Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5553
Themen:   95294
Momentan online:
594 Gäste und 19 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Joseph der Jäger
Eingestellt am 11. 04. 2013 15:17


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Head
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2013

Werke: 3
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Head eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Harry stand von seinem Stuhl auf und spürte, wie seine müden Gelenke und, als er seinen ebenfalls müden Rücken durchbog, wie dieser ebenfalls knackte. Er dachte: Scheiße, ich werd' alt! Er streckte seine Arme weit über seinen Kopf aus und ließ sie dann kraftlos herabfallen. Alt und fett, ja, so fühle ich mich. Er ging zum Fenster des Büros, durch das er nicht nur den wolkigen Himmel sehen, sondern auch die gesamte Stadt überblicken konnte, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte einfach nur hinaus.

Ja, Lorre, das war mal unserer Stadt, früher, als es dich noch gab. Jetzt ist es nicht einmal mehr meine Stadt, sondern nur noch ein riesiges Grab voller Untoter und Zombies.

In der Ferne sah Harry einen roten Heißluftball in eine dunkle Gewitterwolke schweben und kurz darauf, darin verschwinden. Harry biss sich auf die Unterlippe und runzelte leicht die Stirn.

Als Kind wollte ich immer schon mal mit einem solchen Ding herumfliegen. Tja, leider ist es nie dazu gekommen.

Dann trat Harry vom Fenster weg, vollzog ein halbe Pirouette und schaute auf das Bild seiner toten Frau. Es wunderte ihn nicht, dass es hier auf dem Schreibtisch stand, der nicht ihm gehörte.
Tja, Lorre, jetzt bist du nicht mehr an meiner Seite, nicht mehr mein Fels in der Brandung. Die Brandung hat dich hinfort gespült, hat dich verschluckt wie das Meer ein kleines Segelboot.
Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse und spürte Tränen über seine unrasierten Wangen laufen.
Verflucht, jetzt fange ich auch noch wegen dir zu weinen an. Das kommt dir sicher komisch vor, was Lorre?, aber nur damit du's weißt, ich bin hier seit sechs Jahren alleine und traure fast täglich wegen dir.
Er wischte sich das Gesicht mit dem Hemdsärmel ab, dann trat er an den Schreibtisch zurück, ließ seine Finger über die Schreibtischplatte gleiten, griff nach dem alten, leicht verrosteten .38er Revolver und ließ seine Finger über den rostigen, kurzen Lauf spielerisch tänzeln, spürte dabei die Unebenheiten, die der Rost auf dem ehemals blanken Metall hinterlassen hatte.
Er überprüfte, ob der Revolver geladen war - das war er -, dann setzte er sich wieder zurück auf den Bürostuhl; den Revolver hielt er dabei locker in den Händen. Der Revolver begann leicht hin und her zu schwingen, immer wieder hin und her, hin und her, bis plötzlich seine rechte Hand kräftig den Pistolengriff umklammerte und er sich daraufhin die Mündung an die Schläfe presste.
***
Wird Zeit, dass jemand etwas unternahm, dachte er und drückte ein paar Befehle, die dazu führten, dass der Computer herunterfuhr. Der Bildschirm erlosch und begann leise zu knacken. Das Rauschen des Kühlventilators des Rechners verebbte und nur noch leises Gemurmel war zu hören. Die Luft war stickig, trotz der Klimaanlage. Er starrte auf den dunklen Bildschirm und sah darin die Reflexion seines Gesichts. Durch die leichte Wölbung des Monitors wirkte es etwas verzerrt und die Spiegelung gab auch nur vage Konturen davon preis. Er sah sein graues Haar, das nicht mehr ganz so gut frisiert war, so wie heute morgen, als er die Firma betreten hatte; sah seine eingefallenen Wangen, sah das fliehende Kinn, sah seine müden braunen Augen, sah sich in einem Quadrat gefangen. Hastig wandte er seinen Kopf ab. Die kleine Zelle, in der er tagtäglich - bis auf Samstag und Sonntag - seine Arbeit verrichtete, reihte sich nahtlos an die nächste und diese wieder an die nächste und diese auch wieder an eine, in der sich ein weiterer Mitarbeiter der Smith & Co. GmbH befand. Oft überluden sich die in den Zellen geführten Monologe so sehr, dass Harry das Gefühl nicht los wurde, sich in einem lauten Café aufzuhalten, oder sich inmitten der Bahnhofshalle zu befinden. Er arbeitete inzwischen schon seit über zehn Jahren für die Smith & Co. GmbH. Es war ein einfacher Job, mit einfachen Aufgaben, die er mechanisch ausführte. Wie ein Roboter.

