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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kaba
Eingestellt am 19. 11. 2014 22:36


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CPMan
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„Ich habe gehört, in eurem Land bin ich ein KakaogetrĂ€nk“.
Er lachte mich an. Seine weiß blitzenden ZĂ€hne, seine strahlenden, dunkelbraunen Augen und sein schwarzes, leicht verfilztes Haar trugen zum Gesamteindruck bei, den ich mit einem Adjektiv so beschreiben wĂŒrde: Exotisch.
Ich dagegen: Weiß, ein blasses Weiß sogar, englisch, möchte ich fast sagen, obwohl ich Deutscher bin. Schwarze Haare hatte ich auch, aber meine waren und sind spießig gekĂ€mmt und glatt gegelt, wĂ€hrend seine in alle Richtungen abstanden.
Kaba. Er hieß wirklich so. Woher aus den D.O.M.–T.O.M. er kam, weiß ich schon nicht mehr. Guadeloupe, vielleicht. Aber ich weiß, dass er alles war, was ich nicht war.

Er lebte in Le Bourget, einem in seiner HĂ€sslichkeit typischen Vorort von Paris, der seine beste Zeit gehabt hatte, als Charles Lindbergh 1929 mit seinem Flugzeug The Spirit of Saint Louis den ersten Alleinflug ĂŒber den Atlantik dort beendet hatte. Ich wusste das, Kaba wusste es nicht. Er hatte auch keinen so ausfĂŒhrlichen ReisefĂŒhrer wie ich. Wer kauft sich schon einen ReisefĂŒhrer fĂŒr die Stadt, in der er wohnt?
Kaba war nett. Er war Bell Boy im Queen&Crescent, das Hotel, in dem ich arbeitete. Wenn es nicht viel zu tun gab, dann kam er zu mir an die Rezeption, und wir unterhielten uns. Er brachte mir französische AusdrĂŒcke bei, die man in keinem Wörterbuch finden konnte. Er lehrte mich verlan, die Sprache der Jugendlichen, die darin bestand, Silben von Wörtern solange zu vertauschen, bis die Wörter fĂŒr Erwachsene unkenntlich geworden waren. Statt Cigarette sagte man Garetteci und ein briquet war ein kĂ©bri.

An einem Samstag, unsere Schicht endete zur gleichen Zeit, nahm Kaba mich auf ein Partyevent mit. Wir stiegen an der Station Oberkampf aus, liefen in das eher schmucklose Viertel hinein und verschwanden schließlich in einem Hauseingang.
Es war eine Vernissage. Der Freund eines Bekannten von Kaba hatte eine Sammlung von Graffiti-GemĂ€lden zusammengestellt, die er nun im Hause eines KunstmĂ€zen ausstellen und verkaufen durfte. Es gab ein kaltes Buffet und im Hintergrund, etwas lauter als auf Vernissagen ĂŒblich, spielte französische Rapmusik.
Es waren interessante Leute da. Geschniegelte Typen in AnzĂŒgen mischten sich unter so genannte Rakais, junge Immigranten aus den Pariser Vororten. Kaba und ich stachen aus der Menge ein bisschen heraus. Ein Weißer und ein Schwarzer, beide unterschiedlich gekleidet, der eine bĂŒrgerlich, der andere lĂ€ssig, das machte uns selbst in Paris zu einem eher ungewöhnlichen Paar. Zu dem treibenden Beat des Rappers Akhenaton versuchte ich, mich dem lĂ€ssigen Schritt von Kaba anzupassen.

Sie stand am Buffet. Blonde, lange Haare, hoch gewachsen, durch Mascara zur Geltung gebrachte, große Augen und ein sympathisches LĂ€cheln. Auch ohne den Stupser, den Kaba mir verpasste, wusste ich, dass Kaba sie ebenfalls fĂŒr einen heißen Feger hielt. Oder fĂŒr une bombe, wie man im Jugendslang sagte. Kaba, unbekĂŒmmert wie er war, sprach sie an.
„Ça va?“, grinste er.
Sie grinste zurĂŒck. Ihre ZĂ€hne waren so weiß wie die von Kaba, auch ohne den Kontrast.
„Ça va!“, sagte sie.
Sie war DĂ€nin. Sie war seit einem Jahr in Paris, was man ihrem Französisch noch nicht anmerkte. Sie hatte anfangs fĂŒrs Disneyland in Chessy gearbeitet, in der WildWestShow, dann aber ĂŒber Kontakte eine Anstellung im Edelrestaurant Maison du Danemark auf den Champs ElysĂ©es bekommen. Da sie besser Englisch als Französisch sprach, war ich von Anfang an im Vorteil. Ich ließ meine sprachlichen Talente heraushĂ€ngen und betonte unablĂ€ssig die Gemeinsamkeiten, die wir beide, als AuslĂ€nder in Paris, unweigerlich hatten. Kaba hatte nach zehn Minuten kapiert, dass hier fĂŒr ihn nichts mehr zu holen war, und so verabschiedete er sich bald schon Richtung Toilette, obwohl er gar nicht musste. Ich blieb jedoch am Buffet und becircte die DĂ€nin. Als es so spĂ€t geworden war, dass sie gehen musste, nahm ich meinen Mut zusammen und fragte sie nach ihrer Telefonnummer. Sie gab sie mir.
„What’s your name!“, fragte ich zum Abschied.
„Line!“, sagte sie. „Line Lorentsen“.

Am folgenden Tag hatte ich eine Auseinandersetzung mit Kaba. An der Rezeption hatte ein Ă€lteres französisches Paar darauf bestanden, von einem weißen Bediensteten das FrĂŒhstĂŒck serviert zu bekommen. Das passierte manchmal. Ich hatte dem Paar gesagt, dass dies kein Problem sei, daraufhin Kaba abbeordert und an seiner Statt Pascal hochgeschickt. Kaba war sauer, als er davon erfuhr.
„Der Kunde ist König“, rechtfertigte ich mich.
„Der Kunde ist ein Arschloch“, meinte Kaba.

Die Woche darauf hatte ich mein erstes Date mit Line. Die leidige Lakaienarbeit, die ein Job in einem Hotel und in einem Edelrestaurant mit sich brachte, versuchten wir mit feingeistiger Kultur wettzumachen. Wir gingen in den Louvre und ließen uns von ganz bestimmten Bildern inspirieren. So ließen wir da Vincis Mona Lisa außer Acht und wandten uns den erotischeren GemĂ€lden zu. Die Badenden von Fragonard etwa, oder Diana im Bade von Boucher. Die weißen, stattlichen Frauen mit ihren Rubensfiguren und den voluminösen BrĂŒsten, ihr blasser Teint, der sie in der freien Natur erstrahlen ließ, ihre sinnlichen Augen und ihre lockigen, blonden Engelshaare erregten mich. FĂŒr mich war die Betrachtung dieser GemĂ€lde eine Art Vorspiel, das im Sex mit Line mĂŒnden sollte.
Wir fuhren nach unserem Besuch im Louvre zu ihr nach Hause. Sie lebte in einer Wohngemeinschaft in Neuilly-sur-Seine mit zwei DÀninnen und einer Spanierin. Ihre Mitbewohnerinnen waren nicht da. Es war spÀter Nachmittag, die Sonne schien durch die kleinen, französischen, mit steinernen Arabesken verzierten Fenster.
Wir begannen uns zu kĂŒssen. Ihre schmalen, verfĂŒhrerischen Lippen nĂ€herten sich verlangend den meinen. Ich fuhr ihr mit meiner rechten Hand durch die langen, blonden Haare und strich anschließend ĂŒber ihre warme Wange. Ihre Haut berĂŒhren zu dĂŒrfen, löste ein GefĂŒhl des Triumphes in mir aus. Ich kam mir sehr edel und elegant vor. Geschickt und behutsam ließ ich meine rechte Hand an ihrem Hals hinunter gleiten. Vom Nacken abwĂ€rts musste ich eine Schneise durch ihre weiße, gestĂ€rkte Bluse schlagen. Als ich tiefer ging, fĂŒhlte ich, dass sie keinen BĂŒstenhalter trug.

