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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Julia
Eingestellt am 13. 10. 2003 19:20


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DarkskiesOne
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 11
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Julia ist ein wirklich schöner Name. Ich werde dich Jule nennen, wenn du es mir erlaubst. Ja, das gefĂ€llt mir. Wo bleibst du bloss? Ein ungeduldiger Blick auf meine Armbanduhr. Ich fĂŒrchte, du kommst zu spĂ€t. Ich mag es nicht, wenn man mich warten lĂ€sst. Aber da es unser erstes Treffen ist, werde ich darĂŒber hinwegsehen. Bestimmt hast du einen guten Grund fĂŒr dein ZuspĂ€tkommen. Ein Sprichwort sagt, es gibt keine zweite Chance, um einen ersten Eindruck zu hinterlassen. Was fĂŒr ein dummes Sprichwort. Und da bist du ja auch schon. Stehst ein wenig verloren im Eingang des Restaurants und blickst dich suchend nach mir um. Ich bin mir sicher, dass du es sein musst. Auch wenn ich dich bisher nur auf einem Foto gesehen habe. Dein widerspenstiges, dunkles Haar. Wildes Lockengewirr. Schlank bist du nicht, aber das ist nicht weiter schlimm. Ich mag Frauen, die sich nach mehr anfĂŒhlen. Ich schenke dir ein aufmunterndes LĂ€cheln und du kommst zögernd nĂ€her. Wie schĂŒchtern du schaust. Kein Wunder. Schliesslich kennen wir uns nur auf dem Papier. Aber das wird sich hoffentlich bald Ă€ndern. Ich bin zuversichtlich. Die Übereinstimmung auf den Bögen des Partnervermittlungsinstituts betrug fast 94 %. Ein Volltreffer, wĂŒrde ich sagen. Ich erhebe mich von meinem Platz, rĂŒcke deinen Stuhl fĂŒr dich zurecht. Ich weiss, was sich gehört. Dein Foto war vielversprechend. Aus der NĂ€he und in natura betrachtet, kannst du einem Mann den Atem rauben. Ich möchte, dass der Abend unvergesslich wird. Aber das ist vielleicht ein bisschen zu viel verlangt. Ich muss meine Erwartungen auf ein realistisches Mass herunterschrauben. Du sollst dich wohlfĂŒhlen in meiner NĂ€he. Wir werden uns viel Zeit lassen. Du sollst mich erst richtig kennenlernen. Jule. Ich koste den Klang deines Kosenamens ganz still fĂŒr mich auf meinen Lippen, lasse ihn in meinem Kopf widerhallen. Es klingt wahnsinnig schön. Ich glaube, ich könnte dich sehr liebhaben. Aber soweit sind wir beide noch lange nicht. Jetzt werden wir erst einmal versuchen, uns bei einem zwanglosen Essen an diesem neutralen Ort, einem italienischen Restaurant, nĂ€her kennenzulernen. Vielleicht feststellen, ob wir eine gemeinsame Zukunft haben könnten, irgendwann. Keine einfache Aufgabe. Aber ich habe schon weitaus grössere Herausforderungen gemeistert. Nervös war ich nur beim ersten Mal. Und eines Tages werde auch ich die Frau fĂŒrs Leben finden. Manchmal muss man eben lange suchen. Ich reiche dir die Speisekarte. Du vergrĂ€bst dein interessantes Gesicht dahinter, als könnten Scampi und Tortellini alla Panna dir ĂŒber deine rĂŒhrende Unsicherheit hinweghelfen. Ich finde dich unglaublich anziehend. Dann bestellst du Pasta und ein Glas Rotwein. Eine gute Wahl. Manchmal hilft der Alkohol, ein bisschen unverkrampfter an eine Verabredung heranzugehen. Nur zu viel darf man sich nicht gönnen. Ich trinke lieber Wasser bei solchen Gelegenheiten. Du tust mir ein bisschen leid. Sehr aufgeregt bist du und wunderst dich bestimmt insgeheim, weshalb ich so gelassen bleibe. Schliesslich kannst du nicht wissen, dass es fĂŒr mich nicht das erste Mal ist. Ich werde versuchen, dir deine Scheu zu nehmen. LĂ€chelnd beginne ich eine charmante Unterhaltung. Es ist wirklich ein Genuss, mit dir zu plaudern. Du bist zwar noch ein wenig zurĂŒckhaltend, doch nach und nach beginnst du aufzutauen. Erkundigst dich nach meinem Job, zeigst Interesse an meinen Hobbies. Fragst nach dem letzten Urlaub, meiner LabradorhĂŒndin und den Katzen. Eine ganze Weile spĂ€ter, unendlich vorsichtig, nach meiner Exfrau und meinen beiden Töchtern. Ich möchte dich kĂŒssen, weil du so behutsam mit mir umgehst. Die Leute beim Partnervermittlungsinstitut verstehen ihr Handwerk. Überlassen nichts dem Zufall. Und du hast deine Hausaufgaben gemacht. Kennst meine Vergangenheit bis ins kleinste Detail.
„Es war eine sehr schöne Zeit“ sage ich. Die Trennung von meiner Familie war ein tiefer Schock fĂŒr mich. Aber ich denke, dass ich ihn ĂŒberwunden habe. Die Zeit heisst es, heilt alle Wunden. Nein, ich habe den Kontakt komplett abgebrochen. Sie sind fortgezogen. Weit weg. In eine andere Stadt. Es ist besser so. Ich möchte ein neues Leben beginnen. Vielleicht mit dir an meiner Seite. Die Vergangenheit endgĂŒltig hinter mir lassen.

