Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95221
Momentan online:
467 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Julius nimmt Abschied
Eingestellt am 20. 09. 2013 15:33


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

Werke: 326
Kommentare: 2712
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Ein letztes Mal wollte Julius an diesem Nachmittag um den kleinen See unweit des Kurst├Ądtchens spazieren. Ihm blieb viel Zeit, es gab heute nichts mehr zu tun, au├čer am Abend den Koffer zu packen.
Nach dem leichten Regen des Vormittags blieb der Himmel bedeckt, passend zur Abschiedsstimmung. Der Bergsee schimmerte dunkelgr├╝n wie die bewaldeten H├Ąnge, die ihn umgaben. Einzig das erste bunte Herbstlaub bildete farbige Tupfer.
Von der Bushaltestelle f├╝hrte ein schmaler Pfad hinunter zum Rundweg, der zun├Ąchst parallel zur Stra├če verlief. Diesen Teil der Strecke wollte er zuerst hinter sich bringen, bevor er auf der anderen Seeseite die herrliche Ruhe w├╝rde genie├čen k├Ânnen.

Sein Gang schien ihm nicht mehr so forsch wie fr├╝her, seine Schritte l├Ąngst nicht mehr so ausladend. Ein wenig unelastisch sieht das aus, hatte er neulich gedacht, als er sich im Vorbeigehen kurz in einer Schaufensterscheibe beobachten konnte. Die Gelenke schmerzten in letzter Zeit h├Ąufig.

Nur wenige Spazierg├Ąnger begegneten ihm. Am ├Âstlichen Ende des Sees, abgeteilt durch ein Netz, schwammen Fische unterschiedlicher Gr├Â├čen ruhige Bahnen, eine kleine Fischzucht mit Rotfedern und Rotaugen. Seine Lieblingsbank unter der weit ausladenden Buche, auf der schon oft gesessen hatte, wurde gerade frei. Zufrieden setzte sich Julius, kramte eine Trinkflasche aus dem Rucksack und nahm einen kr├Ąftigen Schluck. Gerade so, als h├Ąttest du eine gr├Â├čere Strecke zur├╝ckgelegt, du alter Depp, dabei gehst du nur eine Stunde um einen kleinen See.
Julius schaute hin├╝ber zur Liegewiese des Naturschwimmbades, die heute verwaist dalag. Vor zwei Jahren hatte er hier einmal gebadet, eine Ausnahme Anfang September. Das Wasser war gew├Âhnlich viel zu kalt zum Schwimmen, aber damals hatte er sich ├╝berwunden, die Strecke quer ├╝ber den See ans andere Ufer und zur├╝ck zu schwimmen. Anschlie├čend hatte er sich fantastisch gef├╝hlt.

Die letzten zwei Wochen waren anders verlaufen als seine fr├╝heren Aufenthalte. Als Julius sich noch fit und gesund f├╝hlte, ging er stets sehr fr├╝h am Morgen auf Tour, manchmal verzichtete er sogar auf das gute Fr├╝hst├╝ck und lie├č sich im Hotel ein Lunchpaket mitgeben. Wenn er am sp├Ąten Nachmittag zur├╝ckkam, v├Âllig ersch├Âpft, ausgelaugt, mit schmerzenden Beinen und brennenden F├╝├čen, aber gl├╝cklich ├╝ber einen gelungenen Tag, vollgepumpt mit frischer Bergluft und neuen Eindr├╝cken, nahm er erst einmal ein l├Ąngeres hei├čes Bad. Danach f├╝hlte er sich frisch genug, um zu einem kleinen Rundgang durch den Ort aufzubrechen und in einem der vielen Bierg├Ąrten einzukehren.
Lange geh├Ârten die regelm├Ą├čigen Urlaube in Bad Steinberg f├╝r ihn zu den H├Âhepunkten eines Jahres. Wobei ihm Urlaub nicht mehr das richtige Wort zu sein schien. F├╝r einen Rentner bestand das ganze restliche Leben eigentlich nur aus Urlaub, meinte er, w├Ąhrend fr├╝her die wenigen freien Wochen f├╝r ihn eine wirklich notwendige Pause darstellten.