NatĂŒrlich musste ich Kaba davon erzĂ€hlen. Schon am folgenden Tag, im Hotel, schwĂ€rmte ich von meiner Begegnung mit Line. Ich prahlte mit ihr, wie man mit einem Auto prahlte. Ich fĂŒhrte sie vor, fĂŒtterte Kaba mit Details ĂŒber ihren makellosen Körper und redete kein einziges Mal von meinen wirklichen GefĂŒhlen fĂŒr sie. Aus einer falsch verstandenen MĂ€nnlichkeit heraus, sagte ich, dass ich sie gefickt hatte. Ich sagte Kaba nicht, dass ich sie liebte. Vielleicht war Kaba deswegen so still geblieben, und hatte die Handgriffe, die zu seiner Arbeit gehörten, mit einer solchen Konzentration ausgefĂŒhrt. Er wollte mir nicht in die Augen sehen und seine Missbilligung ausdrĂŒcken, indem er sich desinteressiert gab.

Ich unternahm weiterhin viel mit Line. Sie holte mich oft von der Arbeit im Hotel ab. Meistens, wenn ich noch viel zu tun hatte, schwatzte sie ein bisschen mit Kaba. Wenn wir fĂŒr den Abend geplant hatten, ins Kino oder essen zu gehen, fragte sie Kaba oft, ob er nicht mitkommen wolle. Er lehnte aber jedes Mal dankend ab. Nicht, dass ich ihn direkt und mit Worten dazu aufgefordert hatte, aber vielleicht hatte ich ihm mit Blicken gesagt, dass ich Line gerne fĂŒr mich allein hatte. Jedenfalls ließ er uns allein.
„Kaba is really nice!“, sagte Line, als wir zum Kino liefen.
„Yes, he is!“, erwiderte ich, und erzĂ€hlte ihr, wie nett er vom ersten Tag an zu mir gewesen war.
Als wir im Kino ankamen, drehten sich viele MĂ€nner zu uns um. Manche der MĂ€nner schauten Line mit unverhohlener Bewunderung an, und tatsĂ€chlich sah sie an diesem Abend noch umwerfender aus als sonst. Ich kĂŒsste sie demonstrativ, so sehr, dass es Line ein bisschen peinlich war. Wahrscheinlich fĂŒhlte sie sich in ihre Kindheit zurĂŒckversetzt und erinnerte sich daran, wie ihr Bruder das letzte StĂŒck Kuchen abgeleckt hatte, um es mit niemandem teilen zu mĂŒssen. Ich weiß, dass ich ein wenig ĂŒbertrieben reagiert habe, aber ich wollte der Welt unbedingt zeigen, dass Line zu mir gehörte. Dass ich sie bekommen hatte.

Der Film war eine amerikanische Komödie. Es ging um eine Tochter mit wohlhabenden, konservativen Eltern, die zum ersten Mal ihren Liebhaber mit nach Hause bringt. Die Eltern ahnen jedoch nicht, dass dieser Liebhaber ein Schwarzer ist, was zu allerlei komischen Situationen fĂŒhrt.
Als wir aus dem Kino heraus kamen, lachte ich immer noch.
„Was deine Eltern wohl sagen wĂŒrden, wenn du plötzlich einen Schwarzen mit nach Hause bringst?“, fragte ich Line belustigt.
Line schaute mich etwas eingeschnappt an.
„Sie wĂŒrden sich fĂŒr mich freuen!“, sagte sie bestimmt.

NatĂŒrlich ahnte ich, dass die Beziehung zwischen mir und Line mit unserer Situation zusammenhing. Paris war eine aufregende Stadt, wir waren von verschiedenen Planeten her gekommen, und unser Status als kultivierte, aber Ă€rmliche AuslĂ€nder machte uns fĂŒr den jeweils anderen attraktiv. Meine deutsche Kultur, meine Kindheit und Jugend im Land der Teutonen waren in Paris eine RaritĂ€t. Line hatte es etwas treffender einmal so formuliert: „Da, wo ich herkomme, sind alle gleich. Hier ist jeder verschieden“.
Und meine Verschiedenheit zu Line hatte mich fĂŒr sie interessant gemacht. Unterbewusst waren wir beide weniger aus Liebe, als vielmehr aus Interesse und Neugier zusammen gekommen. Ich hatte eine stereotypische Vorstellung von DĂ€ninnen und wollte wissen, ob die echte Line mit diesem Klischee kongruent war. Genauso wollte Line wissen, ob ich wirklich immer pĂŒnktlich, technokratisch veranlagt und endlos diszipliniert war.
Dieses Interesse und die Neugier, die uns anfangs zusammen gebracht hatten, verblassten zusehends. Irgendwann war ich fĂŒr Line weniger interessant als die anderen Exoten, die sich auf dem Spielplatz Paris tummelten. Und in Paris tummelten sich junge MĂ€nner aus aller Herren LĂ€nder. Junge Puertoricaner, knabenhafte Brasilianer, coole Schwarzafrikaner, lĂ€ssige Japaner und feurige Spanier. Dagegen konnte ich nicht lange ankĂ€mpfen.

