Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5540
Themen:   94955
Momentan online:
277 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kamenz, die unvergessene Heimat
Eingestellt am 30. 08. 2009 16:19


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Ruedipferd
AutorenanwÀrter
Registriert: Jun 2009

Werke: 36
Kommentare: 81
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ruedipferd eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil



Manuel Magiera

Meinem Vater Wilhelm Swoboda, geb. 06. Mai 1927 in Kamenz/Niederschlesien, gest. am 01.09.2005 in Flensburg und meiner Mutter Wanda Swoboda, geb. 17.Juli 1924 in LĂŒbeck, gest. 21. MĂ€rz 1998 in Löwenstedt, gewidmet.

Seine Lebens-und Kriegserinnerungen erzĂ€hlte mir mein Vater erst kurz vor seinem Tod. Als Kind konnte ich viele seiner Verhaltensweisen nicht nachvollziehen und ertappte mich sogar dabei, ihn zu belĂ€cheln. Ich wuchs behĂŒtet wĂ€hrend der Zeit des Wirtschaftswunders auf. Als ich dann seine Geschichte niederschrieb, liefen mir TrĂ€nen ĂŒbers Gesicht.
Der folgende Text erzÀhlt die Wahrheit:
Von einer herrlichen Landschaft in Niederschlesien und einer schönen Kindheit in Kamenz (Glatzer Neiße). GegenĂŒber stehen der Schrecken des Krieges und die fatalen Auswirkungen auf die schlesische Bevölkerung. Mein Vater lebte von Herbst1944 bis Mai 1945 tĂ€glich im Angesicht des Todes. Viele seiner Kameraden kamen nie mehr zurĂŒck. Die furchtbaren Erlebnisse prĂ€gten ihn und meine Mutter fĂŒr das ganze Leben.
Ich danke Gott dafĂŒr, dass er meinen Eltern erlaubte, das Grauen zu ĂŒberstehen und ich danke meinen Eltern mit dieser, ihrer Lebensgeschichte, dafĂŒr, dass sie mir all ihre Liebe und FĂŒrsorge schenkten, damit ich eine behĂŒtete Kindheit und Jugend haben durfte. Ich kann sie beide nur noch auf dem Friedhof besuchen, aber ich kann sie jetzt verstehen.

Mein Kamenz in Schlesien

„Willi, komm, der Zug fĂ€hrt gleich ein. Wir wollen doch den FĂŒhrer sehen!“ Aufgeregt winkte mir meine hĂŒbsche sechzehnjĂ€hrige Tante Elisabeth zu. Ich sah noch einmal auf die friedlich dahinfließende Glatzer Neiße. Dann drehte ich mich um und rannte, so schnell mich meine elfjĂ€hrigen Beine tragen konnten, zum Bahnhof. Auf den Straßen wimmelte es von Menschen. Die Leute beeilten sich, einen Platz mit Blick auf die Bahngleise zu erhaschen. SS MĂ€nner in Uniform marschierten an mir vorbei. An den GebĂ€uden hingen die Fahnen mit den Hakenkreuzen.
Ich lief wie ĂŒblich zum Bahnhofsschuppen und kletterte flink auf die alte knorrige Eiche. Von hier oben hatte man den besten Ausblick. Meine Freunde aus dem Jungvolk waren schon da. Einer rĂŒckte etwas zur Seite und zeigte plötzlich in die Richtung, aus der sich langsam schnaufend die Lokomotive nĂ€herte.
Wie elektrisiert rissen die Menschen ihre Arme hoch. Aus tausend Kehlen riefen sie dem FĂŒhrer zu. Auch wir Kinder wurden von der Begeisterung angesteckt. Wir streckten unsere Arme so weit es nur möglich war nach vorne und schrieen mit LeibeskrĂ€ften seinen Namen. Das Erlebnis ist nun zwölf Jahre her. Zwölf Jahre Albtraum, die meine heile Kinderwelt völlig verĂ€nderten. Ich sitze am Tisch, schaue meine alten Bilder an und blicke dann auf die Lebensmittelmarken fĂŒr Januar und Februar 1950. Meine Gedanken wandern zurĂŒck und ich sehe alles vor mir, als wenn es gestern gewesen wĂ€re.
Ich wurde am 06. Mai 1927 in Kamenz in Niederschlesien geboren. Meine Mutter war eine von sieben Schwestern einer Ofensetzers Familie. Großvater Gustav war nach Urgroßvater Rudolf bereits in zweiter Generation Ofensetzer-Meister gewesen und starb im Oktober 1930. Meine beiden Onkel fielen in sinnlosen Kriegen. Vater war Schlosser von Beruf, aber ich habe ihn leider nie richtig kennengelernt. Warum meine Eltern trotz der katholischen Familie nicht heirateten, hing mit persönlichen Differenzen zwischen meinem Vater und meinen Großeltern zusammen. Doch als kleiner Junge merkte ich davon nicht viel. Nach den sieben Töchtern war ich der erste mĂ€nnliche Nachkomme und wurde entsprechend verhĂ€tschelt. Über meine Kindheit im Riesengebirge konnte ich mich nicht beklagen. Meine einige Jahre Ă€ltere Tante beschwerte sich dann auch spĂ€ter, ich hĂ€tte von Schlittschuhen ĂŒber Skier alles bekommen, was sie sich ein Leben lang sehnlichst gewĂŒnscht hatte. Ich wurde im Jahr der Machtergreifung eingeschult und konnte an diesem Tag eine riesige SchultĂŒte mein eigen nennen. Am FĂŒhrergeburtstag, dem 20. 04. 1933, gab es in der Schule WĂŒrstchen. NatĂŒrlich nahm ich unkritisch alles hin, was man uns bei brachte. Ich war ein kleines Kind und wer konnte ahnen, dass wir fĂŒr eine Ideologie missbraucht wurden, die uns nur zwölf Jahre spĂ€ter den Untergang des ganzen Landes bescheren wĂŒrde!