„Ich hasse Menschen mit Vergangenheit“, sage ich unvermittelt. Der Satz hĂ€ngt zwischen uns in der Luft. Das Schweigen, das meinen ungewollt heftigen Worten folgt, ist unbehaglich. Du schaust mich irritiert an. Fragend. Ein bisschen Ă€ngstlich sogar. Ich habe dich erschreckt. Das wollte ich nicht! Du versuchst, in meinem Gesicht zu lesen. Ich schaue dich an. LĂ€chle entschuldigend. Nach einer ganzen Weile lĂ€chelst du ebenfalls. Dieses LĂ€cheln, das mich schon den ganzen Abend in seinen Bann zieht. „Aber“, höre ich dich sagen, „unsere Vergangenheit ist es doch zu einem nicht unerheblichen Teil, die uns zu dem Menschen macht, der wir genau in diesem Augenblick sind.“ Das hat mir so noch niemand gesagt. Du hast recht. Du triffst mich mitten ins Herz. Auch ich habe eine Vergangenheit. Vielleicht bist du die richtige Frau fĂŒr mich? Die Frau, nach der ich so lange gesucht habe? Wie sehr ich es mir wĂŒnsche! Ich möchte nicht mehr einsam sein. Die Kerze auf unserem Tisch ist fast völlig heruntergebrannt. Sehr lange schon sitzen wir beide hier beisammen. Es gibt noch so unendlich viel zu sagen. Ich weiss, dass ich nicht fragen sollte, aber ich möchte dich noch nicht gehen lassen. Will nicht, dass unser gemeinsamer Abend bereits zu Ende ist.

Der Kaffee, den ich fĂŒr uns gekocht habe, ist stark und schwarz. Ich bin ein wenig ĂŒberrascht, wie schnell du eingewilligt hast. Du bist nicht so zurĂŒckhaltend, wie ich zuerst dachte. Stille Wasser, denke ich vertrĂ€umt und berĂŒhre fast unmerklich deine Schulter. Ich spĂŒre, dass dir meine BerĂŒhrung nicht unangenehm ist. Du geniesst sie und ich erlaube mir ein wenig mehr KĂŒhnheit. Wie scheu du meine KĂŒsse erwiderst. Ich möchte dir nĂ€her sein. Viel nĂ€her. Sanft beginne ich, deine Bluse aufzuknöpfen. Du lĂ€sst es widerstandslos geschehen. Ich werde noch ein wenig mutiger jetzt. Streife dir die Bluse ab. Öffne deinen BH. Meine sĂŒsse Julia. Hat dich jemals ein Mann so geliebt, wie ich es tue? Deine BrĂŒste sind weiss und weich. Makellos. ZĂ€rtlich umschliesse ich sie mit meinen HĂ€nden. Meine Liebe zu dir ist unmenschlich. Dieses Mal werde ich einfach nicht hinsehen. Bitte, lass` mich blind sein, bete ich tonlos. Ich wage kaum, dich anzuschauen. Habe Angst vor dem, was ich sehen könnte. Als du dann völlig nackt vor mir stehst, fĂŒhle ich eine nie gekannte ZĂ€rtlichkeit in mir aufsteigen. Kann das die Erlösung sein? Habe ich dich endlich gefunden? Ich möchte weinen.
Liebevoll blicke ich dich an. Du sĂŒsser Engel.
Und dann offenbart sich mir in aller Gnadenlosigkeit auch deine unertrÀgliche Wahrheit.
Die AbdrĂŒcke unzĂ€hliger HĂ€nde auf deinem nackten Körper. Unauslöschlich in die Zartheit deiner Haut gebrannt. VerrĂ€terische Spuren gieriger Lippen, die durstig an dir gesaugt haben. All die Jahre, bevor wir beide uns trafen. Vampire der Vergangenheit. Ich kann ihnen nicht entkommen. Sie sind ĂŒberall. Keine von euch ist rein. Ich hasse Frauen mit Vergangenheit. Ich hasse Frauen mit Zukunft. Ihr solltet allein dem Augenblick gehören.
Dieser rote Schleier vor meinen Augen. Meine Frau hat ihre Zukunft an dem Tag verloren, an dem ich sie mit ihrer Vergangenheit ĂŒberraschte. Es schmerzt immer noch. Aber von Mal zu Mal lĂ€sst der Schmerz ein wenig nach. Ich frage mich, wie lange es dauernd wird, bis ich sie völlig vergessen kann.
Ich frage mich, wann sie dich finden werden.

__________________
Die Liebe ist ein Tod, den ich nicht sterben kann.

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Minds Eye
Guest
Registriert: Not Yet

Wow! Tief und gruselig. Tolle Geschichte. Trifft bei mir ins Schwarze.
Ich steh auf Suspense.
GrĂŒĂŸe,
ME.

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Gandl

AutorenanwÀrter

Registriert: Jul 2003

Werke: 1
Kommentare: 166
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Hi DO
ganz große Klasse. Höchstwertung von mir.
Vielen Dank fĂŒr Deine Geschichte.
Gandl

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DarkskiesOne
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 11
Kommentare: 43
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Hi Gandl...

vielen Dank fĂŒr dein tolles Lob! Und Julia dankt natĂŒrlich aus dem Jenseits fĂŒr die Höchstnote! Manchmal könnte ich mich glatt vor mir selbst gruseln...;-)
lg
DO
__________________
Die Liebe ist ein Tod, den ich nicht sterben kann.

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Michael Schmidt
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2002

Werke: 43
Kommentare: 1978
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Hallo DarkskiesOn,

die Geschichte gehört wohl eher ins Krimiforum, oder? Je nachdem auch nach Horror.

Hm, du solltest mehr AbsĂ€tze mache, vielleicht kommen daher meine EindrĂŒcke. Mir fehlt es an AtmossphĂ€re, an GefĂŒhl. Die SĂ€tze wirken abgehackt, leblos, ohne jegliches GefĂŒhl.

Schade eigentlich, da die Idee wirklich klasse ist. Aber bei mir kommt beim Lesen keine AtmossphÀre auf, und die wÀre bei dieser Geschichte besonders wichtig.

Bis bald,
Michael

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DarkskiesOne
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 11
Kommentare: 43
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Hi Michael,

schade, dass meine Story dich nicht angesprochen hat. Gerade die kurzen, abgehackten SĂ€tze dienen dazu, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie der Protagonist meiner Story denkt. Kalt. Kurz. Abgehackt. Er kann nicht anders. Wer aufmerksam liest, wird den einen oder anderen Wink auf ein eher unangenehmes Ende eventuell gefunden haben. Den Rest der Leserschaft trifft der Psycho eben eiskalt. Deshalb muss ich aber die Story nicht ins Horrorforum stellen. Und ein Krimi isses auch nicht!
lg
DO
__________________
Die Liebe ist ein Tod, den ich nicht sterben kann.

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Traumtod
???
Registriert: Jul 2003

Werke: 1
Kommentare: 36
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Wow!

Hallo DarkskiesOne,

auch von mir viele Punkte - Gruselig, ĂŒberraschend und wundervoll beschrieben.

Einfach klasse!

Liebe GrĂŒĂŸe
traumtod

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