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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kamenz, die unvergessene Heimat
Eingestellt am 30. 08. 2009 16:19


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Ruedipferd
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‚ÄěWilli, komm, der Zug f√§hrt gleich ein. Wir wollen den F√ľhrer sehen!‚Äú
Aufgeregt winkte mir meine sechzehnjährige Cousine zu.
Ich sah noch einmal auf die friedlich dahinfließende Glatzer Neiße. Dann drehte ich mich um und rannte so schnell mich meine 11jährigen Beine tragen konnten zum Bahnhof.
Auf den Straßen wimmelte es von Menschen. Die Leute beeilten sich, einen Platz mit Blick auf die Bahngleise zu erhaschen. SS Männer in Uniform marschierten an mir vorbei. An den Gebäuden hingen die Fahnen mit den Hakenkreuzen.
Ich lief wie √ľblich zum Bahnhofsschuppen und kletterte flink auf die alte knorrige Eiche. Von hier oben hatte man den besten Ausblick.

Meine Freunde Georg und Heinz aus der Hitler Jugend waren schon da. Heinz r√ľckte etwas zur Seite und zeigte pl√∂tzlich in die Richtung, aus der sich langsam schnaufend die Lokomotive n√§herte. Wie elektrisiert rissen die Menschen die Arme hoch. Aus tausend Kehlen riefen sie ihrem F√ľhrer zu.
Auch wir wurden von der allgemeinen Begeisterung angesteckt.
Wir streckten unsere Arme so weit es nur möglich war nach vorne und schrieen mit Leibeskräften seinen Namen.

Das Erlebnis ist nun 10 Jahre her. 10 Jahre, die meine heile Kinderwelt völlig veränderten.
Ich sitze am Tisch, schaue die alten Bilder an und blicke dann auf die Lebensmittelmarken f√ľr Januar und Februar 1950.
250g Fett, 500g Brot , 500g Zucker und 125g Fleisch steht aufgedruckt auf dem Papier.
Im August 1949 habe ich meinen ersten Zollgrenzschutzlehrgang in Cuxhaven absolviert. Das Gruppenfoto vor mir zeigt die Klasse 7 mit den Kollegen.
Und jetzt bin ich hier in Groß Saarau an der Zonengrenze und versehe nun meinen Dienst. Unser Zollhaus ist alt und es gibt nur einen Ofen. Wir sind vier Kollegen, die sich zwei feuchte kleine Schlafräume teilen. Wer ein Geschäft zu verrichten hat, muss in den angrenzenden Wald gehen.
Es ist kalt. Fast so kalt wie damals, im Winter 1945.

Ich hatte mich mit siebzehn während des Reichsarbeitsdienstes freiwillig an die Front gemeldet. Mein Vorgesetzter bot mir einen Lehrgang an, wenn ich bliebe. Ich hatte ja Handelsschule und war aufs Aufbaugymnasium gegangen.
In der Schreibstube konnte man mich gut gebrauchen.
Er sah mich sehr merkw√ľrdig an, als ich das Angebot ablehnte.
Heute weiß ich warum!
Aber damals mit siebzehn wollte ich nur noch f√ľr den F√ľhrer und f√ľr mein Vaterland k√§mpfen.

Wir waren 150 junge Männer zwischen siebzehn und zweiundzwanzig Jahren gewesen, die ihre Grundausbildung in der Kaserne Hermann Göring zu Berlin erhielten.
Den imposanten Reichsadler am Eingang werde ich nie vergessen.
Wir hatten alles. Warme Kleidung, gutes und reichliches Essen und jede Menge Spaß in unserer Kameradschaft.
Dann kam Hermann mit seinem Gefolge in die Kaserne und aß mit uns in der Kantine. Er saß nur zwanzig Meter vor mir am Tisch. Meine Begeisterung damals war grenzenlos.

An der Ostfront bekam ich die Krätze und musste ins Feldlazarett.
Als ich zur√ľckkam, fehlte bereits die H√§lfte der Kameraden.
Nachts, wenn es keiner sah, weinte ich um sie, dachte auch an Mutter und die kleine Schwester zu Haus in Schlesien.
Irgendwie hatte ich Gl√ľck. Im Sch√ľtzengraben schlief ich v√∂llig entkr√§ftet und √ľberm√ľdet ein und als ich erwachte, gab es den Wald um mich herum nicht mehr.

