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Leselupe.de > Humor und Satire
Kapitel 1 Die Treppenterrier
Eingestellt am 09. 07. 2008 18:36


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Jens Stachelbaer
Festzeitungsschreiber
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Die Treppenterrier Kapitel 1

Der Stadtindianer

Kalle Malewski verfügte über eine seltene Begabung: Wenn man eine Tageszeitung mit den aktuellen Stellenanzeigen vor ihm ausbreitete, ihm einen Kugelschreiber in die Hand gab und anschließend die Augen verband, so konnte man sicher sein, dass Kalle auch blind wieder den größten Scheiß ankreuzen würde, der in diesem Stellenmarkt zu finden war!

Dieses Talent trug in gewisser Weise auch die Mitschuld an seinen Lebensumständen. Nicht das Kalle arbeitsunwillig war. Er fühlte sich zu vielem berufen und hatte auch manches ausprobiert, aber die richtige Chance, sein Können unter Beweis zu stellen, war einfach noch nicht dabei gewesen.

Kalle saß an dem wackeligen Esstisch seiner kleinen Dachgeschosswohnung und sortierte ein Bündel von Rechnungen in drei Stapel: Kann warten - kann länger warten - kann noch viel länger warten! Er seufzte auf. Diese verdammten Rechnungen und Mahnungen brachten ihn allmählich zur Verzweiflung. Sorgfältig legte er die Stapel wieder übereinander und verstaute sie in einer Küchenschublade.

Wer in diesen schweren Zeiten mit Harz IV ĂĽberleben wollte, brauchte eine ausgeklĂĽgelte Strategie. Mit gelegentlichen Aushilfsjob hielt Kalle sich gerade so ĂĽber Wasser. AuĂźerdem hatte er eine wahre Meisterschaft darin entwickelt, sich bei Freunden und der lieben Verwandtschaft durchzuborgen.

Manchmal wurde es allerdings eng. Die Angst vor einer Privatinsolvenz schwebte ständig wie ein Damoklesschwert über seinem Haupte, denn Privatinsolvenz, das war etwas, was für Kalle nie in Frage kommen würde. „ ...weil man da nämlich keinen Kredit mehr kricht“, wusste Kalle. Zumindest keinen von der Bank, und der war dringend nötig, denn sein altersschwacher Corsa hatte auch schon bessere Zeiten erlebt.
Plötzlich klingelte sein Handy. Sollte er drangehen? Die Nummer auf dem Display kannte er nicht. Egal, ein bisschen Abwechslung nach all dem Frust konnte er jetzt gut gebrauchen. „Ja?“, meldete er sich zögernd.
Es war „Gonzo“, der Wirt vom „Stiefeleck. “
In dem Augenblick wusste Kalle, dass er besser nicht an das Telfon gegangen wäre.



Wirklich nicht gerade eine Nobeladresse, dachte sich Andreas Fröhlich und bahnte sich einen Weg durch die parkenden Autos. Vor der Haustüre lungerten ein paar südländisch aussehende Halbwüchsige herum. Sie verschwanden, als er sich näherte.
Fröhlich sah auf die Klingeln. Namensschilder waren entweder gar nicht vorhanden oder beschädigt. Den Namen, nach dem er suchte, konnte er nicht entdecken. Die Haustür war nur angelehnt. Er betrat den Hausflur. Farbe und Putz blätterten von den bekritzelten Wänden. Fröhlich stieg über einige herumliegende Kinderfahrräder hinweg. Bei den Briefkästen bot sich ihm ein ähnlich trauriges Bild, Namens-schilder fehlten, die Türchen waren abgerissen oder verbeult, einige Kästen quollen über mit Werbesendungen. Auch hier konnte er den gesuchten Namen nicht finden.
Ja, der wirtschaftliche Aufschwung war angekommen, jedenfalls für Leute wie Andreas Fröhlich. Diejenigen, an denen der Aufschwung so grußlos vorbei gegangen war wie bei diesen Hausbewohnern hier, bescherten ihm und seinen Kollegen volle Auftragsbücher.
Fröhlich befragte einen Jungen, der im Hausflur einen Fußball gegen die Wand kickte. Die Hand des Jungen wies nach oben. Fröhlich und machte sich über abgewetzte graue Steinstufen an den Aufstieg.



„Ach du bist´s, Gonzo“, säuselte Kalle in den Hörer. Hasse `ne neue Handynummer? Wie geht’s denn so, Alter?“
„Wie´s mir geht? Hör auf, Schwachsinn zu säuseln“, brüllte Gonzo in den Hörer. Das, was Gonzo ihm sonst noch sagte, ist nicht ganz jugendfrei und darf deshalb hier nicht niedergeschrieben werden. Der Leser wird mir verzeihen, wenn ich den restlichen Verlauf dieses Telefonates nur als Monolog wiedergebe.
„Also komm, nu tu ma nich so! Als wenn ich dich inne Pleite treiben würde. `N extra Handy für säumige Zahler - deine Geschäfte scheinen ja nicht schlecht zu laufen.“
„Mein Deckel is´ der älteste und wird in die Analen des Lokals eingehen? Also nu überteib´ ma´ nich´. „Höma, du weis doch, datte die Kohle von mir immer gekricht hast. Ich hab´ nur diesmal `ne echte Pechsträhne. Z.Z. läuft bei mir einfach nix. Aber ich schwör´ dir, dat du der erste bis´, der seine Kohle kricht, wenn ich wieder flüssig bin. Echt, ich schwöre.“
Dann sagte Gonzo etwas, dass Kalle augenblicklich sämtliche Farbe aus dem Gesicht weichen ließ.
„Ne, nä ...? Sach gezz, dat dat nich´ war is´?“
In dem Moment klingelte es an der Tür. Mit dem Handy am Ohr öffnete Kalle. Vor ihm stand ein Mann, der ihm einen amtlichen Ausweis unter die Nase hielt. Kalle achtete nicht darauf und verdrehte genervt die Augen zur Decke. „Ne, nä? Also dat glaub ich gezz nich´.“
Fröhlich wunderte sich. Bei dem Vornamen hatte er einen Mann um die Fünfzig erwartet, doch vor ihm stand ein etwa dreißigjähriger mit hochrotem Gesicht, dessen schütteres weißblondes Haar ihm wirr vom Kopfe abstand.
„Sind Sie Herr Karl-Heinz Malewski?“, fragte er Kalle, denn natürlich war auch kein Namensschild an der Wohnungstür angebracht.
Kalle nickte: „Passt mir gezz gar nich´, ihr Besuch. Egal“, ohne einen Blick auf den Ausweis zu werfen ging Kalle zurück in die Wohnung. Er winkte Fröhlich, ihm zu folgen. Mit einer Handbewegung deutete Kalle dem Besucher an, sich zu setzten. „Moment noch bitte, wichtiges Telefonat“, flüsterte er Fröhlich zu.
Fröhlich blieb einen Augenblick lang unschlüssig im Raum stehen. Er entschied sich dann für das fleckige rostbraune Sofa. Fröhlich sah sich um. Am auffälligsten waren die Indianerfigürchen, die in jeder Ecke der Wohnung herumstanden. Was ist denn das für eine Type, fragte sich Fröhlich? Wer interessiert sich denn heute noch für Indianer?

Sein Blick fiel auf eine an der gegenüberliegenden Wand hängendes Poster, welches das Konterfei eines imposanten
Indianerhäuptlings zeigte. Darunter stand: Oh great Spirit, please don´t let me talk about my Neighbour, bevor I had walked 1000 Steps in his Mokassins.
Bitte lass mich nicht über meinen Nachbarn reden, bevor ich nicht 1000 Schritte in seinen Schuhen gegangen bin, übersetzte sich Fröhlich das Zitat.
Noch einmal lies er seinen Blick schweifen. Die Einrichtung bestand aus zusammen gesuchten Mobiliar sämtlicher Stilrichtungen, die auf dem Sperrmüll zu finden waren. „Nö, danke. Muss nicht sein“, sprach Fröhlich gedanklich zu dem Häuptling auf dem Poster.
Am Fenster stand Kalle und strich sich nervös durch das Haar: „Gonzo, du has´ … du has´ meine Reifen geklaut! Dat kannze doch nich´ machen. Wie soll ich denn gezz zur Arbeit kommen?“
Vom Fenster aus sah Kalle auf seinen aufgebockten Opel. Die Vorderreifen fehlten.
„Ja, stimmt auch wieder. Ich hab´ ja keine Arbeit. Aber trotzdem … Un´ wenn ich morgen wat finden würde …? Wie, zehn Tage Frist ... Wieso bei Ebay auslösen ...? Gonzo, dat ist ungesetzlich! Außerdem weisse genau, dat ich keinen Computer habe.“
Da steckt einer ganz tief in der Scheiße, dachte sich Fröhlich.
Endlich endete das Telefonat. Kalle starrte aus dem Fenster. „Schönen Kumpel hab ich da – klaut mir heimlich die Reifen! Na, is´ ja nich´ der einzige Wagen inner Stadt mit der Reifengröße, un´ auch nich´ die einzige Kneipe!“, sagte er zu sich selbst.
Ein Räuspern von Andreas Fröhlich erinnerte ihn daran, dass er nicht alleine war.
Kalle drehte sich zu ihm um: „T´schuldigung, sie sind nicht zufällig der Glücksbote von der Lottozentrale?“
Der Besucher erhob sich schwerfällig aus der weichen Federung. „Eher nicht. Mein Name ist Andreas Fröhlich. Ich bin Gerichtsvollzieher.“
Kalle spürte, wie langsam alle Kraft aus seinen Beinen wich. Er setzte sich rücklings auf den Küchentisch: „ Ich glaub´, ich brauch´ `n Job!“




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Marius Speermann
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Hi,

ich wĂĽrde vorschlagen, diesem Link zu folgen Hier klicken und Deinen mehrteiligen Artikel so zu posten.
Damit riskierst Du auch nicht, dass Leser den Text kritisieren, weil sie nur Teile davon kennen.

Z.B. hätte ich bei diesen beiden Teilen nun gesagt, dass ich da nirgends Humor drin sehe.

Vielleicht ein anderer Hinweis, der allgemein gilt und mir hier im Forum auffällt: es werden immer wieder Beiträge gepostet, die irgendwie auf Hartz IV anspielen. Ich bin Österreicher, und weiss nicht wirklich, was das ist (ja, ok, es hat was mit Arbeitslosengeld und Mindestlohn zu tun, aber was genau: keine Ahnung). In 10 Jahren wird das auch keiner mehr wissen oder verstehen.

So nebenbei schalte ich bei solchen Themen meistens ab. Weil ich persönlich den x-ten Text über einen Arbeitslosen, der windmühlenartig gegen das Arbeitsamt kämpft und humoristisch gewinnen will, eher langweilig finde. Da kommt meistens keine Überraschung. Immer dasselbe. Armer Arbeitsloser, herzloses Arbeitsamt, dummer Beamter. Gäähn.
Ich will damit nicht sagen, dass dieses Thema satirisch nicht aufbereitbar ist, aber wenn, dann bitte aus einem neuen Blickwinkel. Ich suche eigentlich mal einen neuen Twist, einen neuen Dreh. Das Arbeitsamt geht Pleite, oder hofiert die Arbeitslosen oder drängt ihnen Geld auf etc.

Aber das ist meine Meinung und ich lasse mich gerne ĂĽberraschen ;-)

Servus

Marius
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Wie man einen humoristischen Text schreibt: Humor fĂĽr Deppen.Mehr auf MarioHerger.at

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Jens Stachelbaer
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Erläuterung zu „Die Treppenterrier“

Hallo Marius,

Die Reaktion einiger Leser auf meine Erzählung zeigt mir, dass es offensichtlich Missverständnisse gibt, die es zu klären gilt.

Es liegt mir fern, mich über das Schicksal von Arbeitslosen lustig zu machen. Als ich mit der Idee zu dieser Satire „schwanger“ ging, war ich selbst gerade arbeitslos und gerade auf eine Institution wie die Corrupta-Finanz-Dienstleistung (CFD) hereingefallen.

Damals habe ich mich gefragt, warum mir das passieren konnte. Es war doch offensichtlich, dass das in einem Fiasko enden musste.

Oh ja, es gibt sie, die CFD - und leider nicht nur einmal! NatĂĽrlich agieren diese Firmen am Markt nicht unter diesem, aber auch nicht unter weniger phantasievolleren Namen.

Warum, fragte ich mich dazumal, fallen Menschen überhaupt auf solche windigen Angebote herein? Die Antwort war schnell gefunden. Entweder ist es Naivität und Leichtgläubigkeit, oder man klammert sich wie ein Ertrinkender am rettenden Strohhalm als Arbeitsuchender an die verzweifelte Hoffnung: „Es kann doch nicht immer alles schlecht sein!“ Und genau hier sehen skrupellose Geschäftemacher ihre Chance.

Am Anfang dachte ich genau so wie Du, Marius.
Wer interessiert sich schon für deine Sorgen, deine Wut und Enttäuschung. Du bist nur einer von vielen, dem das passiert ist. Das will doch keiner lesen. Da kam mir die Idee, die Sache doch einmal mit Humor anzugehen, ohne mich dabei des gängigen Klischees eines Arbeitslosen zu bedienen.

Also „erfand“ ich zwei Arbeitslose, die genau diese Eigenschaften verkörperten. D.h., ich erfand sie nicht einmal, ich brauchte ihnen nur andere Namen zu geben, ihre Vita und den Ort des Geschehens zu verändern.

Bei allem Humor, der sich insbesondere bei meinem zweiten,
eher „trockenen“ Protagonisten erst im Verlaufe der Erzählung durch Situationskomik und die Nebenfiguren entwickelt, bleibt es eine sozialkritische Geschichte, in der Missstände aufgezeigt werden (für mich sind das die Wesenzüge einer Satire). Die Geschichte soll anderen aber auch den Mut machen, kritisch zu sein und einmal „Nein“ zu sagen.

Im übrigen sollte bereits aus dem Vorspann, hier „Rückblick“ genannt, hervorgehen, von was dieser Roman handelt, nämlich Lug und Betrug, hier „Jargonhaft“ als „Beschiss“ bezeichnet. Wenn das Genre nicht stimmen sollte, bitte, ich lasse mich gerne belehren.

M.l.G.
Jens
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