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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kakerlaken - eine Hommage an Raymond Chandler
Eingestellt am 14. 08. 2014 10:07


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James Blond
???
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Die Uhr auf dem angedeuten Kaminsims zeigte zwanzig vor neun, allerdings schon seit einigen Wochen, es war kurz nach Mitternacht. Philip hatte sich in seinen Sessel zur├╝ckgelehnt, die F├╝├če auf die Tischplatte gelegt und sog an seiner Zigarette. Mit leisem Schmatzen signalisierte die Glut ihr nahes Ende. Er blies den Rauch aus und verfolgte dessen Weg zu den br├Ąunlichen Tapeten, an deren R├Ąndern die Ablagerungen bereits kleine Lecknasen gebildet hatten. Renovieren war hier zwecklos: Binnen kurzem h├Ątte sich die braune Schmiere durch die neue Farbschicht an die Oberfl├Ąche gefressen.

Im Zimmer war es still geworden. Phil l├Âschte die Kippe, trat ans Fenster und sah hinunter auf die Stra├če. Vor Stunden noch glich die Stadt einer hysterisch ├╝bertakteten Wurstfabrik. Das Br├╝llen der Fabriksirenen klang wie die Todesschreie st├Ąhlerner Giganten, die hier zur Schlachtbank gef├╝hrt wurden und das Rattern der Z├╝ge ├╝ber das Gleisbett erinnerte Phil an das Hacken tausender Beile zum sirrenden Klang elektrischer Messer und S├Ągen. Verborgene L├Âcher spien in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden nerv├Âs sich windende Schl├Ąuche von Menschen aus, die von unsichtbaren Schaufeln in Windeseile zu einem wimmelnden Brei verr├╝hrt wurden. Rotierende Messer grellroten Lichts aus zahllosen Ampelanlagen zerschnitten den endlosen Strom der Fahrzeuge in dicke Wurstscheiben, die das F├Ârderband der Stra├čen bis ├╝ber den Horizont abtransportierte.

Die Hektik war inzwischen verflogen und die eingetretene Stille fast unertr├Ąglich. Phils Blick fiel auf die rosa Neonlettern an der gegen├╝berliegenden Stra├čenseite: "R Y". Einst wies hier ein Schriftzug auf die Roxy-Bar hin, doch zwei der Leuchtr├Âhren hatten schon vor Jahren ihren Geist aufgegeben. Phil bedurfte dieses Hinweises nicht mehr, z├Ąhlte er doch l├Ąngst zu den Stammg├Ąsten. Seit ├╝ber zwei Stunden hatte er nichts mehr zu trinken gehabt.

Seine Finger suchten in den Jacketttaschen nach einer gef├╝llten Packung, f├Ârderten aber lediglich einige schmutzige Zettel zutage, auf denen er irgendwann mit hastiger Schrift ein paar Telefonnummern notiert hatte. Menschen in Not hatten ihm ihr Intimstes anvertraut und das waren Nummern. "H├Âchste Zeit, aufzuh├Âren!" dachte er und machte sich daran, mit Hut und Mantel sein B├╝ro zu verlassen. Den ganzen Tag hatte er hier zugebracht, niemand hatte ihn aufgesucht, nicht einmal ein Anruf.

Sein letzter Fall lag schon etwas l├Ąnger zur├╝ck. "Finden Sie diese Frau" und au├čer einem Foto konnte der seltsame Kauz ihm keinerlei Hinweise liefern. "Chicago ist gro├č, Mister, allein der Schlachthof hat ├╝ber 20 Quadratmeilen." Doch der Kauz hatte ihn nur angesehen, wortlos ein dickes B├╝ndel mit Hundertertdollarnoten hingeworfen und war aus dem Raum gest├╝rmt.