Ich mochte Kaba. Ich mochte ihn auch, weil er keine Probleme mit der Hierarchie bezĂŒglich unseres DienstverhĂ€ltnisses hatte. Ich meine, ich war an der Rezeption und er war nur ein Bell Boy. Ich war also ein bisschen sein Chef. Wenn GĂ€ste etwas bestellten, wenn sie ihr GepĂ€ck in die Zimmer tragen lassen wollten, dann stand es mir zu, einen der Bediensteten zu rufen und ihn zu beauftragen.
„Macht es dir nichts aus?“, fragte ich Kaba einmal.
„Was“, fragte er.
„Na, dass ich dein Chef bin. Dass ich dich rumkommandiere!“
Kaba lachte.
„Du bist doch nicht mein Chef“, sagte er. „Die GĂ€ste sind mein Chef. Und die bezahlen. Also ist es kein Problem“.
Wirklich, ich mochte Kaba. Ich hĂ€tte ihm gewĂŒnscht, eine nette, hĂŒbsche Schwarze zu treffen. Kaba sah ja auch nicht schlecht aus fĂŒr einen Schwarzen.

Line entglitt mir langsam. Die anfĂ€ngliche Euphorie, die unsere Treffen immer zu etwas Besonderem gemacht hatte, verflĂŒchtigte sich. Line wurde launisch, und wenn wir gemeinsam auf Partys gingen, sah ich sie nicht selten mit irgendwelchen MĂ€nnern in der Ecke stehen und flirten. Wenn wir uns unterhielten, nickte sie nun immer öfter, ohne auf das von mir Gesagte einzugehen. Wir trafen uns immer seltener, und ich machte mir Gedanken darĂŒber, mit was fĂŒr einem Mann sie wohl gerade ausgehen mochte. Ich ahnte, dass er vom Typ her anders sein musste als ich.

Dass ich Line dann aber ausgerechnet mit Kaba erwischte, versetzte mir einen tiefen Schlag.
Ich sah sie beide, als ich auf das Hotel zulief. Sie standen auf der Straße, etwas weiter vom Hotel weg. Kaba hatte seine Arme um Line gelegt, und sie lĂ€chelte ihn an. Er sagte etwas zu ihr, woraufhin sie noch lauter lachte.
Als ich mich durch die Menschenmassen schlĂ€ngelte und immer zĂŒgigeren Schrittes auf sie zu bewegte, sah ich, wie Kaba sich vornĂŒber beugte. Er legte seine schwarzen HĂ€nde auf ihr weißes Gesicht und kĂŒsste sie. Im gleichen Moment brannten meine Sicherungen durch.

Ich trat auf sie zu, schubste Kaba weg, und schlug ihm dann mit der geballten Faust ins Gesicht. Line schrie entsetzt auf.
Als Kaba wieder hochkam, sah er mich mit funkelnden Augen an. Mit seinem Ärmel wischte er das Blut ab, das ihm aus der Nase lief.
Dann sagte er, hasserfĂŒllt: „Rassist!“













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DocSchneider
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Gut geschrieben, nur die Formulierung

quote:
Vom Nacken abwĂ€rts musste ich eine Schneise durch ihre weiße, gestĂ€rkte Bluse schlagen

ist verwirrend, da der Eindruck erweckt wird, er zerreiße die Bluse ... das vermittelt zumindest der Ausdruck "Schneise schlagen".

Vielleicht meinst Du das aber auch.

Inhaltlich ist der Ablauf der Geschichte leider etwas vorhersebar: Line wird sich mit Kaba treffen. Der Punkt, an dem die uneingestandene Liebe des Lyrischen Ichs zu Line umschlĂ€gt, ist nicht zu erkennen. Plötzlich dĂŒmpelt alles nur noch vor sich hin. Das geht mir zu schnell.

Das Ende ist so traurig wie offen.

Den Titel finde ich sehr gut!

LG Doc
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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