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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Juden Heggisch
Eingestellt am 25. 11. 2006 17:58


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Seshmosis
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Juden Heggisch

Damals, Anfang der 60er Jahre, gab es in meiner Stadt fĂŒr einen ZwölfjĂ€hrigen viele verbotene PlĂ€tze. Nicht dass dies ein Hindernis gewesen wĂ€re, diese PlĂ€tze aufzusuchen, ganz im Gegenteil, sie wurden dadurch nur noch attraktiver.
Einer der geheimnisumwittertsten Orte im damaligen FĂŒrth war fĂŒr uns Kinder der „Juden Heggisch“ am GĂ€nsberg nahe der Rednitz. Hier trafen zwei Worte aufeinander, mit denen wir nichts anfangen konnten: Juden und Heggisch.
Von Juden wusste ich nicht mehr als ein Raunen und Munkeln. Die Erwachsenen wirkten seltsam ruhig, verstört und auch schamhaft, wenn das Wort „Juden“ fiel. Und weder in der Volksschule noch in den ersten Gymnasiumsjahren fanden sie in diesen Jahren eine ErwĂ€hnung. Einzig im Religionsunterricht fand man ihre Spuren – als ein Volk fern in Raum und Zeit, das einmal zehn Gebote bekommen hatte, nicht auf seine Propheten hörte, hin und wieder von Gott mit Sintflut, Exil und Tempelzerstörung bestraft wurde und schließlich Christus ans Kreuz nagelte. Und irgendwann vor nicht allzu langer Zeit mussten ihnen die Deutschen, also meine Eltern, Verwandten und Nachbarn, etwas schrecklich Böses angetan haben. Deshalb reagierten sie so merkwĂŒrdig einsilbig, wenn die Sprache auf dieses Thema kam.

In meinem Kopf formte sich aus Aufgeschnapptem und meiner Fantasie ein bizarres Bild: die Juden hatten irgendwann Jordan, Jerusalem und WĂŒste verlassen und waren nach FĂŒrth gekommen. Hier waren sie reich geworden, zumindest reicher als die Leute in der Altstadt, wie ich den Andeutungen meiner Eltern entnahm, und es gab einen riesigen Streit. Vielleicht wegen der Kreuzigung, höchstwahrscheinlich aber wegen Geld, und dann hatte man den Juden etwas angetan, was wohl nicht gerecht gewesen war, denn sonst wĂŒrden die Erwachsenen ja nicht so seltsam reagieren. Da hatten also die Erwachsenen auch einmal etwas angestellt. Ich vermutete, dass man sie zum Teil fortgejagt hatte, denn sie waren ja nicht mehr da, zum Teil eingesperrt, denn direkt gegenĂŒber dem Juden Heggisch stand das ehemalige FĂŒrther GefĂ€ngnis. So erschien es mir in meiner kindlich-jugendlichen Fantasie zumindest schlĂŒssig.

Bei dem Wort „Heggisch“ dachte ich an Hecken, aber das konnte nicht stimmen. Zum einen nannte man andere Orte, die von Hecken umgeben waren nicht ebenfalls „Heggisch“, zum anderen war der Juden Heggisch keineswegs von Hecken umgeben, sondern von hohen Mauern. An keiner einzigen Stelle konnte man hineinsehen. Es gab lediglich ein großes, hohes, zweiflĂŒgeliges Holztor, das stets verschlossen war. Heute weiß ich, dass das Wort „Heggisch“ eine FĂŒrther Verballhornung des jiddischen Worts “hek-djesch“ ist, das Hospital bedeutet. FrĂŒher stand das jĂŒdische Krankenhaus in dieser Gegend und so wurde der Name „Juden Heggisch“ auf das ganze Areal ĂŒbertragen.

