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Leselupe.de > Ungereimtes
Karl
Eingestellt am 12. 04. 2003 15:29


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Otto Lenk
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Karl

Die Glocken lÀuten. Jedesmal wenn ein Mensch zu Grabe getragen wird. Ob du wohl jetzt oben im Glockenturm stehst? Behauptet hast du es zu Lebzeiten immer.
„Wenn sie mich beerdigen, werde ich oben im Glockenturm stehen, und meinen letzten Weg beobachten. Ich werde sie mir anschauen, die falschen und die echten TrĂ€nen. Die Heuchler und die Wahrhaftigen. Und lachen werde ich ĂŒber ihre TrĂ€nen. Wirst schon sehen.“
Sehen kann ich es leider nicht, lieber Karl. Aber bei dir halte ich alles fĂŒr möglich. Du warst das letzte Unikum hier im Dorf, und deine Mitmenschen hielten dich wohl grĂ¶ĂŸtenteils fĂŒr einen Spinner und TrĂ€umer.
Abends in der Dorfkneipe, wenn er leicht angetrunken von seinen Abenteuern in der Welt erzĂ€hlte, waren Timbuktu und der Kilimandscharo direkt um die Ecke. Fasziniert lauschten wir den Worten, um uns nach seinem Gehen ĂŒber ihn und seine Phantastereien lustig zu machen. Und doch machten mich Karls Geschichten neugierig. Sie waren irgendwie zu lebendig, um vollkommen erfunden zu sein. Möglich war alles, war er doch erst im hohen Alter zu uns ins Dorf gezogen.
Eines Abends, beim Bier und einer seiner weltweiten Geschichten, fragte ich ihn, ob es Beweise fĂŒr seine Erlebnisse gebe.
„Komm mich morgen besuchen, und ich zeige dir die fĂŒr dich so wichtigen Beweise. Könntest du zuhören, brĂ€uchtest du sie nicht.“
Zugegeben, ich war schon recht neugierig, aber dass, was ich in seiner Wohnung vorfand, ĂŒbertraf doch alle meine Erwartungen. Es war sein Wohnzimmer, das mich umhaute und mir ein „WOW“ entlockte. Statt mit einer Tapete, waren Karls WĂ€nde mit Polaroid-Fotos zugekleistert. Tausende von Bildern schmĂŒckten die WĂ€nde.
„Siehst du BĂŒrschen, hier sind deine Beweise. Fotos aus aller Herren LĂ€nder. LĂ€nder die ich im Laufe meines Lebens bereist habe. Schau dich in Ruhe um. Wenn du Fragen hast, erzĂ€hle ich dir gerne etwas zu den Aufnahmen.“
„Warum haben sie die Bilder nicht in Alben geklebt. Das sieht, wie soll ich sagen, ein wenig merkwĂŒrdig aus.“
„Erstens! Nenn mich bitte Karl. Zweitens! Du hast es erfasst. Bilder sind merkwĂŒrdig. Sie haben es verdient, sich ihrer zu erinnern. MerkwĂŒrdig! Wann schaut man schon einmal in seine Fotoalben. Sie verstauben und mit ihnen unsere Erinnerungen. Aber diese Erinnerungen sind mein Leben und ich möchte es um mich herum haben.“
„Ja, wenn man es so sieht.“
„Welches Foto schaust du dir denn an, BĂŒrschen? Das hier? Das ist die Festung Hohensalzburg. Damals, im Januar 1958, schneite es wie verrĂŒckt. Frau Holle hatte einen guten Tag. Auf jeden Fall stand ich oben auf der Festung und gönnte mir einen Blick auf die Stadt, als ein Aufwind die Festungsmauern traf. Von einem auf den anderen Augenblick flog der Schnee nach oben und ich hatte den Eindruck, in einer Schneekugel zu stehen, und der Himmel wĂŒrde gleichzeitig einen Kopfstand machen.“
Karl hatte eine Art seine Geschichten zu erzÀhlen, die es unmöglich machte, nicht hineingezogen zu werden in den Strudel aus Worten und Bildern.
„Ja, ist das nicht ein schönes Bild? Der Strand, diese Palmen und das Meer. 1972 auf den Bermudas. Ich habe dort einen unvergesslichen Tauchurlaub verbracht. Kann mich noch gut an diesen einen Tauchgang erinnern. Die Einheimischen hatten mich noch vor den Barracudas gewarnt. Umsonst. Dieser riesige Schwarm hatte eine magische Anziehungskraft. Langsam und vorsichtig nĂ€herte ich mich ihnen. Mit einer plötzlichen BewegungsĂ€nderung hatten sie mich eingeschlossen. Aber sie waren keineswegs aggressiv. Ich war ein Teil des Schwarmes geworden. Ihre Farbe glich der OberflĂ€che des Meeres. Schiefergrau und silbrig leuchteten sie, als ob sie die OberflĂ€che des Meeres spiegelten. Plötzlich hatte ich den Eindruck, dass die WasseroberflĂ€che nicht mehr ĂŒber mir, sondern seitlich von mir war, und da ich ja inmitten des Schwarms schwamm, es nicht nur eine, sondern zwei OberflĂ€chen gab. Fast wĂ€re ich in diesem tiefen Eindruck ertrunken.“
„Faszinierend, lieber Karl.“
„Schau dir nur dieses Bild an. Paris von der zweiten Aussichtsplattform des Eiffelturms aus gesehen. Und siehst du den Papierflieger? Das Bild wurde 1974 aufgenommen. Der Papierflieger flog bis in die Seine und ich wurde erster Weltmeister in den Papierfliegerbau- und Flugweltmeisterschaften.“
Karl erzĂ€hlte mir noch viele Geschichten, Ich war immer versucht ihm zu glauben, und im nĂ€chsten Augenblick hielt ich ihn fĂŒr den MĂŒnchhausen der Neuzeit. Bei einem meiner nĂ€chsten Besuche fĂŒhrte mich Karl in ein Zimmer, dass ich vorher noch nie betreten hatte.
Der Raum war leer bis auf einige Wandregale. Auf ihnen standen Hunderte von Schneekugeln. Kugeln aus allen Kontinenten. Karl zeigte mir seine schönsten Exponate und hatte natĂŒrlich fĂŒr jedes AusstellungsstĂŒck eine Geschichte parat.
„Ist es nicht merkwĂŒrdig, dass man diese Schneekugeln an Orten erhĂ€lt, an denen es nie schneit. Das ist meine Lieblingskugel. Siehst du die blaue FlĂŒssigkeit. Durch einen unsichtbaren Plastikboden ist sie vom Rest der Kugel getrennt. Ein kleiner blauer Ozean. Wenn man die Kugel schĂŒttelt, fĂ€llt Schnee auf den Ozean. Welch beruhigender Gedanke.“
Oft war ich bei dir zu Gast. Habe zugehört und gelernt. LĂ€nder mit dir erforscht, Menschen, Natur und Tiere kennen- und lieben gelernt. Ich habe dich und deine Geschichten nie hinterfragt, denn fĂŒr mich waren sie Wahrheit.
Bei unserem GesprÀch, kurz vor deinem Tod, sagtest du noch, dass du nach der Trauerfeier vom Glockenturm springen und dir den Rest der Welt anschauen wirst.
Jetzt stehe ich hier im Hof und blicke zum Kirchturm. Bin nicht zur Beerdigung gegangen. Hier bin ich dir nĂ€her. Also mach es gut Karl, und grĂŒĂŸe mir die Welt. Eins noch, lieber Freund. Ich danke dir dafĂŒr, dass du mir alle Bilder vermacht hast. Ich habe ein Zimmer meines Hauses damit beklebt und kann meinen Urlaub kaum noch abwarten. Dann werde ich das Zimmer betreten und meine Augen schließen, um mich schließlich im Kreis zu drehen und blindlings mit ausgestrecktem Finger an eine Wand zu laufen. Ich werde meine Augen öffnen und sehen, wohin mich meine erste Reise fĂŒhrt. Vielleicht treffen wir uns dort. Deinen Geist werde ich bestimmt finden.

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