Doch manchmal saß er einfach nur in seiner kleinen Bürozelle, den Rücken etwas gekrümmt, und sprach in die tote Telefonleitung, lauschte dem Freizeichen und dem vom Wind der Klimaanlage getragenen einseitigen Gesprächen seiner Kollegen, die dabei waren, Kunden etwas anzudrehen, oder ihnen Hilfestellungen bei irgendwelchen technischen Problemen gaben.

In solchen Momenten war er diese Arbeit einfach nur noch leid. Dann fragte er sich, was sie, er und seine Kollegen, eigentlich Sinnvolles für diese armen Seelen am anderen Ende der Leitung taten. Klar, sie halfen ihnen im gewissen Rahmen, aber darüber hinaus, ging es doch eigentlich nur darum, sie als Kunden zu halten. Er fühlte sich dann als ein Versicherungsvertreter, und eigentlich wollte er das nie sein. Er wollte nie wie sein Vater sein, ja, er hatte sich jahrelang dagegen gesträubt. Aber nun hing er hier fest und sah auch keinen Ausweg, außer...

Wenn jemand anderes nichts unternahm, dann muss ich eben handeln. Die anderen waren scheinbar zu feige.
Er hatte mit keinem seiner Kollegen fiel am Hut, klar, manchmal unterhielt er sich in den Pausen mit dem einen oder anderen. Doch oft blieb es bei Small Talk.
Aber viel lieber war er mit sich und seinen Gedanken allein. Seine Kollegen redeten entweder über ihre Frauengeschichten oder über Fußball - beidem konnte er nicht viel abgewinnen. Er gehörte scheinbar zu einer ganz anderen Generation von Mann. Die meisten seiner Kollegen waren zehn oder fünfzehn, wenn nicht gar zwanzig Jahre jünger und hatten andere Dinge im Kopf. Frauen und Sport und Partys. Und in solchen Momenten wurde ihm immer wieder bewusst, dass er nicht so war wie sie, dass er nicht dazugehörte. Aber das war ihm heute eh alles einerlei.
Er packte seine Tasche - stand auf. Er überblickte die vielen kleinen Zellen, die ihn immer an Honigwaben erinnerten, und ihm fiel auf, dass nur noch ein kleiner Teil davon belegt war.
Es war auch schon nach fünf, wie er durch einen Blick auf die Uhr, die an der Wand vor ihm hing, feststellte. Ihr Ticken hörte er schon seit Jahren nicht mehr.
Niemand achtete auf ihn, als er in den langen, von Türen gesäumten Flur trat. Die Wände waren cremefarben und mit Bildern früherer Mitarbeiter behangen. Ein paar auch mit seinem Chef. Sein Chef war ein hochgewachsener Mann in den frühen fünfziger Jahren, schlank, gutaussehend, dunkelhaarig. Die klugen blauen Augen stets auf die Kamera gerichtet. Er war der Gewinnertyp, mit dem Gewinnerlächeln. Hinter diesem Lächeln befand sich jedoch ein rücksichtloser Mensch, der nicht davor zurückschreckte - wennn nötig - über Leichen zu gehen. So weit Harry wusste, hatte er keiner Kinder. Er war mit einer gutaussehende Frau namens Josephine verheiratet, sie war nicht nur einmal hier in der Firma aufgetaucht und hatte die Blicke sämtlicher Mitarbeiter auf sich gezogen. Harry verstand nicht, warum diese Sorte Mensch einfach nie genug bekommen konnte. Wieso waren solchen Menschen nicht mit dem zufrieden, was sie hatten? Er hatte doch alles, was man sich nur wünschen konnte, was wollte er dann von Lorre?
