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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kaspar Hauser 2025
Eingestellt am 07. 01. 2015 17:17


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CPMan
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NNERSKI Hiermit erkl√§re ich die Untersuchung im Zusammenhang mit dem anwesenden Professor Doktor Norzel f√ľr er√∂ffnet. F√ľr das Protokoll: Ziel der Kommission und seiner Mitglieder ist es, festzustellen, ob Professor Doktor Norzel bei seinem sogenannten Kaspar-Hauser Versuch gegen geltendes Recht und gegen die von dieser Kommission verbindlich festgesetzten ethischen Richtlinien in der Forschung versto√üen hat. Professor Norzel, k√∂nnen Sie bitte als erstes die genauen Umst√§nde des Versuches schildern, der Gegenstand dieser Untersuchung ist?

NORZEL (r√§uspert sich) Ja. Ziel eines jeden Kaspar-Hauser Versuches ist es, einen Menschen von Beginn an von jeglichen Umwelteinfl√ľssen fernzuhalten. Auf diese Weise glaubt man, Aufschluss dar√ľber zu bekommen, welche F√§higkeiten ein Mensch von Geburt an besitzt und welche F√§higkeiten im Laufe des Lebens erlernt werden. Bei unserem Versuch handelte es sich um ein Retortenbaby, das direkt nach der Entbindung von der Mutter getrennt wurde und in einem 20m¬≤ gro√üen Labor untergebracht wurde. Der Raum, in dem der S√§ugling untergebracht wurde, war so konzipiert, dass die Ern√§hrung des S√§uglings gr√∂√ütenteils durch Maschinen erfolgen konnte. Pers√∂nlicher Kontakt mit dem S√§ugling wurde weitestgehend vermieden, um jede menschliche Beeinflussung des S√§uglings zu unterbinden. Wie gesagt, es ging uns darum, den S√§ugling zu isolieren.

NNERSKI Ist Ihnen diese Isolierung vollständig gelungen?

NORZEL Nein, nicht vollst√§ndig. Es gab zwei oder drei Situationen, in denen der Nahrungsschlauch des S√§uglings neu justiert werden musste. F√ľr diese Aufgabe hatten wir Krankenschwestern engagiert, und wir hatten ihnen vorher die strikte Anweisung gegeben, nicht zu sprechen und den S√§ugling auf keinen Fall zu ber√ľhren. Woran sich die Schwestern auch alle gehalten haben. Ein weiteres Problem war die Bewegung. Wir hatten ein Ger√§t entwickelt, mit dem die Bewegungsapparate, also Arme und Beine des S√§uglings trainiert werden konnten. Ein weiteres Ger√§t, das beim Urinieren und Def√§kieren des S√§uglings zum Einsatz kam, gew√§hrleistete die ad√§quate K√∂rperhygiene. Da das Kind aber innerhalb der achtundzwanzig Monate, die der Versuch dauerte, wuchs, mussten auch diese Ger√§te in gewissen Abst√§nden von unseren Technikern neu justiert werden. Die Techniker hatten dieselben Anweisungen bekommen wie die Schwestern, doch in einem Fall ist es zu einer Ber√ľhrung gekommen.

NNERSKI Was hei√üt das genau? Eine Ber√ľhrung?

NORZEL Nun, einer der Techniker hatte die Schlaufe, in der der Fu√ü des S√§uglings steckte, verfehlt, und hatte die Ferse des S√§uglings ber√ľhrt. Wir brachen den Versuch aber nicht ab, weil wir uns dennoch brauchbare Ergebnisse erhofften. Eine einzige menschliche Ber√ľhrung, so glaubten wir, w√ľrde keinen gro√üen Einfluss auf den S√§ugling haben, solange er die meiste Zeit √ľber in totaler Isolation blieb.

NNERSKI Heißt das, bis auf drei, vier kurze Ausnahmen kam das Kind, ich korrigiere, der Säugling, nie mit Menschen in Kontakt?

NORZEL Das ist korrekt!

NNERSKI Wie entwickelte sich der Säugling?

NORZEL Zun√§chst recht gut. √úber den Nahrungsschlauch bekam er Muttermilch und Hefeschleim zugef√ľhrt, die Bewegungsapparate funktionierten einwandfrei und auch das UV-Licht ersetzte das nat√ľrliche Tageslicht, dergestalt, dass keine Unterschiede zwischen der Entwicklung eines normalen Kindes und unseres Versuchsobjektes erkennbar waren. Es entwickelte Milchz√§hne und krabbelte ganz normal umher, wenn es von den Ger√§tschaften abgekoppelt war. Nur die Sprachentwicklung setzte nicht ein!

NNERSKI Wieso nicht?

NORZEL Nun, das war nicht anders zu erwarten. Unsere Hauptthese und die Thesen vieler Ethologen gehen davon aus, dass die F√§higkeit zur Sprache eben nicht angeboren ist, sondern dass Spracherwerb haupts√§chlich durch Imitation entsteht. Ein Kind wird nur dann nach Mama oder Papa rufen k√∂nnen, wenn es diese Worte zuvor vernommen hat. Da das Versuchsobjekt, also der S√§ugling, keinem Sprachsystem ausgesetzt war, entwickelte es auch keine Sprache. Unsere Kernspinaufnahmen des Gehirns zeigen auch eine im Vergleich zu nat√ľrlich aufwachsenden S√§uglingen abgeschw√§chte Entwicklung des Broca-Zentrums, also des Teils im Gehirn, das f√ľr die Sprachentwicklung zust√§ndig ist. Durch diese Erkenntnis ist im Grunde der behavioristische Ansatz unserer Forschung best√§tigt, das hei√üt, dass wir bewiesen haben, dass der Mensch keine oder nur sehr geringe nat√ľrliche Anlagen hat, die ihm das Sprechen erlauben.

NNERSKI Hei√üt das, dass das Versuchsobjekt, ich meine der S√§ugling, √ľberhaupt keine akustischen Signale gesendet hat?

NORZEL Doch, doch. Er hat akustische Signale gesendet. Doch jedes dieser akustischen Signale glich dem Schrei eines Neugeborenen und war f√ľr das Versuchsobjekt im Grunde genommen das einzige Mittel, um auf seine Bed√ľrfnisse aufmerksam zu machen. Wenn es Hunger hatte, wenn es Durst hatte, wenn es def√§kieren oder urinieren wollte, dann machte es diese Absichten immer durch denselben unartikulierten Schrei klar.

NNERSKI Haben Sie auf diese Schreie reagiert?

NORZEL Nat√ľrlich, wir haben im Kontrollraum die Maschinen bet√§tigt, bis das Versuchsobjekt vom Schreien ablie√ü und seinen Bed√ľrfnissen Gen√ľge getan war. Allerdings hat das Versuchsobjekt im Vergleich zu normal aufwachsenden S√§uglingen bis zu 40% h√§ufiger geschrien.

NNERSKI Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?

NORZEL (lapidar) Nun, offensichtlich ben√∂tigte das Versuchsobjekt mehr als nur die Befriedigung seiner k√∂rperlichen Grundbed√ľrfnisse.

NNERSKI Das heißt?

NORZEL (schulterzuckend) Emotionale Wärme!

NNERSKI (h√§lt kurz inne) Professor Doktor Norzel, um diesen Teil der Befragung ein wenig abzuk√ľrzen: Welche Resultate brachte der von Ihnen vorgenommene Versuch ans Tageslicht? Was f√ľr Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

NORZEL Nun, wir haben festgestellt, dass ein S√§ugling ohne die Kommunikation mit anderen Menschen, also bei einem Leben in nahezu v√∂lliger Isolation, keine Sprache entwickelt, die √ľber die simple Sprache von Tieren hinausgeht. Wir haben festgestellt, dass menschliche W√§rme und die N√§he der Mutter in der Entwicklung eines S√§uglings, bzw. eines Kindes unabdingbar sind, und dass die Abwesenheit der Mutter, bzw. von Menschen allgemein, den Tod eines S√§uglings verursachen k√∂nnen. Unsere Vermutung ist daher, dass der pl√∂tzliche Kindstod, wie wir ihn ab und zu im gew√∂hnlichen Leben antreffen, vielleicht durch Mangel an menschlicher W√§rme hervorgerufen wird. Das sind summa summarum die Resultate unseres Kaspar-Hauser-Versuchs.

NNERSKI (lässt das Gesagte auf das anwesende Publikum wirken, nimmt einen Stift in die Hand, räuspert sich, kratzt sich an der Stirn, setzt dann, nach einer kurzen Pause, wieder zum Sprechen an) Prof. Dr. Norzel, ist Ihnen der Name Harry Harlow geläufig?

NORZEL Selbstverständlich!

NNERSKI Können Sie kurz beschreiben, was er mit dem hier besprochenen Kaspar-Hauser Versuch zu tun hat?

NORZEL Gerne. √Ąhmm‚ĶHarlow war ein renommierter US-amerikanischer Psychologe und Verhaltensforscher. International bekannt wurde er in den Sechzigern des zwanzigsten Jahrhunderts. Er hat damals einen √§hnlichen Versuch wie wir gemacht, allerdings mit Rhesusaffen und nicht mit menschlichen S√§uglingen. Er hat diese Rhesusaffen ohne ihre leibliche Mutter in einen K√§fig gesperrt, und stattdessen zwei Attrappen, die als Ersatzmutter fungieren sollten, in den K√§fig getan. Die eine Attrappe spendete Milch, bestand aber sonst nur aus Draht, der zweiten Attrappe hatte man ein Affenfell √ľbergezogen. Es stellte sich bei diesem Versuch heraus, dass die Rhesusaffen sich nur zur Nahrungsaufnahme bei der milchspendenden Attrappe aufhielten, die meiste Zeit aber kuschelten sie sich an die mit Affenfell bezogene Attrappe. Harlow hatte damit die Wichtigkeit der Mutter-Kind Beziehung bewiesen.