‚ÄěWilli, bist du noch da?‚Äú h√∂rte ich meinen Landserfreund Walter leise rufen.
‚ÄěJa‚Äú, antwortete ich.
Im Zickzack zogen wir uns von Warschau in Richtung Berlin zur√ľck. Und es war kalt, bitterkalt in diesem Winter 1945.

Beim Reichsarbeitsdienst hatte ich mich immer √ľber unsere Fu√ülappen mokiert. Damals lachte ich nicht mehr und h√§tte gerne zus√§tzlich welche gehabt.
Irgendwann standen wir auf den Seelower Höhen.
Der Russe kam unbarmherzig n√§her. Unsere Einheit gab es nicht mehr. Nur wenige hatten √ľberlebt. Sp√§ter erfuhr ich, dass nur 17 von 150 jungen M√§nnern zur√ľckgekommen waren.

Ich hatte mich zwei älteren Soldaten angeschlossen.
Der Melder war schon Anfang 50.
Und der andere, G√∂tz, lachte in der Scheune, in die wir uns √ľber Nacht schlafen gelegt hatten.
‚ÄěDie Kugel f√ľr mich ist noch nicht gedreht‚Äú, meinte er.
Am fr√ľhen Morgen h√∂rten wir das Artilleriefeuer.
Es kam n√§her, zu nahe! Wir mussten ‚Äėraus.
Plötzlich war da nur noch Rauch. Ich warf mich instinktiv auf den Boden.
Kein Geräusch mehr, nichts. Beängstigende Stille.
Nur dichter Rauch. Nach ein paar Minuten konnte ich wieder etwas sehen. Ich kroch langsam ein St√ľck vor.
Dann erblickte ich sie.

Erst lag da der Kopf des Melders.
Einige Meter weiter Teile seines Körpers. Götz lag in einer Mulde. Er hatte die Augen geschlossen, als wenn er nur schliefe. Seine Gedärme quollen aus dem Bauch hervor.
Ich duckte mich, stand dann langsam auf und lief. Und wieder rannte ich.

Aber diesmal nicht, um den F√ľhrer zu sehen, sondern um mein Leben.

Schloss mich einer anderen Gruppe versprengter Landser an.
Wir waren zu viert. Einer ist Fallschirmspringer gewesen und war bereits in Frankreich hinter den feindlichen Linien abgesprungen.
W√§hrend unseres Marsches Richtung Westen √ľberholte uns ein Wagen mit Feldj√§gern.
Was wir hier machten? So genau wusste das niemand.
Der Russe war nur einen Tag hinter uns.

Sie nahmen unsere Gewehre, wollten uns aufhängen.
Ich schloss mit meinem Leben ab.
Dachte noch einmal an Mutter und Kamenz in Schlesien.
Sah das Schloss vor mir, in dem mein Großvater als Ofensetzermeister die alten großen Kachelöfen reparierte. Wie oft war ich dorthin gelaufen, um den Männern ihr Vesperbrot zu bringen und hatte in den vielen Räumen gespielt.
Ich sah den M√ľhlengraben, in dem die Freunde im Sommer badeten.
Im November liefen wir Schlittschuh und p√ľnktlich mit dem ersten Schnee wurden die Ski hervorgeholt. Danach dachte ich an Frankenstein, wo ich zur Schule gegangen war und an Hirschberg. In Grunau an der Segelflugschule durfte ich meine Flugscheine machen und konnte n√§chtelang nicht schlafen, als uns Hanna Reitsch besuchte.

Was dann geschah, √ľbertraf alles, was ich bisher erlebt hatte.
Der Fallschirmspringer riss ein MG an sich und rattatatam, die Feldjäger fielen zu Boden.

Und wir liefen los. Wieder rannte ich um mein Leben.

Ein LKW hielt an.
Darauf sa√üen die wenigen Kameraden, die √ľbrig geblieben waren.
Unser Kommandeur wusste schon lange, dass wir den Krieg verloren hatten. Er wollte nicht auch noch die letzten seiner Soldaten verheizen.
Wir fuhren nicht mehr nach Berlin sondern Richtung Ostsee.