In der Schule kam ich recht gut mit. Das war wichtig, denn die Lehrer hatten wesentlich mehr Freiheiten als heute. Der Rohrstock gehörte obligatorisch zur Ausstattung eines Klassenzimmers dazu. Man musste die HĂ€nde flach nach vorn ausstrecken und der Stock sauste darauf. Es war eine Ă€ußerst schmerzhafte Angelegenheit und wohl dem, der davon verschont blieb. Mit zehn Jahren fing ich wie alle anderen im Jungvolk an. An den Nachmittagen hatten wir unsere Gruppentreffen. Sport wurde natĂŒrlich sehr groß geschrieben. BĂ€lle und Keulen zum Werfen hatten bereits exakt das Gewicht und auch die GrĂ¶ĂŸe von Handgranaten sowie PanzerfĂ€usten. Wir wurden also gezielt auf unseren Einsatz als Soldaten ausgebildet. Es gab nur den FĂŒhrer und die Nationale Gesinnung. Bevor ich allerdings Jungvolkjunge wurde, musste ich die „Pimpfen“ Probe bestehen.
Sie bestand aus einem Sechzig-Meter-Lauf, Weitsprung und Schlagballweitwurf. ZusĂ€tzlich nahm man an einer eintĂ€gigen Fahrt teil und sollte den Aufbau des FĂ€hnleins (so hieß der Aufbau der gesamten Organisation aller Gruppen und ZĂŒge) kennen. Das Wissen um den Lebenslauf des FĂŒhrers gehörte selbstverstĂ€ndlich genauso dazu, wie das Singen des Horst-Wessel-Liedes, des Deutschlandliedes und unseres HJ Fahnenliedes. Ich erinnere mich auch noch an das Motto:
Jungvolkjungen sind hart, schweigsam und treu.
Jungvolkjungen sind Kameraden.
Des Jungvolkjungen Höchstes ist die Ehre.
Den Sinn verstanden die Wenigsten, gelernt haben wir es alle. Es war auch gar nichts anderes möglich. Keiner konnte sich ausschließen. Die Teilnahme war Pflicht und unsere Eltern riskierten eine Menge Ärger, wenn sie uns Kinder nicht ins Jungvolk schickten. Wir waren zu Hause seit jeher katholisch gewesen und so blieb meine Erziehung immer christlich geprĂ€gt.
Die spĂ€teren Leistungsabzeichen und PrĂŒfungen habe ich nicht mitgemacht, weil die Schule Vorrang hatte. Darauf legte meine Mutter großen Wert. Da ich zum Besuch der Handelsschule mit dem Zug nach Glatz und ins Aufbaugymnasium nach MĂŒnsterberg fahren musste, wurde ich durch diese langen Schulwege der HJ-Organisation etwas entrissen. Ich nahm allerdings an Freizeiten teil, fuhr ins Skilager, welches von der SS geleitet wurde und erlebte eine herbe EnttĂ€uschung.
Durch mein eigentliches Hobby, dem Segelfliegen, mit Kameradschaft und Unterbringung verwöhnt, dachte ich, so eine Skifreizeit wÀre mal eine kleine Abwechslung in den Ferien. Weit gefehlt!
Es ging sogleich mit militĂ€rischem Drill zur Sache. Morgens um halb sechs Uhr hieß es, erst einmal alle in Unterhosen raus zur Schneeballschlacht. Ich dachte, was mich nicht umbringt, macht mich vielleicht hĂ€rter und sah zu, dass ich diese Freizeit so schnell es ging, ĂŒberstand. Es war das erste und letzte Mal, dass ich mich fĂŒr so etwas anmeldete. ZukĂŒnftig blieb ich bei der Fliegerei. Dort war die Unterbringung nicht nur besser, auch der harte Drill fehlte. Flieger sind eine Spezies fĂŒr sich und das vermittelten uns auch die Ausbilder. NatĂŒrlich mussten wir viel lernen.
In den SchulungsrĂ€umen paukten wir stundenlang theoretische Grundlagen und Wetterkunde. Am Anfang ging es dann im offenen Gleiter ĂŒber die Wiese. Es gab den A, B, und C-Schein. Ich hab sie alle gemacht und ein Hakenkreuz ziert heute meine alten PrĂŒfungszeugnisse. Die Segelflugschule in Grunau bei Hirschberg wurde mein zweites zu Hause. Ich verbrachte dort jede freie Minute. Nach den ersten erfolgreichen Starts und Landungen ging es dann natĂŒrlich auch bald in die „richtige“ Maschine und man wurde mit der Winde nach oben gezogen. ZunĂ€chst flog noch ein Ausbilder mit. SpĂ€ter kam dann der große Moment, als wir auf uns allein gestellt, im wahrsten Sinne des Wortes ĂŒber den Wolken schweben durften. Schnitzer konnten wir uns allerdings keine erlauben! Einer der Jungen schaffte es nicht rechtzeitig die Winde wieder auszuklinken, so dass er im Flugzeug mit der Nase vorne ĂŒber abgestĂŒrzt wĂ€re, hĂ€tte der Ausbilder diese nicht gekappt. Der arme Bursche konnte sogleich seine Sachen packen und nach Hause fahren. Hirschberg war natĂŒrlich auch die Heimat unserer großen Fliegerin Hanna Reitsch. Wir Jungen vergötterten sie und schlugen uns fast um die PlĂ€tze an ihrer Maschine, wenn es darum ging, ihr Flugzeug wieder in den Hangar zurĂŒck zu schieben. Dass sie vor hatte, uns zu Kamikaze-Fliegern auszubilden, treibt mir noch heute eine GĂ€nsehaut ĂŒber die Arme. Ich wollte ja eigentlich auch gern zur Fliegerstaffel. Doch fĂŒr diese Ausbildung kam der Krieg zu schnell.

Ich war sechzehn Jahre alt, als ich zum Reichsarbeitsdienst ging und als SiebzehnjĂ€hriger meldete ich mich dann freiwillig an die Front. Mein Vorgesetzter wollte mich nicht gehen lasen. Durch Handelsschule und Aufbaugymnasium konnte er mich in seiner Schreibstube gut gebrauchen. Er bot mir einen gesonderten Lehrgang an, wenn ich bliebe. Ich war aber genauso verblendet wie alle anderen und lehnte ab. Erst wollte ich fĂŒr den FĂŒhrer und das Vaterland kĂ€mpfen. Mir wĂ€re sicher vieles erspart geblieben, wenn ich sein Angebot angenommen hĂ€tte. Er sah mich sehr merkwĂŒrdig an, als ich ablehnte. Heute weiß ich, warum. Aber damals ahnten wir noch nichts von Tod, Leiden und Entbehrung. Auch ich dachte nur an Heldentum und an die Ehre des Vaterlandes, die es zu verteidigen galt. So hatte man es uns beigebracht. An etwas anderes zu denken, kam mir gar nicht in den Sinn. Wie auch! Wir waren hundertfĂŒnfzig junge MĂ€nner zwischen siebzehn und zweiundzwanzig Jahren, die ihre Grundausbildung in der Kaserne ‚Hermann Göring‘ zu Berlin erhielten. Den imposanten Reichsadler am Eingang werde ich nie vergessen. Wir hatten alles. Warme Kleidung, gutes, reichliches Essen und jede Menge Spaß in unserer Kameradschaft.
Die Front war weit weg und kaum einer wusste, was wir dort vorfinden wĂŒrden. In der Wochenschau wurde von den Eroberungen und von den SiegeszĂŒgen der Deutschen Wehrmacht berichtet. Die Propaganda gestaltete sich genauso effektiv, wie der schon an GrĂ¶ĂŸenwahn grenzende Enthusiasmus, der uns als Kinder in Jungvolk und HJ beigebracht wurde. Wir genossen unsere Grundausbildung und fĂŒhlten uns wie erwachsene MĂ€nner und zukĂŒnftige Helden, die das Deutsche Vaterland erretten und wieder zu höchstem Glanze fĂŒhren wĂŒrden. Manch einer trĂ€umte schon laut vom Eisernen Kreuz und der feierlichen Zeremonie, wenn es vom FĂŒhrer persönlich ĂŒberreicht wird. Eines Tages dann war unser GlĂŒck fast perfekt.
Hermann Göring kam mit seinem Gefolge in die Kaserne und aß mit uns einfachen Soldaten in der Kantine. Er saß nur wenige Meter vor mir am Tisch. Ich konnte es kaum fassen, dem Reichsmarschall des Großdeutschen Reichs so nahe gegenĂŒber zu sitzen. Meine Begeisterung damals war grenzenlos! Zumal ich auch spĂ€ter einmal Förster werden wollte und Göring als Reichsforstmeister und ReichsjĂ€germeister natĂŒrlich eine zentrale Figur fĂŒr diesen Berufswunsch darstellte. Dass es hinter den Kulissen fĂŒr ihn nicht zum Besten stand, ahnte ich natĂŒrlich nicht.
Wir wussten im SpĂ€tsommer 1944 eigentlich ĂŒberhaupt nichts. Dass der Krieg bereits verloren war, ist zwar den GenerĂ€len schon bekannt gewesen, aber die haben natĂŒrlich nichts gesagt. So wurde auch uns die Wahrheit verschwiegen, und wir fuhren völlig blauĂ€ugig ohne auch nur den geringsten Schimmer zu haben, was uns erwartete, an die Ostfront.

Nach den ersten Gefechten folgte auf die anfĂ€ngliche Begeisterung relativ schnell ErnĂŒchterung. Zu allem Übel bekam ich auch noch die KrĂ€tze und musste ins Feldlazarett. Wir konnten uns wochenlang nicht ordentlich waschen und das Ungeziefer richtete entsprechenden Schaden an. Der Winter 1944/45 war bitterkalt und wir hatten kaum UnterstĂ€nde, geschweige denn eine HĂŒtte oder Scheune, um der grĂ¶ĂŸten KĂ€lte zu entgehen. Ich dachte manches Mal an die Schneeballschlacht im Skilager. Durch diese Spielerei sollten wir abgehĂ€rtet werden. Nicht alle ĂŒberstanden die eisigen NĂ€chte. Wir mussten uns im Zickzack von Warschau gen Westen zurĂŒckziehen. Der Russe kam immer nĂ€her und die Gefechte nahmen kein Ende.
Als ich das erste Mal aus dem Feldlazarett zurĂŒckkam, fehlte bereits die HĂ€lfte der Kameraden. Es waren einige sehr gute Kumpels darunter gewesen. Nachts, wenn es keiner sah, weinte ich um sie, dachte auch an Mutter und die kleine Schwester zu Hause in Schlesien. Irgendwie hatte ich GlĂŒck. Im SchĂŒtzengraben schlief ich einmal völlig entkrĂ€ftet und ĂŒbermĂŒdet ein und als ich erwachte, gab es den Wald um mich herum nicht mehr. Staunend blickte ich mich um. Das nĂ€chtliche Sperrfeuer hatte ich nicht mitbekommen und wie tot geschlafen. Anscheinend glaubten auch die Kameraden, dass ich nicht mehr am Leben sei. „Willi, bist du noch da?“, hörte ich meine Freunde leise rufen. „Ja“, antwortete ich nach der ersten Schrecksekunde. Ich musste austreten, doch wohin sollte ich gehen? Es machte wenig Sinn den Graben zu verlassen. Der Feind stand draußen und wartete bloß auf einen unvorsichtigen Jungen, der mal eben nur pinkeln wollte. Ich hĂ€tte das allzu menschliche BedĂŒrfnis sicher mit dem Leben bezahlt.
Also machte ich es wie die anderen. Zu essen hatten wir auch nichts mehr und es wurde Zeit, ĂŒber einen weiteren RĂŒckzug nachzudenken. In der nĂ€chsten Nacht kam der entsprechende Befehl. Die KĂ€lte durchdrang die Kleidung, die uns verdreckt und stinkend keinen wĂ€rmenden Schutz mehr bot.
Beim Reichsarbeitsdienst hatte ich mich immer ĂŒber unsere Fußlappen mokiert. Damals lachte ich nicht mehr und hĂ€tte gerne ein ganzes Königreich, welches ich nicht besaß, dafĂŒr gegeben, wenn ich zusĂ€tzlich welche besessen hĂ€tte. Wir mussten uns immer weiter vor den angreifenden Truppen der Roten Armee zurĂŒckziehen. Viele waren nicht mehr da. SpĂ€ter erfuhr ich, dass nur siebzehn den Krieg ĂŒberlebt hatten. In mir kam wĂ€hrend dieser Tage mehr als einmal der Verdacht auf, dass die Ideale, die man uns als Kinder eingetrichtert hatte, gar nicht so ideal waren und ich ertappte mich daran zu denken, dass lieber fĂŒnf Minuten feige im Leben besser wĂ€ren, als den Rest des Lebens mit dem Heldentod zu verbringen.

Ich beschloss also, kĂŒnftig weniger Gedanken an das Eiserne Kreuz sowie Ruhm und Ehre auf dem Schlachtfeld zu verschwenden, sondern mehr darauf hinzuarbeiten, diesen verdammten Krieg zu ĂŒberleben. Irgendwann standen wir dann auf den Seelower Höhen am Oderbruch. Der Russe folgte uns unbarmherzig. Unsere Einheit gab es faktisch nicht mehr. Ich hatte mich zwei Ă€lteren Soldaten angeschlossen. In ihrer Gegenwart fĂŒhlte ich mich mit meinen siebzehn Jahren sicher. Allerdings war ich ja trotzdem schon ein „alter“ FrontkĂ€mpfer. Darauf legte ich großen Wert, wenn ich Ă€ltere Jungen traf, die gerade aus der Kaserne kamen und noch keine Kampferfahrung besaßen. Einer der Kameraden war Melder und schon Anfang FĂŒnfzig. FĂŒr mich verkörperte er gleich so etwas wie eine Vaterfigur. Ich hörte ihm deshalb gerne zu, wenn er von seiner Familie sprach. Und der andere lachte in der Scheune, in die wir uns ĂŒber Nacht schlafen gelegt hatten. „Die Kugel fĂŒr mich ist noch nicht gedreht“, meinte dieser. Dann, am frĂŒhen Morgen, hörten wir das Artilleriefeuer. Es kam nĂ€her, zu nahe! Wir mussten aus der Scheune ‘raus.
Plötzlich war nur noch Rauch da. Ich warf mich instinktiv auf den Boden und schloss die Augen. Kein GerÀusch mehr, nichts. BeÀngstigende Stille. Nur dichter Rauch. Ich lag eine ganze Weile eng an den Boden gepresst und wartete.
Nach einiger Zeit konnte ich wieder etwas sehen und begann, nach vorne zu kriechen. Langsam arbeitete ich mich StĂŒck fĂŒr StĂŒck weiter. Immer auf der Hut, rechtzeitig die zischenden GerĂ€usche einer herannahenden Granate wahrzunehmen. Ich hatte inzwischen ein gutes GespĂŒr fĂŒr die todbringenden Dinge des Lebens entwickelt. Die damals erlernte Vorsicht sollte meine Persönlichkeit fĂŒr die ganze Zukunft prĂ€gen. Und dann erblickte ich sie. Erst lag da der Kopf des Melders. Einige Meter weiter sah ich weitere Teile seines Körpers. Der andere Kamerad ruhte in einer Mulde. Er hatte die Augen geschlossen, als wenn er nur schliefe. Seine GedĂ€rme quollen aus dem Bauch hervor. In mir war ein GefĂŒhl tiefster Leere, die in diesem Moment nicht einmal Grauen oder Trauer zuließ. Fassungslosigkeit und die Hoffnung, dies alles nur zu trĂ€umen und im nĂ€chsten Augenblick in meinem Zimmer in Kamenz aus einem furchtbaren Albtraum aufwachen zu dĂŒrfen, machten sich breit. Ich duckte mich, stand dann langsam auf und lief. Und wieder rannte ich.

Aber diesmal nicht mehr um den FĂŒhrer zu sehen, sondern um mein Leben!

