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Jörg Fauser (1944 - 1987) Autorenvorstellung
Eingestellt am 30. 10. 2002 10:05


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Am Tag nach dem Leben *


„Als ich 23 war, verfaßte ich ein Gedicht, in dem es – nach der Aufzählung verschiedener Stationen meines jugendlichen Leidensweges – als Resümee sinngemäß hieß: >Keats starb mit 25 – ich bin nun auch schon 23< - eine Drohung, deren Absicht sich mir heute verschließt. Von der Existenz eines Leonce-und-Lena-Preises für debütierende Lyriker wußte ich nichts, also tat ich das nächstbeste und schickte das Poem einem Mädchen, in das ich – wie ich annahm: hoffnungslos – verliebt war, packte eine Reisetasche und setzte mich in den Orient ab. Keats war zwar zuhause gestorben, aber er hatte ja auch die Schwindsucht gehabt.“(1)
Jörg Fauser ist schließlich 43 Jahre alt geworden. Er starb am 17.07.87, wurde am frühen Morgen (um 4:20 Uhr) seines Geburtstages als Fußgänger auf der A 94 in Fahrtrichtung München von einem LKW erfaßt.
Geht man heute in einen Buchladen findet man von Fauser kaum mehr als das obligatorische Werk, das seinen Durchbruch als etablierter Schriftsteller begründete, „Der Schneemann“(2) – wenn überhaupt! Via Internet und BuchSuchMaschinen stößt man dann noch auf Titel wie „Blues für Blondinen“ (Ullstein), „Das Schlangenmaul“ (Ullstein) und mit viel Glück noch auf „Rohstoff“ (Ullstein) und „Die Harry Gelb Story“ (Maro Verlag). EINE einzige Jörg Fauser-Page gibt es bislang im Internet – fast ein Armutszeugnis wenn man bedenkt, was für eine unglaubliche Menge Material man dort zu jedem anderen, auch sinnlosen, Thema finden kann. Und damit hat es sich dann auch schon. Dabei hat Fauser wesentlich mehr zu bieten, als seine Romane und die noch veröffentlichten Gedichte. Vor allem seine Kurzgeschichten und Hörspiele, aber auch die anderen Gedichte sind äußerst lesenswert(3). In seinen Texten gibt es keine strahlenden Helden, es sind eher die gescheiterten Existenzen, die Verlierer und Einzelgänger, die Fauser als Protagonisten lebens- und liebenswert darstellt. Sie alle sind die durchschnittlichen Gestrandeten - oder auf dem besten Weg dorthin. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand. Fauser saugte sich nichts aus den Fingern, er beschrieb die Realität wie er sie selbst kennengelernt hatte. Er war kein Elfenbeinturmautor. In einem Interview mit dem Germanistikstudenten Ralf Firle(4) im Jahre ´85 äußerte er sich zum Zitat Reich-Ranickis („Schriftsteller sind Einzelgänger und müssen es sein, sie produzieren in Einsamkeit, wenn nicht gar in resignierter und trotziger Abgeschiedenheit.“) folgendermaßen: „...Der Schriftsteller ist kein trotziger Außenseiter, er will teilhaben, denn nur woran er teilhat, darüber kann er mit Fug und Recht schreiben. Das ist die Sache, da wollen sie uns haben – Butterblumen schreiben, Gräschen, Frauenprobleme – aber um gotteswillen keine Teilhabe, es sei den Böll, weil der ja – Nobelpreis und so – aber selbst der wurde ja noch angepfiffen. Das finde ich – pah! Nicht trotzige Abgeschiedenheit – Teilhabe an der Welt, das ist schon schöner.“
Fausers Aussage findet ihre konkrete Umsetzung in seinen Texten, die so nahe an der Realität sind, daß man sie als ironisch, sarkastisch, gelegentlich sogar humoristisch ansehen möchte. Und doch kennt man sie, die beschriebenen Situationen – und wer sie nicht kennt, kann sie sich zumindest bildlich vorstellen. Nirgendwo sonst konnte ich den sog. Social Beat besser schlagen hören, als in Fausers Erzählungen, in seinen Gedichten, Hörspielen und Romanen. Das liegt vielleicht daran, daß ich (unverschuldet) als Deutscher geboren wurde und mir Namen wie „Brandt“ oder „Uwe Sehler“ mehr sagen als „J.F.K.“ und „Hulk Hogan“, und daß der Begriff „Die Mauer“ mehr emotionale Bilder in mir frei setzt, als dies bei „Watergate Scandal“ der Fall ist. Fauser beschrieb in erster Linie den Social Beat Europas. Seine Reisen führten ihn nach England, Spanien, Griechenland, in die Türkei, wo er im Istanbuler Stadtviertel der Junkies, in Tophane(5), inzwischen selbst drogenabhängig, hauste und schrieb. Er hielt sich in den Niederlanden auf, in Thailand, Indonesien, Irland, den USA und Marokko. Er schrieb Reportagen im Goldenen Dreieck, für den Playboy(6) interviewte er Charles Bukowski. Er pflegte Kontakte zu spanischen und britischen Anarchisten. Jörg Fauser hatte ein bewegtes Leben – und er widmete dieses Leben der Literatur des Alltags. Selbst in seinen Kriminalstücken saugte er sich am Puls des kleinen Mannes fest und schilderte sein Versagen, seine Fehler, seine kleinen Siege. Die ganze Bandbreite der Lächerlichkeit des Seins.
Dazwischen unzählig viele andere Projekte: Er arbeitete u.a. mit J. Ploog an den Undergroundzeitschriften „UFO“ und „Gasoline 23“. Fauser schrieb Songtexte für Achim Reichel, Reportagen für Lui, Stern, Sounds, TransAtlantik, Twen, u.v.m. Er schrieb eine Biographie über Marlon Brando(7), er rezensierte, übersetzte eine James Dean Biographie, Joan Beaz, ... Er war für kurze Zeit Redakteur von „ZOOM“, einer Untergrundzeitung, die eine zweite Ausgabe nicht überlebte. Er verfaßte Drehbücher. Fauser schrieb! Und schrieb! Und schrieb! Er war einer dieser frenetischen Autoren, die immerzu schreiben mußten – und wenn er das nicht konnte, trank er. (Nach Angaben von Zeitgenossen trank er aber auch, wenn er schreiben konnte.) Sehr schön kommt sein Schreibbedürfnis in folgendem Gedicht zum Ausdruck, welches ich für eines seiner besten Stücke halte:

Winter-Szene

Draußen schneite es.
Drinnen im Keller
saß ich auf dem ungemachten Bett,
trank Alka-Seltzer aus einem Bierglas
und sah ihr zu.
Sie zog sich an.
Mußt du denn schon gehen?
Ja, ich muß den Kindern Mittagessen machen.
Und dann?
Dann muß ich auf die Krankenkasse
Aufs Finanzamt, aufs Schulamt,
aufs Einwohnermeldeamt, zum Zahnarzt,
zum Bäcker, in die Wäscherei,
Abendessen machen und dir
Einen Schnaps vorbeibringen,
das muß ich machen,
verstehst du?
Ich verstand.
Sie schlüpfte in ihren Slip,
er war lila.
Weißt du, daß ich seit sechs
Wochen kein Gedicht mehr
geschrieben hab?
Dann schreib doch eins.
Und das letzte war schon Mist.
Dann schreib jetzt ein besseres.
Vielleicht hab ich´s verlernt,
sagte ich.
Sie setzte sich zu mir,
ich küßte ihre Brust**.
Das verlernt sich nicht so leicht,
sagte sie, stand auf, zog ihren Mantel an
und ging ihrem ausgefüllten Tag entgegen.
Es schneite immer noch.

Tatsächlich wurde Fauser unruhig, wenn er seit zwei Wochen kein Gedicht mehr verfaßt hatte.
Ein weiterer faszinierender Punkt an Fausers Schreibe ist, daß man seine Stücke auch mehrmals lesen und immer wieder neue Spitzfindigkeiten und versteckte Andeutungen finden kann. Ähnlich wie bei einem guten Film, den man sich immer wieder mal gerne ansieht, weil einem dabei nicht langweilig wird, auch wenn man den Handlungsstrang schon in- und auswendig kennt. Ich denke dabei in erster Linie an das Hörspiel „Für eine Mark und acht“(8) – ein Stück, das ich für eine einsame Insel bevorzugen würde. Auch hier wieder: Diejenigen, die verloren scheinen und doch noch aufrecht stehen; jene, denen das Leben übel mitspielt und die sich ihre Karten doch nicht aus der Hand nehmen lassen. Kleine, unbedeutende Rebellen – Rebellen in einem Land, in dem der letzte Zug schon längst abgefahren ist.
Wie bereits erwähnt: Jörg Fauser schrieb auch Reportagen. Viele behandeln die Thematik Drogen und Entzug; in anderen geht es um politische Themen – ein Bereich, der Fauser sehr interessierte. Er sah seine Aufgabe darin, eine konträre Stellung zu den herrschenden Machtverhältnissen einzunehmen. Aber, worüber Fauser auch immer schrieb: Er erhob nie den Zeigefinger, er beklagte sich nicht, nahm die Welt so, wie sie war. Er fügte seinen Reportagen, ebenso wie in seinen Storys und Gedichten, keine unnötigen Floskeln bei. Ob Reportage oder Fiktion, für Fauser hatte beides den gleichen literarischen Stellenwert. Eine seiner größten Stärken war, neben der knappen und milieugetreuen Sprache, die knallharte Objektivität, mit der er seine Werke verfaßte. „Ein guter Roman muß fast ohne Adjektive auskommen“ behauptete er(4) und fügte sich damit in den Reigen großartiger Autoren wie Gottfried Benn ein. Von den Expressionisten fühlte er sich beeinflußt. Autoren, die Fauser prägten, waren neben Graham Greene, auch Gottfried Benn, Roth, Hans Fallada, Ernest Hemingway, Nelson Algren und Knut Hamsun. Später natürlich ebenfalls Charles Bukowski.
1988 zeichnete die „Autorengruppe deutsche Kriminalliteratur“ DAS SYNDIKAT Jörg Fauser posthum mit dem „Ehrenglauser“ aus. Eine ironisch anmutende Geste für einen Mann, der sich selbst folgendermaßen beschrieb: „Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder aus öffentlicher Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique; verheiratet, aber sonst unabhängig.“ Darauf schien er stolz gewesen zu sein. Er begriff sich selbst als einen Teil der „Gegenströmung zur offiziellen deutschen Literatur“.

Als Einführung möchte ich dem (nun vielleicht neugierig gewordenen) Leser „Rohstoff“ ans Herz legen; vor allem, wenn man wie ich, kein Krimifan ist. In „Rohstoff“ berichtet Fauser sehr flüssig und konkret über einen frühen Abschnitt seines Lebens und Schaffens. Oder man greift gleich zur 3-bändigen Gesamtausgabe bei Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, die zum kaum mehr zu unterbietenden Preis von DM 33.- angeboten wird. Nicht nur zum „Reinschnuppern“ in Fausers Arbeiten eignet sich auch „O-Ton“, eine Doppel-Audio-Cd mit Booklet, welche im Trikont-Verlag erschienen ist. Die zuvor schon erwähnte Jörg Fauser-Page finden Menschen mit Internetzugang unter Hier klicken .
Und so schließe ich diese kurze (und auch lückenhafte) Beschreibung eines großen deutschen realistischen Dichters unserer Zeit mit seinen Worten: „Das Leben ist hart, und wer es nicht in dieser Konsequenz sieht u. (wie Benn) immer die ´mörderische Stunde´ o.ä., der hat in der Literatur nichts verloren.“(9)




* Titel eines Gedichtes im Band „Die Harry Gelb Story“, 1973 Maro Verlag
** In der gedruckten Fassung lautet es „Ich küsste ihre Titten“. Die von mir gewählte „Brust“-Version stammt von einer seiner Lesungen, die es auf CD zu kaufen gibt (O-Ton, Trikont-Verlag). Ich finde sie einfach schöner.
(1) „Vom Anfang und vom Ende“ Jörg Fauser, Das leise lächelnde Nein, Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins
(2) „Der Schneemann“ Jörg Fauser, 1981 bei Rogner & Bernhard erschienen / 1984 von Regisseur Peter F. Bringmann verfilmt, in der Hauptrolle Marius Müller-Westernhagen
(3) Besonderer Dank gilt hier Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, ein Verlag, der Fausers Schaffen in Form einer 3-bändigen Werksausgabe herausgegeben hat.
(4) Magisterarbeit von Ralf Firle „Sauberer Lorbeer und schmutzige Wäsche – Struktur und Problematik der Prosa Jörg Fausers unter besonderer Berücksichtigung seiner Romane“
(5) Literarische Verarbeitung dieser Zeit findet man am ausführlichsten in „Tophane“, 1972 Maro Verlag und in „Rohstoff“, 1982 Ullstein
(6) Playboy 12/1977
(7) „Marlon Brando – Der versilberte Rebell“, 1978 Verlag Monika Nüchtern
(8) im Band „Das leise lächelnde Nein“, 1994 Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins
(9) Aus dem Brief an Hr. Soik, 14.11.1979

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