In diesem Jahr hatte er zum ersten Mal keine gr├Â├čeren Bergwanderungen mehr unternehmen k├Ânnen, er beschr├Ąnkte sich auf kleine Touren, bei denen er sogar mehrmals in die Seilbahn gestiegen war - fr├╝her f├╝r ihn undenkbar und verp├Ânt. Der Gipfel des Dohlsteins, der sich ├╝ber dem Ort erhob und den er schon des ├ľfteren bestiegen hatte, lockte ihn allerdings jeden Tag mit seiner majest├Ątischen Felsspitze. Bei klarem Wetter stand Julius manchmal sp├Ątabends auf dem Balkon seines Hotelzimmers und suchte das Licht der Gipfelh├╝tte, das sich von hier aus kaum von den Sternen unterscheiden lie├č. Je l├Ąnger er dort hinaufschaute, desto mehr schien ihm, dass sich dieses Licht ganz leicht bewegte, als ob es ihm zuzwinkerte.

Auf seinen Spazierg├Ąngen war ihm in den letzten Tagen so vieles durch den Kopf gegangen, auf Spazierg├Ąngen, bei denen er gar nicht richtig m├╝de wurde, bei denen es kein richtiges Ziel wie zum Beispiel ein Gipfelkreuz gab. Schon auf der Hinfahrt mit der Bahn hatte er sich ├╝berlegt, dass dies das letzte Mal sein w├╝rde. Was n├╝tzte ihm die herrlichste Umgebung, wenn er nicht mehr lange wandern konnte? Die vielen gebrechlichen alten Leute im Ort fielen ihm heuer weit mehr auf als fr├╝her, eben weil er ihnen mittlerweile viel n├Ąher war, altersm├Ą├čig und gesundheitlich.

Im letzten Sommer hatte ihm eine Operation einen Strich durch seine Pl├Ąne gemacht, er musste auf die Reise verzichten. Die Ver├Ąnderungen in Bad Steinberg fielen ihm jetzt nach zwei Jahren besonders auf. Das Publikum war internationaler geworden, aber vor allem lauter, schriller, mit wenig Gesp├╝r f├╝r die Ruhe eines Kurortes. In der Fu├čg├Ąngerzone standen jetzt Stra├čenmusikanten, sogar gebettelt wurde offen, das w├Ąre fr├╝her undenkbar gewesen, erinnerte er sich. Seine Lieblingswirtschaft mit dem Biergarten unter riesigen Kastanienb├Ąumen war geschlossen worden, der Besitzer wohl verstorben und ohne Erben. Es gab einige neue Gesch├Ąfte, ÔÇ×OutletsÔÇť und dergleichen, die das Ortsbild nicht eben versch├Ânten. Das Heimelige, etwas Altmodische an diesem St├Ądtchen schwand dahin. Menschen ├Ąndern sich, St├Ądte ├Ąndern sich auch, und irgendwann passen sie einfach nicht mehr zusammen, gr├╝belte Julius. Diese Einsicht tat weh.

├ťber ihm zwitscherte verhalten ein Vogel, bestimmt ein Buchfink. Wahrscheinlich hatte er den ganzen Sommer lang genug gesungen und kam jetzt langsam zur Ruhe. Ein leiser Abschied, bevor er sich auf den langen Weg in den S├╝den machte, dachte Julius.
Zwei junge Frauen in Wanderausr├╝stung kamen lachend und lautstark erz├Ąhlend den Forstweg herunter, der hier in den Rundweg um den See m├╝ndete. Ihre verdreckten Wanderstiefel lie├čen auf eine l├Ąngere Tour schlie├čen. Sicher kamen sie von der Gr├╝nspitze zur├╝ck, schloss er. W├Ąhrend er ihnen nachschaute, wie sie ihre Wanderst├Âcke bei jedem Schritt locker schwangen, ├╝berlegte er, wann er das letzte Mal oben gewesen war. Es fiel ihm nicht mehr ein.