Der Fall lie├č sich dann doch leichter l├Âsen als erwartet, und die Lady sah in echt noch etwas besser aus. Sie lag entkleidet auf einem Edelstahltisch im st├Ądtischen Leichenhaus. Die k├╝hle Atmosph├Ąre und die Leichenbl├Ąsse gaben ihr etwas Gro├čes und Erhabenes. Bis auf ein kleines Loch in der Stirn, vermutlich von einem Kleinkaliber, schien sie vollkommen intakt. "Warum liegt sie nicht im K├╝hlfach?" hatte er den Beamten angeschrien, weil er den Grund ahnte. Einige verdienten sich nachts ein Zubrot, indem sie armselige Kreaturen noch einmal r├╝berlie├čen. "Abschied nehmen" hie├č dies unter Eingeweihten und das klappte nur bei Leichen mit ann├Ąhernder Umgebungstemperatur.

Phil hatte die Stra├če erreicht. Es roch nach verbranntem Gummi. An einer Ecke hatten es sich ein paar Obdachlose in Pappkartons gem├╝tlich gemacht und einige alte Autoreifen in Brand gesetzt. Sie waren gerade dabei, einen Hundekadaver zu r├Âsten, den sie in einem Einkaufswagen ├╝ber den brennenden Stapel geschoben hatten. Feiner Nieselregen hinterlie├č am Gaumen den Geschmack verd├╝nnter Batteries├Ąure. "'n Abend, Mr. Marlowe. Sp├Ąt geworden heute?" Sam, der Reviercop, war noch unterwegs. F├╝r gew├Âhnlich beendete er sein Gesch├Ąft, das im bezahlten Zudr├╝cken beider Augen bestand, gegen Ende der Rushhour, sobald die Zahl der Falschparker drastisch abnahm. Heute musste noch etwas anderes laufen. "Wie immer, Sam." Phil blickte nur kurz in das vertraute, aufgedunsene Gesicht, lenkte dann seine Schritte auf die gegen├╝berliegende Stra├čenseite und verschwand knirschenden Schrittes ├╝ber den Resten einer zersplitterten Bourbonflasche in der Dunkelheit. "Kakerlaken," dachte er, "den Kakerlaken geh├Ârt die Zukunft."

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Ironbiber
Foren-Redakteur
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Hallo J├Ârn,

gut geschrieben, voller eindringlicher Bilder, und f├╝r Leser, die Raymond Chandler und seinen Philip Marlowe kennen, sicherlich gut nachvollziehbar.

Was ich allerdings nicht verstehe ist, warum du das unter Humor und Satire postest. Ich habe nach Sprachwitz, Situationskomik, Humor, Skurrilit├Ąt oder anderen Attributen, die einer Satire ausmachen bis zum Schluss gesucht, aber keine finden k├Ânnen.

Deine melancholische, leicht depressive Figur, die sich in einem ├Âden Umfeld bewegt, w├╝rde sich in dem Kurzgeschichten ÔÇô Forum sicherlich wohler f├╝hlen und die dortigen Leser mehr ansprechen.

Wenn du je noch wechseln willst, sag mir Bescheid. Mein Umzugsservice ist kostenlos und steht recht schnell bereit. Trotzdem auch ein herzliches Willkommen auf der Leselupe von mir und viel Spass am Schreiben w├╝nscht ÔÇŽ der Ironbiber
__________________

"Der liebe Gott h├Ątte l├Ąngst wieder eine Sintflut geschickt, wenn die erste was gen├╝tzt h├Ątte." (Willy Reichert)

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James Blond
???
Registriert: Aug 2014

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Danke f├╝r die Antwort und Dein Angebot zur kostenfreien(!) Verschiebung, das ich gerne annehme.

LG JB

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Nosie
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Dass du dich sprachlich gut ausdr├╝cken kannst, steht f├╝r mich au├čer Zweifel. Allerdings gef├Ąllt mir deine Geschichte inhaltlich ├╝berhaupt nicht, ist mir einfach zu d├╝ster und negativ.
Deinen Text wirkt wie ein willk├╝rlicher Ausschnitt aus einem schwarzen Roman. Als Leser f├╝hle ich mich mit einer Menge unsch├Âner Bilder versorgt und dann im Regen stehen gelassen - reality at it's worst. Hat mich jedenfalls deprimiert. Vielleicht ist heute aber einfach nicht mein Tag.

Liebe Gr├╝├če
Gertraud
__________________
Ein anst├Ąndiger Mensch tut keinen Schritt, ohne Feinde zu kriegen. (Hermann Hesse)

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James Blond
???
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quote:
Deinen Text wirkt wie ein willk├╝rlicher Ausschnitt aus einem schwarzen Roman.


Liebe Gertraud,

das ist vollkommen zutreffend, nichts anderes will er sein. Das mag nicht jederfraus Geschmack treffen, doch geh├Âren gerade die Werke des Film noir zu den ber├╝hmtesten.

Ich habe mich bem├╝ht, dessen Stilmittel bis ins Groteske hinein zu ├╝bertreiben, was eigentlich eher eine komische Wirkung erzeugen sollte.

"Aber die Menschen sind halt sehr verschieden", w├╝rde Phil jetzt antworten, "wo der eine genussvoll hineinbeisst, ├╝bergibt sich ein anderer vor Ekel."


Jedenfalls vielen Dank f├╝r Deinen Kommentar!

KG JB

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Vagant
???
Registriert: Feb 2014

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hallo james, man k├Ânnte meinen, du h├Ąttest es dir hier besonders leicht gemacht. die figur des marlowe ist ja eigentlich schon auserz├Ąhlt, und selbst chandler hatte es nicht verstanden sie ├╝ber 7 lange romane weiter zu entwickeln. gut, als gro├če ausnahme ist hier wohl 'the long good-bey' von 1954 zu erw├Ąhnen - ein grandioses buch.
erst robert p. parker, der ein begonnenes manuskript aus chandlers nachlass (man sagt, es lagen gerade mal um die 40 seiten vor) fertig geschrieben hat, hat es in 'poodle spring' geschafft, marlowe ein bisschen aus seiner schablone heraus zu pulen. marlowe ist alt geworden und lebt, zusammen mit einer frau, in einer w├╝stensiedlung fern ab vom moloch los angeles. ich finde, parker hat damit unter beweis gestellt, dass sich, entgegen der vorherrschenden meinung, chandlers stil doch kopieren, wenn nicht gar ├╝bertreffen l├Ąsst.
d├╝sterer, melancholischer realismus, gepaart mit einer geh├Ârigen portion sozialkritik - weit entfernt vom anf├Ąnglichen hard-boiled-krimi. was ich eigentlich sagen wollte: der figur des marlowes gibt es eigentlich nichts mehr zu entlocken, in so fern meine ich, dass du hier den leichten weg gegangen bist.
auf der anderen seite hast du es dir mit deiner geschichte allerdings recht schwer gemacht, denn am ende m├╝ssen sich diese 3 seiten am werk chandlers messen lassen. das man dabei den k├╝rzeren ziehen muss, liegt auf der hand.
aus dieser sicht muss ich sagen, das du in deiner geschichte teilweise gut den ton des originals triffst. die sarkastische seite, die art wie marlowe die welt sieht, dass sind die sachen die hier passen. allerdings meine ich, dass das ganze ein bisschen zu wenig 'geschichte' ist. der plot ist recht d├╝nn. marlowe wird aus seinem gew├Âhnlichen habiat herausgel├Âst, und taucht auf der suche nach einer frau( wahrscheinlich handelt es sich dabei um mable, die in einem seiner f├Ąlle eine unbedeutende nebenrolle einnimmt) in 'the-windy-city' auf. sinclars beschreibung des lebens rund um die schlachth├Âfe beschreibt die zeit um die jahrhundertwende, aber ich denke, dass dieses viertel 50 jahre sp├Ąter nicht viel feiner gewesen sein wird. in deiner kurzen geschichte nimmt die atmosph├Ąriche beschreibung eigentlich zu viel raum ein. da h├Ątte etwas mehr plot, und weniger stimmung gut getan.
dieser epische stil, den chandler in seinen romanen bis zur perfektion treibt, l├Ąsst sich wohl nur bedingt in kurzgeschichten unterbringen. ich denke, dass du mit einer eigenen figur, die im hier und heute agiert, sicher ansprechende storys schreiben kannst.
trotz aller meckerei; mir hat es ganz gut gefallen.
vagant

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