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Leselupe.de > Humor und Satire
Karnevalstrauma
Eingestellt am 19. 02. 2002 11:47


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Dani
Hobbydichter
Registriert: Feb 2002

Werke: 4
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Karnevalstrauma

Karneval war f√ľr mich, solange ich denken kann, nicht unbedingt das Fest des Jahres auf das ich mich immer wieder freuen musste. Okay, abgesehen von den S√ľ√üigkeiten, denen ich zu keiner Zeit abgeneigt war, oder Sparkassen-Plastikfu√üb√§llen oder die niedlichen Ein-Pfennig-Spenden, die in Stofffetzen eingewickelt den Leuten vor die F√ľ√üe geworfen worden. Also, abgesehen davon, muss ich leider sagen: n√∂, brauch ich nicht.
Seinerzeit hatte ich zu Karneval das Vergn√ľgen, mich der Welt, also Krefeld, als Rotk√§ppchen zu pr√§sentieren. Ausstaffiert mit einem Rotk√§ppchenkleidchen, Rotk√§ppchensch√ľchen, einem Rotk√§ppchenk√§ppchen und einem √ľberdimensional langen Stoffdackel (Ich wei√ü bis heute nicht, wo Rotk√§ppli im M√§rchen einem mutierten Stoffdackel begegnete, aber egal) zog ich als kleines M√§dchen voll froher Erwartung mit meiner Mutter zum Krefelder Karnevalszug.
Ich glaube an dem Tag stellte ich fest, dass ich anstelle eines Rotk√§ppchens besser ein Stahlk√§ppchen aufgezogen h√§tte. Na gut, das h√§tte nat√ľrlich die Gesamtkost√ľmierung ein wenig in Frage gestellt. Rotk√§ppchen beim Milit√§r?! Aber angesichts der Bonbons, die auf mein Haupt niedergingen, h√§tte ich gerne zu jeglicher "Infragestellung" betreffs meiner Verkleidung Stellung bezogen. Um dies bildlich zu erl√§utern, stellen Sie sich folgendes vor: einen gentechnisch manipulierten LKW mit freier Ladefl√§che, der als Riesendrache durch die Innenstadt tuckert, auf dem lauter Minidrachen ihr Unwesen treiben, kleine Rotk√§ppchen wie mich als Ameisen von oben herab betrachten und mit harten antiquierten Bonbons um sich werfen. Je h√∂her der Werfende seine Position bezieht desto h√§rter ist der Aufprall, wenn kopfgerecht ins Visier genommen, auf einem kleinen Rotk√§ppchensch√§del. Verstanden?

Zuweilen war ich Rosenmontags eingehend damit besch√§ftigt, mich vor weiteren Bonbonbombenattentaten zu sch√ľtzen, als diese, sobald sie einschlugen und auf die Erde niedergingen, aufzusammeln. Die Bombenaufr√§umarbeiten √ľbernahmen daraufhin meine mich liebenden Anverwandten, wenn nicht irgendwelche kleinen Cowboys oder Prinzessinnen schneller waren. Klar, je kleiner der Mensch desto n√§her am Boden. Nun ja, da meine Mutter aber auch relativ bodennah erschaffen wurde, hatte ich am Ende doch noch eine nette Sammlung von S√ľ√üigkeiten.
Am Ende des Tages zog ich f√ľr mich Bilanz - ich kombinierte: Rote K√§ppchen ziehen S√ľ√üigkeiten an, leider jedoch mit √§u√üerst schmerzvollen Folgen. Nach Beobachtungen anderer kost√ľmierter Zwerge ist die Chance an einen Sparkassenball zu kommen gr√∂√üer, wenn man sich direkt an die Front begibt. Au√üerdem ziehen Drachen es vor, Bonbons nicht direkt senkrecht vom Wagen plumpsen zu lassen, ergo keine Kopfschmerzen.

Die mittlere Reihe werde ich nie wieder in Anspruch nehmen.

In der hintersten Reihe kommen selten die richtig guten Leckerchen an, aber sie ist einfach sicherer. Ich malte mir aus, wie ich meine Familie f√ľrs n√§chste Jahr strategisch gut verteilen k√∂nnte.
Im darauffolgenden Jahr war ich auf alles vorbereitet. Ich w√§hlte eine etwas zweckm√§√üigere Verkleidung, ich ging als Mexikaner. Ein Sombrero mit einer gaaaanz breiten Hutkrempe, jawohl. Sollten sie doch wieder auf mich zielen, w√ľrden die Bonbonbomben an der Spitze meines Hutes herniedergehen und sich in meiner Hutkrempe ansammeln. Meine Mutter bezog die mittlere Kampfzone, weil wegen der Bodenn√§he, sozusagen ein Bodenk√§mpfer. Meine Onkel verteilten sich auf zwei Posten, der eine ganz hinten zur R√ľckendeckung, und der andere k√§mpfte mit dem kleinen Mexikaner an der Front. Praktischerweise wohnten damals meine Mutter und ich mitten in der Stadt und an unserer Wohnung zog der Zug vorbei, was bedeutete das meine Gro√üeltern auf dem Balkon standen und von oben das Terrain sondierten. Sozusagen ein Beobachterposten! H√§tten mich die Bomben trotz meines Kampfhutes j√§h erwischt, h√§tten sie sofort medizinische Hilfe ordern k√∂nnen. Ich f√ľhlte mich so sicher wie noch nie. Und tats√§chlich war es so, wie ich es mir ausmalte, nur hatte ich da nicht mit der Hinterh√§ltigkeit der Angreifer gerechnet. Meine Mutter war kaum noch zu sehen - ich meine es ist sowieso recht schwer mein klein-M√ľtterchen hinter einem siebt-Kl√§ssler stehend, ausfindig zu machen - doch da sie ja die Anordnung bekam, f√ľr die Aufr√§umarbeiten Sorge zu tragen, sorgte ich mich nicht. Die R√ľckendeckung gab nach Augenkontaktaufnahme, per Handzeichen, zu verstehen, dass von hinten keine Gefahr drohte.
Nachdem ich bemerkte, dass ein Indianer neben mir schon 2 B√§lle sein eigen nennen konnte, spionierte ich seine Angriffstaktik aus. Mit lautem Kampfgeschrei st√ľrmte er unmittelbar auf die Artillerie zu und rief inbr√ľnstig ‚ÄěHELAU!!!‚Äú. Aha, dachte ich so bei mir, dass ist also der geheime Kampfcode. Ich versuchte es meinerseits, ging mit meiner mir charakteristisch gottgegebenen Sch√ľchternheit, quasi todesmutig, auf einen einzughaltenden Kampfwagen zu und sprach: ‚Äěhelau?!‚Äú. Ich schw√∂re bei Gott, h√§tten die Kampfkapellen nicht so laut gespielt, und h√§tte ich zuvor den kleinen Indianer au√üer Gefecht gesetzt, h√§tten die Feinde mich und mein Helau-Friedensangebot auch akustisch wahrgenommen. Aber nein, der Ball prallte an meiner Hutspitze ab und fiel einem hinter mir stehenden Schneewittchen gradewegs in die Arme. Zwischenzeitlich bemerkte ich, das mein Sombrero sich extrem meiner Nasenspitze neigte. Es hatten sich doch tats√§chlich mehrere s√ľ√üe Fremdk√∂rper in meiner Auffangschale angesammelt. Da mein onkelhaftiger Mitstreiter sich nicht bem√ľhte, die Beute zu sichern, war ich allein damit besch√§ftigt, mich vor Pl√ľnderern zu sch√ľtzen. Diese kleinen, garstigen, gleichaltrigen, menschlichen Ausgeburten versuchten doch tats√§chlich, sich an meiner Kriegsbeute zu bereichern. Nun versuchen Sie mal einer solchen Hinterlist Einhalt zu gebieten, wenn sie nichts sehen k√∂nnen und die Mexikanerkrempe so breit ist, dass man mit altersgem√§√ü kurzen Armen nicht an dieselbige heranreicht.

Dies war ein weiteres, frustrierend karnevalistisches, Erlebnis f√ľr meine arme geknechtete Mexikanerseele. Nebenbei gefragt: Haben Mexikaner eigentlich je einen Krieg gewonnen? Ich kann es mir kaum vorstellen.
In sämtlichen Spielfilmen sitzen sie an irgendwelchen Häuserwänden deprimiert und sternhagelvoll sinnlos umher. Kein Wunder, eine scheinbar karnevalgeschädigte Kultur, die von Indianern und Prinzessinnen in den Alkoholismus getrieben wurde.
Am Ende des Tages zog ich abermals Bilanz. Ich bestellte meine nichtsnutzige Armee zum Appell und entließ sie alle unehrenhaft vom Dienst.

In den darauffolgenden Jahren entging ich dem Karneval mittels ansteckender Krankheiten wie Masern, Windpocken, Röteln, grippalen Infekten, etc.
Und ehrlich gesagt, hat sich das bis heute nicht ge√§ndert, leider muss ich sagen. (Ich sollte mit meinen W√ľnschen etwas sorgsamer umgehen, oder ihnen zumindest ein Haltbarkeitsdatum einr√§umen) Jetzt, da ich um einige Zentimeter in die H√∂he gestiegen bin und mich per alkoholischer Unterst√ľtzung verbal auf proletarischem Niveau zur Wehr setzen k√∂nnte, wie das zur Karnevalszeit ein √ľblicher Brauch des Erwachsenentums zu sein scheint, liege ich mit Grippe dahingerafft im Eigenheim sinnlos in der Gegend herum. Was hat sich der liebe Gott nur dabei gedacht?

__________________
Wenn du mir sagst ich sei verr√ľckt-
und ich dies glaube-so bin ich verr√ľckt...D.P.

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Sta.tor
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Tja, was soll man da sagen? Du geh√∂rst nach Mexiko, dort kennt man die Grippe nicht, daf√ľr den Tequila.
Und zum Karneval fährst du kurzerhand mal um die Ecke nach Rio.

Viele Gr√ľ√üe
Thomas
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fonofil
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