Julius seufzte. Er schulterte seinen Rucksack und setzte seine Runde bed├Ąchtigen Schrittes fort. Er versuchte tief zu atmen und die frische Bergluft zu inhalieren, so als wolle er gen├╝gend davon konservieren und mit nach Hause nehmen. Gestern war ihm eingefallen, dass seit seinem ersten Besuch, damals noch mit den Eltern, im n├Ąchsten Sommer f├╝nfzig Jahre vergangen sein w├╝rden. Die Liebe zu den Bergen hatte die Jahrzehnte ├╝berdauert. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass mit all diesen sch├Ânen Unternehmungen so bald Schluss sein k├Ânnte. Seine Verbitterung hier├╝ber hatte ihm den Urlaub ein wenig verg├Ąllt.

Andererseits - 49 Jahre waren eigentlich ein unrunder Abschluss. Was, wenn er doch noch einmal kommen w├╝rde, um das 50.Jubil├Ąum zu begehen? Vielleicht w├╝rde er sich bis dahin gesundheitlich wieder ein wenig besser f├╝hlen. Allzu viel erwartete er allerdings in seinem Alter nicht mehr.

Seine Schritte wurden schneller. Julius wollte ein letztes Mal in der Seeklause einkehren, dort, wo man von der weitl├Ąufigen Terrasse den ganzen See ├╝berblicken konnte.
Der dunkle Himmel zeigte erste Wolkenl├╝cken, die Sonne k├Ąmpfte sich an einigen Stellen durch. Im Wasser spiegelte sich endlich ein kleiner Ausschnitt des Berghanges.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


DocSchneider
Foren-Redakteur
H├Ąufig gelesener Autor

Registriert: Jan 2011

Werke: 137
Kommentare: 2459
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DocSchneider eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Ciconia, sprachlich sauber erz├Ąhlt (dieses Mal wirklich, auch wenn es eine Kurzgeschichte ist) und auch die Empathie mit Julius ist vorhanden.
Das Einzige, was mich st├Ârt, ist das Ende. Ich hatte noch auf eine dramatischere Entwicklung gehofft/gewartet, jetzt bleibe ich etwas ratlos zur├╝ck. Oder Du meinst, dass das eben das Ende seiner ├ťberlegungen ist. Oder er ist am Ende dieser.
Vielleicht f├Ąllt Dir noch ein runderer Schluss ein!
LG Doc
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals erm├╝dendem Lesen. (Virgina Woolf)

Bearbeiten/Löschen    


Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

Werke: 326
Kommentare: 2712
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo Doc,

quote:
sauber erz├Ąhlt, dieses Mal wirklich
Nun, es macht f├╝r mich emotional immer noch einen gro├čen Unterschied, ob ich den grausamen Mord an einem Verwandten schildere/erz├Ąhle/berichte oder eine fiktive Geschichte ├╝ber einen Protagonisten erfinde, der mit mir nicht viel gemeinsam hat.
quote:
dramatischere Entwicklung /ein runderer Schluss
Da muss ich Dich leider entt├Ąuschen. In dem Alter, in dem ich meinen Prota ansiedle, also so Mitte/Ende sechzig, werden viele ├ťberlegungen nicht mehr helfen. Man hat vieles, vor allem gesundheitlich, nicht mehr selbst in der Hand, da nutzen auch gro├če Pl├Ąne nicht. Deshalb m├Âchte ich das Ende so lassen wie es ist ÔÇô mit ein wenig Resignation, aber doch nicht ganz ohne Hoffnung.

Danke f├╝rs Reinschauen und Werten!

Gru├č Ciconia

Bearbeiten/Löschen    


4 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung