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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kasi fliegt
Eingestellt am 15. 07. 2002 16:17


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Tagmond
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Dec 2001

Werke: 6
Kommentare: 9
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Test


Sie sind im Kaufhaus und haben es eilig. Die Frau an der Kasse tauscht sich mit einer Kundin ├╝ber die Vorteile von Push-up-Unterhosen aus. Was tun Sie?

a) Ich warte geduldig, schlie├člich will ich ja nicht unn├Âtig auffallen
b) Ich r├Ąuspere mich deutlich, verdrehe die Augen gen Himmel und klappere mit meinen frisch-manik├╝rten Fingern├Ągeln auf die Plastikoberfl├Ąche der Kasse
c) Ich nehme eine Dose Haarspray und ein Minifeuerzeug, halte dieses Ensemble in bedrohlicher Geb├Ąrde an die Pudel-Frisur der Tippse und fordere das sofortige Einscannen und Abkassieren meiner Slipeinlagen.

Ich mag diese Psychotests in den Hochglanz-Frauenmagazinen nicht. Im Allgemeinen mag ich diese Zeitungen sowieso nicht - bis auf einen kleinen Ableger einer gro├čen Frauenzeitschrift, der so ├Ąhnlich hei├čt wie „junge Dame“. Die L├Âsungsvorschl├Ąge dieser „Entdecke Dich selbst innerhalb von 2 Minuten“ - Tests sind so unrealistisch wie bl├Âd. Au├čerdem wei├č man vorher, welches Ergebnis man m├Âchte und kann sich selbst beschummeln. Verstohlen schielt man in die untere Tabelle. Ah, Dreieck bedeutet dominant. Hohe Punktzahl hohes Selbstbewusstsein. Bei einem Test namens „Bist Du eine gute Freundin“ bin ich einst fast verzweifelt. Man sollte angeben, welche Situation im Leben der besten Freundin f├╝r sie die Peinlichste war und, angenommen sie k├Ânnte zwischen Vogel, Fisch und Pferd w├Ąhlen, welches diese ausgew├Ąhlten Tiere sie dann wohl am Liebsten sei.
Meine beste Freundin setzt sich auf jeden Fall aus zwei Tieren zusammen. Biest und Spatz. Beide Seiten sind hilfreich…doch empfinde ich es nicht als Freundschaftsbeweis, seine Freundin mit einem Vogel, Fisch, oder einem Pferd gleichzusetzen. Ein Vogel zum Vergleich ist aber nicht ganz so schlimm. Meine Haltung gegen├╝ber den Federviechern hat sich doch einmal um 180┬░ gedreht. Der Wellensittich einer anderen Freundin hat mich f├╝r sich begeistern k├Ânnen als eines Sonntags morgens in das frisch ge├Âffnete Nutellaglas fiel. Gem├Ąchlich a├čen Julia und ich im Bademantel unser Nutellabr├Âtchen- bis sie auf die Idee kam, mir die Kunstst├╝cke ihres Vogels namens Harry vorzuf├╝hren. Mit verquollenen Augen und Kopfschmerzen von Vorabend lachte ich also netterweise ├╝ber seine K├╝nste. Harry war bei diesem Fr├╝hlingswetter bester Laune und gab sein Bestes. Ich habe ja was gegen Tiere auf dem K├╝chentisch aber machte gute Miene zum b├Âsen Spiel. Zugegebenerma├čen war er echt nicht schlecht. Auf dieses Ereignis hin dachte ich, mein Verh├Ąltnis zu den fliegenden Freunden habe sich ge├Ąndert, eigentlich seien sie lustig, unterhaltsam und lieb. Ich kaufte mir auch einen Vogel. Schon sein erster „Flug“ war eine Katastrophe. Ich hatte- bin ja kein Unmensch- mir ein Vogelbuch gekauft und befolgte alles haargenau. Darin stand: Ihr neuer Freund muss sich erstmal ein sein Umfeld gew├Âhnen. Es ist m├Âglich, dass sein Orientierungssinn vom Transport verwirrt wurde und er gegen Scheiben fliegt. Von daher ist es ratsam, Vorh├Ąnge beim ersten Flug zu schlie├čen, damit er die Grenzen „seines Zimmers“ erfassen kann“ Ich schloss als meine blauen Samtvorh├Ąnge und wartete mit Taschenlampe bewaffnet auf den gro├čen Moment. Kasi- so hatte ich ihn nach langen ├ťberlegungen getauft- sa├č auf meinem Teppich und tat nichts. Ich wahrte meine Geduld und er schlief auf der Stelle ein. „Nett!“ Dachte ich. „Ein Mittagsschlafkumpane“ und kam einfach nicht darauf, dass durch meine blauen
Samtstoffe aus diesem Zimmer eine kleine, dunkle Hutzelgrotte wird und ├Âffnete die Gardinen, woraufhin er sofort losflog und sich wahrscheinlich einige Beulen einholte.
Ich hoffe irgendwie, Anfang 30, irgendetwas aufzubauen, was l├Ąnger w├Ąhrt als die Loveparade oder Kasi, der zwar lieb und treu war, aber mich schon nach viel zu kurzer Zeit verliess. Ich rede nicht vom Einfamilienhaus mit Vorgarten, zwei Kindern oder Heirat. Ich finde dieses st├Ąndige Gefeiere einfach nur inhaltslos und oberfl├Ąchlich. Denn selbst, wenn man alte Freunde trifft, oder ein paar Gespr├Ąche hat, ist so ein Ablauf einer Party immer gleich. Und das ist ├╝berall so. Ich war in Paris und in Berlin auf irgendwelchen Parties und so beeindruckt hat mich das noch nie. Die Leute und ihre Masken. Wo ist er, der Sammelpunkt all dieser verlorenen Seelen, die einem „Style“ weichen mussten, der dem Geist als cooler erschien? Irgendwo sitzen sie, die Verlorenen, in kargen B├Ąumen und halten sich frierend an d├╝nnen Zweigen fest. Und wenn die Leute von ihrer Party nach Hause kommen, sich noch die letzte T├╝te rauchen und verstrahlt einschlafen, dann weinen die Seelen, heulen, fassen sich an den imagin├Ąren Kopf und w├╝nschen sich wieder in die Welt der Kindertr├Ąume, der Natur und Kunst, die verrauchten Technoh├Âlen weichen musste. Es ist einfacher, nicht zu denken. Und wenn man richtig lebt, dann ist einmal auch genug. Leider haben wir alle v├Âllig den Bezug zu uns selbst verloren. Oder nicht? Wir finden ihn wieder- bestimmt. Ich klettere auf meinen Seelenbaum, um zu gucken, ob es zu sp├Ąt ist, oder ob etwas Trauriges, Stummes dort kauert, das mich ruhig in seine Arme schlie├čt und zu den uralten Kl├Ąngen der Menschheitsgeschichte langsam auf seinem Schoss hin- und herwiegt.
Wenigstens scheint die Sonne und ich habe im B├╝ro ein wenig zu tun, so dass ich nicht die ganze Zeit traurig bin. Eigentlich bin ich fast gl├╝cklich. Alles ist ambivalent. Ich ziehe es vor, jemanden getroffen zu haben, bei dem ich sorgenfrei von „Liebe „ sprechen kann, mit dem ich mir eine Zukunft vorstellen kann, auch wenn sie in weiter Ferne liegt. Diesen jemand nach ein paar Wochen f├╝r ein Jahr zu verabschieden ist nat├╝rlich schwierig, aber die Zeit, die ich mit ihm hatte war so sch├Ân, dass ich ein Jahr voller Traurigkeitsanfl├╝ge schon ├╝berstehen werde und gerne ├╝berstehe.
Ich habe keine Angst, ich bin nur etwas lahm, weil ich nicht wei├č, wohin mit meinem Kopfgem├╝se. Da dachte ich, die Leselupe w├Ąre eine M├Âglichkeit.
Mein Kampfschrei: schreibt und erkl├Ąrt der Diktatur dieser einschr├Ąnkenden Riesenmarken den Krieg. Jawohl.

( Ich wei├č, dass das keine Kurzgeschichte ist, aber es musste raus.)

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

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Hallo Tagmond,

egal ob Kurzgeschichte oder was auch immer, es war fantastisch gut *gg*. Fliesend geschrieben und l├Ą├čt einen einen kleinen Einblick in deine Heiterkeit.
Die Lupe ist ok und hei├čt dich Willkommen.

liebe Gr├╝├če
Rene├Ę

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Zeder
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Also - wohin ?

"(Ich wei├č, dass das keine Kurzgeschichte ist, aber es musste raus.)"

Hallo Tagmond,

wohin also soll ich Dein Werk schieben? Humor und Satire w├Ąre nicht verkehrt, denke ich.
Aber ganz wie Du m├Âchtest: Sag mir einfach Bescheid!

(Ich kann ├╝brigens diesen Zustand: "Es musste einfach raus!" gut verstehen...).

Viele Gr├╝├če,



__________________
"Die Ceder ist ein hoher Baum, oft schmeckt man die Citrone kaum" (Wilhelm Busch)

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

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Ist das nicht ein klassischer Fall f├╝r "Tagebuch", Zeder?

Mir hat's auch gefallen, trotz leichter Verwirrung

Gabi

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

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ich w├╝rde auch Tagebuch vorschlagen, und viele solcher Eintr├Ąge darin *gg*

liebe Gr├╝├če
Rene├Ę

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Zeder
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Hallo Gabi,

ich schlie├če mich hier dem Wunsch des Autors an - lassen wir ihm also den Vortritt. Ja, Tagebuch ist durchaus auch ein sehr ernst zu nehmendes Forum bei der Auswahl des Zieles der (Ver)Schiebung.

Viele Gr├╝├če,

__________________
"Die Ceder ist ein hoher Baum, oft schmeckt man die Citrone kaum" (Wilhelm Busch)

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