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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Julie
Eingestellt am 27. 09. 2007 09:25


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Catweazle
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Registriert: Aug 2007

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Julie

Als Julie an diesem Morgen erwachte, lag ich neben ihr im Bett und sah sie an. Ich weiß nicht wie lange ich ihr schon beim Schlafen zugesehen hatte, aber ich genoss es, sie einfach zu beobachten. Sie lag auf der Seite und hatte mir ihr Gesicht zugewandt. Ich glaube, sie hatte in der Nacht geweint, denn ihre Augen waren verquollen und da sie sich vorm Schlafen nicht abgeschminkt hatte, war die Wimperntusche über das ganze Gesicht verteilt.
Dann fielen die ersten Sonnenstrahlen durch die Jalousien am Fenster und landeten sanft auf ihrem Gesicht. So konnte ich sehen, wie sich ihre Augen unter den Liedern bewegten. Sie öffnete die Augen und sah mich direkt an.
„Guten Morgen, Julie!“
Ich lächelte.
„Scheiße.“, flüsterte sie.
„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“
Sie schloss krampfhaft die Augen und warf die Hände vors Gesicht.
„Du freust Dich nicht gerade mich zu sehen.“, sagte ich.
Sie drehte sich um und weinte.
Ich setzte mich auf und wartete.
„Geh weg.“, flüsterte sie.
„Wieso?“, fragte ich.
„Ich bin doch gerade erst gekommen.“
Julie sprang auf und lief ins Bad. Dabei knallte sie die Türe zu und verschloss sie von innen, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.
Offensichtlich war ich nicht erwünscht. Also verschwand ich wieder.

Julie hatte mich auf dem Jahrmarkt im Hafen kennen gelernt. Mit ihren dunkelbraunen Haaren und den dunklen Augen half sie ihrer Tante Süßigkeiten an die vorbeiströmenden Besucher zu verkaufen.
Auf ihrem Tisch fanden sich kandierte Äpfel, mit Schokolade überzogene Bananen und selbst gemachte Bonbons verschiedener Arten und Farben.
Am nächsten Abend ging sie mit mir bereits aufs Riesenrad. Die weißen Metallspeichen reckten sich weit in den langsam dunkel werdenden Himmel. Kleine bunte Lämpchen leuchteten über uns in der Gondel, als wir uns Hand in Hand hineinsetzten und uns anlächelten. Auf halber Höhe angelangt, hielt die Gondel an und ließ uns in der warmen Sommerluft aufs Meer schauen. Die scheinbare Unendlichkeit des Horizonts ließen das Leben, das noch vor uns lag, grenzenlos erscheinen.
Dass dies nun schon 3 Jahre her war, daran dachte Julie, als sie mir einige Tage später auf der Couch gegenüber saß.
Ihre Wohnung war still. Kein einzelner Laut war zu hören, nur ein leichtes Rauschen der Straße im Regen vor dem Haus.
„Ich muss Dich jetzt vergessen!“, sagte sie mit brüchiger Stimme.
Ich saß in meinem Lieblingssessel ihr gegenüber und blickte ihr in die Augen.
Dabei lauschte ich auf den Regen, der gegen die Scheiben prasselte.
„Morgen fange ich eine Therapie an.“, fuhr sie fort.
Ihr Blick wurde fest und sie schob ihr Kinn entschlossen vor, als sie tief einatmete.
„Ich weiß nicht, ob das helfen wird.“, sagte ich.
„Meinst Du wirklich, dass Du Dich damit lösen kannst?“
Sie sagte nichts mehr und starrte an mir vorbei ans Fenster.
Ich hörte noch einige Zeit dem Regen zu, dann stand ich auf und verließ sie für heute.

Julie betrat den Laden von Frau Weinschrot und die Türglocke bimmelte. Ich schlich mich hinterher, um sie zu überraschen.
Frau Weinschrot stand hinter ihrer Kasse und blickte kurz auf, als wir das Geschäft betraten.
Wir waren alleine im Laden. Julie packte die paar Sachen ein, die sie immer in letzter Zeit kaufte. Ein paar Joghurts, etwas Brot und Schmierkäse, einen Saft und Schokolade. Julie hasste große Supermärkte. Sicherlich hätte sie in einem großen Geschäft alles billiger haben können.
Doch der Laden von Frau Weinschrot bot ihr die nötige Ruhe und Geborgenheit, die sie jetzt brauchte.
Früher sind wir immer zusammen einkaufen gegangen. Wir hatten uns trotz ihrer Abneigung im Discounter am Stadtrand den Wagen bis oben hin vollgeladen, damit wir nur einmal pro Woche einkaufen mussten. Wir haben gerne zusammen gekocht. Oft begann unser Wochenende damit, dass wir schon am Donnerstag abends Freunde einluden, um mit ihnen zu kochen. Die Rezepte waren abwechslungsreich und oft von mediterranem Flair.
Juli legte ihre paar Sachen auf das kurze und schon häufig geflickte Laufband an der Kasse. Frau Weinschrot blickte auf.
„Julie, armes Kind. Wie geht es Dir?“
„Es geht schon, Frau Weinschrot. Danke der Nachfrage.“
Frau Weinschrot verzog das Gesicht und legte ihre runzelige und raue Hand auf Julies Arm.
„Armes Kind, was Du durchmachen musst.“
Dann ließ sie ihren Blick über das Band wandern und blickte direkt durch mich durch. Sie hatte mich noch nie gemocht und bisher meistens ignoriert.
Ich sah wie Julies Augen sich wieder mit Tränen füllten und sie zwangen wegzuschauen. Julie drehte den Kopf und blickte in das Schaufenster. Draußen war es bereits dunkel geworden und das Neonlicht verwandelte die Scheibe in einen Spiegel.
Julie sah in der Scheibe, dass ich hinter sich stand und erschrak. Sie zuckte zusammen, starrte in den Spiegel und schien zu warten.
Dann fing sie sich wieder, ignorierte mich und sprach weiter mit Frau Weinschrot.
„Ich komme schon klar.“
Damit packte sie ihre Tasche und stapfte hinaus in den Regen.
Frau Weinschrot sah ihr hinterher und sagte nichts mehr.

„Du kannst jetzt rein kommen.“, drang die Stimme durch die geschlossene Tür.
Als Julie hineingegangen war, war ich einfach draußen geblieben. Doch nun betrat ich das Zimmer und war erstmal erstaunt. Julie lag auf einer Liege und sah tot aus. Ihr Gesicht war bleich und sie schien nicht zu atmen. Das einzige Licht in diesem Raum stammte von einigen dicken Kerzen, die um die Liege herum aufgestellt waren. Neben Julie stand eine junge Frau mit geschlossenen Augen. Sie war wie in Trance und bewegte leise eine Rassel hin und her.
Es war Julies Idee gewesen zu einer Heilerin zu gehen. Obwohl ich nun dicht neben Ihnen stand, beachtete sie mich nicht. Jetzt sah ich, dass auch Julie nur in einem tiefen Schlaf oder ebenfalls in einer Trance versunken war.
„Komm.“, sagte eine Stimme neben mir.
Ich drehte mich um. Hinter mir stand noch mal die junge Heilerin. Aber irgendwie schien diese Version etwas luftiger zu sein und durchsichtig.
Sie streckte die Hand aus.
„Komm, lass sie los. Der Unfall ist nun schon so lange her.“
Ich blickte auf Julie.
„Ich habe Angst.“, flüsterte ich.
„Das macht nichts. Ich bringe Dich hinüber.“
Ich nahm ihre Hand und spürte, wie ich mich langsam von dieser Welt löste.
Dann wurde es still.

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Orangekagebo
Guest
Registriert: Not Yet

Gefällt mir gut, Catweazle,

was mir auffiel:

Also verschwand ich wieder. (verrät ein bissel, vielleicht: Behutsam ging ich erst mal)


den dunkle Augen (dunklen)

Dass dies nun schon 3 Jahre her war, daran dachte Julie (vielleicht: daran schien Julie zu denken), als sie mir einige Tage später auf der Couch gegenüber saß

„Komm, lass sie los. Der Unfall ist nun schon so lange her.“
Ich blickte auf Julie.
Die ätherische Version der Heilerin fuhr fort.
„Lass sie los. Dann kannst auch Du endlich Ruhe finden.“
Meine Augen suchten den Blick der Heilerin. In meinem Rücken hörte ich ihre irdische Gestalt in der Trance rasseln und murmeln.
„Ich habe Angst.“, flüsterte ich.
„Das macht nichts.“, sagte sie.
„Du bist schon zu lange hier. Ich bringe Dich hinüber.“
Ich nahm ihre Hand und spürte, wie ich mich langsam von dieser Welt löste.
Dann wurde es still.

- das würde ich insgesamt entschieden kürzen, der Pointe wegen.


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Catweazle
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Registriert: Aug 2007

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Hallo Orangekagebo,

vielen Dank fürs Lesen und die Kommentare.
Ich habe jetzt den Schluß gekürzt (finde es so auch besser) und den Rechtschreibfehler korrigiert.
Es freut mich, dass Dir mein Text (in der neuen Version hoffentlich noch besser) gefällt.

Gruß
Catweazle

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