NNERSKI Mit anderen Worten…er kam vor achtzig Jahren zu einem ähnlichen Ergebnis wie Sie jetzt?

NORZEL Ja…ungefähr!

NNERSKI (nimmt ein wenig schwerfällig die Brille ab und legt sie auf die geöffnete Akte vor ihm) Prof. Dr. Norzel, wie ist Ihr Versuch geendet?

NORZEL (einen Hauch von Besch√§mtheit gekonnt √ľberspielend) Der S√§ugling ist nach 312 Tagen verendet.

NNERSKI (lässt diese Aussage abermals durch eine von ihm gemachte Pause auf das Publikum wirken, schiebt aber dann die folgende Frage hinterher) War das Ergebnis dieses Versuchs vorhersehbar? Hat es zuvor in der Geschichte der Verhaltenspsychologie schon einmal ähnliche Versuche mit dem gleichen Ergebnis gegeben?

NORZEL (√ľberlegt kurz) Nicht dass ich w√ľsste..

NNERSKI (skeptisch) Nicht, dass Sie w√ľssten‚Ķ

NORZEL Ja!

NNERSKI (blättert in seinen Akten, setzt die zuvor abgesetzte Brille wieder auf, nimmt schließlich ein Blatt hervor) Und was, Prof. Dr. Norzel ist mit dem Versuch von Friedrich II ?

NORZEL (ohne zu Zögern) Dieser Versuch ist mir unbekannt!

NNERSKI (skeptisch) So…ist er das?

NORZEL (zieht es offenbar vor zu schweigen, nur ein einziges nerv√∂ses R√§uspern seinerseits wird √ľber die im Raum verteilten Lautsprecher vernehmbar)

NNERSKI (deutet Norzels Schweigen als Aufforderung) Gut, dann will ich Sie mal aufkl√§ren. Friedrich der II., Kaiser des Heiligen R√∂mischen Reiches im 13. Jahrhundert, hat einen √§hnlichen Versuch gemacht wie den, den sie uns gerade beschrieben haben. Auch er hat ein halbes Dutzend S√§uglinge in Isolation aufwachsen lassen. Zwei oder drei Ammen waren f√ľr das F√ľttern zust√§ndig, hatten aber sonst, was den Umgang mit den S√§uglingen anging, totales Kontakt- und Sprechverbot. Das Motiv f√ľr diesen Versuch war religi√∂ser Natur. Friedrich der II. glaubte, dass die ersten W√∂rter der S√§uglinge in der Sprache gesprochen w√ľrden, die auch Gott sprach. Ergebnis war, dass die Kinder √ľberhaupt nicht sprachen und nach einer Weile verendeten. Sie verendeten ebenso wie der S√§ugling bei ihrem Versuch. Daher noch mal meine Frage: War der Tod des S√§uglings vorhersehbar?

NORZEL (√ľberlegend, aber keineswegs eingesch√ľchtert) Jetzt, wo Sie mir den Versuch geschildert haben, kommt er mir tats√§chlich bekannt vor. Wenn ich mich recht erinnere, ist dieser Versuch von Friedrich II. aber nicht aktenkundig geworden, was hie√üe, dass es sich um eine Legende handelt. Aber selbst wenn dies nicht so w√§re, hie√üe das keineswegs, dass das Resultat unseres Versuchs vorhersehbar gewesen w√§re. Sehen Sie, der Mensch hat sich seit dem 13. Jahrhundert sehr schnell fortentwickelt. Das bedeutet, dass ein Gro√üteil seiner F√§higkeiten teilweise schon in der Erbmasse, die von den Eltern √ľbertragen wird, begr√ľndet liegt. Wie ich schon sagte: Die Frage, der wir mit den Kaspar-Hauser Versuchen nachgehen, ist die, inwieweit der Mensch schon vor der Geburt mit bestimmten F√§higkeiten ausgestattet ist und inwieweit er sie erst erlernen muss. Konkret auf unseren Versuch bezogen bedeutet das: Es h√§tte sein k√∂nnen, dass die Evolution des Menschen in der Zwischenzeit so weit vorangeschritten ist, dass der Mensch schon Sprache hat, bevor er jemanden sprechen h√∂rt. Die evolution√§re Entwicklung des Gehirns gab zu dieser Vermutung Anlass. Denn ebenso wie sich die H√§nde des Menschen vom Neandertaler bis zum heutigen Homo sapiens weiterentwickelt haben, sie wurden feiner und weniger muskul√∂s, so hat sich auch das Gehirn weiterentwickelt. Es h√§tte also durchaus sein k√∂nnen, dass der von uns zu Untersuchungszwecken benutzte S√§ugling F√§higkeiten auszubilden vermocht h√§tte ohne dabei die Hilfe von Menschen, also Erziehern in Anspruch nehmen zu m√ľssen.

NNERSKI Also glaubten Sie, er w√ľrde Deutsch sprechen k√∂nnen ohne vorher ein einziges Wort Deutsch zu h√∂ren?

NORZEL Nein, das nicht. Aber wir glaubten, dass er eigene, distinktive Laute f√ľr jedes seiner Bed√ľrfnisse entwickeln w√ľrde! Wir glaubten, dass er einen bestimmten Schrei √§u√üern w√ľrde, um darauf aufmerksam zu machen, dass er durstig ist, und wiederum einen anderen, unterschiedlichen Schrei f√ľr Hunger, Angst usw.

NNERSKI Aber das tat er nicht!

NORZEL Nein! Der vom Versuchsobjekt artikulierte Schrei war immer der gleiche, sowohl in Bezug auf die Lautstärke als auch in Bezug auf die Tonhöhe!

NNERSKI (der offenbar merkt, dass er NORZEL nicht zu kompromittierenden Aussagen verleiten kann, wenn er bei diesem Thema verweilt, bl√§ttert erneut in den Akten, zieht schlie√ülich ein einzelnes Blatt hervor) Ich habe hier den Autopsie Bericht! Demnach wog das Baby zum Zeitpunkt seines Todes nur 3,4 Kilogramm. H√§tte dieses geringe K√∂rpergewicht Sie nicht fr√ľhzeitig warnen und einen Abbruch des Versuchs nahe legen m√ľssen?

NORZEL Diese Frage haben wir uns selber auch gestellt, auch schon w√§hrend des Versuchs. Allerdings waren die anderen Werte normal. Er hatte einen normalen Blutdruck, einen regelm√§√üigen Puls und auch die Blutwerte waren so, wie man es bei einem normalen S√§ugling seines Alters erwarten w√ľrde. Die √Ąrzte, die den S√§ugling rund um die Uhr √ľberwachten, haben uns, die Forscher, zu keiner Zeit aufgefordert, den Versuch abzubrechen. H√§tten sie es getan, w√§ren wir dieser Aufforderung umgehend nachgekommen.

NNERSKI (leise einwerfend, aber stockend) Aber ist es nicht so, dass…

NORZEL (nun mit etwas lauterer Stimme) Der Autopsie-Bericht nennt ja auch plötzlichen Kindstod als Todesursache. Bei den in der normalen Welt sich ereignenden plötzlichen Kindstoden werden die Eltern auch nicht verantwortlich gemacht. Ich kann nur noch mal wiederholen, dass wir während des gesamten Versuches immer auf die Gesundheit des Versuchsobjektes Acht gegeben haben. Der plötzliche Kindstod, der dann eintrat, bestätigte wohl unsere a priori gemachten Vermutungen, aber er war trotz allem nicht vorhersehbar.

NNERSKI (der sichtbar und h√∂rbar die menschliche Seite des Versuchs ansprechen will) Aber haben Sie denn nicht Bedauern versp√ľrt, als der S√§ugling starb? Haben Sie den Versuch nicht bereut? Hat Sie der Tod des S√§uglings nicht pers√∂nlich betroffen gemacht?

NORZEL (versteift sich ein wenig) Wir sind Wissenschaftler! Wir k√∂nnen und d√ľrfen uns diese Art der Gef√ľhlsduselei nicht erlauben! Wenn √Ąrzte einen an Krebs verstorbenen Patienten nach dessen Ableben aufschneiden, dann k√∂nnen und d√ľrfen sie nicht daran denken, dass dieser Mensch mal ein ehrbares und w√ľrdevolles Leben gehabt hat. Es gilt dann, den Krebs zu analysieren, ihn zu sezieren und zu studieren! Wo w√§re die heutige Krebsforschung ohne die Wissenschaft? Manchmal, Professor Doktor Nnerski, retten wir Tausenden von Menschen das Leben, in dem wir ein einzelnes opfern. F√ľr diesen einzelnen Menschen ist das Leben dann vielleicht unertr√§glich qualvoll, aber im Dienste der Wissenschaft m√ľssen nun mal Opfer gebracht werden! Dar√ľber hinaus bezweifle ich, dass es sich bei dem S√§ugling, den wir f√ľr unseren Versuch benutzt haben, schon um ein vollwertiges, menschliches Wesen gehandelt hat. Schlie√ülich und endlich fehlte unserem Versuchsobjekt ja die ein oder andere F√§higkeit, die den Menschen erst zum Menschen macht. Die Unf√§higkeit zu einer artikulierten Sprache vermittelte uns Forschern w√§hrend des Versuchs auch oft den Eindruck, dass es sich bei dem Versuchsobjekt nicht um einen Menschen im eigentlichen Sinne handelt, sondern vielmehr um ein mit animalischen Attributen ausgestattetem Zwischenwesen, das zu keinen komplexen Gedankeng√§ngen f√§hig war. Und Tierversuche sind ja auch gang und g√§be.

NNERSKI (leicht ersch√ľttert) Nur damit ich Sie recht verstehe, Professor Norzel: Wollen Sie behaupten, dass Artikel 1,1 und Artikel 2,2 des Grundgesetzes auf den von Ihnen benutzten S√§ugling nicht anwendbar sind?

NORZEL (der jetzt hochkonzentriert wirkt, und langsamer, bed√§chtiger spricht als zuvor) Die Menschenrechte, auf die Sie mich hier ansprechen, das hei√üt das Recht auf Leben und k√∂rperliche Unversehrtheit, auf Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungs- und Glaubensfreiheit, Schutz vor willk√ľrlicher Verhaftung, Folter und Sklaverei sowie vor Diskriminierung und Verfolgung wegen ethnischer, religi√∂ser und geschlechtlicher Zugeh√∂rigkeit, sind meines Erachtens ein Relikt aus dem 18. Jahrhundert. Ich wei√ü, dass Sie, Prof. Nnerski und auch alle anderen hier Anwesenden so sehr mit dem Geist der Menschenrechte infiziert worden sind, dass jedwede Infragestellung erst einmal schockieren muss, aber wenn wir ehrlich gegen√ľber uns selbst sind, dann m√ľssen wir uns eingestehen, dass die Menschenrechte gr√∂√ütenteils nur auf dem Papier bestehen. Bei einer Weltbev√∂lkerung von √ľber sieben Milliarden Menschen ist eine Forderung nach Gleichheit aller eine haarstr√§ubende Utopie. Die Wahrheit best√§tigt dies Tag um Tag: Die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Stark und Schwach, zwischen Dumm und Intelligent ist in den vergangenen Jahrzehnten immer gr√∂√üer geworden und l√§sst den Wunsch nach einer von den Menschenrechten gepr√§gten Welt ein wenig hoffnungslos erscheinen. Dieser Zustand zwingt uns zum Umdenken: Wir m√ľssen das Zusammenleben auf dieser Welt neu regulieren, wir m√ľssen andere Ans√§tze ausprobieren und wir sollten dabei auch nicht davor zur√ľckschrecken die heilige Kuh der Menschenrechte zu schlachten. Die Probleme, vor die wir uns jetzt gestellt sehen, und damit meine ich die Bev√∂lkerungsexplosion, die Knappheit des Trinkwasservorrats und weiterer lebenswichtiger Ressourcen l√§sst meiner Ansicht nach nur eine Schlussfolgerung zu: Wir m√ľssen den sozialdarwinistischen Theorien wieder mehr Raum geben und die Menschenrechte einschr√§nken. Denn wenn wir wirklich eine an Rechten und Ressourcen gleiche Gesellschaft wollen, dann gibt es nur einen Weg dahin: Selektion! Wenn hundert Menschen nur gen√ľgend Nahrung f√ľr f√ľnfzig Menschen besitzen, dann m√ľssen den Menschenrechten zufolge alle hundert Menschen sterben, denn wenn jeder ein Recht auf die verf√ľgbare Nahrung hat, dann hat am Ende keiner ein Recht darauf. Eine Selektion aber k√∂nnte daf√ľr Sorge tragen, dass die f√ľnfzig Menschen, die vom Erbgut her eine gesunde Nachkommenschaft garantieren, den Fortbestand der Zivilisation nicht nur gew√§hrleisten, sondern au√üerdem noch optimieren. Ich wei√ü, dass diese Theorien seit dem Dritten Reich tabuisiert worden sind, aber ich appelliere dennoch an den gesunden Menschenverstand: Wenn sie einen kr√§nklichen und einen gesunden Menschen haben, aber nur genug Nahrung f√ľr einen, dann geben sie diese Nahrung dem gesunden Menschen! Das ist eine ganz gew√∂hnliche Wahrscheinlichkeitsrechnung. G√§ben sie die Nahrung dem kr√§nklichen Menschen, dem Bed√ľrftigen, dann steigern sie unn√∂tigerweise das Risiko. Das Risiko n√§mlich, am Ende ohne Menschheit da zu stehen. Und mein Ziel, das Ziel meiner ganzen Forschung, ist, so abwegig das jetzt vielleicht f√ľr sie klingen mag, der Fortbestand der Menschen!

NNERSKI (erregt) Sie sagen: der Fortbestand der Menschen, aber Sie meinen: Der Fortbestand der gesunden und kräftigen Menschen. Sie meinen: Der Fortbestand des Stärkeren!

NORZEL (ruhig) Wenn Sie so wollen, ja!

Im Saal herrscht kurzzeitig Aufregung. Einige Journalisten scheinen aufrichtig ersch√ľttert, andere wiederum schreiben routiniert weiter. In den Augen nicht weniger Journalisten blitzt mitunter auch so etwas wie Zustimmung auf. Nachdem sich der erh√∂hte Ger√§uschpegel wieder gesenkt hat, ergreift Prof. Dr. Nnerski wieder das Wort.

NNERSKI (leicht ironisch, weil er glaubt, dass Norzel sich mit der Darlegung seiner Weltanschauung selbst diskreditiert hat) Danke, dass Sie uns ihre Ansichten so ausf√ľhrlich erl√§utert haben. Ich verstehe dennoch nicht, was Ihr Pl√§doyer f√ľr eine neue Art des Sozialdarwinismus mit dem hier zur Debatte stehenden Versuch zu tun hat! Vielleicht k√∂nnen Sie uns aufkl√§ren!

NORZEL (jetzt sichtlich erpicht darauf, sich und seine Ansichten zu rechtfertigen) So abstrus und widerspr√ľchlich das nun in Ihren Ohren klingen mag, Prof. Nnerski, unser Ziel ist das Leid der Menschen auf dieser Welt zu mindern. Wir identifizieren Quellen des Ungl√ľcks, wir gehen ihnen auf den Grund und bringen im bestm√∂glichen Fall diese zuvor unersch√∂pfliche Quelle des Leidens zum Versiegen. Wenn wir einen Krebspatienten mit noch nicht erprobten Medikamenten behandeln, dann leidet dieser Patient, aber gleichzeitig liefert er uns wertvolle Erkenntnisse hinsichtlich der zuk√ľnftigen Behandlung von Krebspatienten. Mit unserem Kaspar Hauser Versuch haben wir eindeutig bewiesen, dass eine gesunde und sinnvolle Entwicklung eines Menschen nur dann gew√§hrleistet ist, wenn er Personen in seinem Umfeld hat, die ihm die Liebe und Zuneigung geben, derer er bedarf. Wir haben ein f√ľr alle Mal festgestellt, dass ein S√§ugling nicht dadurch am Leben erhalten wird, indem man ihm t√§glich das zum Leben notwendige Wasser und Brot hinstellt, sondern dass die k√∂rperliche Ber√ľhrung, das Liebkosen, das Umarmen, das Streicheln eine ung√ľnstige k√∂rperliche wie geistige Entwicklung des S√§uglings verhindern k√∂nnen. Wir wissen alle, dass durch die zunehmend schlechte Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, durch die Verknappung der Rohstoffe, durch die Verseuchung der Umwelt mehr und mehr Eltern nicht mehr die Zeit und die Kraft haben, sich angemessen um ihren Nachwuchs zu k√ľmmern. Wir z√ľchten, √ľbertrieben formuliert, eine lieblose und zur Zuneigung unf√§hige Generation heran, die nur das Leben f√ľhren kann, das ihnen vorgelebt wird: Ein Leben im D√§mmerzustand, verursacht durch die schon genannten Probleme. Was wir wollen, Prof. Nnerski, ist die beste aller Welten. Wir wollen eine Welt in der eine √ľberschaubare Menge an Menschen in ausreichendem Ma√üe √ľber die Rohstoffe verf√ľgt, die sie zum Leben ben√∂tigt. Wir wollen, wenn sie die Menschheit als einen K√∂rper verstehen, die erkrankten Teile, die Krebsgeschw√ľre herausschneiden und eine vollst√§ndige Gesundung erm√∂glichen. (mit erregter Stimme) Man mag uns beschimpfen, wie man will: Sterbehelfer, Supernazis, Rassenpfleger oder hirnverbrannte Laborratten, wie auch immer..! (ruhiger werdend) Fakt ist doch: Wir sehen uns diese Welt an, und wir sehen viel Leid! Und wir erdenken neue Wege, die dazu f√ľhren, dass ein Auskommen m√∂glich ist. Wir erproben M√∂glichkeiten, die letztendlich dazu f√ľhren werden, dass wir als Menschheit kontrolliert, organisiert und behutsam den Weg in eine ungewisse Zukunft einschlagen k√∂nnen. Lassen Sie es mich so sagen: F√ľr diese Anh√∂rung, Prof. Nnerski, haben Sie sich sicherlich intensiv vorbereitet. Sie haben eine Menge Arbeit hineingesteckt, Sie haben mit Disziplin, Ausdauer und langwieriger Planung diese Anh√∂rung ins Rollen gebracht. Warum sollten wir Forscher, deren Aufgabe es ist, die Zukunft mitzugestalten, eine solche Disziplin, Ausdauer und Planung in unserer Arbeit vermissen lassen? Der hier zur Anh√∂rung gebrachte Versuch hat uns bewiesen, dass ein S√§ugling ohne Entwicklung seiner Sprache, ohne Training seines Gehirns und ohne die Zuneigung seiner leiblichen Eltern ein zum Tode verurteilter S√§ugling ist. Nun, da wir das festgestellt haben, sollten wir in unserer weiteren Forschung Programme erstellen, die die geistige wie k√∂rperliche Entwicklung eines S√§uglings auf bestm√∂gliche Weise vorantreiben und daf√ľr Sorge tragen, dass unsere Kinder gesund und stark aus ihrer Kindheit und Jugend hervorgehen. Was Sie vielleicht als Eingriff in das Leben bewerten, ist f√ľr uns ein mit n√ľchterner Sachlichkeit ausgef√ľhrter Optimierungsprozess, der nie etwas anderes zum Ziel hatte als eine gl√ľckliche Zukunft f√ľr die kommenden Generationen.

NNERSKI (wohl wissend, dass er jetzt mit einem ebenb√ľrtigen Monolog kontern muss, um Norzel das Feld nicht kampflos zu √ľberlassen) Professor Doktor Norzel, sehen Sie es mir nach, wenn ich die Begeisterung f√ľr Ihre utopischen Vorstellungen nicht teile. Sie rechtfertigen meiner Meinung nach die fahrl√§ssige T√∂tung eines Kleinkindes mit wissenschaftlichen Zukunftsvisionen, die, so ehrlich, ehrgeizig und gutgemeint sie auch sein m√∂gen, nicht dar√ľber hinwegt√§uschen, dass der gute Zweck nicht alle Mittel heiligt. Ich sehe Ihnen an und glaube Ihnen auch, dass Sie mit ihren Versuchen und Theorien urspr√ľnglich nur Gutes bezweckten. Sicherlich ist die Welt in dem Zustand, in dem sie sich befindet, nicht perfekt und bedarf st√§ndiger Verbesserung, aber, und das ist meine tief empfundene √úberzeugung, diese Verbesserung darf nicht dadurch entstehen, dass wir den Wert eines Menschenlebens missachten. Ich will Ihnen ein bekanntes Beispiel nennen: Am 6. August 1945 warf ein Pilot der amerikanischen Luftwaffe eine Atombombe √ľber Hiroshima ab. Sie t√∂tete auf einen Schlag fast hunderttausend Menschen und weitere zwanzigtausend Menschen in der Folgezeit. Der amerikanische Pilot, in einem Jahre sp√§ter gemachten Interview danach befragt, ob er Gewissensbisse habe, beantwortete diese Frage mit Nein. Er behauptete sogar, durch den Abwurf der Atombombe Menschenleben gerettet zu haben, da Japan durch den atomaren Angriff zur Kapitulation gezwungen worden und eine Verl√§ngerung des Krieges unm√∂glich geworden war. Au√üerdem entschuldigte der amerikanische Pilot sich damit, nur auf Befehl gehandelt zu haben. Auch die Physiker, die an der Atombombe gearbeitet hatten, argumentierten √§hnlich. Sie gaben an, auf Befehl der amerikanischen Regierung gehandelt zu haben und hatten, bis auf Ausnahmen wie J. Robert Oppenheimer, Jahre danach keine Schuldgef√ľhle. Auch wenn Sie, Professor Doktor Norzel, mit ihrem Kaspar-Hauser Versuch nicht so verheerenden Schaden angerichtet haben wie die Wissenschaftler damals mit der Atombombe, so ist ihr Vergehen f√ľr mich prinzipiell gleich geartet. Sehen Sie, im Laufe der Jahrhunderte haben sich Menschen immer hinter dem gro√üen Bild versteckt, hinter der gigantischen Vision von einer besseren Welt, und im Namen dieser Vision haben sie ganz schreckliche Verbrechen begangen. Sei es, dass im Namen der Christianisierung Heiden und andere unliebsame Zeitgenossen verfolgt und get√∂tet wurden, sei es, dass im Namen der Ordnung politische Gefangene gefoltert und gedem√ľtigt worden oder sei es, dass im Namen der Zivilisation ganze V√∂lker von Eingeborenen unterworfen wurden. Immer wurde √úbles angerichtet und unter dem Deckmantel des Guten entschuldigt. Und nun haben Sie einen Versuch gemacht, bei dem ein Kind zu Tode gekommen ist. Die wissenschaftliche Erkenntnis, die Sie daraus gewonnen haben, entschuldigt Ihrer Meinung nach diesen Tod. Meiner Meinung nach jedoch tut sie das nicht. Sie √ľben sich mit ihrer Entschuldigung in einem Gebaren, dessen sich auch schon der amerikanische Pilot, der die Atombombe √ľber Hiroshima abwarf, schuldig gemacht hat: Sie verstecken sich hinter etwas vermeintlich Gr√∂√üerem und vermeiden die pers√∂nliche Verantwortung. Und darum geht es dieser Kommission und ihrem Ausschuss: Es geht um pers√∂nliche Verantwortung. Sehen Sie, Professor Doktor Norzel, wenn alle Menschen so verf√ľhren wie Sie, und sich hinter dem Befehl eines Vorgesetzten oder hinter der Vision einer besseren Welt versteckten, dann k√∂nnte letztendlich niemand oder nur einer f√ľr die in dieser Welt begangenen Verbrechen belangt werden. Im Zweiten Weltkrieg h√§tte das f√ľr die Deutschen gehei√üen, dass niemand bis auf Adolf Hitler f√ľr die Verbrechen h√§tte belangt werden k√∂nnen, da alle nur seinem Befehl folgten. Aber das Leid, das die Ermordung von neun Millionen Juden und Millionen weiterer Kriegsopfer hat entstehen lassen, kann nicht durch den Tod oder die Bestrafung eines einzelnen Mannes ges√ľhnt werden. Die Deutschen trugen alle Schuld. Und sie m√ľssen daf√ľr die Verantwortung √ľbernehmen. Und genau das, Professor Doktor Norzel, verlange ich heute hier von Ihnen: Ich will, dass Sie die Verantwortung f√ľr den Tod dieses einen Kindes √ľbernehmen. Also verbergen Sie sich nicht hinter der Wissenschaft, ersparen Sie mir Ihre Theorien zur Verbesserung der Welt und konzentrieren Sie sich auf die simplen Fakten: Ein unschuldiges Kleinkind ist gestorben, nachdem Sie einen Versuch mit ihm gemacht haben. Sie haben einen Tod zu verantworten, der ohne die Durchf√ľhrung Ihres Experiments nicht eingetreten w√§re. Und ich bitte Sie, Professor Doktor Norzel, den Tod nicht mit den Befehlen der hinter Ihnen stehenden Institutionen zu entschuldigen, sondern schlicht und einfach anzuerkennen, dass Sie am Tod dieses Kindes eine erhebliche Mitschuld tragen.

NORZEL (Nnerski beinahe ins Wort fallend) Gut, sagen wir, ich √ľbernehme die Verantwortung f√ľr den Tod des S√§uglings. Wem w√§re damit gedient? Das Baby ist tot, es kann nicht wieder zum Leben erweckt werden und auch meine Inhaftierung w√§re bestenfalls eine emotionale Wohltat f√ľr die leiblichen Eltern, die es, da es sich bei dem Versuch um ein Retortenbaby handelte, nicht gibt. W√ľrde ich also verhaftet und bestraft, dann w√§re Ihrem Konzept von Gerechtigkeit vielleicht Rechnung getragen, aber was w√§re die unweigerliche Folge meiner Verurteilung? Ich will es Ihnen sagen: Jeder Forscher, jeder Soldat, jeder Politiker, jeder Mensch mit gr√∂√üerer Verantwortung w√ľrde bei jeder noch so kleinen Entscheidung tausendmal hin und her √ľberlegen und letztendlich aus √Ąngstlichkeit keine Entscheidung mehr treffen. Der von Ihnen zitierte Pilot, der die Atombombe √ľber Hiroshima abwarf, w√ľrde sie nicht abwerfen. Aber was w√§re passiert, wenn Hiroshima und Nagasaki nicht bombardiert worden w√§ren? H√§tten die Japaner nicht vielleicht weiter gek√§mpft und im Laufe der Zeit mehr Tote verursacht als bei Hiroshima und Nagasaki zusammen? Und weiter: W√ľrden wir heute nicht in einer absoluten Diktatur leben, wenn sich die Alliierten damals gegen den Krieg gegen Deutschland und seine Verb√ľndeten entschieden h√§tten? Sollen wir Churchill als Kriegsverbrecher definieren, weil er im Kampf gegen Hitler den Tod unz√§hliger Soldaten und Zivilisten in Kauf genommen hat? Ihre Theorie von der pers√∂nlichen Verantwortung, Prof. Dr. Nnerski, ist sch√∂n, aber leider nicht praktikabel. Lebten alle nur nach dem Motto der pers√∂nlichen Verantwortung, dann w√ľrde die ganze Menschheit in Unbeweglichkeit erstarren. Entscheidungen aber m√ľssen getroffen werden, von Soldaten, von Politikern und von Forschern, und es ist meine feste √úberzeugung, dass auch falsche und mitunter katastrophale Entscheidungen immer noch besser sind als keine Entscheidungen. Wer immer die M√∂glichkeit in Betracht zieht, er k√∂nne vielleicht etwas Falsches tun, der tut am Ende gar nichts mehr. Fortschritt aber entsteht nicht durch das Nichtstun. Fortschritt entsteht durch Taten. Mitunter auch durch Fehltaten.

NNERSKI (nach einer kurzen Pause) Gut, bevor wir uns in weiteren theoretischen Diskussionen verlieren, die letztendlich doch zu nichts f√ľhren, frage ich Sie klipp und klar: Gestehen Sie, Prof. Dr. Norzel, eine Mitschuld am Tod des S√§uglings ein, ja oder nein?

NORZEL (laut und deutlich) Nein!

NNERSKI Geben Sie zu, dass der von Ihnen durchgef√ľhrte Versuch in seiner Anordnung gegen die von dieser Ethikkommission festgesetzten Richtlinien oder gegen die im Grundgesetz verankerten Menschenrechte versto√üen hat?

NORZEL (laut und deutlich) Nein!

NNERSKI Möchten Sie, bevor wir den nächsten Zeugen in den Saal bitten, eine abschließende Erklärung abgeben?

NORZEL Alles, was es zu sagen gab, habe ich gesagt.

NNERSKI Gut, dann sind Sie hiermit ihrer Pflichten entbunden. Sie können den Zeugenstand verlassen.

Norzel steht auf, richtet sein Jackett, macht eine leichte Verbeugung in Richtung Nnerski und verlässt dann steifen Schrittes den Saal.

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