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Juliana, wildes Mädchen
Eingestellt am 06. 07. 2008 21:50


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memo
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Juliana, wildes Mädchen




Ich bedankte mich für die kleine Führung im Linzer Stifterhaus und ging nach Hause. Adalbert Stifter zählt nicht gerade zu den Dichtern die mich besonders interessieren, aber ich wollte, da ich in seiner damaligen Wohnung war, mehr über sein Leben erfahren.
Noch in derselben Nacht begann ich zu recherchieren, im Bett liegend und meinen Laptop auf dem Schoß. Ich überflog die Daten der Zeittafel seines Lebenslaufes und stolperte über zwei Punkte.
Seine Leberzierrose und seine Stieftochter.

Nach längerem Suchen fand ich eine Dissertation über die „wilden Mädchen“ in Stifters Werk und einen Aufsatz über seinen Alkoholismus - seine maßlosen Weinbestellungen, sowie die ungewöhnlich große Vorliebe für Wiener Würstchen, die als Fastfood der Biedermeierzeit beschrieben wurden.
In der Schule lernten wir nur von Stifters sagenumwobenen Erzählungen und seinen ausführlichen Naturbeschreibenden. Ich war verwundert. Sein Leberleiden wurde uns verschwiegen, ebenso wie seine Stieftochter.
Und das aus gutem Grund.

Seine Geschichten beschrieben ein idealisiertes Bild, in dem immer wieder die Gestalt eines lebhaften, „wilden “ Mädchens, welches – wie ich jetzt weiß, seiner Adoptivtochter Juliana ähnelte, eine Rolle spielte.

Ich hatte zuvor nie etwas von ihr gehört. Nun war mir jedoch bewusst, dass ich auf dem alten Holzboden stand, wo sie spielte. Ich durch die Räume ging, in denen sie gelacht und geweint hatte.
Ich las, dass sie nur 18 Jahre alt wurde und nun wollte wissen warum.

Das Mädchen war die Nichte von Amalia Stifter, 6 Jahre alt und aus Ungarn. Ihre Mutter starb und das kinderlose Ehepaar adoptierte die kleine Juliane.
„Armes, wildes, braunes“ Mädchen.

Das Kind lief von seinem neuen zu Hause weg.
Juliana fühlte sich offensichtlich im Heim des Dichters nicht wohl.
Stifter war in großer Sorge und wollte sich noch intensiver um das Mädchen kümmern.
Doch die Zuwendung die der Pädagoge dem Kind entgegen brachte war eigenartiger Natur.
So berichtete er im Januar 1859 seinem Verleger Heckenast, dass er aufgrund einer Augenentzündung weder lesen noch schreiben könne und "aus Bosheit" Epigramme dichte, die er "der Julie" diktiere.
"Sie sollte in einem erleuchteten Nebenzimmer sizen, in das ich aus meinem dunkeln die Epigramme hinaus riefe. Aber die Sache war zu lächerlich und die Epigramme wurden, je länger ich sie im Gedächtnisse hersagte, immer schlechter. Wenn Julie mir mit dem Lichte hinter einem Schirme sizend das Politische aus der allgemeinen Zeitung vorlesen sollte, war es nicht auszustehen, wie sehr man ihr anmerkte, daß sie gar nichts davon verstehe. Einmal las sie gar das Wort ,kreirt‘ (gründet, hervorbringt) einsilbig, wie man die erste Silbe in ,Geige‘ liest."

Juliana hatte ein temperamentvolles Wesen. Für Stifter der jede „Leidenschaft“, jede „Bewegung des Gemüthes“ krampfhaft zu unterdrücken versuchte, muss Julianas „zigeunerhafte Art“ zugleich abgeschreckt und fasziniert haben. Ihre „Ungezogenheit“ und „Wildheit“ haben Stifter und seine Frau nachhaltig verstört.

Schwärmerisch beschreibt Adalbert Stifter jedoch das „wilde Zigeunermädchen“, in den Werken Waldbrunnen und Katzensilber:
„Das war die schönste Menschengestalt, die sich je in meinen Augen gemalt hatte. Der Oberkörper war in ein rötlich braunes, ausgebleichtes Zeug gehüllt, das so dünn war, daß man alle Gestaltungen durch dasselbe verfolgen konnte, und aus dem noch überdies die Arme von den Achseln an ganz nackt herabhingen. Von den Hüften war ein Rock mit gelben und roten Streifen bis über die Kniee hinunter, der aber die Schwingungen der Gestalt vollkommen erkennen ließ...Die Nase war gerade, die Lippen waren kräftig, die Augen waren sehr groß und so schwarz, wie weder schwarzer Sammet oder Kohle oder Rabengefieder oder irgend etwas anders in der Welt schwarz ist...“

Die Art und Weise mit der Stifter das Mädchen beschrieb beunruhigte mich.

