ist immerhin schon 52 Jahre alt und hat einen Sohn, der in psychiatrischer Behandlung ist - wegen seiner gestörten Beziehung zur Mutter. Aber das haben wir erst erfahren, nachdem sie bereits seit einigen Wochen unseren Markus betreut hat. Im Laufe ihres heutigen Spazierganges werden sie wohl, wie fast an jedem „Schoitl-Tag“, im Kaffeehaus „Toska“ landen. Frau Schoitl wird sich eine Melange gönnen und der kleine Markus bekommt ein Croissant. Die QualitĂ€t der Kipferl in der „Toska“ ist zwar objektiv betrachtet nicht besonders gut, aber Markus liebt offensichtlich den Geschmack nach nicht mehr ganz frischer Butter. Frau Schoitl ist eine sehr gepflegte Frau mit langem blonden Haar und immer auf der Suche nach einem neuen Mann. Sie war ja erst fĂŒnfmal verheiratet und jeder verdient eine sechste Chance! Mit dem sĂŒĂŸen Kleinkind am Schoß steigen ihre Erfolgsaussichten gewaltig, da auch die Ă€lteren Herren, die gerne am Vormittag auf einen Stehkaffe in die „Tosca“ gehen, von den großen blauen Augen des kleinen Markus und seinem sĂŒĂŸen LĂ€cheln (im Kaffeehaus schreit er nie) beeindruckt sind.

Zwischendurch schaue ich interessiert, manchmal kritisch und manchmal begeistert, werfe hin und wieder ein kurzes Statement wie „das ist ja unglaublich“ oder „ein interessanter Approach“ in die Runde, um meine aktive Teilnahme an der Sitzung zu untermauern. Ich wĂŒrde gerne wissen, wie viel Geld den einzelnen Volkswirtschaften jĂ€hrlich durch unnötig lange Meetings mit unnötig großen Teilnehmerkreisen verloren gehen - das sind sicher Milliarden von Dollar bzw. Euro. Auch ich bekomme ja genug dafĂŒr bezahlt, dass ich hier sitze und meine Rolle in diesem Spiel perfekt beherrsche. Und von dem Geld kann ich mir das KindermĂ€dchen leisten und meinem Sohn jeden Tag ein neues Spielzeug kaufen. Wir haben zwar schon keinen Platz mehr im Kinderzimmer und er hat schon alle Artikel der neuen Kollektion von „Play&Spiel“ - obwohl er viel zu klein dafĂŒr ist, aber er freut sich halt so sehr ĂŒber jedes Geschenk.

Wir gehen zum Business Lunch. Immer die gleiche QuĂ€lerei: wie soll ich den Teller mit den Brötchen, das Besteck, die Serviette und das Weinglas gleichzeitig halten und dabei noch angeregt mit dem Verkaufsdirektor ĂŒber die neue Inszenierung von „La Boheme“ in der Staatsoper sprechen. Er hat zwanzig Karten in der ersten Reihe fĂŒr seine wichtigsten Kunden gekauft - natĂŒrlich auf Kosten der Firma, also der AktionĂ€re oder „Kuponschneider“, wie diese gar nicht liebevoll vom kleinen, dicken Betriebsrat genannt werden. Die Vorstellung hat ihm, unserem Verkaufsdirektor, und seiner Freundin gefallen, wenngleich der wichtigste Kunde, Herr Kaiser - nomen est omen - bereits im ersten Akt eingeschlafen ist, um nur fĂŒr den Champagner in der Pause sein SchlĂ€fchen kurz zu unterbrechen und es dann gleich wieder fortzusetzen. Das macht aber nichts, denn die Frau Kaiser war begeistert und dafĂŒr hat unser Verkaufsdirektor es geschafft, dass die neue Produktpalette mit dem Namen „Rank&Schlank“ im Handels-Imperium des Herrn Kaiser verkauft wird. WĂ€hrend mir der Verkaufsdirektor von seinem großen Erfolg berichtet, kĂ€mpft er mit einem Roastbeef-Brötchen und das sieht ziemlich unappetitlich aus. Er schafft es nicht, vom zĂ€hen Fleisch anzubeißen und so hĂ€ngt das ganze große StĂŒck aus seinem Mund, es wird nach und nach hineingeschlĂŒrft, wĂ€hrend die Mayonnaise vom Kinn tropft. Mich wĂŒrgt es, aber ich lĂ€chle weiter zustimmend und versuche, ihn mit meinem Wissen ĂŒber die aktuellen Intrigen in der Staatsoper, ĂŒber welche ich in der „Bunten Woche“ beim Friseur gelesen habe, zu beeindrucken.

Das Meeting geht weiter und ich ĂŒberlege gerade, welche Jahreszeit wir eigentlich haben. Es muss wohl schon Herbst sein, da es mir heute in der FrĂŒh etwas kĂŒhler vorgekommen ist und der Schweißgeruch in der U-Bahn nicht ganz so schlimm war. Außerdem hat Markus schon vor zwei Monaten, am 10. August, seinen ersten Geburtstag gefeiert. Leider hab ich seine ersten Schritte nicht gesehen, die hat er ganz alleine fĂŒr Frau Schoitl gemacht. Ich frage mich nun, was ich hier eigentlich mache. WĂ€re es nicht besser, weniger Geld zu haben und dafĂŒr die Zeit mit meinem Sohn zu verbringen? Zu sehen, wie er sich entwickelt, wie er immer schneller und geschickter wird? Wann wird er sprechen lernen und was werden seine ersten, richtigen Worte sein? So etwas wie „mamamama“ plappert er schon manchmal vor sich her, aber sprechen kann man das noch nicht nennen. Im Winter könnte ich mit ihm Schlittenfahren und Eislaufen, spĂ€ter könnte er Schifahren lernen. WĂ€hrend ich so tue, als ob ich großes Interesse an den neuesten Strategien der Werbeleiterin hĂ€tte, denke ich ĂŒber meine Zukunft nach. Soll das jetzt noch 30 oder 40 Jahre lang so weiter gehen? Oder sag ich ganz einfach „Schluss“ und steige aus. Aber, wovon soll ich leben?

Ich springe auf, wie von der Tarantel gestochen und sage nur kurz zu meinem Kollegen, dass ich aufs Klo muss. Dann stĂŒrze ich aus dem Raum und laufe den Gang entlang, hole meine Tasche aus meinem BĂŒro, eile die Treppe hinunter und
hinaus auf die Straße. Ich fĂŒhle die kĂŒhle Luft, sehe die gelb-verfĂ€rbten BlĂ€tter an einem Baum und erlebe bewusst, dass es Herbst geworden ist. Ich werde jetzt ganz schnell in meine Wohnung fahren, Frau Schoitl nach Hause schicken und den Rest des Nachmittags mit Markus im Park genießen. Und dann werden wir schon sehen, wie es weiter geht.

__________________
Jenny Power

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