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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Kapitalsucht
Eingestellt am 21. 01. 2008 21:04


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Karl Feldkamp
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Glaubt man kapitalistischen Ideologen, ist die Diktatur des Proletariats längstens unrühmliche Geschichte und nur die des Kapitals hat noch uneingeschränkt Zukunft.
Nun habe ich weder vor, eine wirtschafts- oder finanzwissenschaftliche Abhandlung zu schreiben, noch werde ich historische Beweise anfĂĽhren oder absolut haltbare politische oder gar politikwissenschaftliche Thesen aufstellen. Die Haltbarkeit politischer Thesen liegt ohnehin selten ĂĽber der von ungekĂĽhlter Frischmilch.
Mir geht es allein um die Folgen der alltäglichen Diktatur des Geldes und um jene vielen, deren Finanzen trotz oder gar wegen des Konjunkturaufschwungs ständig schrumpfen, um auf den Konten der wenigen zu landen, deren Reichtümer ohnehin unaufhaltsam wachsen.
Die kleine Zahl Ultrareicher, derzeitig noch Milliardäre und in Zukunft vielleicht sogar Billionäre, schafften und schaffen offensichtlich ein System, mit dem sich Reiche in immer kürzeren Zeiträumen immer mehr bereichern konnten und können. Ungehindert wächst ihnen Machtfülle zu, da sich mit Geld alle Machtmittel kaufen lassen: Grund, Boden und Immobilien, Waffen, Bodyguards, Überwachungskameras, Angestellte, Politiker, Frauen, Männer, Verwaltungsangehörige, willige Spekulanten und nicht weniger willige Geschäftemacher aller Art sowie vor allem weitere Finanzen.
Superreiche sowie deren Anhänger und Helfer, die auch immer reicher zu werden hoffen, finden stets die einsichtigsten Antworten auf die entscheidende Frage, warum gerade sie wohlhabender werden müssen.
Moralisch entrüstet unterstellen sie Armen, eine unbotmäßige und deswegen verwerfliche Neiddebatte zu führen. Kurzerhand erklären sie die Umverteilung von oben nach unten zu einer in jeder Hinsicht unmodernen politischen Richtung. Wirtschafts- und Finanzpolitik, die ihnen und ihren Konten hingegen nützt, preisen sie und die ihnen nahestehenden wissenschaftlichen Experten als einzig notwendige an, da allein sie die Konjunktur steigere. Und Konjunktursteigerung kommt selbstverständlich wiederum allen zu gute, die ohnehin schon die größeren Guthaben besitzen und am meisten denen, die besonders rasant wachsende Vermögen ihr Eigen nennen. Auch das ist natürlich Umverteilungspolitik – nur eben die zweifelsfrei höchst zeitgemäße von unten nach oben.
Jene Geldadeligen wollen übrigens auch allen Mitgliedern der so genannten Gesellschaft weismachen, es herrsche Chancengerechtigkeit. Doch diese hat weder mit Gerechtigkeit noch Chancengleichheit zu tun. Vielmehr stellen Politiker und Wirtschaftsexperten mit diesem missverständlichen Begriff allen – also Armen und Reichen die gleichen Chancen gegenüber. Nur die Armen verfügen nicht über die (Finanz-)Mittel, die Chancen wahrzunehmen. Für sie bleibt, mit dem Geld, über das sie nicht verfügen und auch nicht verfügen werden, in trügerischer Hoffnung auf Reichtum angestrengt für den Reichtum der Reichen zu arbeiten.
Konsequent wie sie sind, lassen Gutbegüterte zum Beispiel Bedingungen zu, die nur Wohlhabenden Bildungschancen ermöglichen. Sie loben die Sparsamkeit der Politiker, wenn sie Studiengelder einfordern und die Lernmittelfreiheit einschränken. Schließlich benötigen allein sie, die es sich selbstverständlich leisten können, umfangreiches Wissen und Können, um einfache Bereicherungsmodelle so zu verkomplizieren, dass einer ohne ihr Wissen und Können diese Modelle für zu kompliziert hält, um sie (als weniger Wohlhabender) durchschauen und beeinflussen zu können.
Ihr gesellschaftspolitisches Credo für jene, die sie nicht zu den Ihren zählen, lautet schlicht: Ihr habt keine Chance, aber nützt sie, wir nützen doch auch Chancen (die ihr nicht habt). Und das mit allergrößtem Erfolg.
Nun wissen selbstverständlich längst alle, die nicht zu jenen Wohlhabenden gehören, dass gerade Reiche sie daran hindern, zu deren Reichtum und dessen Zuwächsen zu kommen.
DafĂĽr steht das gewohnheitsrechtliche und von Juristen und Legislative formulierte Gesetz der Besitzstandswahrung, aber auch das Strafgesetzbuch. Es belegt gerade Eigentumsdelikte mit umso empfindlicheren Strafen, je mehr gestohlen oder geraubt wurde. Besitz ist damit gesetzlich umso mehr geschĂĽtzt, je umfangreicher er ist.
DarĂĽber hinaus bemĂĽht sich konservative Politik (Und welche Regierungspolitik ist nicht konservativ?) immer darum, mit nahezu allen ihren Mitteln Macht und damit Geld zu beschaffen und zu konservieren.
Doch es ist nicht allein ihr Bestreben, ihre großen Vermögen einfach nur zu erhalten. Damit wäre das Guthaben kaum mehr als eine wertvolle sorgfältig einbalsamierte Mumie - also totes Kapital ohne Geld- und Machtzuwachs.
Nein, der vielbesitzende Mensch, suchtgefährdet wie er ist, will grundsätzlich immer mehr als er ohnehin schon hat.
Die Droge Geld ist offenbar die legalste aller legalen Suchtmittel. Konsumenten anderer legaler Drogen – etwa Alkohol – werden im fortgeschrittenen Suchtstadium gesellschaftlich geächtet. Ungebremster Alkoholismus führt in der Regel nämlich zu Geld- und Besitzverlust. Der Geldsüchtige hingegen gewinnt mit der Steigerung seiner Sucht weiter an Ansehen.