Ich konnte mich dann einer anderen Gruppe versprengter Landser anschließen. Wir waren zu viert. Einer war Fallschirmspringer gewesen und bereits in Frankreich hinter den feindlichen Linien abgesprungen. Seine Geschichten riefen natĂŒrlich Bewunderung in mir hervor. Er war ein feiner Kerl, mit dem ich mich gut verstand. Wenn unsere Erziehung etwas erreicht hatte, dann die Kameradschaft, die uns Jungen und MĂ€nner in diesen schweren Zeiten zusammenschweißte. Jeder half dem anderen völlig uneigennĂŒtzig und stand fĂŒr den Kollegen ein. Ich habe spĂ€ter nie wieder einen solchen Zusammenhalt unter MĂ€nnern erlebt. WĂ€hrend unseres Marsches Richtung Westen ĂŒberholte uns ein Wagen mit zwei FeldjĂ€gern darin. Sie stiegen aus und fragten, was wir hier machten. So genau wusste das natĂŒrlich niemand. Der Russe war ja nur einen halben Tag hinter uns. Sie meinten, wir wĂ€ren Deserteure, nahmen uns die Gewehre ab und wollten uns kurzerhand aufhĂ€ngen.

Ich war doch erst Siebzehn und hatte, sollte ich den Krieg heil ĂŒberstehen, noch mein ganzes Leben vor mir! Zweimal war ich nun schon im Feldlazarett gewesen. Das erste Mal mit KrĂ€tze, kurz nachdem wir an die Ostfront gekommen waren. Und ein paar Wochen spĂ€ter, verfehlte mich eine Granate nur um wenige Millimeter. Doch die kleinen Splitter drangen in meinen Nacken ein und ich musste operiert werden. Zweimal konnte ich also wieder genesen an die Front zurĂŒckkehren.
WĂ€hrend eines Gefechts fand ich neben einem toten Soldaten eine Pistole. Er konnte sie gewiss nicht mehr brauchen und mir wĂŒrde sie vielleicht noch gute Dienste leisten. Es war eine nahezu neuwertige Mauser und noch bevor ich sie neugierig untersuchen konnte, hatte sie mir ein zweiundzwanzigjĂ€hriger Unteroffizier bereits wieder abgenommen. Er fragte, ob sie geladen wĂ€re und ich antwortete, dass ich das nicht wĂŒsste, weil ich sie mir noch nicht hĂ€tte ansehen können. Er drĂŒckte ab und schoss einem Kameraden in den Fuß. SelbstverstĂ€ndlich bekam ich die Schuld an dem UnglĂŒck und musste ihn zum Vorgesetzten begleiten. Das Unfassbare geschah: Ich sollte vor ein Kriegsgericht. Voller Angst erklĂ€rte ich unserem Hauptmann, dass ich die Waffe gerade erst gefunden hĂ€tte und nicht wissen konnte, ob sie geladen sei. Dann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und erzĂ€hlte, dass ich im Übrigen erst Siebzehn wĂ€re und der Unteroffizier im Gegensatz zu mir bereits ein erfahrener Soldat, der doch wesentlich besser wissen mĂŒsste, wie man sich in einem solchen Moment verhielte. Der Kommandeur schien beeindruckt zu sein und stimmte mir zu. Ich konnte gehen und war dem sicheren Tod entgangen.
Und nun sollte ich schon wieder unschuldig durch die Hand unserer eigenen Leute sterben! Diesmal sah es allerdings sehr ernst aus. Wir besaßen keine Waffen mehr und konnten uns nicht verteidigen. Es war somit auch unerheblich, dass wir vier und die anderen nur zwei waren.
Ich hatte dem FĂŒhrer stets treu und enthusiastisch gedient und war mehr als enttĂ€uscht, nun doch noch sterben zu mĂŒssen. So schloss ich mit meinem Leben ab.
Die Bilder in meinem Kopf wanderten schnell nach Hause. Ich dachte noch einmal an meine Mutter, meine kleine Schwester, meine Onkels und Tanten und an Kamenz in Schlesien.
Die Stadt gehörte zum Kreis Frankenstein. Die Glatzer Neiße floss am Ort vorbei und das Riesengebirge mit dem alten RĂŒbezahl lag vor der HaustĂŒr. Kamenz war eine sehr alte Gemeinde, die sich bereits 1096 im Schutz eines Klosters entwickelt hatte. Das Kloster wurde spĂ€ter sogar berĂŒhmt, als am 27. Februar 1741 König Friedrich II, also Friedrich der Große, dort auf der Flucht vor den Truppen der Österreicher Schutz fand. Ich sah das Schloss vor mir, in dem mein Großvater als Ofensetzer-Meister die großen alten Kachelöfen reparierte. Wie oft war ich dorthin gelaufen, um den MĂ€nnern ihr Vesperbrot zu bringen und hatte stundenlang in den vielen RĂ€umen gespielt. Es gehörte natĂŒrlich der Familie der Hohenzollern und wenn der Prinz anwesend war, wurde immer geflaggt.
Dann erinnerte ich mich an unseren MĂŒhlgraben, in dem die Freunde im Sommer badeten. Auf den SchulausflĂŒgen wanderten wir regelmĂ€ĂŸig ins Riesengebirge. Ich bekam stets eine Zitrone von meiner Mutter mit. Die drĂŒckte ich dann in einer Flasche aus und fĂŒllte diese mit herrlichem Bergquellwasser auf. Keine gekaufte Limonade konnte den wunderbaren Geschmack ersetzen. Mutters KlĂ¶ĂŸe und das selbst hergestellte Sauerkraut ließen mir das Wasser im Munde zusammen laufen. Ich war ja im Jahr der Machtergreifung des FĂŒhrers zur Schule gekommen und zum FĂŒhrergeburtstag am 20. April gab es damals WĂŒrstchen. Was hĂ€tte ich jetzt fĂŒr ein schönes WĂŒrstchen mit Senf gegeben!
Das Jungvolk und die HJ hatte ich wie jeder Junge im Dorf durchlaufen und war stolz gewesen, als ich mein Fahrtenmesser bekam. Es ging uns Kindern gut. Wir konnten sogar Witze ĂŒber den FĂŒhrer machen und nichts passierte. Ich wollte doch so gerne nach dem Abitur Förster werden! Mit meiner Großmutter ging ich als kleiner Junge oft in den Wald zum Pilze sammeln. Sie war sehr erfahren darin gewesen und fand auch schnell die besten PlĂ€tze mit den schönsten Pfifferlingen. Die schlesischen WĂ€lder sind ein Naturwunder fĂŒr sich. Im November liefen wir Schlittschuh und pĂŒnktlich mit dem ersten Schnee, meistens Anfang Dezember, wurden dann die Skier hervorgeholt. Wir sausten die wunderschönen Berge hinunter. NatĂŒrlich bauten wir Jungens uns auch einige kleine Sprungschanzen. Es verging kein Wintertag ohne Blessuren und blaue Flecke, aber das schreckte mich nicht ab. Mein Leben lief wie in Zeitlupe an mir vorbei.
Was dann plötzlich geschah, ĂŒbertraf allerdings alles, was ich bisher erlebt hatte. Der Fallschirmspringer entriss einem der FeldjĂ€ger das Maschinengewehr und auf einmal lagen beide FeldjĂ€ger tot am Boden. Und dann liefen wir los. Wieder rannte ich um mein Leben. Ein LKW hielt neben uns an. Darauf saßen die wenigen Kameraden, die ĂŒbrig geblieben waren. Unser Kommandeur wusste schon lange, dass wir den Krieg verloren hatten. Er wollte nicht auch noch die letzten seiner Soldaten verheizen. Wir fuhren nicht mehr nach Berlin, sondern Richtung Ostsee. So konnte ich dem ‚Kessel‘ entfliehen. Ich kam nach Himbergen in Niedersachsen in englische Gefangenschaft und erlebte dort mit hunderten Kameraden hinter einem Stacheldrahtzaun hungernd und ausgezehrt am 06. Mai 1945 meinen achtzehnten Geburtstag. Gemessen an den Lebensmitteln, die wir in der Gefangenschaft erhielten, kann ich mir mit dem, was ich mir heute fĂŒr die Lebensmittelmarken holen darf, tagelang den Bauch vollschlagen. Nicht einmal an der Front mussten wir derart hungern, wie in Gefangenschaft.
Unser FĂŒhrer war inzwischen in Berlin den Heldentod gestorben und hatte sein Land in TrĂŒmmern liegend zurĂŒckgelassen. Ich wusste nicht mehr an wen oder an was ich noch glauben sollte. Irgendwann konnten wir dann nach Hause gehen. Aber wo war mein zu Hause? Ich erfuhr, dass Schlesien nun von Polen besetzt war und sie alle Bewohner aus ihren HĂ€usern vertrieben hatten. Meine Mutter und meine kleine Schwester waren mit der Großmutter und den Tanten sicher auch geflohen. Aber wie sollte ich sie in dem zerbombten Land je wieder finden?
Der Russe stand an der Elbe. Auf der anderen Seite teilten sich die Amerikaner unser tausendjÀhriges Reich nun mit den EnglÀndern und den Franzosen.
SiegermĂ€chte nannten sie sich. Und ich wollte doch nur meine Mutter und die vierjĂ€hrige Schwester wieder sehen! Hatten wir denn unsere Heimat wirklich fĂŒr immer verloren? Ich war so sehr ausgemergelt und fast verhungert, dass ich dankbar das Angebot eines Kameraden, eines hessischen Bauern, an nahm und ihn zu sich nach Hause begleitete. In Hessen konnte ich mich wieder etwas aufpĂ€ppeln. Dann fuhr ich im GĂŒterwagen quer durch Deutschland bis nach Österreich und zurĂŒck, suchte verzweifelt meine Familie und schlief dabei draußen unter BrĂŒcken---wie die meisten anderen, die ich unterwegs traf. Das Leid der Menschen in dem zerstörten Land war unvorstellbar. StĂ€ndig kamen neue FlĂŒchtlingsströme aus dem Osten an. Meine Mutter war nie dabei. Die MĂ€nner erzĂ€hlten von GrĂ€ueltaten der Sieger an der Bevölkerung. Zu grausam, um sie niederzuschreiben.
Ich hörte ihnen zu und dachte dann auch an die eigenen Erlebnisse mit unseren Leuten. Es klingt hart, aber wir waren nicht besser gewesen. Es bewahrheitete sich nur ein altes Sprichwort: Wie du mir, so ich dir. Ich musste hilflos zusehen, wie Kameraden kaltblĂŒtig unschuldige Zivilisten und unsere Kriegsgefangenen töteten.
Meine katholische Erziehung war tief mit meinem Gewissen verwurzelt und ich flehte Gott an, mich nicht solch furchtbaren Erlebnissen auszusetzen. Die Bilder werde ich nie vergessen und als es dann auch die dafĂŒr verantwortlichen Kameraden traf, konnte ich kein MitgefĂŒhl mehr fĂŒr sie aufbringen. Meinen Gefangenen ließ ich in einem unbeobachteten Moment frei und hoffte, dass er es wieder nach Hause ins MĂŒtterchen Russland geschafft hat.

Nach dem Krieg heuerte ich als einfacher Matrose auf einem Minensuchboot an und versah meinen Dienst als Steward beim KapitĂ€n. Vom 11.02.1946 bis zum 18.12.1947 rĂ€umten wir Minen in Norwegen. Es war alles in allem keine schlechte Zeit. Ich hatte Arbeit und genug zu essen. Der KapitĂ€n war ein guter Vorgesetzter und auch mit den Kameraden an Bord verstand ich mich bestens. Da ich nicht schwimmen konnte, lag meine Rettungsweste stets griffbereit. Sehr zur Freude der Kollegen, die immer wieder lachten, wenn sie mich in Schwimmweste auf dem Schiff herum laufen sahen. Doch meine Gedanken wanderten vor allem nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, zu meiner Familie. Ich hatte noch kein Lebenszeichen von Mutter erhalten und auch sonst nichts von Bekannten oder Verwandten aus dem Dorf erfahren. Als wir wieder nach Kiel Friedrichsort kamen und das Schiff eine Zeitlang auf der Werft ĂŒberholt werden musste, hörte ich plötzlich, dass jemand auf dem Flaggschiff Kontakt zu Leuten aus Kamenz hergestellt hatte. So erfuhr ich endlich den Aufenthaltsort meiner Mutter. Sie hatte das Elternhaus bei Nacht und Nebel mit nur wenigen Habseligkeiten verlassen mĂŒssen und war mit vielen anderen zusammen mit meiner kleinen Schwester im GĂŒterwaggon in den Westen geflohen. Der Flottenkommandant gab mir sofort frei und mit einem Seesack voller Lebensmittel konnte ich ihnen etwas aus der schlimmsten Not helfen. Doch bleiben wollte ich nicht, denn es war schon so viel zu wenig Platz in ihrer Notunterkunft im niedersĂ€chsischen Dinklage. Aber wir hatten ĂŒberlebt und waren wieder zusammen.
Mutter meinte, wir mĂŒssten dem Herrgott dafĂŒr dankbar sein. Durch ihren starken Glauben konnte sie sich mit der Situation arrangieren. Die Heimat sah sie nie wieder.
Langsam fing auch ich an, mich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich kannte ja nur die Nazidiktatur und war wie selbstverstĂ€ndlich damit aufgewachsen. In der Familie gab es zwar keine ĂŒbermĂ€ĂŸige Sympathie, aber andererseits auch keine Ablehnung. Wir fĂŒgten uns in das System, welches von der Regierung vorgegeben wurde. Von den GrĂ€ueltaten in den Konzentrationslagern wurde nichts in der Wochenschau berichtet. Erst nach dem Krieg hörte ich, was man dem jĂŒdischen Volk und all den anderen, die nicht ins Regime passten, dort angetan hatte.
Fassungslos und unglĂ€ubig las ich voller Entsetzen die Zeitungsberichte und schĂ€mte mich einmal mehr, damals dem FĂŒhrer so begeistert wie die anderen Kinder und Erwachsenen zu gewunken zu haben.
Vor mir liegt das Foto des Kamenzer Schlosses. Es ist eines der wenigen Bilder, die mir von zu Hause geblieben sind. Ob ich es je wiedersehen werde?
Unsere Begeisterung haben wir mit dem Verlust der Heimat teuer bezahlt. Und wie viele Menschen sind in diesem sinnlosen Krieg gestorben! In meinem Kopf sehe ich gefallene Kameraden und verbrannte Erde. Es ist beruhigend zu wissen, dass es auch die dafĂŒr Verantwortlichen getroffen hat. Bis zum 11. April 1949 dauerten die NĂŒrnberger Prozesse. Fast alle wurden zur Rechenschaft gezogen. Nur das macht all das Leid und Grauen leider nicht ungeschehen. Im August 1949 habe ich in Cuxhafen meinen ersten Zollgrenzschutzlehrgang absolviert. Das Gruppenfoto vor mir zeigt die Klasse Sieben mit den Kollegen. Und jetzt bin ich hier in Groß Saarau an der Zonengrenze und versehe meinen Dienst. Unser Zollhaus ist alt und es gibt nur einen Ofen. Wir sind vier Kollegen, die sich zwei feuchte kleine SchlafrĂ€ume teilen. Wer ein GeschĂ€ft zu verrichten hat, muss in den angrenzenden Wald gehen. Es ist wieder bitterkalt und doch fĂŒhle ich etwas WĂ€rme in mir. Mutter und die kleine Schwester leben. Es geht ihnen zwar nicht ĂŒbermĂ€ĂŸig gut, aber sie besitzen ein Dach ĂŒber dem Kopf und sie sind am Leben. Nur das allein zĂ€hlt im Augenblick. Ich habe nun einen Beruf, der mir ein, wenn auch sehr geringes, Einkommen gewĂ€hrleistet. Meinen Traum vom Förster- Leben konnte ich nicht verwirklichen und auch fĂŒr den Polizeidienst war ich zwei Zentimeter zu klein. Aber die ZollprĂŒfung habe ich mit guten Noten bestanden. Am Schlagbaum stehen wir uns nun mit den russischen Soldaten Auge in Auge gegenĂŒber. Einer schenkte mir gestern eine kleine Friedenstaube auf einer Anstecknadel. Ein gutes Omen?
Am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft und seit dem 14. August gibt es in Deutschland eine demokratisch gewĂ€hlte Regierung. Kurz nach GrĂŒndung der Bundesrepublik Deutschland mit unserem neuen PrĂ€sidenten Theodor Heuss, entstand drĂŒben im anderen Teil ebenfalls ein neuer Staat. Überall liegen die StĂ€dte in TrĂŒmmern. Die Menschen suchen verzweifelt nach ihren Angehörigen. Viele Kameraden sind noch in russischer Gefangenschaft in Sibirien.
Ob die Menschheit jemals vernĂŒnftig wird und die Völker lernen werden, in Frieden miteinander zu leben?

Vor ein paar Tagen habe ich beim Tanzen in LĂŒbeck eine junge Frau kennengelernt. Sie hat einen kleinen Jungen aus erster Ehe mit einem Luxemburger. Es war nicht leicht gewesen, sich dort scheiden zu lassen und sie musste jetzt wieder neu eingebĂŒrgert werden. Sie kommt aus LĂŒbeck und erzĂ€hlte von ihrem Vater. Mit Siebzehn sollte auch sie zum Reichsarbeitsdienst, wie alle jungen Deutschen. Doch der Vater wollte sie nicht gehen lassen. Sie war seit ihrem fĂŒnfzehnten Lebensjahr in Stellung gewesen und musste alles verdiente Geld zuhause abgeben. Als sie zum Dienstantritt nicht erschien, wurde sie abgeholt und kam in ein Straflager fĂŒr Frauen. Dort gab es wenig zu essen, SchlĂ€ge und sie musste bis zur Erschöpfung harte Arbeiten verrichten. Unschuldig. Sie hatte sich sogar auf den Dienst gefreut. Ich konnte das Unrecht, das ihr geschehen war, gut nachfĂŒhlen.
Jetzt arbeitete sie in einer Fischfabrik und ihre Schwester passte auf den Jungen auf, damit sie wenigstens fĂŒr ein paar Stunden am Abend in eine andere Welt entfliehen konnte. Sie macht einen netten Eindruck. Aber ich verdien als Zöllner zu wenig, um eine Familie zu ernĂ€hren. Ans Heiraten kann ich nicht denken. Das wird noch ein paar Jahre dauern.


Meine Eltern heirateten am 24. Dezember 1955 in LĂŒbeck. Am 18.04.1956 wurde ich dort geboren.


Version vom 30. 08. 2009 16:19
Version vom 30. 08. 2009 18:14
Version vom 31. 08. 2009 10:03
Version vom 19. 08. 2018 19:44
Version vom 19. 08. 2018 19:56
Version vom 19. 08. 2018 20:01
Version vom 19. 08. 2018 20:04
Version vom 19. 08. 2018 20:11
Version vom 19. 08. 2018 20:35
Version vom 19. 08. 2018 20:42
Version vom 19. 08. 2018 20:51
Version vom 21. 08. 2018 16:15

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


DerKleinePrinz
Guest
Registriert: Not Yet

Guten Tag Ruedipferd,

dein Text hat mir sehr gut gefallen, wenn man das so sagen kann bei diesem Thema. Durch Kamenz wurde ich angelockt, es ist doch das Kamenz was jetzt in Sachsen liegt oder?
In meinen Augen ist es zwar keine Kurzgeschichte, aber das ist halb so wild. Authentisch kommem deine Zeilen daher und ich habe viele scheußliche Bilder im Kopf gehabt als ich sie las. ZwangslĂ€ufig musste ich auch an die Flucht meiner Großeltern denken - um es kurz zu machen: Deine ErzĂ€hlung hat mich berĂŒhrt, das Ende mit deinem Vater noch mehr!

Trauernd gelesen
Der Kleine Prinz*

Achja, noch etwas Irrelevantes:

quote:
Beim Reichsarbeitsdienst hatte ich mich immer ĂŒber unsere Fußlappen mokiert. Damals lachte ich nicht mehr und hĂ€tte gerne zusĂ€tzlich welche gehabt.

Bearbeiten/Löschen    


Herbstblatt
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Feb 2009

Werke: 6
Kommentare: 144
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Herbstblatt eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo,

der Text hat auch mich sehr berĂŒhrt. Schnörkellos und gut beschrieben, gefĂ€llt mir.

Eine Kurzgeschichte ist es auch aus meiner Sicht nicht, was ich hier aber nicht fĂŒr so wichtig erachte.

Kamenz - ich wohne in der NÀhe des Kamenz in Sachsen. Das war aber nie Schlesien. KlÀr uns doch mal auf, wo ungefÀhr das Kamenz liegt, von dem du schreibst. Ich vermute, es gab tief in Schlesien noch eins?!


__________________
Lesen gefÀhrdet die Dummheit.

Bearbeiten/Löschen    


Herbstblatt
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Feb 2009

Werke: 6
Kommentare: 144
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Herbstblatt eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Okay, ich hab mich gleich mal selbst auf die Suche gemacht und das hier gefunden:

Hier klicken

Ist es das richtige? Zumindest ist dort auch Schloß (und ein Kloster) erwĂ€hnt.


__________________
Lesen gefÀhrdet die Dummheit.

Bearbeiten/Löschen    


Ruedipferd
AutorenanwÀrter
Registriert: Jun 2009

Werke: 36
Kommentare: 81
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ruedipferd eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Kamenz

Hallo Herbstblatt, deine Recherche stimmt.
Kamenz heißt jetzt Kamieniec und ist polnisch.
Es liegt in Niederschlesien, ca 80 Km entfernt von Breslau, welches ja jetzt Wroclaw heißt und zwar sĂŒdlich davon im Riesengebirge.
Das Schloss wurde zwischen 1838 und 1878 fĂŒr das preußische
Königs- und ab 1871 ja auch Kaiserhaus gebaut.
Mein Vater hat mir erzÀhlt, das dort auch der Kronprinz zu Gast war. Allerdings gab es ja die Monarchie da schon nicht mehr, weil der Kaiser nach dem 1. Weltkrieg abdanken musste.
Aber es blieb natĂŒrlich im Privatbesitz der Hohenzollern.
Die Geschichten hat mir mein Vater so erzĂ€hlt und er hat zeitlebends unter den KriegseindrĂŒcken gelitten.
Was diese Generation erlebt hat, ist fĂŒr uns wohl gar nicht nachvollziehbar und wir wĂŒrden heute so eine Flucht wahrscheinlich nicht ĂŒberstehen. Ich denke, diese Erinnerungen dĂŒrfen nicht in Vergessenheit geraten und sollten uns stets eine Mahnung sein, den Frieden zu bewahren.

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung