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Kann man sich auf den Tod vorbereiten?
Eingestellt am 05. 10. 2007 17:48


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Heiden Steffen
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2007

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Kann man sich auf den Tod vorbereiten?

Testament, Grabstelle und ähnliche Äußerlichkeiten - darum geht es hier nicht. Es geht um die Frage, ob ich mich innerlich auf den Tod vorbereiten kann, vielleicht gar, ob ich mir den Tod vertraut machen kann.
In meiner Jugend habe ich alte Menschen beobachtet, die häufig auf den Friedhof und in die Kirche gingen, und ich nahm an, dass sie sich auf diese Weise auf den Tod vorbereiteten. So predigen es ja auch die Religionen: Durch Gebete und vor allem durch ein gottgefälliges Leben bereitet man sich angemessen auf den Tod vor. „Wohl vorbereitet“, also versehen mit den Sterbesakramenten, treten die Gläubigen dann die Reise in das ewige Leben an.
Denn Vorbereitung auf den Tod bedeutet hier Vorbereitung auf das Leben im Jenseits. Die Religionen sehen es so, dass dort erst das wahre Leben ist und unsere diesseitige Existenz eigentlich nur Vorspiel, in dem man sich bewähren muss und dann mit dem Übergang ins Paradies belohnt wird.
Für gläubige Menschen ist also das ganze Leben eine Vorbereitung auf den Übergang in ein anderes Leben. Aber was ist mit uns, die wir nicht glauben, dass wir nach dem Absterben unserer Gehirnzellen noch irgendwie weiterleben können? Worauf können wir uns vorbereiten, da wir doch den Tod als Schlusspunkt sehen – als unwiderrufliches Ende unserer Existenz?
Eigentlich können wir uns auf gar nichts vorbereiten. Weil man sich eben nicht auf einen Zustand vorbereiten kann, in welchem man gar nicht mehr existiert. Der Tod zieht nur einen Schlussstrich – so wie im Theater der Schlussvorhang fällt. So wie dort nur gilt, was vorher auf der Bühne geschieht, so bleibt uns nur, was vor dem Tod geschieht. Nur das Leben zählt.
Allerdings kann man das Leben auf verschiedene Art angehen – je nachdem, welche Bedeutung man dem Tod für das Leben einräumt.
Ich kann etwa alle Gedanken an den Tod beiseite schieben. Das ist wohl weithin die Einstellung unserer heutigen Lebensform: Leben, als gäbe es den Tod gar nicht – oder zumindest, als hätte er nicht die geringste Bedeutung für unser Leben. Am Ende wird man dann abberufen. Vorhang und aus.

Der Tod gehört zum Leben
Aber ist der Tod wirklich so unbedeutend, ja nichtssagend fĂĽr das Leben? Kann man das Leben richtig verstehen, ohne den Tod zu bedenken? Das glaube ich nun doch nicht.
Nicht so sehr deshalb, weil ich fürchte, in ein schwarzes Loch zu fallen, wenn er dann kommt, den ich solange keines Gedankens würdigte. Auch nicht so sehr, weil ich Angst davor habe, beim nahenden Ende zu erkennen, dass ich mein Leben nicht so gelebt habe, wie ich es dann im Rückblick gern gelebt hätte.
Das alles auch, aber vor allem möchte ich den Tod als untrennbaren Teil des Lebens anerkennen. Der Tod gehört zum Leben wie die Nacht zum Tag. Nur weil es die Nacht gibt, ist der Tag, was er ist. Nur weil es den Tod gibt, ist das Leben das, was es ist. Das Leben wird durch das vorbestimmte Ende etwas anderes als es ohne den Tod wäre.
Die Gewissheit des Todes wirkt in das Leben hinein. Der Tod wirft einen langen Schatten auf mein Leben. Er ist immer da, auch während ich lebe. „Mitten im Leben vom Tod wir umfangen sind“ heißt es so treffend.
Ein Leben, ohne an den Tod zu denken, ist deshalb eigentlich kein ehrliches Leben. Der Tod wird dann verdrängt. Wie alle Verdrängungen stört oder zerstört auch diese unser inneres Gleichgewicht, die Harmonie unseres Lebens. Wir sollten den Tod als das anerkennen, was er ist: ein Teil unseres Lebens, den wir nicht abtrennen können, ohne das Leben zu verstümmeln.
Vorbereitung auf den Tod heißt also, ein Leben führen, das den Gedanken an den Tod mit hinein nimmt – ein Leben, das zum Tod „passt“.
Aber welches Leben „passt“ zum Tod?
Vielleicht können wir von denen lernen, die einmal dem Tod nahe waren und ins Leben zurückgekehrt sind. Sie sagen mit großer Regelmäßigkeit, sie sähen das Leben jetzt anders und würden nun anders leben wollen.
Das allein ist schon eine wichtige Erkenntnis, beweist es doch: Wer sich mit dem Tod auseinandersetzt, bewertet sein Leben nach anderen Maßstäben. Es scheint auch zu beweisen, dass die meisten Menschen – zumindest in unserer heutigen Kultur – anders leben, als sie im Angesicht des Todes für richtig halten. Die Begegnung mit dem Tod gibt den Maßstab, um das eigene Leben zu bewerten – und es genügt sehr oft nicht diesem Maßstab.
Vielleicht sollten wir nicht warten, bis wir zufällig einmal dem Tod von der Schippe springen. Vielleicht sollten wir von vornherein unser Leben so einrichten, dass es vor der Gewissheit des Todes Bestand hat. Offenbar finden wir unsere wahren Lebensziele eher, wenn wir das Bewusstsein des Todes in unser Leben mit hinein nehmen.
Hier haben die Religionen viel geleistet. Memento mori – denk an den Tod! Das steht im Mittelpunkt aller Religionen. Und das tägliche Gebet, wie es von den Gläubigen erwartet wird, ist ein wirksamer Weg, den Tod im Bewusstsein zu halten und sein Leben daran auszurichten.
Es gilt, das eigene Leben stets daran zu messen, dass wir nur begrenzte Zeit haben und dass jeder Tag der letzte sein kann. Dies hilft dabei, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, das zu suchen, was uns wertvoll und wichtig ist. Und es wird uns davor bewahren, im Angesicht des Todes, wenn es zu spät ist, zu erkennen, dass wir „falsch“ gelebt haben – wie es so manche von denen empfanden, die dem Tod noch einmal entronnen sind.