Unerbittlich neigen Süchtige dazu, ihr Leben und das ihrer Angehörigen und aller ihnen Nahestehenden in die Sucht hineinzuziehen. Keiner soll der Sucht entgehen. Konsequenter Weise werden alle Einflussbereiche der Geldmachthaber der Abhängigkeit von Geld unterworfen: die Politik, die öffentliche Verwaltung, Kunst und Kultur, Freizeit, Familie, Kindererziehung, selbst Freund- und Liebschaften. Überall wird zunächst gefragt, „Und was kostet mich das?“
Die Entscheidung für ein Kind fällt erst, wenn klar ist, ob das junge Paar sich auch ein Kind leisten kann. Geheiratet wird wegen zu erwartender Steuervergünstigungen. Im Krankenhaus haben Krankenschwestern keine Zeit dafür, sich ihren Patienten menschlich zuzuwenden. Dafür zahlen Krankenkasse und Krankenhausverwaltung nicht. Wer als Privatpatient allerdings ausreichend Geld einsetzen kann, für den ist auch Zeit vorhanden. Und dann macht Reichtum auch noch sexy….
Mit zunehmender MaĂźlosigkeit vernichtet Sucht bekanntlich irgendwann Existenzen und zuletzt Leben. Jeder trockene Alkoholiker, der kurz vor dem endgĂĽltigen Absturz noch die Kurve gekriegt hat, weiĂź das. Sucht ist erbarmungslos und kann selbst Unbeteiligte mit in den Abgrund reiĂźen.

Karl Marx war sicherlich kein Suchtexperte, aber er hat aufgrund seiner scheinbar altmodischen machtpolitischen Erkenntnisse vor dem Selbstvernichtungspotential des Kapitalismus gewarnt.
Wer Euro- und Dollarzeichen in den Augen hat, dessen Sehkraft bleibt eingeschränkt, selbst wenn er sich die teuersten Augenärzte leisten könnte.


__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Version vom 21. 01. 2008 21:04
Version vom 23. 01. 2008 20:54
Version vom 23. 01. 2008 21:18

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jon
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Du sprichst mir aus dem Herzen.

Trotzdem ein paar handwerkliche Anmerkungen:

Was meiner Meinung nach argumentativ ein bisschen schief geht, ist der Sucht-Vergleich. Nicht der der "Geld-Sucht" sondern die Analogie zur Alkohol-Sucht. Das hinkt ziemlich, nicht nur, was die Auswirkungen angeht, die nahezu diametral entgegensetzt sind. Auch Ursache und "Ziele" sind nicht wirklich vergleichbar. Alkohol dient dem Süchtigen, sich trotz „seiner Realität" wohl zu fühlen, Geld dient daszu, diese Realität zu ändern. Alkohol ist eine "Belohnung für nichts, sondern nur so", Geld die Belohnung (und der "Beweis") für die eigene Tüchtigkeit. Alkohol (als Suchtmittel) grenzt aus, Geld verschafft Eintritt. Alkohol hilft ertragen, Geld beseitigt das Unerträgliche.

Was argumentativ besser sein könnte: Mehr Argumente (Zahlen/Fakten), weniger Polemik. Das dachte ich zum Beispiel bei dem Abschnitt:
"Jene Geldadeligen wollen ĂĽbrigens auch allen Mitgliedern der so genannten Gesellschaft weismachen, es herrsche Chancengerechtigkeit. Das habe allerdings weder mit Gerechtigkeit noch Chancengleichheit zu tun. Vielmehr stellen sie weniger Besitzenden in Aussicht, mit dem Geld, ĂĽber das sie noch nicht verfĂĽgen, zu unermesslichem Reichtum zu kommen, wenn sie angestrengt fĂĽr den Reichtum der Reichen arbeiten."
Ich habe zwar eine Idee, was du meinst, aber beim Versuch, es in ein konkretes Beispiel zu "ĂĽbersetzen" bin ich gescheitert. Auch dass "Chancengerechtigkeit" weder was mit Gerechtigkeit noch Chancegleichheit zu tun hat, klingt plausibel, aber wen ich genau hinsehe, merke ich, dass ich nicht die geringste Vorstellung habe, wie "die" das Wort "Chancengerechtigkeit" meinen/definieren.

Oder die Behauptung, der Geldadel würde zielgerichtet die Bildungspolitik zu seinem Gunsten beeinflussen: Klingt logisch, aber in Wirklichkeit sitzen "die" da wahrscheinlich eher nicht und überlegen, wie sie Bildung teurer machen können, sondern sie tun "nur" nichts, dass Bildung billiger oder zumindest nicht teurer wird. Sie nehmen das Teurerwerden als Nebenerscheinung anderer Prozesse (vielleicht sogar wohlwollend, das kann schon sein) in Kauf – zum Beispiel als Nebenerscheinung der eigenen Steuereinsparungen (, die u.a. zu knappen Mitteln im öffentlichen Bildungsetat führen).


PS: Der erste Satz scheint mit ziemlich verunglĂĽckt:
"Angeblich ist die Diktatur des Proletariats längst unrühmliche Geschichte, die des Kapitals jedoch hat noch Zukunft, denn offenbar unaufhaltsam entfaltet der Kapitalismus seine Macht."
Angeblich … (hat Diktatur) des Kapitals … noch Zukunft, denn offenbar…" – also entweder "angeblich" (es ist abe rnicht so) oder "offensichtlich".
Und: Wieso ist die "Diktatur des Proletariats" nur angeblich Geschichte und was hat sie mit dem nachfolgenden Text zu tun?

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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Karl Feldkamp
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Liebe jon,
zunächst einmal freue ich mich natürlich, dass ich dir aus dem Herzen spreche und bin dir dankbar, dass du dir die Mühe gemacht hast, mich so ausführlich auf "handwerkliche Fehler" aufmerksam zu machen.
Der Vergleich zwischen Alkohol und Geldsucht hinkt selbstverständlich. Aber über den Unterschied lasse ich mich doch im Text auch aus.
Allerdings den Unterschied, den du siehst, sehe ich nicht in dem Maße. Ja, Alkohol hilft zunächst ertragen, aber Geld doch häufig auch nur. Es beseitigt zwar Armut, aber doch nicht grundsätzlich das Unerträgliche. Und in manchen Fällen hilft es auch nur ertragen, z.B. Langeweile, Einsamkeit, Unglück und andere unangenehme Gefühle.
Außerdem behaupte ich vor allem, Geld mache mächtig, Macht können süchtig machen.

Du hast recht, die Reichen schaffen nicht unbedingt aktiv Bedingungen, die nur Wohlhabenden Bildung ermöglichen.
Sie lassen die Bedingungen zu. (das werde ich im Text ändern).
Auch den ersten Satz werde ich ändern, da er tatsächlich so nicht stimmt.
Chancengerechtigkeit ist eine Wortschöpfung der SPD, die sich ja als Partei der sozialen Gerechtigkeit sehe möchte. Ich meine, dieses Wort weckt Erwartungen, die es nach Definition der SPD aber nicht halten kann. Als Chancengerechtigkeit wird ausgegeben, dass es jene Chancen in unserer Gesellschaft als Möglichkeiten grundsätzlich gibt. Allerdings sind längst nicht alle Mitglieder der Gesellschaft (aus diversen, auch im Text genannten Ursachen - siehe Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen)in der Lage, diese Chancen wahrzunehmen.
Noch einmal Dank fĂĽr deine MĂĽhe und herzliche GrĂĽĂźe
Karl


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Karl Feldkamp
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Eine längere politische Auseinandersetzung hätte ich mir schon gewünscht...!
Karl
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Volker Hagelstein
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@ Penelopeia
Also, ich denke, dass zwischen natĂĽrlich und vernĂĽnftig unterschieden werden muss. Natur ist nicht immer gut, und die menschliche Vernunft setzt sich zu ihr ja nicht gerade selten in Widerspruch, z. B. mit wissenschaftlich entwickelten Antibiotika.
Und genau so sehe ich den Kapitalismus: NatĂĽrlich, aber nicht unbedingt gut. Auf jeden Fall verbesserungsbedĂĽrftig.

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Karl Feldkamp
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Liebe Penelopeia,
es ist mir wichtig, einem Missverständnis entgegen zu wirken.
Ich will auch keine Gewalt. Mir geht es um Einsicht. Und ich meine, derjenige, der sich zu viel nimmt, kann demjenigen, der ihm Gier vorwirft, nicht unbedingt eine so genannte Neiddiskussion vorwerfen. Es kommt doch immer darauf an, wer den Neid auslöst. Und der Blick in die Geschichte macht m. E. sehr deutlich, dass einseitige Machtansprüche ab einer gewissen Größenordnung immer zu gewaltsamen Auseinandersetzungen geführt haben. Ich wäre sehr froh, wenn es nicht wieder so weit kommen muss. Aber auch heutige Kriege werden da letztendlich immer noch um Reich- und Besitztümer geführt. (Ölquellen, Rohstoffe, Land)
Sucht entsteht ĂĽbrigens in der Kindheit durch Liebes- und Zuwendungsmangel und damit durch die vergebliche Hoffnung, endlich genĂĽgend Liebe und Zuwendung zu bekommen.
Wer immer weiter glaubt, sich mit Reichtum liebevolle Zuwendung erkaufen zu können, der läuft in die Irre...
Insofern glaube ich, dass der Vergleich mit der Sucht stimmig war.
Herzliche und friedliche GrĂĽĂźe
Karl





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