Ich stöberte neugierig weiter. Schließlich stieß ich auf einen aufschlussreichen Aufsatz von Kurt Palm, dessen Dokumentarfilm über den Dichter anlässlich des Stifterjahres 2005 vorgeführt wurde.
Plötzlich entdeckte ich in dem Bericht einen Namen den ich kannte. Ich war fast erschrocken. Denn ich fühlte mich unerwartet betroffen, als hätte ich Anteil an den Ereignissen, nur weil mir bewusst wurde, dass ich in dem genannten Ort wohnte. Etwas verwirrt überflog ich die Einzelheiten der Fakten.

Am 21. April 1859 wurde die unbekannte Leiche eines Mädchens auf dem Friedhof der Mühlviertler Gemeinde Stankt Georgen an der Gusen begraben, zwei Tage nachdem sie auf einer Donauinsel in der Nähe ertrunken aufgefunden wurde.

Für den damaligen Pfarrer Johann Bauer nichts ungewöhnliches, weil in diesem Bereich der Donau damals regelmäßig Tote angeschwemmt wurden.
Es wurde offensichtlich von einem Unfalltod ausgegangen, da bei einem Selbstmord kein kirchliches Begräbnis möglich war.

Vier Tage später stellte sich heraus, dass es sich bei der Ertrunkenen um Juliana Stifter, geborene Mohaupt, handelte. Pfarrer Bauer der ein Studienfreund Stifters war, schickte diesem einen tröstlichen Brief in dem die Leiche als „gut erhalten und nicht entstellt war und fast einen freundlichen Gesichtsausdruck gezeigt habe.“
Diese Beschreibung schien aber nicht der Realität zu entsprechen, da Julianas Leiche bereits vier Wochen im Wasser lag.
Inwieweit Stifter von der Verschleierung des Selbstmordes wusste, ist unklar.

Julianas Tod musste für den Ziehvater und Pädagogen eine Katastrophe gewesen sein.
Hatte er als Erzieher versagt? An seine Freundin Louise von Eichendorff schrieb er: „ Es kann aber auch sein, dass sie im Irrsinn verunglückte. So weit nämlich bis jezt unsere Forschungen reichen, die ich unausgesezt überall, wo ich die geringste Auskunft hoffen kann, anstelle, dürfte eine Übersezung der Menstruation ins Gehirn die Ursache sein. Wir ahnten nicht das Geringste davon.“

Eine sehr eigentümliche Erklärung.

Stifter versuchte keinen Verdacht einer Mitschuld an Julianas Tod aufkommen zu lassen. Er schrieb:“ Sie hätte einem glücklichen Lose entgegen gehen können Wir behandelten sie gut, sie bekam nie eine Strafe als nur Ermahnungen bei ihren Fehlern.“
Das schien jedoch nicht die Wahrheit zu sein. Stifters Freund Carl Löffler berichtete, dass Amalia ihre Ziehtochter geschlagen hatte und Juliana schon mit elf Jahren „das Haus verließ und in Angst und Eile hinter einem Pferde – Eisenbahn – Wagen so lange fortlief, bis sie erschöpft bei einem Gasthaus niedersank...“ Sie versteckte sich und wurde erst 3 Wochen später wieder gefunden.

Am 26. März 1965 fügte sich Adalbert Stifter, schon schwer an seiner erkrankten Leber leidend, eine Schnittwunde am Hals zu. Zwei Tage später starb er.

Juliana hinterließ einen Abschiedsbrief:
„Ich gehe zu meiner Mutter, in den großen Dienst.“
So hatte es Adalbert Stifter beschrieben. (Ihre Mutter war schon 15 Jahre tot.)

Später wurden jedoch noch andere Worte gefunden:
„Ich gehe zu meiner Mutter, dann habt ihr eure Ruhe und auch ich habe meine Ruh...“






Version vom 06. 07. 2008 21:50
Version vom 07. 07. 2008 09:37

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