Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
143 Gäste und 3 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Julia Roberts und die Narben auf unseren Herzen
Eingestellt am 19. 04. 2004 17:18


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Katrin Campari
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Mar 2004

Werke: 8
Kommentare: 5
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Katrin Campari eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Manchmal ist es seltsam. Jahrelang h├Ârst und siehst du nichts von einem Menschen. Du hast ihn nicht vergessen, aber du denkst einfach nicht an ihn.

Die Sonne scheint durch die halb heruntergelassenen Jalousien, es ist warm drau├čen, viel zu warm f├╝r einen Februar. Es sind 15 Grad, die Pflanzen fangen an auszuschlagen und die V├Âgel denken, es w├Ąre schon Fr├╝hling. Sie stimmen ein Lied an. Ein Begr├╝├čungslied f├╝r dich. Denn ich werde dich heute wiedersehen. Endlich. Nach acht langen Jahren.

Es ist schon 13.29 Uhr. Um 15.00 Uhr wirst du da sein. Ich muss mich beeilen. Schnell noch die Wohnung saugen, ein wenig Staub putzen und aufr├Ąumen. Und dann den Tisch decken. Es gibt Kuchen. Ich wei├č gar, welchen Kuchen Du am liebsten magst. Tee wird es auch geben. Den magst du, das wei├č ich. Keinen Kaffee, nur Tee. Den haben wir damals immer zusammen getrunken, schwarzen Tee, der nach Brombeeren schmeckte. Wir haben Tee gekocht und an Deinem viel zu kleinen Schreibtisch in Deinem viel zu kleinen Zimmer gesessen. Durch das Fenster haben wir die komischen Nachbarn beobachtet. Manchmal hast du mir auf dem Klavier vorgespielt. Ich habe dich bewundert. Ich konnte nie Klavier spielen.

Gleich wirst du hier sein und ich muss mich beeilen, damit ich noch rechtzeitig fertig werde. Wie konnte es nur passieren, dass wir uns aus den Augen verloren haben? So viele Jahre waren wir die besten Freundinnen und pl├Âtzlich ging jede von uns ihren Weg allein. Ohne die andere an ihrer Seite. Daf├╝r mit einer neuen besten Freundin. Eine beste Freundin ist austauschbar wie ein zu lange getragenes Paar Schuhe. Erst geht ihr einen weiten Weg zusammen, alles passt perfekt. Irgendwann, wenn du merkst, dass die Schuhe schon etwas ausgetreten sind, entdeckst du ein neues Paar, viel interessanter und sch├Âner als das alte. Und schon hast du das neue Paar gekauft und das alte in die Altkleidersammlung geworfen. So haben wir es damals auch gemacht.

Ich wische mit dem Staubtuch ├╝ber die Stereoanlage und den Videorecorder. Oben drauf steht meine Videosammlung. Julia Roberts. Du warst die erste, mit der ich Julia Roberts im Kino gesehen habe. Pretty Woman. Unser erster gemeinsamer Kinofilm. Ich habe danach noch viele Filme mit ihr gesehen, du vermutlich auch. Aber nie wieder war es das gleiche wie beim ersten Film. Nicht wegen Julia Roberts. Nein, wegen dir.

Ich habe einen Luftsprung vor Freude gemacht, als ich vor zwei Wochen Deine E-Mail bekommen habe. Du h├Ąttest mich ├╝bers Internet ausfindig gemacht und wolltest nur mal kurz fragen, wie es mir denn so geht. Ich habe mich vor einigen Wochen auf einer dieser Webseiten, ├╝ber die man alte Schulfreunde wiederfinden kann, eingetragen. Ich wusste nicht, wie ich dich sonst erreichen sollte. Zu Weihnachten habe ich alte Fotos aus dem Schrank hervorgekramt. Fotos von dir und mir. In der Schule, auf dem Schulhof, bei euch zu Hause, vor dem Haus der komischen Nachbarn, in der Tanzstunde, auf einem Konzert. Pl├Âtzlich dieser Gedanke, wie ein Blitz. Unser Abi liegt fast acht Jahre zur├╝ck. Seitdem nicht ein einziges Lebenszeichen von dir. Manchmal ist es seltsam. Jahrelang h├Ârst und siehst du nichts von einem Menschen. Du hast ihn nicht vergessen, aber du denkst einfach nicht an ihn. Und pl├Âtzlich, wie mit einem Schlag, sind all die Erinnerungen wieder da. An all das, was ihr zusammen erlebt habt. Wie nahe ihr euch gestanden habt. Und du f├Ąngst an, den anderen zu vermissen. Was macht er heute? Wie geht es ihm?

