Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92269
Momentan online:
304 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Jonas' Haus
Eingestellt am 05. 07. 2002 15:00


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Ann-Kathrin Deininger
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Sep 2000

Werke: 57
Kommentare: 87
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ann-Kathrin Deininger eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Jonas war ein wenig au├čer Atem und blieb stehen. Mitten in einer Pf├╝tze. Seine ausgeleierten Turnschuhe sogen sich sofort voll Wasser, aber er bemerkte es nicht. Der Wind warf den Nieselregen hin und her, trieb ihn in das Gesicht des Jungen und vermischte sich dort mit dem Salzwasser auf seinen Wangen.
Jonas ging weiter, langsamer jetzt. Er wu├čte nicht genau, wo er war, aber er ging weiter. Das Wasser in seinen Schuhen machte eigent├╝mliche Ger├Ąusche bei jedem Schritt. Schlurfend setzte er seinen Weg fort und beobachtete die Tropfen, die bei jeder Bewegung von seinen Schuhen spritzten. Er stie├č einen kleinen Stein mit dem Fu├č an, der davonsprang und in einer Pf├╝tze landete. Das Wasser zog kleine Kreise.
Jonas setzte seinen Fu├č in die Pf├╝tze. Das Wasser blieb still. Eine kleine Welle ging von seinem Schuh aus, aber es gab keine Ringe. Der Junge zog die Nase hoch und ging weiter. Der Regen wurde etwas heftiger. Jonas drehte sich einmal um seine Achse, dann wechselte er die Stra├čenseite. Kurz darauf ging er wieder hin├╝ber.
Dann sah er das Blatt. Es war ein ziemlich gro├čes Blatt, mit f├╝nf kleineren Bl├Ąttern daran. Ein Kastanienblatt! Jonas ging etwas schneller. Das Blatt landete mitten auf der Stra├če. Jonas ging hin und sah es an. Es war schon richtig gelb und na├č und glitschig vom Regen. Und es lag ganz allein auf der Stra├če. Jonas hob es auf.
Er blickte nach oben, denn er wu├čte, wo ein Blatt war, waren auch andere. Er hatte recht. Riesige ├äste beugten sich weit ├╝ber die Stra├če. Der Junge verfolgte sie mit dem Blick und erblickte die St├Ąmme, die sich hinter einem Maschendrahtzaun befanden. Er ging ├╝ber die Stra├če und presste seine Nase durch das Netz des Zaunes. Er wurde traurig, weil er nicht an den Stamm reichte, selbst wenn er seine Hand durch den Maschendrahtzaun schob. Der Draht schob seinen ├ärmel nach oben und zerkratzte seine Haut, aber Jonas reichte nicht bis zum Stamm. Es tat furchtbar weh, als er den Arm zur├╝ckzog.
Der Regen prasselte in die Bl├Ątter der Kastanien, und dicke Tropfen rollten hinunter und platschten mit einem satten Ton auf den Gehweg und auf Jonas. Ein Tropfen hing an seiner Nase und tropfte von dort aus auf seine Jacke. Der Junge blickte zu Boden. Da waren viele, viele Bl├Ątter, viele gelbe, aber auch noch ein paar gr├╝ne. Es gab auch braune und solche, die schon richtig schwarz waren. Die lagen weiter unten. Jonas b├╝ckte sich und hob das Ende vom Maschendrahtzaun an. Die Enden stachen ein bi├čchen in seine Hand, aber er konnte sie ein St├╝ck hochbiegen. Dann schob er vorsichtig sein gelbes Kastanienblatt zu den anderen Bl├Ąttern. Er wu├čte, dass es dorthin geh├Ârte, ein Blatt geh├Ârt zu den anderen Bl├Ąttern.
Sein Blick wanderte weiter, w├Ąhrend er noch vor dem Zaun hockte. Da lag ein Schuh. Es kam Jonas etwas komisch vor, dass zwischen diesen Bl├Ąttern ein Schuh lag. Und der Junge wu├čte auch, dass zu einem Schuh immer ein zweiter Schuh geh├Ârte. Da lag aber nur ein Schuh. Er lag weit hinter den Kastanien, so dass er ihn nie erreichen konnte, aber zumindest konnte Jonas sehen, dass es nur ein Schuh war. Es war ein alter Schuh, der schon lange im Regen gelegen hatte. Bestimmt war darin schon soviel Wasser, das eine Maus ihn als Badewanne benutzen konnte. Jonas l├Ąchelte ein bi├čchen, als er sich das vorstellte.
Erst danach bemerkte er, dass er die ganze Zeit vor einem Haus stand. Das war ziemlich komisch, er hatte das Blatt bemerkt und den Schuh, obwohl beide im Vergleich zu dem Haus richtig klein waren. Nat├╝rlich war auch das Haus ziemlich alt, der Regen prasselte einfach durch das Dach hindurch und lief in einem kleinen Rinnsal unter der T├╝r wieder hervor. Ein so altes Haus war fast so etwas wie ein versunkenes Piratenschiff. Jonas sagte sich, er habe einen Schatz gefunden. Endlich hatte er etwas wirklich tolles gefunden. Nat├╝rlich, er hatte schon das Blatt gefunden und den Schuh, aber ein so altes Haus war doch etwas besonderes. Es mu├čte wirklich schon ziemlich alt sein, das Haus, so wie es da stand. Es war aus Lehm gemacht, der langsam abbr├Âckelte, weil er so nass und schwer war.
Das Haus stand ganz allein da, ganz einsam und allein. Jonas f├╝hlte sich ganz klein, w├Ąhrend er es betrachtete. Fr├╝her hatten hier bestimmt viele Familien gewohnt, und Tiere nat├╝rlich auch. Aber irgendwann hatten sie das Haus alleingelassen. Jonas konnte sie vor sich sehen, wie sie vor dem Haus standen, als es noch ganz schwarze Balken hatte und ein richtiges Dach. Der Anstrich war ganz wei├č und wirkte fr├Âhlich. Jonas konnte die Menschen sehen, in eigent├╝mlichen alten Kleidern, die tanzten und fr├Âhlich waren.
Dann sah er wieder das Haus, so wie es jetzt war. Es mu├čte traurig sein, dass es so allein war, dass die fr├Âhliche wei├če Farbe zu einem h├Ą├člichen verwaschenem Gelb geworden war. Es mu├čte traurig dar├╝ber sein, dass es im Regen zerfiel, und dass sich keiner darum k├╝mmerte. Jonas wurde auch traurig. Die Bl├Ątter waren wenigstens alle zusammen, und auch das Blatt von der Stra├če war wieder bei den anderen Bl├Ąttern. Und der Schuh, der hatte bestimmt auch einen zweiten Schuh, der in dem Haus lag. Nur das Haus hatte niemanden. Niemanden der das Dach richtete, die W├Ąnde ausbesserte und die Balken neu anstrich.
Aber jetzt war wenigstens Jonas da. Jonas sagte leise, dass er das Haus nicht vergessen w├╝rde. Er dachte, es w├Ąre jetzt sein Haus, und er m├╝sse es besuchen und sich darum k├╝mmern. Er hatte gar nicht gemerkt, dass der Regen inzwischen aufgeh├Ârt hatte.
Pl├Âtzlich h├Ârte Jonas Stimmen von der Stra├če, und er sah eine Horde Kinder, die auf ihn zugerannt kamen. Ganz schnell waren sie bei ihm, und pl├Âtzlich hatten sie ihn umringt. Sie b├╝ckten sich alle und hoben Kastanien auf, die auf dem Boden lagen, sie nahmen alle gro├čen, braunen Kastanien und stopften sie in Plastikt├╝ten. Dann sammelten sie Bl├Ątter auf, gro├če, gelbe Bl├Ątter. Und Jonas dr├Ąngten sie immer mehr weg vom Zaun. Dann, als sie fertig waren, bestaunten sie das Haus, und ein Junge rief, es w├Ąre sein Haus, er habe es zuerst gesehen. Die Kinder begannen zu streiten.
Salziges Wasser lief ├╝ber Jonas‘ Gesicht und er dachte, es habe wieder angefangen zu regnen. Ganz leise fl├╝sterte er: „Aber das war doch mein Haus.“