Der dicke weiche Teppich verschluckte seine schweren Schritte vollends. Er wandte sich nach rechts.
Dann, als es nur noch nach links ging, dorthin.
Dann ging er diesen Weg, bis er die Herrentoilette erreichte, öffnete die Tür und schlüpfte hinein. Die Toilette war ein ruhiger, immer nach Putzmitteln und Lavendel riechender, weißer Raum mit großen Spiegeln, hellen Armaturen und expressionistischen Bildern junger Künstler. Harry hatte kein Auge mehr für die moderne Kunst. Oder für die Alte. Oder für irgendeine! Kunst war ihm einfach nur noch verhasst! Wenn auch wirklich erst seit heute Morgen.
Er warf einen Blick in einen der großen Spiegel und sah einen alten, heruntergewirtschafteten Mann, der einem Groschenroman hätte entsprungen sein können und der nach blutiger Rache sann.

»Jetzt gehst du aber zu weit, Harry!«, sagte er seinem müden Spiegelbild, dessen Hemd zerknittert war und an welkes Laub zwischen Rinnsteinen erinnerte. Die Falten auf seiner Stirn waren deutlicher als heute morgen. Seine Kiefermuskeln arbeiteten unter Hochdruck. Seine Hände öffneten und schlossen, öffneten und schlossen sich immer wieder, als pumpe er Adrenalin direkt von seinen Händen durch die Venen in seinem gesamten Körper. Schweiß lag, einer kalten Kompresse gleich, auf seiner breiten Stirn.
Seine rot geäderten Augen waren zwei glühende Lampions, die brennend in ihren Höhlen lagen.

Er hieb auf die Stelle zwischen den zwei Waschbecken - kurz und hart, und die Hand fing unwillkürlich zu pochen an. Er sagte sich, das brachte es alles nicht.
Er würde diesen Mistkerl umbringen. Am liebsten würde er ihm das Leben aus dem Körper wringen.
Mit zittrigen Fingern fischte er einen vierfach gefalteten Zettel aus der Innentasche seines kornblumenblauen Jacketts. Das Papier war dick und schwer und von hoher Qualität. Es fühlte sich nach viel Geld und Wohlstand an und roch schwach nach Moschus. Da hatte aber jemand tief in die Tasche gegriffen - für ein paar schwungvoll gezeichnete Plattitüden der Liebesbekundung. Doch jedes Mal, wenn er die Zeilen las, zog sich unwillkürlich sein Magen zusammen, trocknete sein Mund aus und schnürte es ihm den Hals zu. Er spürte den Schmerz des Betrogenen, eines Menschen, dem das Leben übel mitgespielt hatte. Er schluckte und versuchte dadurch den Knoten zu lösen, der sich in seiner Kehle befand, doch es misslang ihm.

Dieser Wichser!, dachte Harry und war kurz davor, den Zettel in kleine Schnipsel zu zerreißen. Aber noch war es nicht so weit. Er musste ihn allein erwischen. Den Zettel sah er als Druckmittel. Er würde damit vor dessen Nase herum wedeln wie mit einen Pistolenlauf.
Selbstverständlich würde sein Chef alles abstreiten.
So sindse doch immer., dachte Harry und spürte wie ihm Tränen in die Augen traten.

»Was machst du denn so lange im Bad, Schatzi?«, dröhnte es dumpf durch die Badezimmertür. Schatzi! Seit neustem war er ihr Schatzi! Was käme als nächstes?
»Ich bin am Kacken, liebste Lorre!«
»Schwein!«, dann entfernten sich Lorres Schritte und erinnerten an zwei Presslufthammer, die den Asphalt zerstießen. Von Schatzi zu Schwein! Was für eine Wandlung. Er faltete den Zettel auseinander und las zum dritten Mal an diesem Morgen die wenigen Zeilen.
Den Brief hatte seine Frau in einer rosafarbenen Schachtel aufbewahrt. Als er am gestrigen Abend nach einem Aktenordner gegriffen hatte, war er versehentlich gegen die Schachtel gestoßen und die war dann herunter gefallen und hatte eine Ansammlung von Tagebucheinträgen und Notizen auf den Boden ergossen und darunter hatte sich der Brief befunden. Er hatte ihn aufgehoben und gelesen. Er war zu irritiert, um das Gelesene direkt zu verarbeiten. Er musste es mehrfach lesen, um dessen Inhalt zu verstehen. Und dann verstand er.
Presslufthammer-Schritte, die näher kamen und abrupt hielten. Er zuckte zusammen und verbarg den Zettel in seiner großen rechten Hand, wie ein Kind den aus der Keksdose gestohlenen Keks.
»Vergiss ja nicht, zu sprühen. Du weißt, ich kann's nicht leiden, wenn's so stinkt!«
Er äffte sie tonlos nach und besah sich dabei im Spiegel. Das graue Haar noch wirr von Schlaf und Kissen. Die Augen noch müde vom langen An-die-Decke-Starren, bevor ihn der Schlaf doch noch übermannt hatte.
»Haste gehört, Harry?«
»Bin ja nicht taub!«, fauchte er seinem Spiegelbild zu und fletschte mit den Zähnen. Allesamt noch seine! So wie das volle Haar.
»Gut!«, dröhnte es kurz, dann verschwanden die Presslufthammer-Schritte wieder. Gut? Nichts war gut. Schlimmer konnte es nicht sein, dachte Harry und sah sich den Brief erneut an. Dabei spürte er deutlich die Wut in sich aufsteigen.
Er hörte die Stimmen von zwei Männern, die näher kamen. Er stopfte den Zettel schnell in die Tasche zurück und verschwand in der hintersten Toilettenkabine.
»Marie ist vielleicht eine seile Gau!«, krächzte die eine Stimme und lachte; eine andere Männerstimme, eine dunklere, stimmte ins Gelächter der ersten mit ein.
»Seile Gau. Geil!«, sagte die dunklere Stimme.
»Kannteste nicht?«, sagte die hellere Stimme.
»Nee, hör' ich heut' zum ersten Mal!«
»Na, dann musst du die letzten Jahre wohl auf dem Mond verbracht haben! So wie deine Mutter, der alte Astronaut.«
»Hey, pass ja auf, was du über meine Mutter sagst, sonst erzähl' ich's deiner Mutter und die lässt ich dann zur Strafe nicht mehr an ihren Titten nuckeln!« Beide brüllten vor lachen. Harry hatte die beiden Stimmen erkannt, die hellere gehörte seinem Chef und die dunklere zum Abteilungsleiter Meyer.
»Aber um auf Marie wieder zurückzukommen. Haste gesehen, was die heute getragen hat - Hammer, oder?«, sagte sein Chef.
»Jupp.« , sagte Meyer.
»Alter Schwede, der würde ich auch mal gern' den hier reinstecken«, sagte Joseph »Und, und, und«, fuhr er fort, »dann würde ich es der seilen Gau so richtig besorgen, weißte? So richtig von hinten in ihren geilen Arsch rein. Ich sag's dir, Herbert, wäre ich nicht verheiratet, dann...« Beide kicherten wie Schüler, die durch ein Loch in die Umkleide der Mädchen schauten.
»Aber hier, sieh dir mal das Bild an - ist die nicht heiß?«, sagte Joseph.
»Ja, sieht nicht schlecht aus - wer ist sie?«, sagte Herbert.
»Wirste kaum glauben. Du kennst doch diesen Harry Schröder, oder?«
Harry musste sich zusammenreißen, um nicht im nächsten Moment aus der Toilettenkabine zu stürmen und sich wütend auf seinen Chef zu stürzen. Am liebsten hätte er ihn und den Abteilungsleiter direkt vor Ort kalt gestellt. Er besaß doch tatsächlich die Frechheit, mit seiner Eroberung anzugeben.
»Klar, der arbeitet in meiner Abteilung. Was ist mit dem?«
»Das ist seine Frau, kannst du dir das vorstellen? Der Dumme hat 'ne ziemlich geile Alte. Was er aber nicht weiß, ist, dass ich sie schon seit ein paar Wochen regelmäßig ficke und er nicht den blassesten Schimmer davon hat.«
»Kann ich dir nicht verübeln. Wie ist sie denn so?«
»Richtig geil. Lässt sich schön in alle Löcher ficken - so, als hätte sie's voll nötig. Scheinbar hat's der Schröder ihr nicht ordentlich besorgen können.«
Harry musste sich am Klodeckel festklammern, um nicht aufzuspringen. Dabei traten seine Fingerknöchel weiß hervor.
»Apropos Schröder, mir ist aufgefallen, dass er sich in letzter Zeit immer seltsamer verhält. Sitzt fast schon apathisch an seinem Schreibtisch und arbeitet nicht mehr konzentriert, so, als brüte er etwas aus.«
Harry stockte der Atem. Es war ihm aufgefallen? Eigentlich hatte er versucht, es so gut wie möglich zu verbergen. Aber tätsächlich war er die letzten Tage abwesend und unkonzentriert gewesen. Aber wer konnte es ihm verübeln? Immerhin waren er und Lorre seit langer Zeit verheiratet.
»Was meinst du genau?«, sagte Joseph und schien zu stutzen.
»Nun. Vielleicht sollte den jemand im Auge behalten, denke, das könnte nicht schaden. Er könnte meiner Ansicht nach zu einem Problem werden, du weißt ja wie es in letzter Zeit ist, es kommt vermehrt zu Amokläufen, gerade in Gebäuden wie diesem, wo die einfachen Mitarbeiter in kleinen schlecht durchlüfteten Räumen zusammengefercht hocken und der Geräuschpegel
deutlich über erträglich ist.«
»Und du glaubst, der Schröder wäre dazu fähig? Meinst du nicht, dass er viel zu viel zu verlieren hätte? Ich weiß nicht, ich kann's mir nicht so recht vorstellen.«
»Vielleicht hat er mitgekriegt, was zwischen dir und seiner Frau läuft, Joe.«
»Das kann ich mir noch weniger vorstellen. Wir gehen da sehr diskret vor. Treffen uns nie zwei Mal im selben Hotel. Und wir beschränken unsere Treffen auch auf ein, zweimal die Woche, und nie öfter. Das würde sonst zu sehr auffallen. Lorre, so heißt seine Frau, sagt, dass er keinen blassen Schimmer von ihrer Affäre hat. Er scheint ihr voll und ganz zu vertrauen.«
»Hm, ich werd' den Schröder dennoch besser im Auge behalten.«
»Ja, tu das, schaden wird's sicher nicht. Aber wie gesagt, ich mach' mir da wegen dem Schröder nicht so Sorgen, der ist so lammfromm, der tut keiner Fliege was zu Leide.«
»Wollen wir's mal hoffen, Joe.«
»Komm schon, Herbert, der ist harmlos! Er ist nur ein unzufriedener alter Mann, dem das Leben übel mitgespielt hat, mehr nicht.«
Harry hörte Urin in zwei Urinale strullern.
»Und, wie lange machst du noch, Joe?«
»Zwei Stunden, höchstens.«
»Ich treff mich mit ein paar der Kollegen auf ein Bier in dieser neuen Thai-Bar in der City. Biste dabei? Da sind die wohl heißesten Thaimuschis, die du dir vorstellen kannst. Und jung sind die Dinger, glaubste nicht. Sollteste echt nicht verpassen!«, sagte Meyer.
»Klingt nicht übel. Aber wie gesagt, ich muss noch ein bisschen was tun, werde dann einfach nachkommen.«, sagte Joseph. Hosenställe werden geschlossen, Spülungen werden gedrückt.
»Okay, wir sehen uns dort.«, sagte Meyer
»Alles klar.«
Das Wasserrauschen war laut. Sie verließen die Toilette, ohne sich die Hände gewaschen zu haben. Hinter ihnen fiel die Tür mit einem Klicken zu. Sein Chef und der Abteilungsleiter Meyer hatten sich wie präpubertäre Jungs aufgeführt. Harry war angewidert und stinksauer.
Also gut, dachte Harry, und schaute auf die Uhr, es war schon fast halb sechs und da Freitag war, würden seine Kollegen schon das Gebäude verlassen haben. Niemand, das wusste er, würde freitags freiwillig länger arbeiten. Aber sein Chef würde also noch zwei Stunden da sein. Er blieb noch eine halbe Stunde in der Kabine sitzen - inzwischen tat ihm der Arsch mächtig weh - dann verließ er die Toilette. Um sicher zu gehen, würde er noch ein mal schauen, ob wirklich alle schon nach Hause gegangen waren.
Er durchsuchte jede einzelne Zelle und fand niemanden. Er setzte sich in seine Zelle auf den ergonomischen Bürostuhl und starrte eine Zeit lang einfach nur so vor sich hin. Doch worauf wartete er?
Hatte er vielleicht doch nicht den Mumm dazu?
Er atmete tief durch.
Was hatte er zu verlieren? Er hasste den Job! Er hasste sein Leben! Er hasste seinen Chef.
Doch, er würde es tun.
Neben dem Monitor stand in einem schlichten Bilderrahmen eine Fotografie von Lorre und ihm - eine uraltes Bild, noch von ihren Flitterwochen - das war nun über zwanzig Jahre her. Sie beide noch mit glatter Haut, er noch dunkelhaarig, sie noch mit straffen Brüsten. Sie eine aufstrebende junge Künstlerin, er ein Mann mit Plänen und Ideen und Träumen. Zwei Jahre später der Absturz - das einzige Kind stirbt kurz nach der Geburt, dann der Gebärmutterhalskrebs, jahrelange Strahlentherapie, Krebs verschwindet und mit ihm die Träume und Ideen und Pläne. Depressionen, viel Alkohol. Er kam nicht vom Alk runter.
Keiner wagte es, sich vom Partner zu trennen. Weitere zehn Jahre vergingen wie in einer Schablone gefangen. Er nahm den Job in dieser Firma an, weil kein anderer mehr ihn nehmen wollte, und nun saß er hier, und dann plötzlich: Lorre putzte sich wieder raus, nahm ab, trieb Sport, färbte sich das Haar blond! Blond, das müsse man sich mal vorstellen! Früher war sie schwarzhaarig, dann grau meliert und nun blond? Herrgott!
Sie ging wieder aus. Traf sich mit Freundinnen. Kam spät nach Hause und roch unangenehm nach Alkohol und Zigaretten und - war da nicht auch eine schwache Note Sex dabei?
Er blieb daheim, freute sich ein bisschen darüber, mehr Zeit für sich zu haben. Zwischendurch kam es immer wieder zu Streitereien.
Dann fand er den Brief und mit dem Brief die Eifersucht, und das obwohl er und seine Frau schon seit langem keinen Sex mehr gehabt hatten.
Er öffnete seine Tasche und griff hinein. Er spürte kaltes Metall.
»Da bist du ja endlich! Was hast du denn so lange im Badezimmer getrieben? Ich dachte schon, du hättest dich mit runtergespült!«, sagte Lorre und ihr Lächeln erstarb augenblicklich, als sie ein ernstes Gesicht sah. Sie runzelte mit der Stirn. Er hatte geduscht, seine Haare frisiert und After Shave aufgelegt. In der Hand hielt er noch immer den Brief. Er hob die Hand mit den Brief an und wedelte damit vor ihrer Nase herum. Ihr Mund klappte auf und wieder zu, auf und zu, wie bei einem Fisch am Land, der vergeblich nach Luft schnappte. Sie versuchte etwas zu ihrer Verteidigung zu sagen, doch Harry hatte sich schon angewidert abgewandt und war in sein Arbeitszimmer gegangen.
Er holte den alten .38er Revolver heraus. Den hatte ihm sein Vater hinterlassen hatte. Er roch nach Kordit, das Metall war kühl und wog schwer in seiner Hand. Der Lauf von Rost zerfressen.
Er richtete die Waffe auf das Bild. Genauer: auf seine bis über beide Ohren lächelnde Frau. Er deutete einen Schuss an, hielt dabei den Lauf genau zwischen ihre Augen.
»Was ist das?«, aber ihr Blick sagte, dass sie sehr gut wusste, was es ist.
»Wonach sieht's denn aus, hm?«, sagte Harry.
