Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92200
Momentan online:
345 Gäste und 15 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Karriere Dr.
Eingestellt am 26. 04. 2011 13:38


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Herbert Schmelz
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2009

Werke: 80
Kommentare: 102
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Herbert Schmelz eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Karriere Dr.
Wie das an den Unis so läuft

2008 haben knapp 310000 Studierende in Deutschland einen Hochschulabschluss erworben. Außerdem ist es mehr als 25000 Nichtmedizinern mit einer >vertieften wissenschaftlichen Arbeit< gelungen, den akademischen Grad Doktor/in zu erlangen. Der Titel wird verliehen und die Inhaber damit in eine gesellschaftliche Schicht befördert. Dabei spielt die Überzeugung eine Rolle, dass die Träger des Titels besondere Fähigkeiten erworben haben, um höhere, komplexe Aufgaben erledigen zu können. Der akademische Betrieb nennt diesen Vorgang Promotion.

Wo ist da das Problem? Leider lässt sich das nicht so einfach sagen. Die jüngsten Plagiatsfälle stoßen uns schnell als Überdruss auf – vielleicht, weil sie als einseitige Auswahl erscheinen. Das nicht besonders anschauliche Problem schreit geradezu nach dem personalisierten Fall. Den brauchen wir in dieser Betrachtung aber nicht, um den ‚guten’ oder ‚schlechten’ Menschen auf einer Skandalbühne zu zeigen. Es geht einfach darum, eine realistische Vorstellung von den Dingen zu gewinnen, die zu wenig bekannt sind. Kurzum, das Problem wird nicht nur journalistisch bearbeitet. An den Hochschulen selbst findet dazu handfeste Forschung statt.

Eine Stimme aus der Eliteforschung soll zu Wort kommen, die sich für eine breitere Öffentlichkeit in einem Interview der Frankfurter Rundschau (>Die meisten sind reine Karrierepromotionen< 20.04.2011) geäußert hat. Michael Hartmann, TU Darmstadt, sagt: „Die Mehrzahl dieser Promotionen sind Karrierepromotionen und keine wissenschaftlichen Arbeiten. Diese Differenzierung gibt es an den Universitäten schon lange. Gerade Juristen wissen, dass sie mit einer Promotion bestimmte Positionen leichter erreichen“.

Einer Täuschung ist also aufgesessen, wer einfach voraussetzt, hinter dem Doktortitel stehe eine wissenschaftliche Arbeit, ein lebendiger phantasievoller Geist. Sogar die Mehrzahl der vorgelegten Arbeiten erfüllt diese Voraussetzung nicht. Auf der Ebene der Wählerdemokratie leuchtet einem schnell ein, dass der Doktortitel in konservativen und politisch nicht sonderlich interessierten Wählermilieus kräftig punkten hilft.

In diesem Sinne, wie auch im alltäglichen Kampf um Gerechtigkeit, stellt Hartmann das Motiv des Freiberuflers heraus: „Ein Rechtsanwalt mit einem Doktor-Titel lässt seine Klientel glauben, er ist ein Experte auf dem jeweiligen Gebiet“. Somit ist wahrscheinlich, dass eine Person mit einem Dr.Titel Kunden seiner Dienstleistung zu einem Gefühl des Vertrauens verhelfen kann, obwohl das vielleicht gar nicht angebracht ist.

Eine brauchbare Definition unsres Problems könnte lauten: Wir haben es mit lebendiger Wirklichkeit zu tun, wo kontinuierlich getestet wird, ob und wie die Akteure nach unmittelbar vorteilhaften, bequemen Wahrheiten suchen. Also ein borniertes Geschäft hat sich bereits etabliert, dem Nachhaltigkeit, Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit fehlen. Der gesellschaftliche Nutzen ist somit fragwürdig.

Die strikte Unterscheidung der Karrierepromotion von der wissenschaftlichen Arbeit setzt vom Standpunkt des Wissenschaftlers, der im strengen Sinne an der Wahrheit interessiert ist, eine allgemeine Entwertung der Berufssphäre außerhalb des wissenschaftlichen Arbeitens voraus. In den >niedrigeren< Berufen kann die Wahrheit beliebig gehandhabt, ein Wahrheitskriterium sogar als störend abgelehnt werden. Vielleicht lässt sich der Stolz des Wissenschaftlers noch auf einen Kompromiß von der Art ein, dass die Ausnahme doch nur die Regel bestätige.


Ausnahme hin, Karrierepromotion her, das Beispiel des Dr. Thilo Sarrazin, der in der Ära von Altbundeskanzler Helmut Schmidt aufgestiegen ist und bis in die jüngste Zeit dem Milieu der politischen Elite eng verbunden war, hat nach meiner Kenntnis bisher noch kein ernst zu nehmender Wissenschaftler auf’ s Korn genommen, sodass in dieser Beziehung noch kein Funke in den öffentlichen Meinungskladderadatsch und die Beliebigkeit des TV-Talks hinein geflogen ist.

Dabei mĂĽsste es gar nicht um seine wissenschaftliche Leistung gehen, die schon vor langer Zeit erbracht wurde. Es ginge zentral um die Leistungen als Politiker und Schriftsteller mit wissenschaftlicher Qualifikation. Aber die Wissenschaft hat offenbar keine FuĂźnote ĂĽbrig. Dr. Thilo Sarrazin beherrscht ziemlich unangefochten die Szene und verkauft vor allem seine demagogischen Halbwahrheiten sehr gut. Da ist er ein Meister seines Faches und seine sozialdemokratische Heimat ist nach kurzem Mucken vor ihm auf die Knie gefallen. Vielleicht wird da auch noch mal nachgetreten, dann ist die Sache erledigt.

Könnte es nicht sein, dass die reine Wissenschaft auf wackligen Füßen steht? Jedenfalls liefert Michael Hartmann, indem er sich selbst überrascht gibt, einen interessanten Einblick in den Vollzug der Promotionsordnung: „Ich wundere mich aber darüber, dass sich plötzlich etablierte Wissenschaftler empören, die schon lange wissen, wie es an den Universitäten läuft. Wenn Guttenbergs Doktor-Vater nun so tut, als wäre er bitter enttäuscht, dann muss man sich fragen, was bei der Begutachtung der Guttenberg-Arbeit schief gelaufen ist. Hat der Doktorvater die Arbeit wirklich gründlich gelesen oder hat er vielleicht jemanden das Gutachten schreiben lassen, dieses dann nur durchgelesen und unterschrieben?“

Das nenne ich einen Machtfaktor virtueller Realität, der nur noch durch einen anderen übertrumpft wird. Nämlich, dass der Freiherr einem politisch befreundeten Ghostwriter Stichworte und kostbare Zeit lieferte, um den Empfang eines fertigen Produktes mit der Unterschrift zu quittieren. Er muss keine einzige Zeile seiner Doktor-Arbeit selbst verfasst und aufgeschrieben haben. Auch Diktat und Fremdredigierung kommen in Betracht.

Den sozialen Status dieses ehemaligen Politikers bedenkend, den strafrechtlich zu belangen in unserer Gesellschaft gar nicht so einfach ist, kann man Eitelkeit und Abenteurertum als wahrscheinliche Motive für seine 7-jährige Doktor-Karriere annehmen. Entsprechendes hat er im Vorwort ‚seiner’ Arbeit verlauten lassen. So jedenfalls hat der Intendant des Schauspiels Frankfurt/M, Oliver Reese, es herausgefunden, als er auf der Suche nach authentischem Gutenberg-Text war. Diese Entdeckung trägt auch dazu bei, eine ganze Serie seiner Blendgranaten im verliehenen Amt und seiner rücksichts- und verantwortungslosen Amtsenthebungen von Untergebenen in Spitzenstellungen zu erklären.

Im Zusammenhang mit dem Phänomen der Karrierepromotion muss noch eine Besonderheit des Politischen als historischer Entwicklungsprozess beachtet werden. Dabei ist nicht entscheidend, ob die Promovierten in der Politik als besonderes Glück empfunden werden oder als die letzten Nieten sich herausstellen. Michael Hartmann erläutert seinen Interviewpartnern von der Frankfurter Rundschau: „Sie müssen bedenken, dass es schon früher besonders viele Juristen gab, die den Titel nicht unbedingt für die politische, sondern für die berufliche Karriere erworben haben, später aber in die Politik wechselten. Was sich eher geändert hat, ist die Motivation, früher eine politische Karriere als Berufsweg anzustreben.“

Diese Beobachtung könnte auf das größere Gewicht der so genannten höheren Bildung verweisen, worüber in den vergangenen Jahrzehnten bis heute heftige politische Kontroversen stattgefunden haben und weiter stattfinden – siehe das Scheitern einer moderaten Bildungsreform durch ein schwarz-grünes Bündnis in Hamburg, wo ja allein das Wort von den ‚gleichen Bildungschancen’ schon reichte, den elitären Bildungsehrgeiz zu entfachen und das politische Reformprojekt kompromisslos anzugreifen.

Die sich verschärfenden wirtschaftlichen und sozialen Konkurrenzverhältnisse finden in den individuellen Bildungsentscheidungen und Bildungswegen ihre Fortsetzung. Die Tatsache, dass die Fleischtöpfe der Gesellschaft auch von der Politik verwaltet werden, ist für die, die nicht ungern im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen und als Mitglied einer Elite gelten wollen, ein realistischer Anreiz. Wenn alles gut läuft, tauschen unsre promovierten Politiker sicher ungern mit dem Heer der Juristen, Ökonomen, Mediziner, Banker, Lehrer, Redakteure, Literaten etc., die nie in Spitzenpositionen vordringen.

An die Universität zurück, wo irgendwann im Leben der Studierenden die Karrierepromotion mit einer passenden Promotionskarriere unterfüttert werden muss. Hat man keine hervorragenden Leistungen vorzuweisen, sollte ein Gremium darüber entscheiden, ob eine solche Karriere noch Sinn macht. Wird eine Sondergenehmigung erteilt, müssen besondere Gründe vorliegen. Gleichgültig, ob diese Hürde oft genommen wird oder alles wie am Schnürchen läuft, in jedem Fall ist ein Netzwerk des Vertrauens und der Geduld erforderlich, zusätzlich in der Regel eine Finanzierung durch Stiftungen oder sonstige Geldgeber.

Wo diese Zusammenhänge nicht auf die Anstrengung des kritischen Dialogs angelegt sind, dafür aber ein stilles Geben und Nehmen vorherrscht, Offenheit und Reflexion verschiedener Standpunkte meidend, kommen regelmäßig Verdachtsmomente auf, es habe Schwierigkeiten oder gar Unkorrektheiten gegeben. Die Wissenschaft könne in Verruf geraten. Oder, wo die wissenschaftliche Reputation gar keine Rolle mehr spielt, dafür aber das rein geschäftsmäßige Abhaken in Geheimzirkeln, in dieser Hinsicht ist die Neigung vorherrschend, schnell vom Skandal zu sprechen.

Michael Hartmann erhebt einerseits den moralischen Zeigefinger, andererseits weist er auf harte Realitäten hin: “Die Universitäten müssten stärker gegen Karrierepromotionen vorgehen und die Arbeiten strenger überprüfen. Doch für sie sind prominente Doktoranten in der heutigen Konkurrenz auch Werbebotschafter. Aus meiner Sicht ist im Fall zu Guttenberg nicht nur sein Plagiat ein Skandal, sondern auch die Tatsache, dass ein angesehener Rechtsprofessor ihm dafür ein „summa cum laude“ gegeben hat. Die Universität müsste das aufklären. Aber danach sieht es nicht aus.“ Eben! Wo ein ‚Skandal’ durch einen anderen erklärt wird, da fehlt irgendwie der präzise gesellschaftliche Ursachenzusammenhang.

Ein Hinweis noch zu Sarrazinaden und sonstigen Eitelkeiten.
Deutschland braucht dringend 2 Mio. qualifizierte Zuwanderer, einschließlich geeigneter >Kopftuchmädchen<. D.h. Qualifikationen, die nach überwiegenden Schätzungen unserer politischen Klasse bei uns nicht hervorgebracht werden können oder sollen, weil >zu teuer<. Die gehobenen Qualifikationen, die traditionell durch Hochschulbildung erbracht werden, sollen im europäischen Maßstab (Bologna-Prozess) nun auf sehr repressive, das selbständige Denken und Handeln verhindernde Weise >gesichert< werden. Anpassung an enge Auslegungen von Flexibilitäts-, Wettbewerbs- und konkreten Verwendungsbedürfnissen der Wirtschaft ist das Ziel europäischer Bildungspolitik.

Am Ende kommt der opportunistische Trixer heraus, dem Bildung nichts anderes als eine handelbare Ware wert ist. Die jüngsten Berichte über gerichtliche Auseinandersetzungen, das Scheitern nebenberuflicher Doktoranten ohne zuverlässige Betreuung (Doktorväter),oder die Überprüfungsklagen gegen die Aberkennung des Dr. Grades zeigen, dass nicht nur bei den >Bachelor< und >Master< Abschlüssen, sondern auch bei den Doktoranten nicht alles Gold sein kann, was glänzt. Das alles gehört zur Thematik der >Leistungsträger< und ihren politischen Propagandasprüchen wie >Leistung muss sich wieder lohnen<. Seit der Wahl 2009 hört man allerdings nur sehr wenig darüber.

Für's Erste reicht das zum Karriere Dr. Der zeitgemäße Hang jedoch, die wirklichen Zusammenhänge unter Skandalverdacht zu verdunkeln, ist ein anderes Thema, das kritische Journalisten schon immer gereizt hat.












__________________
Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 26. 04. 2011 13:38
Version vom 27. 04. 2011 16:43
Version vom 29. 04. 2011 14:04
Version vom 02. 05. 2011 06:42
Version vom 08. 05. 2011 23:42
Version vom 14. 05. 2011 16:23
Version vom 13. 06. 2011 19:04
Version vom 16. 06. 2011 09:22

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂĽck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!