Nach dem Krieg heuerte ich als Steward auf einem Minensuchboot an. Wir räumten Minen in Norwegen.
Durch Zufall hörte ich, dass jemand auf dem Flaggschiff Kontakt zu Leuten aus meinem Dorf hatte. So erfuhr ich vom Aufenthaltsort meiner Mutter.

Vor mir liegt das Bild des Kamenzer Schlosses. Ob ich es je wiedersehen werde?
Unsere Begeisterung haben wir mit dem Verlust der Heimat teuer bezahlt.
Tod und Verderben brachte er uns, dessen Namen wir damals aus Leibeskräften schrieen.



( Nach den Erzählungen und zur Erinnerung an meinen Vater Wilhelm, geb. im Mai 1927 in Kamenz/ Schlesien. Verstorben am 01.09.2005 )





Version vom 30. 08. 2009 16:19
Version vom 30. 08. 2009 18:14

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DerKleinePrinz
Guest
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Guten Tag Ruedipferd,

dein Text hat mir sehr gut gefallen, wenn man das so sagen kann bei diesem Thema. Durch Kamenz wurde ich angelockt, es ist doch das Kamenz was jetzt in Sachsen liegt oder?
In meinen Augen ist es zwar keine Kurzgeschichte, aber das ist halb so wild. Authentisch kommem deine Zeilen daher und ich habe viele scheu√üliche Bilder im Kopf gehabt als ich sie las. Zwangsl√§ufig musste ich auch an die Flucht meiner Gro√üeltern denken - um es kurz zu machen: Deine Erz√§hlung hat mich ber√ľhrt, das Ende mit deinem Vater noch mehr!

Trauernd gelesen
Der Kleine Prinz*

Achja, noch etwas Irrelevantes:

quote:
Beim Reichsarbeitsdienst hatte ich mich immer √ľber unsere Fu√ülappen mokiert. Damals lachte ich nicht mehr und h√§tte gerne zus√§tzlich welche gehabt.

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Hallo,

der Text hat auch mich sehr ber√ľhrt. Schn√∂rkellos und gut beschrieben, gef√§llt mir.

Eine Kurzgeschichte ist es auch aus meiner Sicht nicht, was ich hier aber nicht f√ľr so wichtig erachte.

Kamenz - ich wohne in der Nähe des Kamenz in Sachsen. Das war aber nie Schlesien. Klär uns doch mal auf, wo ungefähr das Kamenz liegt, von dem du schreibst. Ich vermute, es gab tief in Schlesien noch eins?!


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Okay, ich hab mich gleich mal selbst auf die Suche gemacht und das hier gefunden:

Hier klicken

Ist es das richtige? Zumindest ist dort auch Schloß (und ein Kloster) erwähnt.


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Ruedipferd
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Kamenz

Hallo Herbstblatt, deine Recherche stimmt.
Kamenz heißt jetzt Kamieniec und ist polnisch.
Es liegt in Niederschlesien, ca 80 Km entfernt von Breslau, welches ja jetzt Wroclaw hei√üt und zwar s√ľdlich davon im Riesengebirge.
Das Schloss wurde zwischen 1838 und 1878 f√ľr das preu√üische
Königs- und ab 1871 ja auch Kaiserhaus gebaut.
Mein Vater hat mir erzählt, das dort auch der Kronprinz zu Gast war. Allerdings gab es ja die Monarchie da schon nicht mehr, weil der Kaiser nach dem 1. Weltkrieg abdanken musste.
Aber es blieb nat√ľrlich im Privatbesitz der Hohenzollern.
Die Geschichten hat mir mein Vater so erz√§hlt und er hat zeitlebends unter den Kriegseindr√ľcken gelitten.
Was diese Generation erlebt hat, ist f√ľr uns wohl gar nicht nachvollziehbar und wir w√ľrden heute so eine Flucht wahrscheinlich nicht √ľberstehen. Ich denke, diese Erinnerungen d√ľrfen nicht in Vergessenheit geraten und sollten uns stets eine Mahnung sein, den Frieden zu bewahren.

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