»Ein Zettel.«, sagte Lorre und ihre Stimme klang kleinlaut.
Er korrigierte: »Ein Brief, wenn du's genau wissen willst: Ein Brief von meinem Chef an dich! Ein scheiß Liebesbrief!«, sagte Harry - die Waffe in seiner Hand zitterte.
Dann hörte er Schritte, die näher kamen. Schnelle Schritte, hohe Absätze. Eine Frau, schlussfolgerte er. Er ließ die Waffe schnell wieder in der Tasche verschwinden.
Er hätte schwören können, dass er allein gewesen war. Und nun tauchte doch noch jemand auf und zerstörte seine ganzen Rachepläne. Er stand ruckartig auf und sah in das junge Gesicht einer Kollegin. Das war ein sehr hübsches Gesicht, wie das einer Puppe. Er kannte dieses Gesicht sehr gut. Es war ihm nicht nur einmal aufgefallen. Auch seinen Kollegen ist diese schöne Frau durchaus bekannt, alle leckten sich die Finger nach ihr, würden alles, sogar ihre Ehefrauen hergeben, nur für fünf Minuten mit ihr allein. Es war Marie.
»Sie sind ja doch noch da, Herr Schröder. Sehr gut.« Was war daran sehr gut?, fragte er sich. Und warum war sie so förmlich? Auch wenn sie nie als ein paar Grußworte ausgetauscht hatten, könnte sie ihn doch ruhig bei seinem Vornamen nennen. Für ihn war sie auch Marie und nicht Frau Köster. »Ich wollte eh mal mit ihnen unter vier Augen reden. Es ist nämlich so, dass mir schon seit längerem etwas auf der Seele lastet.« Marie errötete. Anscheinend war es ihr unangenehm. Sie sah sich um, ob sie tatsächlich die einzigen waren. Sie trat nervös von einem Bein auf's andere. Harry besah sich das Schauspiel und musste unwillkürlich grinsen. Seine Wut war fast vollig verflogen.
»Okay. Einfach gerade heraus«, nahm sie den Faden wieder auf. »Ich wollte sie fragen, ob sie nicht mal Lust hätten, mit mir einen Kaffee trinken zu gehen.« Sie lächelte und er lächelte ebenfalls.
***
Harry stand auf, legte den alten .38er Revolver auf die Schreibtischplatte, zog den Reißverschluss seiner Hose runter, holte seinen Schwanz raus und sah auf seinen am Boden liegenden, an Händen und Füßen gefesselten Chef herab.
Auf diesen Moment hatte ich seit Jahren gewartet!
Er ließ ein Grinsen über seine Lippen huschen, dann erleichterte er entschlossen seine Blase, ließ den Strahl ruhig über auf das Gesicht seines Chefs laufen. Er atmete erleichtert auf, als seine Blase leer war und das Gesicht seines Chefs ganz nass. Sein Chef hustete und prustete und wand sich wie ein mickriger Wurm am Boden. Ein Knebel verhinderte, dass er etwas sagte. Und so kamen nur unartikulierte Stöhngeräusche aus seinem Mund. Harry packte seinen Schwanz wieder zurück, zog den Reißverschluss hoch, hockte sich neben seinen Chef, zog den Brief aus seiner Jacketttasche und entfaltete ihn. Joseph riss die Augen auf, scheinbar verstand er nun, warum er dort war, wo er war.