Nachdem ich die Fotos angeschaut habe, konnte ich zwei N├Ąchte lang nicht schlafen. Die Erinnerungen haben nicht aufgeh├Ârt. Dann mein Versuch, dich wiederzufinden. Keine Adresse, keine Telefonnummer. Nichts. Die letzte M├Âglichkeit schien mir der Eintrag im Internet zu sein. Erst habe ich nicht daran geglaubt, dann nach ein paar Wochen nicht mehr damit gerechnet. Und dann hast du mir geschrieben. Vor zwei Wochen. Und ich habe einen Luftsprung gemacht.

Ich decke den Tisch. Hole die Teekanne aus dem Schrank, die Glaskanne mit dem blauen Deckel. Wir haben den Tee immer in einer Glaskanne aufgegossen. Du warst bei meinem ersten Kuss dabei, damals in der Tanzschule. Du standest ein paar Meter hinter mir am Rand der Tanzfl├Ąche, als ich meinen ersten Kuss bekam. Widerlich, so feucht und ekelig. Er kann bestimmt bis heute nicht k├╝ssen. Eine halbe Stunde sp├Ąter habe ich zu dir r├╝ber geschaut, als du deinen ersten Kuss bekamst. Widerlich, viel zu feucht und eklig. Du warst dabei, als ich mich zum ersten mal richtig verliebt habe. Und du warst dabei, als er mich nach zwei Monaten verlassen hat und mir das Herz gebrochen hat. Zerfetzt in tausend blutige St├╝ckchen. Mit 15 denkt man, man m├╝sse an so was sterben. Ich lebe heute noch. Aber die Narben kann man noch immer sehen. Ich war dabei, als mit deinem Herz das gleiche gemacht wurde. Wir haben es beide ├╝berlebt, auch wenn man mit 15 denkt, das w├Ąre unm├Âglich.

Ich ├╝berlege, welche CD ich einlegen soll. H├Ârst du immer noch so gerne Herbert Gr├Ânemeyer? Ich konnte ihn nicht ausstehen mit 14, du hast mir so viel von ihm vorgeschw├Ąrmt bis ich ein Fan wurde. Wir waren zusammen auf seinem Konzert. Wir waren aufgeregt und haben laut mitgesungen, bis wir heiser waren. Am n├Ąchsten Tag in der Schule bekamen wir beide keinen Ton mehr raus. Ich habe danach noch viele Konzerte von ihm gesehen, du vermutlich auch. Aber nie wieder war es das gleiche wie beim ersten Konzert. Nicht wegen Herbert Gr├Ânemeyer. Nein, wegen dir.

Manchmal ist es seltsam. Jahrelang h├Ârst und siehst du nichts von einem Menschen. Du hast ihn nicht vergessen, aber du denkst einfach nicht an ihn. Du lebst dein Leben, es scheint an nichts zu fehlen. Da ist kein wei├čer Fleck auf der Landkarte des Lebens, auf dem dieser Mensch fehlt. Da ist nicht das Gef├╝hl, irgendetwas sei unvollst├Ąndig. Du denkst, dass es gut ist, so wie es ist. Und pl├Âtzlich tritt dieser Mensch wieder in Dein Leben. Nichts ist mehr wie es war. Pl├Âtzlich merkst du, dass fr├╝her alles viel besser war. Zumindest redest du es dir ein. Dein Leben hat sich ver├Ąndert. In vielen Dingen. In einigen zum guten, in anderen zum schlechten. Aber es ist nicht mehr dasselbe Leben, das es war, als dieser Mensch noch da war. Und du f├Ąngst an dir einzureden, dass fr├╝her alles besser war. Dass du gl├╝cklicher warst. Dass ihr gl├╝cklicher ward. Und Du f├Ąngst an zu denken, dass Dein Leben, so wie es jetzt ist, nicht mehr viel wert ist. Im Vergleich zu fr├╝her, als ihr noch zusammen gl├╝cklich ward. Und du ├╝bersiehst, dass es vielleicht einfach nur daran liegt, dass du in all den Jahren nie aufgeh├Ârt hast, an den anderen zu denken und ihn zu vermissen. Auch wenn Du es nicht gemerkt hast.

Gleich wirst du hier sein und ich wei├č nicht, was ich zu dir sagen soll. Ich w├╝nsche mir, dass es so w├Ąre, als h├Ątte es diese acht Jahre nie gegeben. Als h├Ątten wir uns letzte Woche noch zum Tee getroffen und uns nie aus den Augen verloren. Als w├Ąre ich dieses St├╝ck Leben nie ohne dich gegangen. Und du nie ohne mich. Aber so ist es nicht. Du warst nicht da. Acht lange Jahre. Und ich habe dich noch nicht einmal sonderlich vermisst. Du hast mir trotzdem gefehlt. Ich habe es nur nicht gemerkt. Es gibt so vieles, was ich von dir wissen m├Âchte. Was ich dich fragen m├Âchte. Aber ich wei├č nicht wie. Wie wird es sein, wenn wir uns gegen├╝berstehen? Werde ich dich ├╝berhaupt noch wieder erkennen? Werden wir uns noch etwas zu sagen haben?

Ich w├╝nsche mir, ich k├Ânnte die Zeit zur├╝ckdrehen. Um acht Jahre, oder besser noch um zehn. Wieder deine beste Freundin sein, nachmittags nach der Schule zu dir fahren. Mein Fahrrad bei euch vor der Haust├╝r abstellen und dann mit dir zusammen Tee trinken. Und nachher spielst du mir etwas auf dem Klavier vor. Und wir reden dar├╝ber, wie feucht und widerlich dieser Kuss war. Und wie weh das gebrochene Herz tut. Und wie sch├Ân Julia Roberts im Film ausgesehen hat. Wir sind wieder gl├╝cklich und unbeschwert, wie man es mit 15 eben ist. Auch wenn gerade das Herz zerfetzt wurde und man glaubt, sterben zu m├╝ssen. Wir sind so jung und unerfahren. Wissen nichts von der Welt. Und darum sind wir auch so viel gl├╝cklicher als wir es in 10 Jahren mit Mitte Zwanzig sein werden. Denn dann werden wir einfach zu viel von dieser Welt wissen, um noch richtig gl├╝cklich sein zu k├Ânnen.

Ich w├╝nsche mir, dass du gleich anschellst, ich die T├╝r aufmache und du vor mir stehst. 15 Jahre alt, ein gebrochenes Herz, aber gl├╝cklich. Und wir trinken Tee und freuen uns auf die n├Ąchste Tanzstunde. Um uns wieder neu zu verlieben, damit uns das Herz irgendwann wieder zerfetzt wird. Und dann gehen wir ins Kino oder auf ein Konzert.

Es ist 14.53 Uhr. Die Wohnung ist geputzt, der Kuchen steht auf dem Tisch und das Teewasser ist bereit. Die Sonne scheint durch die Jalousien und die V├Âgel singen noch immer. Mittendrin all meine Erinnerungen an eine Zeit, in der alles besser war. Acht Jahre sind eine lange Zeit. Sie sind so schnell vergangen. Mir kommt es vor, als w├Ąre es erst gestern gewesen, dass sich unsere Wege trennten. Du bist weggezogen. In eine andere Stadt. Zum Studieren. Und ich bin hier zur├╝ck geblieben. Mit einem vernarbten Herz und Julia Roberts auf Videokassette.

