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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Kaffee Latte
Eingestellt am 15. 03. 2017 08:56


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Brigitte Seidler
AutorenanwÀrter
Registriert: Mar 2017

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Kaffee - LATTE

Manchmal sind die spÀten Lieben ja die schönsten.

Bei mir zum Beispiel hat es ein geschlagenes
Vierteljahrhundert gedauert, bis ich das beste
GetrÀnk der Welt entdeckte:
KAFFEE.


25 Jahre lang konnte ich nicht verstehen, wie irgendjemand bei klarem Verstand dieses bittere, verbrannte, dreckfarbene Gesöff trinken und auch noch mögen konnte. Das kann aber auch mit leicht traumatischen Kindheitserlebnissen zusammenhÀngen.

Meine Mutter war und ist hochgradig koffeinabhÀngig und ohne ihre morgendlichen 2, 3 Pötte Kaffee nicht nur völlig funktionsunfÀhig,
sondern eine Art Mensch gewordene Tretmine. In der heiklen, unheilschwangeren Zeitspanne zwischen Aufstehen und erstem Schluck befindet sich meine Mutter in einem Zustand, den man nur als zorniger Zombie bezeichnen kann. Wir restlichen Wagners haben (im Gegensatz zu manch leichtsinnigen Anrufern und enthusiastischen Nachbarn) frĂŒh gelernt, ihr dann aus dem Weg zu gehen und uns unsichtbar und gerĂ€uschlos in den Weiten des Hauses zu verteilen.
Nicht nur aus reinem Selbstschutz und archaischem Überlebensinstinkt, sondern auch um den verstörenden morgendlichen Entzugserscheinungen nicht beiwohnen zu mĂŒssen.

Es kam tatsĂ€chlich vor, dass meine Mutter eine halbe Stunde lang mit angewinkeltem Ellbogen vor dem Bauch treppauf, treppab durchs Haus lief, bis sie bemerkte, dass sie KEINEN Morgenmantel ĂŒber dem Arm trug.

Ein anderes Mal war ihr superschwerer Brocken von Ring, den sie immer an der linken Hand trÀgt, beim Goldschmied zur Reparatur.

Als sie ihre gewohnte Großraumtasse anhob, um den ersten Schluck zu nehmen, schĂŒttete sie sich mit Schmackes den halben Becher ins
Gesicht, weil die Hand plötzlich soviel leichter war.
Muss ich noch mehr sagen?

Vielleicht noch, dass Frau Wagner Senior einen Kaffee kocht, in dem der buchstĂ€bliche Löffel steht und der bei GĂ€sten regelmĂ€ĂŸig Herzrhythmusstörungen hervorruft. Meine ganze Kindheit und Jugend
hindurch habe ich Generationen von Besuchern den gleichen Satz
japsen hören:

MARLIES! (*keuch*)
HAST DU MAL HEISSES WASSER?! (*röchel*)

Zudem trinkt meine Mutter ihr GebrĂ€u auf die denkbar schlimmste Art und Weise: Mit Unmengen von BĂŒchsenmilch und 3 Tabletten SĂŒĂŸstoff. Ich weiß gar nicht, was mich mehr schaudert.

Es gab damals an unserem Bodenseezipfel auch keine coolen Cafes, die Milchkaffee oder Cappuccino kredenzt hĂ€tten. Mir blieb nur eine peinliche, links-alternative GrĂŒnteephase, die ich mit MitschĂŒlern im Radolfzeller Teepott auslebte, einer Art japanisch angehauchten Greenpeace-Zelle mit Stehtischen.

Vielleicht also gar nicht so verwunderlich, dass ich erst 25 werden und in Freiburg landen musste, um das GöttergetrĂ€nk zu entdecken. Allerdings war ich erstmal eine typische AnfĂ€ngermemme und schlĂŒrfte
1, 2 Jahre lang Filterkaffee mit Unmengen Milch und Unmengen
Zucker. Braune, warme, sĂŒĂŸe Milch sozusagen. Peinlich.
Dann lief mir endlich der erste Milchkaffee ĂŒber den Weg und damit die Liebe meines kulinarischen Lebens.

Inzwischen könnte ich eher auf Nahrung verzichten als auf mein
Leib- und MagengetrÀnk. Nicht, weil ich ohne Ausfallerscheinungen
bekomme, sondern weil nichts so wohlig und anregend schmeckt und so seidig und samtig Schluck fĂŒr himmlischen Schluck die Kehle hinunterrinnt.

Meine große Sorge ist, dass ich irgendwann im Altersheim lande, mir keinen eigenen Milchkaffee mehr brauen kann und dann die letzten trostlosen Jahre meines traurigen Daseins schwachen, halb durchsich-tigen Filterkaffee vorgesetzt bekomme.
Mit BĂŒchsenmilch und SĂŒĂŸstoff.
(„Aber nur eine Tasse Frau Wagner!
Sie wissen doch – ihr Blutdruck.
Wir wollen doch nicht noch ein SchlĂ€gle?!“)


Dann wĂŒrde ich vielleicht wirklich mit „Exit“ oder „Dignitas“ Kontakt aufnehmen.

Ich koche meinen Milchkaffe daheim in guter, alter Handarbeit mit italienischem EspressokĂ€nnchen auf der Herdplatte und einem ExtragefĂ€ĂŸ, in dem die Milch erst warmgemacht und dann zu schönem, ansehnlichem Schaum gepĂŒmpelt wird. Langwierig und altmodisch, aber vom Resultat her nicht zu toppen.

Ich verachte Kaffeemaschinen.
Und Latte Macchiato Trinker. Ich weiß nicht, aber ich kann mich nicht damit anfreunden, heißen Milchkaffee durch einen Strohhalm aus
einem Longdrinkglas zu saugen.
Was soll das? Diese „gefleckte Milch“ ist ein KindergetrĂ€nk.
Kein erwachsener Italiener wĂŒrde sich irgendwo eine Latte Macchiato bestellen. Nicht mal unter Androhung von Gewalt.
Überhaupt das Bestellen – das ist eigentlich das Schlimmste daran.

Das muss ich in schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit in meinem Freiburger Lieblingscafe, dem Aran am Augustinerplatz, ertragen.
Da fallen jeden Morgen rudelartig Horden von gutsituierten jungen MĂŒttern ein, die in Windeseile mit ihren KinderwĂ€gen den halben Innenraum unbegehbar machen und dann anfangen, ihre entweder noch gnĂ€dig schlafende oder schon schrill schreiende Brut aus Oilily-MĂŒtzchen und –jĂ€ckchen zu pellen. Und dann erklingt zigmal laut und vernehmlich der gleiche geflötete Dialog, wenn die schnellere Mutter das Bestellen ĂŒbernimmt und sich in Richtung Theke aufmacht:

„’Ne Latte?“ „Ja, gerne!“

Ich kann mir nicht helfen, aber da könnte ich jedesmal aufstöhnen. Gibt es einen blöderen, affektierteren Weg, ein heißes, koffeinhaltiges GetrĂ€nk zu bestellen? Ich glaube nicht.

Der einzige Ort auf dieser Welt,
an dem ich diesen Dialog hören möchte,
ist morgens im Bett neben meinem Liebsten.

„’Ne Latte?“
„Ja, gerne!“




__________________
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Ralph Ronneberger
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