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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Kamera und Objekt
Eingestellt am 24. 11. 2011 23:35


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Arno Abendschön
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2010

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Eine Altbauwohnung, vermutlich in Amsterdam. Zwei kleine Räume, nur zum Teil im Blickfeld. Die weiß lackierte Tür zwischen ihnen hat einen geschwungenen Messinggriff und steht offen. Die weißen Wände sind kahl. Im hinteren Zimmer ist der Rand eines einfachen Bettes sichtbar.

Ein Mann Anfang dreißig kommt aus dem Schlafraum, steht im Durchgang. Er hat – sonderbar genug – eine Gasmaske in der Hand. O, das falsche Requisit für diese Aufnahme … Er lässt die Maske hinter der Wand verschwinden, man spürt Bedauern. Er trägt nur blaues Unterzeug und einen Motorradhelm auf dem Kopf. Durch dessen Visier erkennen wir undeutlich die Gesichtszüge eines hellhäutigen, blonden Mannes.

Er beginnt sich vor der Kamera anzukleiden, nacheinander kommen eine schwarze Motorradlederhose, eine Jacke aus gleichem Material und von gleicher Farbe, ein schwarzer Ledergürtel und schwarze Stiefel an die Reihe. Zuvor hat die Kamera einmal kurz eine Nahaufnahme der halbnackten Oberschenkel zustande gebracht. Sie sind, ohne fett zu sein, mehr fleischig als muskulös. Später werden wir, wenn er sich bückt, für Sekunden einen schmalen Streifen nackter Haut um die Leibesmitte sehen, vorn und hinten, mit den ersten Anzeichen etwas zu reichlicher Ernährung. Die Jacke endet über den Hüften, das kurze blaue Shirt wird nicht unter den Hosenbund gezogen.





Er zieht sich zügig an, wie einer, der es rasch hinter sich bringen will. Es ist ein routinierter Ablauf. Sein Bewusstsein von der laufenden Kamera äußert sich nur diskret. Er posiert nicht, geht scheinbar nur zweckbestimmt hin und her. So fragt einer sich: Sind die Fenster geschlossen, ist die Heizung abgedreht? Einmal streicht er kurz mit den Händen über die Gesäßtaschen: Sitzt die Hose ordentlich? Ohne Zweifel.

Der Kontrast zwischen alltäglichem Ankleiden und einer neugierigen, voyeuristischen, unersättlichen Kamera springt ins Auge, schafft erst die Dynamik des Streifens. Es geschieht nichts Ungewöhnliches, es geschieht hier nur Gewöhnliches, eben darin besteht der ungewöhnliche Reiz. Wie beobachten das Selbstverständliche, sonst nie Gezeigte – Magie des Alltags. Rein formal ist die Ankleideszene das Gegenteil eines exhibitionistischen Strips. Später wird er in einem Internet-Forum schreiben: Du wolltest mich nackt sehen?

Dann vielleicht doch eine Pose? Er lehnt mit der Hüfte gegen den Türrahmen, dreht sich in der Hüfte – er tut es nur, weil er einen Handschuh überstreifen und sich dabei abstützen möchte. Wir fühlen uns ein wenig ertappt. Er verhüllt sich und wir lauern auf – ja, auf was? Jetzt scheinen die Rollen vertauscht zu sein. Werden wir mit unseren Interessen entlarvt, während er sich immer mehr bedeckt?

Selbstverständlich ist alles inszeniert. Er ist gleichzeitig Darsteller, Kameramann und Regisseur und von ihm ist auch das Skript. Der Stoff: Einer gewährt Einblick in sein Privates, er ist gegenüber dem anonymen Zuschauer zuerst in der Defensive und gewinnt schließlich die Oberhand. Es ist ein kleines Lehrstück über Zurschaustellung und Ausgesetztsein, Entblößung und Verhüllung, Preisgabe und Rückgewinnung von Kontrolle. Das Interesse dafür ist beträchtlich. Als sein Video von nur zweieinhalb Minuten ein halbes Jahr im Netz steht, sind schon 50.000 Zugriffe erfolgt. Eine Kampfsportschule im Ausland hat es auf ihrer Seite verlinkt.

Hugo von Hofmannsthal, Die Wege und die Begegnungen: „Mich dünkt, es ist nicht die Umarmung, sondern die Begegnung die eigentliche erotischen Pantomime … Die Begegnung verspricht mehr, als die Umarmung halten kann.“ Der Unbekannte nimmt nun doch eine eindeutige Positur vor der Kamera ein – um sie auszuschalten.

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Charmaine
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2011

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Hallo Arno,

du beschreibst eine Szene und ihre Analyse: ein imaginärer Zuschauer betrachtet einen Privatheit vortäuschenden Clip. Der Leser befindet sich direkt in seinem Kopf und hört anstatt des Tons der Aufnahme, die Gedanken, die sich der Betrachter dazu macht.
Aber etwas stimmt hier nicht. Die Kamera bewegt sich, sie zoomt an den Mann heran, zeigt vergrößerte Partien seines Körpers. Es befindet sich jemand hinter der Kamera, ein zwischen Leser, Betrachter und Kamera Geschalteter. Das spürt man gleich mit den ersten Worten der Geschichte. Das Kameraauge des Erzählers schwenkt über mehrere Einstellungen. So tut sich die Frage auf: Woher weiß man, dass der Ort Amsterdam sein kann?
Das Besondere an der Situation ist aber nicht, dass der Mann sich anzieht, sondern die durch die Requisiten Gasmaske und Sturzhelm hervorgerufene Erwartung von etwas Bedrohlichem, das dann nicht eintritt. Der Mann hat sich vermummt, um nicht erkannt zu werden und macht dann so etwas Banales, wie eine Ledermontur über blaue Unterwäsche zu ziehen. Der Moment, als er die Handschuhe überstreift,schafft noch etwas Spannung. Aber das ist dann der eigentliche Schlusspunkt: Er muss jetzt in die Garage gehen und los fahren.
Die Szene hat fĂĽr mich keine Erotik.

Mit GrĂĽĂźen von Charmaine
__________________
Dann eines Tages regt sich dieser gebrechliche Leib in Gottes Bauch. (Marguerite Duras)

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Arno Abendschön
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2010

Werke: 273
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Danke, Charmaine, fĂĽr die Reaktion, die ich als aufschlussreich empfinde.

Zuerst zur Frage bezĂĽglich des Drehortes Amsterdam. Das ist recht einfach, ein GroĂźteil der User, die Videos einstellen, gibt im Profil den Wohnort an. Mit gewisser Wahrscheinlichkeit ist ein Video wie dieses hier dann auch dort entstanden.

Du hast - jetzt mit meinen Worten - mangelnde erotische Ausstrahlung des Textes auf dich bemängelt. Das kann ich gut nachvollziehen, er sollte nicht primär erotisierend wirken, sondern mehr analytisch sein. Aber auch bei anderer Intention kann sich der Schreiber der Wirkung in dieser Sparte ja nie sicher sein. Was als erotisch ansprechend empfunden wird, ist von Individuum zu Individuum sehr verschieden und hängt u.a. von Faktoren wie Geschlecht, sexueller Orientierung usw. ab.

Noch zum Requisit Gasmaske. Daran ist in diesem Zusammenhang nichts Bedrohliches, es ist nur ein dezenter Hinweis auf die sonstige Produktion des Users. Als Sexspielzeug könnte es allenfalls lustvolles Grauen hervorrufen ... Das nur als Beispiel für voneinander abweichende Voraussetzungen, die unterschiedliche LeserInnen mitbringen können.

Freundlichen GruĂź
Arno Abendschön

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