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Leselupe.de > Humor und Satire
Johodeliho
Eingestellt am 28. 08. 2005 08:45


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Marius Speermann
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Registriert: Jul 2005

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Ein kleiner Bub aus Wien kommt herum in der Welt und beschreibt, was ihm dabei so auffĂ€llt. Gemeinsam mit seiner kleinen Freundin Natasha, die aus Russland stammt und scheinbar alles weiss, versucht er die Situationen und WidersprĂŒchlichkeiten zu verstehen. Dabei bleibt zuerst Mal der Ernst auf der Strecke...

Sowas blödes! Die Natasha hat mich zu einer FrĂŒhlingsparty am vergangenen Samstag eingeladen. Die Natasha ist meine Freundin und aus Rußland und dort feiern sie immer viel. Ein besonders großer Feiertag dort ist der 9. Mai. Natasha sagt, das war das Ende des Großen VaterlĂ€ndischen Kriegs vor sechszehnzig Jahren, aber die Natasha ist eine besserwisserische Angeberin und das ist sicher eine Erfindung von ihr. Ich habe Papa gefragt und Papa kennt auch keinen Großen VaterlĂ€ndischen Krieg. Papa hat gemeint, dass es vielleicht der Krieg zwischen Dschingis Khan und den Apachen oder den Alaskerern war.

Jedenfalls war die Party im Garten von Natashas Eltern geplant. Unsere Freunde aus der Schule Michael, Yilmaz, Igor, Sandra und Sascha waren ebenso eingeladen. Auch sie kannten alle diesen Feiertag nicht, als ich sie in der Schule danach gefragt habe. Yilmaz meinte, daß das der Krieg zwischen der TĂŒrkei und Rußland gewesen sein muß, wo aber die TĂŒrken gewonnen haben und er nicht wisse, wieso die Russen nun feiern. Sascha war anderer Meinung und hat den Yilmaz einen Dumpfdödel genannt, weil der Große VaterlĂ€ndische Krieg war der, wo die Serben auf dem Drosselfeld oder so gegen Real Madrid verloren haben. Daraufhin hat der Yilmaz dem Sascha einen Knuff verabreicht, und die Natasha hat geschrien „Im Großen VaterlĂ€ndischen Krieg haben wir die DeutschlĂ€nder in den Hintern getreten“ und trat dem Yilmaz in den Po. Gerade in dem Moment, als ich Sandra in den Arm beissen wollte und es spaßig wurde, ist Professor Heiter gekommen und der hat gar nicht lustig dreingeschaut, als er uns gesehen hat. Immer wenn er Pausenaufsicht hat, ist er ganz mĂŒrrisch.

Papa und Mama haben gesagt, daß ich nicht auf die Party hingehen kann, weil wir schon lĂ€nger zu einem Schuhplattlerfest im 21. Bezirk am selben Nachmittag eingeladen waren. Ich habe gesagt, dass das gemein ist und ich nicht zu den Schuhschnacklern gehen will sondern zu der Party von der Natasha und wenn ich nicht gehen darf, dann laufe ich davon und es werden schon alle sehen, wie sehr ich ihnen abgehe. Mama hat nur gesagt, wenn ich nicht sofort mit meinem GebrĂŒll aufhöre, dann gibt es zwei Wochen keinen Nachtisch fĂŒr mich.

„Es auf dem Fest schöne Musik zu hören und TĂ€nze zu sehen und auch jede Menge andere Kinder, mit denen du spielen kannst“, hat Mama gesagt.
„Aber bei Natasha gibt es auch Kinder und schöne Musik und wir tanzen und spielen auch dazu“, habe ich gesagt. Papa hat geantwortet, dass das doch nur sinnloses Herumgezappel und die Discomusik nur was fĂŒr GehörgeschĂ€digte und Bewegungsgestörte ist. Die Mama hat Papa mit großen mutterlĂ€ndischen Augen angesehen und gesagt, dass ihm frĂŒher die Musik nicht laut genug sein konnte und er Mama immer gern in die Disco eingeladen hat.