Ein geheimnisvoller, unzugĂ€nglicher und vor allem verbotener Ort – was kann es fĂŒr einen ZwölfjĂ€hrigen reizvolleres geben?
Jeden Sommer kam ich auf meinem Weg von der Gustavstraße zum Flussbad an dieser langen Mauer mit dem großen Tor vorbei. Und auf dem RĂŒckweg wieder.
Zuerst war es nur eine Mauer, an der man vorbeiging wie an den HĂ€usern. Völlig unwichtig auf dem Weg zum Badespaß, da war der Kopf voll Vorfreude. Auf dem RĂŒckweg war es anders. Zuhause wartete nur das Abendessen und vielleicht eine Sendung im Radio. Nicht genug, um von den Gedanken Besitz zu ergreifen.
So wuchs von Tag zu Tag mein Wunsch, einmal ĂŒber diese Mauer zu steigen, um zu sehen, was sich dahinter verbarg. Immer wenn ich am Juden Heggisch vorbeikam, ĂŒberlegte ich, wie ich es wohl schaffen könnte, diese hohe Mauer zu ĂŒberwinden. Eines Tages, fast am Ende der Sommerferien, half mir der Zufall in Form eines nicht vorschriftsmĂ€ĂŸig geparkten Pritschen-Lkws. Ich nutzte die Gunst der Stunde, erklomm ĂŒber einen Reifen die Bordwand und dann das FĂŒhrerhaus, von wo aus ich einen guten Einblick bekam.
Der Triumph ĂŒber den Aufstieg war nur kurz und wurde augenblicklich von großer Überraschung abgelöst.
Denn was ich sah, hatte ich nicht erwartet: GrĂ€ber ĂŒber GrĂ€ber - der geheimnisvolle Ort „Juden Heggisch“ war ein Friedhof!
Dieses Areal strahlte etwas Fremdartiges aus, war so ganz anders als seine Umgebung. Das ganze GelĂ€nde war verwildert und machte einen unwirklichen Eindruck. Dicht bei dicht standen die Grabsteine, viel dichter als auf „unserem“ Friedhof an der Erlanger Straße, den ich von einigen Beerdigungen und vielen Grabbesuchen gut kannte. Hier gab es keine gepflegten Wege und keine Brunnen, keine KrĂ€nze oder Blumen schmĂŒckten die GrĂ€ber, die sich aus meiner Perspektive fast ĂŒberlagerten und sich bergab zur gegenĂŒberliegenden Mauer an der Uferstraße drĂ€ngten. Etwas ungeheuer Dunkles ging von diesem Ort aus und es lag nicht daran, dass er fĂŒr mich verboten war.
Schnell stieg ich wieder vom Lkw ab, tief beeindruckt vom Gesehenen.

In meinem Kopf jagten sich die Gedanken und Assoziationen. Dort das GefĂ€ngnis, hier ein Friedhof – man hatte den Juden etwas angetan, und hier war eine Tabuzone, ĂŒber die keiner, den ich kannte, offen sprach. Was hatten sie den Juden angetan? Getötet und dann hinter der unzugĂ€nglichen Mauer begraben? Sprachen sie deshalb so seltsam gehemmt ĂŒber die Juden?
AufgewĂŒhlt und mit brennenden Fragen kam ich nach Hause.
Meine Mutter war zuerst verwirrt, doch dann versuchte sie geduldig meine Fragen zu beantworten. So erfuhr ich, dass das ehemalige GefĂ€ngnis und der uralte jĂŒdische Friedhof nichts miteinander zu tun hatten. Mutter erzĂ€hlte mir, dass die Juden viel Gutes fĂŒr unsere Stadt bewirkt hĂ€tten, aber dass es jetzt kaum mehr welche hier gĂ€be.
Weiter erfuhr ich, dass die Nazis, die mit dem Hakenkreuz, den Juden viel Leid angetan und viele von ihnen umgebracht hatten, aber nicht in FĂŒrth.
In ihren AusfĂŒhrungen klang es fĂŒr mich, als ob die Nazis irgendwelche durchziehenden Wandalen gewesen wĂ€ren, die aus dem Nichts kamen, um nach ihren GrĂ€ueltaten wieder im Nichts zu verschwinden. So sah es aus meiner Perspektive aus, als ob die einen Fremden, die Juden, von den anderen Fremden, den Nazis, verfolgt und umgebracht worden waren und sich die FĂŒrther dabei in die Rolle der verstörten, hilflosen und verĂ€ngstigten Zuschauer fĂŒgen mussten.
Ein Jahr spÀter las ich das Tagebuch der Anne Frank.

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