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Leselupe.de > Anonymus
Kasper als Kellner
Eingestellt am 15. 06. 2009 12:14


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Anonymous
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Kasper als Kellner

Kasper hat einen neuen Job: Er wird als Kellner arbeiten. Das Lokal liegt nicht an der Nord- oder Ostsee. Es liegt auch an keinem schönen mecklenburgischen See. Sondern in einem Provinznest im ..., etwa einen Kilometer vom ...ufer entfernt.

Was kĂŒmmern Kasper die hundert Kilometer bis zur See, der eine bis zum ...ufer: Wer kellnert, hat eh kaum Zeit zum Baden. Außerdem ist noch lange keine Badezeit.

An einem trĂŒben Montagmittag im Monat April betritt er das Lokal. Der Chef, ein schlaffer MittfĂŒnfziger mit tiefen Gesichtsfurchen, dĂŒnnen Beinen, Kugelbauch gibt ihm die Hand, zeigt ihm sein Zimmer. Dabei lĂ€chelt er wie ein Hybrid aus Pokerface und Dalai Lama. ErzĂ€hlt allerlei von KĂŒchenhilfe, Toilettenreinigung, StĂŒhle ordnen, TischerĂŒcken; auf’m Hof lĂ€gen Pappkartons, die mĂŒssten gestapelt werden... Kasper zieht eine Augenbraue hoch. Der Chef: Die MĂ€dchen kellnerten, momentan. Am Wochenende sei er als Drittkellner vorgesehen.

In der KĂŒche fĂ€llt irgendwas runter, es gibt einen HöllenlĂ€rm, ein Dutzend FlĂŒche, abgefeuert von einem stimmkrĂ€ftigen weiblichen Wesen, fliegen wie Tellermienen durch die Luft; im nĂ€chsten Moment schießt eine kleine Dunkelhaarige mit wĂŒtenden Blicken zur Gaststube herein, schnappt Kaspers Hand, zieht ihn in die KĂŒche zurĂŒck; bremst vor einem Weißbekittelten mit Kaiser-Wilhelm-Schnauzer. Es ist die Wirtin, sie stellt Kasper dem KĂŒchenchef vor. Der solle sich um ihn kĂŒmmern. Schrillt sie. Und verschwindet.

Zum Kellnern kommt Kasper an diesem Tag nicht, die Zeit vergeht mit Zwiebelschneiden, KartoffelschÀlen, Tellerwaschen, Toiletten wischen...

Kurz nach Mitternacht, der letzte Gast ist weggetorkelt, beschaut er sich die Einrichtung das erste Mal genauer: eine Mischung aus rustikalem, versucht-szenigem und altmodisch-konservativem Mobiliar, zusammengemanscht unter dem Aspekt maximaler StilunvertrÀglichkeit.

Er wirft noch einen kurzen Blick auf die beiden Kellnerinnen, die sich mĂŒde auf ihre FahrrĂ€der ziehen und ins Dorf entschwinden. Die jungen MĂ€dchen wĂŒrdigen ihn keines Blickes.

Kasper hĂ€ngt die SchĂŒrze an den Haken, will auf sein Zimmer. Geht dann doch noch vors Haus, lĂ€uft ein paar Meter weit die Dorfstraße entlang. Es ist fast dunkel, Hunde klĂ€ffen, eine Frau keift von ferne. Kein Mond, keine Sterne am Himmel. Er dreht sich um, betrachtet die verschwommene Silhouette des Dörfchens. Die GaststĂ€tte. Über deren hölzernem Eingangsbogen funzelt in Leuchtbuchstaben ein Name:

STRANDHAUS

Was fĂŒr ein geschmackloser Witz! STRANDHAUS – mehr Übertreibung geht nicht.

Kasper Ă€rgert sich ĂŒber seine Situation. Musste er in diese Ödnis? Hier kann man doch nur Fahrradfahren oder sich besaufen. Warum ist er nicht doch nach Berlin oder zur Ostsee? Jobs gibt’s da immer. Denkt er.

Er wendet sich ab, schlendert lÀngs des Deiches. LÀsst den Kopf hÀngen. Spuckt vor sich hin. Dann kommt ihm eine Idee und er lÀchelt.

            -

Am nĂ€chsten Abend macht er sich ĂŒber den Elektrokasten her, der in einem Abstellraum installiert ist. Keiner bekommt mit, wie er in die Einzelzuleitungen zu den Leuchtbuchstaben kleine Schalter einbaut.