„Aber wir singen auch und Natasha hat ganz viele gute Sachen zum Essen und Trinken vorbereitet“, habe ich nochmals gesagt und geweint.
„Die Texte sind doch alle strohdumm und unanstĂ€ndig“, hat Papa gesagt, „und es ist gut wenn Du Dich einmal nicht mit dem chemischen Zeugs wie Fanta und Cola aufdopst.“
Mama’s Augen wurden immer mutterlĂ€ndisch grĂ¶ĂŸer. „Aber die Texte hast Du doch immer gern mitgesungen und mir sogar ins Ohr, wenn Du romantisch warst. Und das Cola hast Du mir obendrein immer spendiert!“
„Du meinst, die zwei Cola, die ich getragen habe, als Du mir das Bein in der Disco gestellt hast? Und das auf dem Schoß eines anderen sitzend?“, hat Papa gesagt.

Das war ganz interessant. Ich wusste nicht, daß Mama und Papa ohne mir in der Disco waren. Leider haben sie nicht weitergeredet, als sie meine großen kinderlĂ€ndischen Augen gesehen haben und Mama hat nur zu Papa gesagt: „DarĂŒber sprechen wir spĂ€ter weiter.“ Und dann hat sie sich an mich gewandt und gesagt „Und Du ziehst Dich jetzt um.“

Da war nichts zu machen und ich mußte mich umziehen. Raus aus meinen Jeans und rein in den Trachtenanzug. Mama hat gesagt, daß ich mich benehmen und auf den Anzug aufpassen soll, denn der sei sehr teuer gewesen. Außerdem ist das Brauchtum, das schon die Altvorderen vor Millionen von Jahren ausgeĂŒbt haben. Ich wollte aber nicht, weil es ist immer sehr unbequem, wenn man so auf sein Gewand aufpassen muß. Papa meinte nur, ich soll froh sein, daß ich so einen Anzug habe, denn als Kind konnten sich seine Eltern nicht leisten, ihm solch einen Anzug zu kaufen.
„Wenn sich die Leute den vor vielen Jahren nicht leisten konnten und sowieso nicht getragen haben, wieso muß ich ihn dann jetzt tragen?“, habe ich gerufen, aber Mama hat nur „Nachtisch“ gesagt, und ich war ruhig.

Auf dem Weg zum Fest habe ich mich im Auto ganz hinten versteckt, damit wieder einmal niemand meine alberne Kleidung sieht. Michael, Natasha, Yilmaz, Sandra und Sascha lachen mich immer aus, wenn sie die altmodische Kleidung sehen. Aber sie haben ja recht: wozu braucht man heute noch HosentrĂ€ger, wenn es GĂŒrtel gibt? Und Edelweiß habe ich in Wien auch noch nie gesehen und auf den Bergen sowieso nicht.

Kaum sind wir beim Fest angekommen, hat meine Mama die Arme hochgerissen, gekreischt und ein paar Damen umarmt und links und rechts auf die Wange gekĂŒĂŸt. Das hat nichts Gutes bedeutet, denn die Damen wollen mir auch immer Busserln geben und das ist ganz pfui. Die einen geben einem ganz nasse, schlabbrige, die anderen wiederum schminktrockene. Und dabei pressen sie einen immer an ihre Dirndl-Defilee, wo es so nach ParfĂŒm und Schminke riecht. Von dem Geruch wird mir im Chemieunterrricht in der Schule schon schlecht genug.

Mein Papa hat ein paar Herren in Lederhosen und Trachtenanzug die Hand gedrĂŒckt. Sie haben ausgeschaut, als ob sie gerade vom Wandertag gekommen sind. Alle gemeinsam sind wir plaudernd zu unserem Tisch gegangen. Also geplaudert haben eigentlich nur Papa und Mama und die Damen und Herren, denn ich habe nicht gesprochen, weil gar keine Kinder da waren. Und verstanden habe ich auch nichts, denn es war sehr laut, durch all die durcheinander sprechenden Leute. Kinderparties sind jedenfalls viel leiser.

Nachdem wir uns hingesetzt haben und der ganze LĂ€rm endlich aufhörte, kamen die TĂ€nzer herein. Also genauer gesagt wußte ich nicht ob das TĂ€nzer waren, denn kaum war es leise, hat die Musik ganz laut zu plĂ€rren begonnen und die MĂ€nner haben zu zappeln angefangen, daß deren RauschebĂ€rte nur so herumgeflogen sind und die Falten wackelten. Sie sind hochgesprungen und habe sich ganz fest auf die Oberschenkeln, Schuhe, Po und sonstwo hingeschlagen. Und die Frauen haben sich nur selbst im Kreis gedreht.

