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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Joachim
Eingestellt am 07. 04. 2002 12:05


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Katjuscha
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“Een wunderschön juten Tach junga Mann hamm´se mal´n paar Jroschen für een arm Schlucka? Nee, ick will mia dafür keen Alk koofen. Ick hab een riesjen Knast – ick hätt jetzt lieba´n paar Pommes mit Majo. Een leckret Schnitzel mit Jemiese wär ooch nich schlecht, aba dett kostet bei Lottes Imbiß siem fuffzig.
Sie wissen wahscheinlich nich, wie dett is, so´n richtien Hunga zu ham, wa!? Dett is als ob´se´n Saugnapp im Majen ham, der sich so richtig festjezutscht hat. Dett is schon´n scheiß Leben hier.
Wo ick wohne? Na sie sind mir´n Witzbold junga Mann. Früja hätte man jesacht „inne Josse“. In Kriech unta Hitla wär ick wahscheinlich injelocht wordn als Assi. Aba heute iss dett ooch nich viel bessa als “Penna”, wie die Leute sagn, zu lebn. Bin vor zwee Jahrn rausjeschmissn wordn von meen Vamieta, weil ick keen Jeld mehr hatte. Arbeitslos bin ick seit acht Jahrn.
Watt ick jelernt hab? Rindazüchta mußt ick lern als junga Bengel. Bin denn vonne Zone nach Berlin jezogn kurz bevor´se die Maua jebaut ham. Watt machst´n mit nen Rindazüchta in Berlin? Die Leute aus de alte DDR heuln rum, wenn´se poltische Ökonomie studiert ham. Ick bin een Rindazüchta. Dett kommt uffs Jleiche raus. Uffn Bau hab ick denn jearbeitet, aber denn hatt icks mit´n Kreuz und musste uffhörn. Ne anständje Arbeit hab ick nich mehr jekricht. Na und ohne Wohnung brauchste den da janich ankomm.
Sozialamt? Nee – da jeh ick nich mehr hin. Da wirste behandelt wie´n faulet Stücke Dreck. Wart´n musste da ooch stundenlang. Nee – dett is nischt für mich. Dett bringt doch allet sowieso nischt und wieder nischt.
Eene Familie? Hatt ick ooch, ja. Doch meene Frau wollte keen Soziali. Een Sohn hab ick ooch. Den seh ick manchma. Als der noch een janz kleena Stift wa, hatta imma jesacht: “Papa – ick werd ma so wie du.“ Ja, dett hatta jesacht. Jetzt willa dett bestimmt nich mehr. Is bestimmt´n dufte Bengel. Hatt´n neun Vatta. Mir kennta bestimmt nich mehr.
Manchma wünsch ick mia, ick wär nich jeborn oda schon wieda tot. Meen besta Freund, der Kalle, der hat dett janz einfach jemacht. Hat´ne Pulle Schnaps jesoffn in Winta und is nich mehr uffjestandn vonne Parkbank. Wa einfach hin. Nich ma tschüs sajen konnt ick ihn. Der wa echt een Kumpel. Hat ooch Pech jehabt mit dett Leben. Sein kleen Sohn hatta totjefahrn – vor de eijene Haustür. Damit issa nich fertig jewordn. Na und denn issa hier jelandet.
Ick kriech dett nich hin mit den Alk. Bin imma wieder uffjewacht – inne Ausnüchterungszelle bei de Bullen.
Eenma wollt ick mia von Hochhaus stürzn. Aba denk´n se ma nich, dass ick übahaupt rinjekomm bin. Hamm mir wieda rausjeschmissn. „Watt wolln sie denn hia?“ hammse mir jefracht. Hattn Angst, datt ick dreckjer Kerl in ihre saubre Wohnung komm. Nich ma umbring kannste dia als Penna.
“Dett Leb´n jeht weita!” hat Kalle imma jesacht. Aba irjendwann jeht dett füa unsaeina eben nich mehr – ooch füa Kalle nich. Ick komm mir manchma vor wie so´n Tia, watt in sein Käfig vor sich hinvegetiert. Aba ick hab ooch keen Bock mehr daraus zu komm. Hat doch allet keen Zweck mehr.
Ach watt quassel ick denn schon wieder fremde Leute voll mit meen Lebn. Sie denk´n sich bestimmt: “Der Alte hat doch´ne Ralle!” Ick will se nich mehr länga uffhaltn. Sie ham bestimmt een wichtien Tamin. Vielleicht hab ick Jlück und bin meene Sorjen ooch bald los!
Herzlichn Dank füa den Zehna. Jott hab sie seelig! Lass´n se sich´s jut jehn
... und wern´se nich Rindazüchta!”
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Berliner Express, Dienstag, 18. Oktober 2001, S.4

Wer kennt diesen Mann?

Tiergarten. Ein etwa 50 bis 55 Jahre alter Mann ist am gestrigen Tag von spielenden Kindern leblos in der Spree Nähe Tiergarten gefunden worden. Noch konnte die Leiche nicht identifiziert werden. Der 1,78 Meter große Mann von hagerer Gestalt war mit einer blauen Jeanshose, einem karierten Hemd und einer grünen Weste bekleidet. Er trägt über dem linken Auge eine 3 cm lange Narbe. Die Todesursache war Ertrinken. Fremdeinwirkung kann ausgeschlossen werden.
Wer hat diesen Mann am Montagabend, dem 17. Mai gesehen und kann Hinweise zu seiner Identifizierung geben? Informationen nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.

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Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist wirklich ein Mensch. (Erich Kästner)

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Fea
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Hallo Katja,

das ist eine ziemliche gute Millieustudie, auf Berlinerisch zu schreiben ist, denke ich mal, ziemlich schwierig.

Der Ablauf ist nachvollziehbar und man kann sich den Ausschnitt aus dem Leben eines abgestürzten Menschen gut vorstellen. Es ist realitätsnah. Du hast einen guten Satzlauf und hast auch ein kompaktes, schlüssiges Ende hinbekommen.

Gut geschrieben!

Gruss Fea

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Katjuscha
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Danke

Schön, dass dir die Geschichte gefällt. Die Idee mit der Zeitungsannonce kam mir übrigens als ich Elke Heidenreich gelesen habe. Sie hat erst aus der Sicht einer Frau geschrieben, die Probleme mit ihrem Freund hat und sich in ein Ferienhaus nach Italien flüchtet. Außerdem deutet sie an, dass sie sich Reißnägel kauft. Am Ende der Geschichte findet sich als Anhang ein Obduktionsbericht, in dem ein unidentifizierbarer Mageninhalt vorkommt, der stark an Reißnägel erinnert. Das fand ich zwwar ganz schön makaber, aber klasse gemacht. Naja - und so sollte das mit dem Zeitungsausschnitt auch sein.
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flammarion
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hallo

katjuscha, das ist eine supergeschichte! nur die annonce am ende stört und verwirrt mich sehr. ich würde sie weglassen. der mann hat soviel humor und lebensfreude, warum sollte er sich umbringen, vor allem, wenn er einen zehner bekommen hat? aba et is ja deine jeschichte. ganz lieb grüßt
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Old Icke

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Katjuscha
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Penna ey

Hallo Flammarion,

was es mit der Zeitungsannonce auf sich hat, siehst du ja in meiner Anmerkung oben. Schade, dass es dir nicht gefällt. Habe aber noch nie darüber nachgedacht, dass auch nur die Geschichte an und für sich reicht, denn ichatte zuerst den Zeitungsartikel und dann die Geschichte.

Liebe GrĂĽĂźe von Katja
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Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist wirklich ein Mensch. (Erich Kästner)

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Fea
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Hallo Katja,

die Annonce rundet die Geschichte ab und macht das realitätsnahe aus. Lässt du sie weg, wird die Tragik der Figur nicht erkennbar.

Gruss Fea

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