Ich male mir aus, was ich gleich sagen werde. Mir f├Ąllt nichts ein. Vielleicht sollte ich die T├╝r einfach nicht aufmachen. Es ging doch auch acht Jahre ohne dich. Nur eben nicht so gut. Komm lass uns die Zeit zur├╝ckdrehen, noch mal 15 sein, und dann einfach die Uhren anhalten. Ich wei├č nicht, was ich gleich f├╝hlen werde. Ich bin aufgeregt. Meine Knie sind ganz weich und meine H├Ąnde zittern. Tausend Erinnerungen schwirren durch meinen Kopf. Ich glaube, ich sollte die T├╝r besser nicht aufmachen. Die Vergangenheit einfach aussperren.

Es schellt. Ich muss schlucken. Ich atme tief durch und dr├╝cke auf den T├╝r├Âffner. Ich h├Âre Deine Schritte im Treppenhaus, du tr├Ągst noch die gleichen Schuhe wie damals. Flache Schuhe, mit einer leise quietschenden Gummisohle. Die Sekunden, die vergehen, bis du oben im zweiten Stock angekommen bist, kommen mir vor wie eine Ewigkeit. Acht lange Jahre. Und dann stehst du pl├Âtzlich vor mir. Du hast dich kaum ver├Ąndert. Es ist, als habe es die acht Jahre nie gegeben. Und wir trinken Tee und erz├Ąhlen uns von den Narben auf unseren Herzen.


__________________
Katrin Campari, Werne, NRW

Besuchen Sie mich auch auf meiner Homepage: www.katrincampari.de

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


HalJordanLives
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2004

Werke: 3
Kommentare: 6
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um HalJordanLives eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ein sehr sch├Âner, fl├╝ssig zu lesender Text. Besonders gefallen haben mir die kleinen Beobachtungen allt├Ąglicher Dinge, die so eine pers├Ânliche Beziehung wie zwischen den beiden Hauptfiguren so charakterisieren (beispielsweise das Klavierspielen, die quietschende Gummisohle, die gemeinsamen Erfahrungen in der Jugend im Tanzkurs, etc. ...).
Das Gef├╝hl, das beschrieben wird, kennt wohl jeder - und es wird im Gro├čen und Ganzen gut getroffen.

Ein paar hoffentlich hilfreiche Kritikpunkte:
- Der Vergleich beste Freundin / paar Schuhe gefiel mir nicht so sehr. Vielleicht, weil mir die Erkl├Ąrung zu simpel erschien. Weiss nicht genau, kann auch einfach Geschmackssache sein.

- Mir fehlt irgendwie ein Ausl├Âser f├╝r die Suche der Hauptperson nach ihrer alten Freundin. Wenn man damit noch den Gesamtzustand ihres Lebens n├Ąher beschreiben k├Ânnte, w├╝rde das die Geschichte eventuell noch stimmiger machen.

- Wo die gemeinsamen Erinnerungen sch├Ân illustriert wurden, feht eben dies bei der Beschreibung des momentanen Ist-Zustandes der Ich-Erz├Ąhlerin. Besser w├Ąre es zu illustrieren, warum sich das Leben ver├Ąndert hat und wie, anstatt es 'nur' zu sagen.

- Insgesamt bin ich der Meinung, da├č der Text durchaus ein weniger straffer sein darf. Ich wei├č, die teilweise stilistischen Wiederholungen sind ein Stilmittel, aber was die Story r├╝berbringen soll, wird auch ohne sie klar, finde ich.

Hm, sieht jetzt nach einer Menge Kritik aus. Aber alles in allem hat es viel Spa├č gemacht, den Text zu lesen.
__________________
Das Leben ist eine Folge von Paradiesen, die nacheinander vernichtet wurden

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!