„Warum zappeln die denn so? Hat sie was gestochen?“ habe ich zu Papa geschrien. Papa hat zurĂŒckgeschrien, daß das ein Schuhschnackler ist, wo die TĂ€nzer ganz geschickt ihre HĂ€nde und Beine verwenden und zur Musik tanzen und klatschen.
„Und wieso hauen sie sich dabei? Und warum drehen sich die Frauen nur im Kreis?“, habe ich nochmals geschrien. Papa hat geseufzt und auch geschrien: „Die MĂ€nner wollen den MĂ€dchen zeigen, wie geschickt sie dabei sind, sich selbst zu hauen.“

Sowas dĂ€mliches. Ich muß da spĂ€ter die Natasha fragen, die weiß nĂ€mlich immer alles und der Papa wollte mich sicherlich nur auf den Arm nehmen. Die Natasha wĂŒrde ja ordentlich lachen, wenn ich so tanzen wĂŒrde. Und ziemlich fad wĂŒrde ihr auch werden, wenn sie sich nur im Kreis drehen und nichts anderes machen darf. Aber vielleicht konnten die auch nichts anderes tanzen, weil die TĂ€nzer alle schon so uralt waren, mindestens tausendsiebzehnzig Jahre.

Sie haben ganz lange viele ZappeltĂ€nze getanzt und manchmal auch dazu gesungen, aber nur die MĂ€nner. Die Frauen durften nicht mitsingen. Aber von den Texten habe ich nichts verstanden. Was ist ein „Waldhansl“? Und was heißt „Habt’s Eich z’samm“? Und was ist ein „Krax’nweib“? Papa hat gesagt, das sind alte Texte und ein Waldhansl ist eine Schwammerlart, die im Wald wĂ€chst, „Habt’s Eich z’samm“ heißt „Haut Euch am Kopf“ und „Krax’nweib“ ist eine Frau, die ihr Auto zu Schrott fĂ€hrt. Das leuchtete mir ein. Nur: haben die damals schon Autos gehabt? Und wenn die Frauen nicht mal singen und zappeln dĂŒrfen, warum dĂŒrfen sie dann autofahren?

Am lustigsten waren noch die Schreie dazwischen, wie aus dem Urwald: Jodeliho!!!! Juheiheieia!!! und so. Keiner kann wissen, was das bedeutet, aber ich habe auch die ganze Zeit mitgeschrien. Papa hat sich aber nicht gefreut, und zu mir geschrien, wenn ich nicht sofort damit aufhöre, dann wird er mich am Ohr nehmen und zeigen, woher diese Schreie kommen.

Endlich war die Musik vorbei und die Pause da. Alle sind zu den Tischen geströmt und haben Essen bestellt und Bier, Wein und Schnaps getrunken. Einige Ältere haben zu rauchen begonnen und das ist immer furchtbar, denn der Rauch brennt in den Augen und der Gestank von Alkohol ist mit fetten Schweinshaxen besonders schlimm. Warum sich die Erwachsenen immer mit den ganzen chemischen Mitteln vollstopfen mĂŒssen?

Ich bin die ganze Zeit nur steif dagesessen, weil ich nicht den Anzug kaputt machen wollte. Vielleicht muß man erst so alt werden wie die TĂ€nzer, damit man herumzappeln darf, wie man will?

Nach der Pause wurde es dann aber sehr interessant. Zwar sind dieselben alten TĂ€nzer wieder gekommen, aber sie haben diesmal ganz andere Texte gesungen. Sie sangen von „Tutteln“ und „Beidl“ und „schuastern“ und anderen unbekannten Dingen. „Was heißt denn das?“, habe ich Mama und Papa gefragt. Mama und Papa haben sich angeschaut und sind dabei ganz rot angelaufen.

„Weißt Du was?“, hat Papa zu mir gesagt und die Mama hat dazu genickt: „Vielleicht gehen wir doch jetzt besser zu der Party von Natasha. Die Party hat ja erst angefangen. Uns ist das Schuhschnackeln zuviel unkorrodinierte Zappelei, und die Texte verdummen einen auch nur.“

Das war super, da konnte ich nÀmlich gleich die Natasha nach der Bedeutung von diesen Wörtern fragen.

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