Harry sagte: »Du kannst dir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, dich dort liegen zu sehen. Sechs Jahre warte ich schon auf diesen Tag und nun ist es endlich so weit. Ich musste viel durchmachen, viel über mich ergehen lassen, aber nun fühle ich endlich Genugtuung. Wegen dir habe ich meine Frau verloren, du mieser kleiner Wichser! Ich hatte keine andere Wahl, nachdem du mir das Leben kaputt gemacht hast. Und dafür wirst du jetzt büßen, Joseph, ein für alle Mal. Wegen dir musste ich meine Frau töten; ich konnte ihr einfach nicht mehr in die Augen schauen, neben ihr stehen, ihrem Atmen lauschen. Es ekelte mich an, zu wissen, dass du deinen dreckigen Schwanz in sie gesteckt hast, dass du sie mit deinen Drecksfinger berührt hast. All das habe ich nicht mehr ausgehalten, deswegen blieb mir nichts anderes übrig und ich hoffe, du wirst verstehen, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als dich ebenfalls umzubringen. Denn zu verlieren habe ich längst nichts mehr. Mehr als ich eh schon verloren habe, kann ein Mann nicht verlieren. Aber all das kennst du nicht, stimmt's, Joe? Der große Joseph Smith, der immer und aus allem aalglatt herauskommt. Bis heute.«
Harry stand auf und schaute sich im riesigen Büro seines Chefs um: Der Teppich war hier noch weicher, die Bilder noch expressionistischer, die Wände noch sauberer. Unsichtbare Lufterfrischer verbreiteten den angenehmen Duft von Jasmin, der sich nun mit dem Geruch von Urin vermischte. Harry war sichtlich beeindruckt von der schlichten Eleganz, mit der das Büro möbliert und eingerichtet war. Joseph hatte es sicher einem Innenarchitekten überlassen, es zu gestalten und es musste ihm eine Stange Geld gekostet haben. Abgesehen vom Mahagonischreibtisch und dem edlen Bürostuhl, standen noch ein großes cremefarbenes Ledersofa, davor zwei Ledersessel, mehrere Aktenschränke - ebenfalls aus Mahagoni - und ein aufrecht stehender und mit Zähnen fletschender Eisbär, dessen riesige Pranke in Angriffshaltung verharrten. Zwischen den Bildern expressionistischer Künstler hingen auch ein paar Fotografien von Joseph Smith, die ihn während einer Safari in Afrika, auf Elchjagd in Kanada, Bärenjagd im Norden Amerikas, oder auf Rotwildjagd im Schwarzwald zeigten. Auf jedem dieser Bilder präsentierte Smith den Kadaver des jeweiligen Tiers. Was Harry nicht sonderlich überraschte, so war Joseph schon immer unter den Kollegen als ein erfolgreicher Jäger bekannt. Joseph der Jäger. Joseph würde nun nicht mehr jagen, dachte Harry, nie mehr. Nun war er die hilflose Beute zwischen den Kiefern des Raubtiers. Um Josephs Unterleib hatte sich ebenfalls eine Urinlache ausgebreitet, sein Gesicht war noch immer ganz feucht. Es war still, bis auf das Keuchen und Stöhnen von Joseph, der sich noch immer am Boden wand.
Harry hatte sich eine Zeit lang mit Marie getroffen, doch es sollte zwischen ihnen nie wirklich funken. Er musste immerzu an Lorre und an den Morgen vor sechs Jahren denken, als er sie mit dem Revolver seines Vaters umgebrachte und in einem Waldstück verscharrte. Er musste an die vielen Verhöre der Polizei denken. An die Zeit, die er in Untersuchungshaft verbracht hatte. Die Polizei hatte keinerlei Indizien dafür, dass er für ihr Verschwinden verantwortlich war. Irgendwann ging man einfach davon aus, dass Lorre irgendwo ein anderes Leben begonnen hatte. Menschen konnten vom einen auf den anderen Tag plötzlich verschwinden und nie wieder auftauchen. Und so legten sie den Fall dann irgendwann ad acta, zu den unzähligen anderen Fällen, die auch nie aufgelöst werden würden. Harry hatte lange auf diesen Tag gewartet und nun war er so weit. Sein ehemaliger Chef hatte nun lange genug gelebt.
Harry riss Joseph den Knebel vom Mund. Joseph schnappte gierig nach Luft und fing unwillkürlich zu husten an. Er versuchte was zu sagen, doch das Gesagte ging in einem Hustenanfall unter.
Harry presste den Lauf des Revolvers an Josephs Stirn.
»Jetzt verabschiede dich, Joeseph Smith.«
»Nehmen sie die Waffe runter, Herr Schröder.«, dröhnte es plötzlich von der Bürotür aus und Harry sah den Abteilungsleiter Meyer in der Tür stehen, er hielt eine Waffe in der Hand und zielte auf Harrys Brust.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung