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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Kasi fliegt
Eingestellt am 19. 08. 2002 17:08


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Tagmond
Autorenanwärter
Registriert: Dec 2001

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Test


Sie sind im Kaufhaus und haben es eilig. Die Frau an der Kasse tauscht sich mit einer Kundin √ľber die Vorteile von Push-up-Unterhosen aus. Was tun Sie?

a) Ich warte geduldig, schließlich will ich ja nicht unnötig auffallen
b) Ich r√§uspere mich deutlich, verdrehe die Augen gen Himmel und klappere mit meinen frisch-manik√ľrten Fingern√§geln auf die Plastikoberfl√§che der Kasse
c) Ich nehme eine Dose Haarspray und ein Minifeuerzeug, halte dieses Ensemble in bedrohlicher Gebärde an die Pudel-Frisur der Tippse und fordere das sofortige Einscannen und Abkassieren meiner Slipeinlagen.

Ich mag diese Psychotests in den Hochglanz-Frauenmagazinen nicht. Im Allgemeinen mag ich diese Zeitungen sowieso nicht - bis auf einen kleinen Ableger einer gro√üen Frauenzeitschrift, der so √§hnlich hei√üt wie „junge Dame“. Die L√∂sungsvorschl√§ge dieser „Entdecke Dich selbst innerhalb von 2 Minuten“ - Tests sind so unrealistisch wie bl√∂d. Au√üerdem wei√ü man vorher, welches Ergebnis man m√∂chte und kann sich selbst beschummeln. Verstohlen schielt man in die untere Tabelle. Ah, Dreieck bedeutet dominant. Hohe Punktzahl hohes Selbstbewusstsein. Bei einem Test namens „Bist Du eine gute Freundin“ bin ich einst fast verzweifelt. Man sollte angeben, welche Situation im Leben der besten Freundin f√ľr sie die Peinlichste war und, angenommen sie k√∂nnte zwischen Vogel, Fisch und Pferd w√§hlen, welches diese ausgew√§hlten Tiere sie dann wohl am Liebsten sei.
Meine beste Freundin setzt sich auf jeden Fall aus zwei Tieren zusammen. Biest und Spatz. Beide Seiten sind hilfreich…doch empfinde ich es nicht als Freundschaftsbeweis, seine Freundin mit einem Vogel, Fisch, oder einem Pferd gleichzusetzen. Ein Vogel zum Vergleich ist aber nicht ganz so schlimm. Meine Haltung gegen√ľber den Federviechern hat sich doch einmal um 180¬į gedreht. Der Wellensittich einer anderen Freundin hat mich f√ľr sich begeistern k√∂nnen als eines Sonntags morgens in das frisch ge√∂ffnete Nutellaglas fiel. Gem√§chlich a√üen Julia und ich im Bademantel unser Nutellabr√∂tchen- bis sie auf die Idee kam, mir die Kunstst√ľcke ihres Vogels namens Harry vorzuf√ľhren. Mit verquollenen Augen und Kopfschmerzen von Vorabend lachte ich also netterweise √ľber seine K√ľnste. Harry war bei diesem Fr√ľhlingswetter bester Laune und gab sein Bestes. Ich habe ja was gegen Tiere auf dem K√ľchentisch aber machte gute Miene zum b√∂sen Spiel. Zugegebenerma√üen war er echt nicht schlecht. Auf dieses Ereignis hin dachte ich, mein Verh√§ltnis zu den fliegenden Freunden habe sich ge√§ndert, eigentlich seien sie lustig, unterhaltsam und lieb. Ich kaufte mir auch einen Vogel. Schon sein erster „Flug“ war eine Katastrophe. Ich hatte- bin ja kein Unmensch- mir ein Vogelbuch gekauft und befolgte alles haargenau. Darin stand: Ihr neuer Freund muss sich erstmal ein sein Umfeld gew√∂hnen. Es ist m√∂glich, dass sein Orientierungssinn vom Transport verwirrt wurde und er gegen Scheiben fliegt. Von daher ist es ratsam, Vorh√§nge beim ersten Flug zu schlie√üen, damit er die Grenzen „seines Zimmers“ erfassen kann“ Ich schloss als meine blauen Samtvorh√§nge und wartete mit Taschenlampe bewaffnet auf den gro√üen Moment. Kasi- so hatte ich ihn nach langen √úberlegungen getauft- sa√ü auf meinem Teppich und tat nichts. Ich wahrte meine Geduld und er schlief auf der Stelle ein. „Nett!“ Dachte ich. „Ein Mittagsschlafkumpane“ und kam einfach nicht darauf, dass durch meine blauen
Samtstoffe aus diesem Zimmer eine kleine, dunkle Hutzelgrotte wird und öffnete die Gardinen, woraufhin er sofort losflog und sich wahrscheinlich einige Beulen einholte.
Ich hoffe irgendwie, Anfang 30, irgendetwas aufzubauen, was l√§nger w√§hrt als die Loveparade oder Kasi, der zwar lieb und treu war, aber mich schon nach viel zu kurzer Zeit verliess. Ich rede nicht vom Einfamilienhaus mit Vorgarten, zwei Kindern oder Heirat. Ich finde dieses st√§ndige Gefeiere einfach nur inhaltslos und oberfl√§chlich. Denn selbst, wenn man alte Freunde trifft, oder ein paar Gespr√§che hat, ist so ein Ablauf einer Party immer gleich. Und das ist √ľberall so. Ich war in Paris und in Berlin auf irgendwelchen Parties und so beeindruckt hat mich das noch nie. Die Leute und ihre Masken. Wo ist er, der Sammelpunkt all dieser verlorenen Seelen, die einem „Style“ weichen mussten, der dem Geist als cooler erschien? Irgendwo sitzen sie, die Verlorenen, in kargen B√§umen und halten sich frierend an d√ľnnen Zweigen fest. Und wenn die Leute von ihrer Party nach Hause kommen, sich noch die letzte T√ľte rauchen und verstrahlt einschlafen, dann weinen die Seelen, heulen, fassen sich an den imagin√§ren Kopf und w√ľnschen sich wieder in die Welt der Kindertr√§ume, der Natur und Kunst, die verrauchten Technoh√∂len weichen musste. Es ist einfacher, nicht zu denken. Und wenn man richtig lebt, dann ist einmal auch genug. Leider haben wir alle v√∂llig den Bezug zu uns selbst verloren. Oder nicht? Wir finden ihn wieder- bestimmt. Ich klettere auf meinen Seelenbaum, um zu gucken, ob es zu sp√§t ist, oder ob etwas Trauriges, Stummes dort kauert, das mich ruhig in seine Arme schlie√üt und zu den uralten Kl√§ngen der Menschheitsgeschichte langsam auf seinem Schoss hin- und herwiegt.
Wenigstens scheint die Sonne und ich habe im B√ľro ein wenig zu tun, so dass ich nicht die ganze Zeit traurig bin. Eigentlich bin ich fast gl√ľcklich. Alles ist ambivalent. Ich ziehe es vor, jemanden getroffen zu haben, bei dem ich sorgenfrei von „Liebe „ sprechen kann, mit dem ich mir eine Zukunft vorstellen kann, auch wenn sie in weiter Ferne liegt. Diesen jemand nach ein paar Wochen f√ľr ein Jahr zu verabschieden ist nat√ľrlich schwierig, aber die Zeit, die ich mit ihm hatte war so sch√∂n, dass ich ein Jahr voller Traurigkeitsanfl√ľge schon √ľberstehen werde und gerne √ľberstehe.
Ich habe keine Angst, ich bin nur etwas lahm, weil ich nicht wei√ü, wohin mit meinem Kopfgem√ľse. Da dachte ich, die Leselupe w√§re eine M√∂glichkeit.
Mein Kampfschrei: schreibt und erklärt der Diktatur diesen einschränkenden Riesenmarken den Krieg. Jawohl.

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