Wie lebt man richtig?
Wer sagt uns, wie man im Bewusstsein des Todes „richtig“ lebt? Die Religionen versuchen es. Aber eigentlich kann es keine Antwort für alle geben. Ich lebe „richtig“, wenn ich im Einklang mit den Werten lebe, die mir im Angesicht der Endlichkeit meines Lebens als wichtig und richtig erscheinen. Das kann nur jeder für sich selbst entscheiden. Jeder muss die Harmonie seines Lebens selbst herstellen.
Vielleicht können die Aussagen derer, die von einer Begegnung mit dem Tod zurückgekehrt sind, dabei helfen, eine allgemeine Richtung solcher Lebensentscheidungen zu erkennen. Bei ihnen, die künftighin „anders“ leben wollen, tauchen zwei Motive immer wieder auf: Zum einen wollen sie die „kleinen Dinge“ in ihrem Leben mehr beachten und sich dafür Zeit lassen – vielleicht ein Sonnenuntergang, das Aufblühen einer Rose, das Spiel der Kinder, ein Bad im See, ein Musikabend…
Zum andern wollen sie sich mehr um ihre Familie kümmern, ihren Freunden besser zuhören, ihre menschlichen Beziehungen ernster nehmen.
Auffällig ist hier vor allem das, was nicht genannt wird. Die Davongekommenen wollen nicht etwa mehr Kraft in ihre Karriere stecken. Sie sprechen nicht von Dingen, die sie sich kaufen wollen. Irgendwelche Erfolge oder ehrgeizigen Projekte werden nicht genannt. Sie wollen nicht reicher und erfolgreicher sein, wie es doch unsere Gesellschaft eigentlich nahelegt. Sie haben offensichtlich überhaupt nicht das Gefühl, dass sie bis dahin zu kurz gekommen seien. Eher denken sie, sie seien achtlos damit umgegangen, was das Leben ihnen geboten hat.
Daraus können wir lernen: Es zählt nicht viel, was im modernen Leben das Wichtigste ist.
Insbesondere scheinen Besitz, Konsum, Ansehen und Macht in der Stunde der Wahrheit nicht gerade dabei zu helfen, im RĂĽckblick auf das eigene Leben mit sich zufrieden zu sein.
Und es leuchtet ja auch ein: Wer ständig damit beschäftigt ist, über das Lebensnotwendige hinaus Besitz anzuhäufen, denkt wohl nicht daran, dass er all dies nicht mit ins Grab nehmen kann. Er tut ja eigentlich so, als ginge es immer weiter, als gäbe es kein Ende. Da passt der Tod nicht hinein.
Eine andere unbewusste Strategie, den Gedanken an den Tod wegzuschieben, besteht darin, ständig zu arbeiten oder jedenfalls irgendwie, und sei es nur zur Zerstreuung, tätig zu sein. Selbst im Urlaub müssen manche Menschen von Aktivität zu Aktivität hetzen, so als hätten sie Angst, mit sich allein zu sein.
Es ist leicht zu erkennen, dass hier – im großen und ganzen - die Wertordnung wiederkehrt, die von den Religionen, insbesondere auch von den Klosterkulturen seit jeher gepredigt wird. Überhaupt würden die, welche dem Tod nahe waren, den christlichen Lebenswerten wohl weitgehend zustimmen. Auch für diejenigen, die nicht religiös sind, da sie nicht an das ewige Leben glauben, sind die Empfehlungen der Religionen wertvoll, wenn sie ein Leben führen wollen, das dem Tod ins Auge sieht.