__________________
Ein Raum ohne B├╝cher ist wie ein K├Ârper ohne Seele.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


soleil
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: May 2001

Werke: 5
Kommentare: 169
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um soleil eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Ann-Kathrin,

ich habe gerade mit gro├čem Vergn├╝gen deine Geschichte gelesen. Sie ist stimmugsvoll und lie├č Jonas' Haus vor meinem geistigen Auge in all' den verregneten, gelben, braunen und schwarzen Farben entstehen.

Einige Kleinigkeiten sind mir aufgefallen:
...
Schlurfend setzte er seinen Weg fort, und beobachtete die Tropfen, die bei jeder Bewegung von seinen Schuhen spritzten.
...
Jonas ging hin und sah es an. Es war schon richtig gelb und na├č und glitschig vom Regen. Und es lag ganz allein auf der Stra├če. Jonas hob es auf. -> Das ist ein Vorschlag, weil ich finde, dass durch die kurzen S├Ątze, die Situation noch pr├Ągnanter klingt.
...
Er wurde traurig, weil er nicht an den Stamm reichte, selbst wenn er seine Hand durch den Maschendrahtzaun schob.
...
Der Regen prasselte in die Bl├Ątter der Kastanien, und dicke Tropfen rollten hinunter und platschten mit einem satten Ton auf den Gehweg und auf Jonas. Ein Tropfen hing an seiner Nase und tropfte von dort aus auf seine Jacke. Der Junge blickte zu Boden. Da waren viele, viele Bl├Ątter, viele gelbe, aber auch noch ein paar gr├╝ne. Es gab auch braune und welche -> solche, die schon richtig schwarz waren. Die lagen weiter unten.
...
Bestimmt war darin schon soviel Wasser, dass eine Maus ihn als Badewanne benutzen konnte. Jonas l├Ąchelte ein bi├čchen, als er sich das vorstellte.
Erst danach bemerkte er, dass er die ganze Zeit vor einem Haus stand. Das war ziemlich komisch, denn er hatte das Blatt bemerkt und den Schuh, obwohl beide im Vergleich zu dem Haus richtig klein waren. Nat├╝rlich war auch das Haus ziemlich alt, der Regen prasselte einfach durch das Dach hindurch und lief in einem kleinen Rinnsal unter der T├╝r wieder hervor. Ein so altes Haus war doch fast so etwas wie ein versunkenes Piratenschiff.
...
Dann sah er wieder das Haus, so wie es jetzt war. Es mu├čte traurig sein, dass es so allein war, dass die fr├Âhliche wei├če Farbe zu einem h├Ą├člichen verwaschenem Gelb geworden war. Es mu├čte traurig dar├╝ber sein, dass es im Regen zerfiel, und dass sich keiner darum k├╝mmerte.
viele "dass" im vorherigen Absatz, aber irgendwie hat es auch was: Melancholie?
Jonas wurde auch traurig. Die Bl├Ątter waren wenigstens alle zusammen, und auch das Blatt von der Stra├če war wieder bei den anderen Bl├Ąttern. Und der Schuh, der hatte bestimmt auch einen zweiten Schuh, der in dem Haus lag. Nur das Haus hatte niemanden. Niemanden der das Dach richtete, die W├Ąnde ausbesserte und die Balken neu anstrich.
Aber jetzt war wenigstens Jonas da. Jonas sagte leise, dass er das Haus nicht vergessen w├╝rde. Er dachte, es w├Ąre jetzt sein Haus, und er m├╝sse es besuchen und sich darum k├╝mmern.
...
Ganz schnell waren sie bei ihm, und pl├Âtzlich hatten sie ihn umringt. Sie b├╝ckten sich alle und hoben Kastanien auf, die auf dem Boden lagen. Sie nahmen alle gro├čen, braunen Kastanien und stopften sie in Plastikt├╝ten. Dann sammelten sie Bl├Ątter auf, gro├če, gelbe Bl├Ątter. Und Jonas dr├Ąngten sie immer mehr weg vom Zaun. Dann, als sie fertig waren, bestaunten sie das Haus, und ein Junge rief, es w├Ąre sein Haus, er habe es zuerst gesehen.

Ich hoffe, meine blauen Anmerkungen st├Âren dich nicht.

Viele Gr├╝├če
Soleil

Bearbeiten/Löschen    


Ann-Kathrin Deininger
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Sep 2000

Werke: 57
Kommentare: 87
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ann-Kathrin Deininger eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Soleil!

Vielen Dank f├╝r deine ausf├╝hrliche Antwort, ich habe daraufhin einiges verbessert.
Nein, deine Anmerkungen st├Âren mich nicht. Ganz im Gegenteil, ich fand sie sehr hilfreich.
__________________
Ein Raum ohne B├╝cher ist wie ein K├Ârper ohne Seele.

Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
sehr

anr├╝hrend, die geschichte. man m├Âchte jonas direkt sofort in den arm nehmen. aber vielleicht schreibst du noch mehr ├╝ber ihn? w├Ąre sicher interessant. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!