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Die Wochentage vergehen. Es kommen kaum GÀste. Und wenn, dann immer dieselben aus dem Dorf. Sie trinken viel, lassen oft anschreiben. Der Chef schreibt, in der Hoffnung, er werde einmal das Geld sehen. Kasper schrubbt Töpfe, schnippelt Zwiebeln, reibt Knoblauch. Stinkt nach allem. Manchmal, wenn der Chef zur Toilette oder ins Bett muss, darf er an den Zapfhahn. Er vergisst die Idee und die Schalterchen.

            -

Nicht mal am Freitag will ein bisschen mehr Betrieb aufkommen. Kasper hat den Eindruck, das Objekt liege irgendwie daneben. Am falschen Ort zur falschen Saison. Was auch will der DurchschnittsausflĂŒgler in einem Lokal, das irgendwo in der Pampa liegt, in einem winzigen, unbekannten Dörfchen im ...schen; hundert Meter vom Ufer eines Flusses entfernt, dessen Wasser als nicht sehr sauber und dessen Schlamm als schwermetallgesĂ€ttigt gilt; der sich trĂ€ge und brĂ€unlich, mit Blasen und manchmal gelben Schmutzschaumkrönchen nach H. und weiter zur ...see schiebt. FĂŒhlt sich bei dem Namen des Lokals nicht von vornherein jeder veralbert?

Ihm fallen die Schalterchen ein. Als es dunkel wird, schleicht sich Kasper in den Abstellraum, öffnet den Elektrokasten. Er legt alle Schalter fĂŒr die Leuchtbuchstaben um. Bis auf die ersten zwei.

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Am Samstagvormittag lehnen sich zwei Ă€ltere Dörfler gegen den Tresen. Sie nehmen mehrere Kurze; sabbeln von alten und neuen Zeiten, von Zonengrenze, Wende, ScheißwessizuzĂŒglern; schĂŒtteln die Köpfe, kichern.

RANDHAUS

Nee sowas. Ob der Inhaber kein Geld mehr fĂŒr ne Reparatur habe? Kasper schenkt nach. Er zwinkert den beiden zu. Wenn sie die Schnauze hielten, gehe der nĂ€chste aufs Haus. Die beiden Zausel nicken, grinsen verschwörerisch; sabbeln und saufen heiter weiter.

            -

Der Samstagabend wird ein bleierner. Außer den beiden Alten aus dem Dorf, die immer noch am Tresen hĂ€ngen, nun allerdings MĂŒhe haben, die Stellung zu halten und von irgendwelchen nicht mehr zuzuordnenden Zeiten und ZustĂ€nden lallen, ist kein Gast weiter im Lokal. Die beiden Kellnerinnen sitzen an einem der Tische und schlafen. Der Chef ist seit Stunden im Keller. Angeblich Revision. Seine Frau ist ins Dorf gegangen, gleich nach dem FrĂŒhstĂŒck. KĂŒchenchef Kaiser Wilhelm liest Stellenanzeigen. Kasper geht zum Elektrokasten.

TRANHAUS

könnten VorĂŒbergehende oder Einkehrende jetzt lesen. Es gibt aber keine VorĂŒbergehenden. Einkehrende schon gar nicht. Nur Davongehende: Die beiden MĂ€dchen schieben ihre FahrrĂ€der nach Hause, ohne sich auch nur einmal umzudrehen.

Am Sonntag sitzt der Chef und brĂŒtet. Er habe, sagt er nach Stunden und circa zehn weichen ChantrĂ©, eine knallharte Idee. Zur Belebung des GeschĂ€ftes mĂŒssten einige interessante Sachen her: Eine Schiffssirene, ein Kompass, an dem die GĂ€ste drehen könnten, ein paar Ölbilder mit Seglern in stĂŒrmischer See... Gleich am Montag wolle er mal auf’m Trödel in H. kucken gehn. Kasper macht sich gegen Abend am E-Kasten zu schaffen, schaltet in der DĂ€mmerung die Leuchtschrift ein. KĂ€me jemand vorbei, könnte er lesen:

TANDHAUS

NatĂŒrlich kommt keiner vorbei. Am Sonntag ist ja auch gegen zehn Ende der Vorstellung. Und die MĂ€dchen drehen sich wieder nicht um.

Nach Kneipenschluss klopft jemand ans Fenster. Kasper sieht die Nasen der beiden alten Zausel. Sie sind platt, dieweil sie gegen die Scheiben gedrĂŒckt werden. Kasper öffnet, lĂ€sst ein. Die beiden kichern Kasper erwartungsvoll an. Der legt die Hand auf die Lippen und schenkt Kurze aus.

            -

Am spĂ€ten Montagabend kommt der Chef mit seinen Requisiten vom Trödel durch H.-s Second-Hand-Shops zurĂŒck. Er hat tatsĂ€chlich eine pneumatische, luftpumpenartige Schiffssirene, eine Laterne, ein paar Ölschinken und einen großen, aber kaputten alten Kompass ersteigert. Kasper haut NĂ€gel in die Wand, hĂ€ngt die Schinken auf; befestigt die Laterne ĂŒber dem Tresen. Die See scheint ihm weiter weg denn je.

            -

Die nÀchsten Tage ziehen sich zÀh hin. Kaum ein Dukaten klingelt in der Kasse. Auf der Stirn des Chefs: tiefe Sorgenfalten. Er sucht sie mit weichem Chantré zu glÀtten, lallt bald fröhlich wie ein sorgenfreies Kind voller Urvertrauen in Welt, Schicksal, Zukunft. Am Mittwoch legt Kasper zwei Schalter um:

SANDHAUS

Er ahnt das baldige Ende des Unternehmens. Dabei findet er die neuen UmstÀnde mittlerweile gar nicht so schlecht. Denn eins der beiden MÀdchen hat sich grade gestern in sein Zimmerchen verirrt. Er denkt nach.

Am nĂ€chsten Morgen scheint die Sonne, ein milder, warmer FrĂŒhlingswind streichelt seine Haut. Er schaut ĂŒber den asphaltierten Deich zum Flussufer. Ein uralter Raddampfer, aus vollem Rohr Rauch in den Himmel pustend, zieht vorbei. Das Ding heißt tatsĂ€chlich „Kaiser Wilhelm“. Ihm fĂ€llt ein Spruch ein, den er mal irgendwo hörte: Wenn die Welt untergeht, dann in Mecklenburg hundert Jahre spĂ€ter. Haha. Gilt hier aber nicht mehr. Er geht zurĂŒck, öffnet den Schaltkasten, legt ein paar Schalterchen um.

RADHAUS

Am GrĂŒndonnerstag ist plötzlich alles ganz anders. Als wĂ€re an diesem Feiertag mit einem Donnerschlag ein Sack voller Radfahrer geplatzt. Er kann es selbst kaum glauben: Auf dem Deich ziehen Herden von Radfahrwilligen dahin, auf der Jagd nach Erholung, frischer Luft, unverbrauchter Landschaft; Bier, gutem Essen, rustikalen Lokalen; szenigen Absteigen, abgedrehten; nach allem zusammen. Auf der Flucht vor der Großstadt, vor der öden Arbeitswoche in stickigen BĂŒros, auf der Flucht vor dem Altwerden, vor sich selbst...

Ganz Norddeutschland scheint Rad zu fahren. Und alle haben offenbar lange Zeit nichts gegessen und getrunken. In kurzer Zeit fĂŒllt sich das Haus. Musik ist auch da, eine Band spielt verstaubten Rock n’Roll, auf den kaum einer hört, der aber das Zuhören und Reden fast unmöglich macht.
Die KĂŒche hat voll zu tun, die beiden MĂ€dchen kommen mit dem Bierausschank nicht hinterher. Der Chef taucht aus dem Revi-Keller auf, mischt sich mit einer Posaune unter die Musiker. Die Leute johlen bei den ersten schrĂ€gen KlĂ€ngen. In der KĂŒche entreißt derweil die Wirtin voller Elan Kaiser Wilhelm das KĂŒchenruder, dessen FlĂŒche verhallen ungehört im Mix aus KĂŒchen-, Besucher-, MusiklĂ€rm.
Kasper steigt zum ersten Mal voll in die Bedienung ein. Er schleppt Tablett um Tablett. Wieso saufen und fressen die hier so viel, grĂŒbelt er. War nicht Fahrradfahren, Erholung, Vergessen angesagt? Ja: Vergessen.

Gegen Abend reicht es ihm. Schweißtriefend und mit zitternden Knien schleicht er sich zum Schaltkasten. Legt einige Schalterchen mehr als sonst um. Radfahrer, die das RADHAUS ansteuern in der Hoffnung, zum Ende des Tages noch ein Bierchen zischen und ein Schnitzelchen verdrĂŒcken und eine Bleibe fĂŒr die Nacht finden zu können, lesen:

STAU

Die wenigen, die zu dieser Zeit noch unterwegs sind, fahren fluchend weiter. Der Druck im Gastraum entspannt sich. Als der Chef fĂŒr eine Zigarette vor die Kneipe tritt und im WohlgefĂŒhl des heurigen und damit auch zukĂŒnftig zu erwartenden geschĂ€ftlichen Erfolges einen stolzen Blick auf sein Haus wirft, glaubt er seinen Augen nicht zu trauen. Wutentbrannt stĂŒrzt er in den Gastraum: Ob denn keiner gesehen habe, dass mehrere Buchstaben der Leuchtschrift kaputt seien? Er beschimpft seine Frau, die MĂ€dchen, Kaiser Wilhelm, Kasper. Die Frau revanchiert sich. Es hagelt Injurien hoher Durchschlagskraft.

Alle sind beleidigt. Alle laufen vors Haus, staunen; können sich das Lachen nicht verkneifen. Der Chef winkt resigniert ab, verschwindet im Keller. Kasper kneift seinem MĂ€dchen in den Hintern, reibt sich an ihrem RĂŒcken. Es beginnt ihm zu gefallen, hier, in der Provinz.

Doch die Arbeit geht weiter, der Tag ist noch nicht zu Ende. Alles marschiert zurĂŒck in KĂŒche und Gastraum, bezieht Stellung hinter Tresen und Kasse. Das Bier lĂ€uft weiter, ergießt sich in der durstigen Fahrradfahrer Kehlen; MĂŒnzen klimpern, Scheine rascheln; Diskomusik hat die verstaubten Rock n Roller abgelöst, dröhnt durch die Luft; Worte fliegen mittenmang, zerren an den KlĂ€ngen, löchern sie; kriegen selbst dabei Beulen und Löcher; fallen zu Boden. Rauch Ă€tzt, Schweiß stinkt. Fast alles wie bisher an diesem umtriebigen Tag, nur – der Leuchtschrift verĂ€nderter Aussage und der fortschreitenden Tageszeit sei Dank – in der IntensitĂ€t rapide abnehmend.
Als der Arbeitstag zu frĂŒher Morgenstunde endet, hat die Leuchtschrift ein maximales KĂŒrze-Level erreicht. Wer von draußen kommt, könnte lesen:

SAU

Kommt aber keiner mehr.

            -

DafĂŒr wollen einige partout nicht gehen. Kasper drĂ€ngelt, sein MĂ€dchen hat schon dreimal in Richtung Kammer geblinzelt. Diese Saufköppe, murmelt er. Von wegen Radwandern. Ihm schmerzen die Beine. Er humpelt zum Schaltkasten.

Als die letzten GĂ€ste auf ihren FahrrĂ€dern davontorkeln, in der Hoffnung, den Weg nach Hause zu finden, leuchtet ein Abschiedsgruß ĂŒber dem Eingang:

RAUS

Doch der neue Tag bringt gleich eine Überraschung. Als Kasper und sein MĂ€dchen, die sich beide sehr mĂŒde und zerschlagen fĂŒhlen, ins Zimmer treten, sehen sie den Wirt. Er sitzt auf Kaspers Bett. Er habe, faucht er, die Leuchtschrift in den letzten Stunden beobachtet. Und mehrfach Änderungen bemerkt. Von STAU ĂŒber SAU bis hin zu RAUS. Er habe stets alle gesehen, nur den Kasper nicht. Ob der das vielleicht erklĂ€ren könne? Sein Blick flackert wĂŒtend.

Kasper kommt der Gedanke, dass im Kopf des Wirtes einige Kontakte ein wenig unter dem ChantrĂ© gelitten haben könnten. Schade. Wer weiß, wie lange er noch so schön hybrid lĂ€cheln und so schön schrĂ€g auf der Tuba wird tuten können, der Wirt, der Chef; der Entertainer; der Kellerrevisor, der arme...Er zuckt mit den Schultern. Urplötzlich gĂ€hnt der Wirt, klappt die Augen zu; macht sich in Kaspers Bett lang; schnarcht im nĂ€chsten Moment. Kaspers MĂ€dchen steht schon in der TĂŒr. Er solle mit ins Dorf kommen, ihr Mann sei eh nicht zu Hause.

Auf dem Weg durch den Flur juckt es Kasper wieder in den Fingern. Er öffnet den Schaltkasten, knipst noch einen Buchstaben

AUS



Version vom 15. 06. 2009 12:14

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