Das Sterben im Leben lernen?
In manchen östlichen Lehren gibt es die Idee, man könne das Sterben im Leben lernen – fürwahr eine extreme Art der Vorbereitung auf den Tod. Dabei geht es im Wesentlichen darum, Abschied zu nehmen von allem, was einen am Leben festhält – sich von allem Besitz zu trennen, von Macht und Ehrgeiz, überhaupt von allen Leidenschaften.
Dahinter steht der Gedanke, dass das Schmerzliche am Tod im Verlust dieser Leidenschaften bestehe und dass der Tod seinen Schrecken verliere, wenn man sich schon im Leben davon löse. Wem das gelungen ist, der hängt innerlich weder an Dingen noch an Menschen, er will auf der Welt nichts mehr erreichen – außer mit sich und der Natur im Einklang zu sein.
Wir kennen sie alle, die Bilder von hageren, weißbärtigen Indern, die, so heißt es, alle weltlichen Begehrlichkeiten überwunden haben, kaum noch essen und ihre Tage meditierend verbringen. Sie haben Macht, Liebe, Zorn und diese gesamte Ausstattung, welche die Evolution uns mitgegeben hat, hinter sich gelassen. Wir dürfen es glauben, dass sie das Sterben gelernt und mit dem Tod im vorhinein ihren Frieden gemacht haben.
Dennoch können und sollten wir wohl nicht alle diesem Vorbild folgen.
Hier wird eigentlich das Sterben über das Leben gestellt. Aber unsere Aufgabe, unser Schicksal, vielleicht auch unser Fluch ist es zu leben. Das ist die einzige Einsicht, die wohl fast alle Menschen, religiös oder nicht, anerkennen. Leben ist das einzige, was wir als Sinn unseres Daseins erkennen können. Eine Vorbereitung auf den Tod durch Abwendung vom Leben entspricht dieser Einsicht nicht.
Da wäre kein Platz für Nächstenliebe, für Neugier, für die Arbeit an einer humaneren Welt. Kindersterblichkeit und Armut überwindet man so nicht, auch nicht Folter und Machtmissbrauch. Rechtsstaat und Demokratie, Kunst und Wissenschaft wurden nicht von Menschen geschaffen, die sich vom Leben zurückziehen, um im Leben das Sterben zu lernen.
Gewiss gehört die Endlichkeit zu unserem Leben. Aber das Leben bleibt das Wesentliche, nicht das Sterben.
Wer den Tod als Teil des Lebens anerkennt, muss ganz allein für sich entscheiden, wie weit er sich von allzu weltlichen Lebenszielen lösen und der eigenen Endlichkeit Bedeutung in seinem Leben einräumen will. Die einzig mögliche Vorbereitung auf den Tod besteht darin, das Leben als das zu leben, was es ist: ein zeitlich begrenztes Dasein, dem man einen Sinn geben muss, der vor dem Tod Bestand hat.


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jon
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Ich mag „solche“ Texte nicht. Den find ich aber ziemlich gut. "Ziemlich", weil mir der zweite Teil zu lang, zu palavernd, zu wenig "zielführend" ist.

Der erste Abschnitt untersucht, ob man sich überhaupt vorbereiten kann – hätte straffer sein können, muss aber nicht unbedingt. Dieser Abschitt endet mit "Tod hat mit Leben nichts zu tun - außer, dass er es beendet."

Dann kommt im zweiten Abschnitt "Nö! Der Tod gehört zum Leben!" und das wird – für mein Empfinden – nur geringfügigen variierenden Betrachtungen wieder und wieder wiederholt. Wobei es eher wie eine individuelle Lebensmaxime daherkommt als wie eine begründetet Erkenntnis. Ja, ich galube das ist es, was mich am meisten stört. Denn im Gegensatz zu dieser "Wär doch toll, wenn das gelänge"-Idee bezieht sich der dritte Abschnitt auf Argumente. (Man kann natürlich streiten, ob alle, viele oder nur wenige Leute mit "Todeserfahrung" diese Wandlung durchmachen – die andern, die sich nicht wandeln, fallen uns vielleicht nur nicht auf.) Es gibt – zumindest für mein Empfinden – ein paar handfeste Orientierungspunkte (überspitzt: Blümchen ja, Geld nein). (PS: Inhaltliche Bemerkung: Der Punkt ist weniger "Blümchen kontra Geld" als vielmehr "jetzt leben contra für die Zukunft leben" – aber das ist Themendiskussion, das will ich nicht wirklich anfangen.)

Im vierten Abschnitt – der mich inhaltlich überraschte, weil "solche Texte" für gewöhnlich mit der Vorschrift für "wie lebe ich richtig: sei edel, hilfreich und gut. und gottesfürchtig oder so." enden – wird dann die Stimmung von "Ach, Todesgewissheit kann doch ganz nett sein" gebrochen. Gut! Hier hätte es vielleicht etwas kraftvoller zugehen können, man hätte den Schwerpunkt auf die Aktivität, auf das Leben legen können. Wobei das wohl eher eine Frage des Klanges wäre, denn die "Fakten" sind ok. Kraftvollere Sätze vielleicht oder so, ich weiß nicht genau…

Alles in allem: Überhaupt nicht meine Art Text – zu "seelsorgerischer" Tonfall, aber dafür gefiel es mir gut. Aber das sagte ich wohl schon …
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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