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Leselupe.de > Kurzprosa
Kasper ein Halbkasper? Er sinniert über seine Herkunft
Eingestellt am 29. 08. 2005 14:51


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Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

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So, liebe Kinder, jetzt kommen wir zu einem besonders schwierigen Thema, ich hoffe, ein paar von euch bleiben trotzdem bis zum Schluß der heutigen Vorstellung. Es geht nämlich um Kaspers Herkunft.
Heutzutage ist es ja immer noch Mode – und so wird es wohl auch bleiben – , seiner Herkunft hinterherzugenealogisieren, über seine „Wurzeln“ nachzudenken, nachzuforschen, um sich vorgeblich besser einordnen, ergründen und verstehen zu können und was dergleichen nicht sonderlich schlüssige Zwecke mehr sind. Der in seiner Freizeit dichtende Ingenieur, der Angestellte mit einem „von“ im Namen, der uneheliche Sohn einer Putzfrau und eines Schuldirektors denken darüber nach; die Tochter einer Russin und eines Polen, die Tochter einer Polin und eines Ostdeutschen, die Tochter einer Ostdeutschen und eines Westdeutschen denken darüber nach... Sie alle versuchen zu verstehen, wer oder was sie nun eigentlich sind, ob sie ein Vater- oder Mutterland haben und welches ihnen näher stehe. Die Frage heißt zumeist: was prägte mich entscheidend, wozu gehöre ich wirklich?
Der Ingenieur erinnert sich an seinen Vater, der war, z.B., Industriemeister in einem volkseigenen Betrieb, soff viel und drosch oft, am liebsten das Skatblatt und die eigenen Kinder. Er erinnert sich seiner Mutter, die war, z.B., Musiklehrerin, besaß ein Theaterabo und einen Hausfreund. Dann entscheidet er sich für ein prägendes Milieu und gegen ein anderes, seinen Schmerz aus Entscheidung und notwendiger Verdrängungsarbeit kompensiert er hinfort mit schmerzvollen Lyrics.
Der Angestellte mit dem „von“ vor dem mittelalterlich-rustikal-deutsch klingenden Familiennamen hat kaum Zeit nachzudenken und über seine Herkunft aus verarmtem Adel zu lamentieren, so schnell macht er Karriere, so fix sieht er sich nach kurzer Zeit im Vorstand einer Bank.
Der uneheliche Sohn der Putzfrau denkt, vielleicht, nur einmal kurz nach, dann erwähnt er seine Mutter in Gesprächen mit anderen grundsätzlich nicht mehr.
Die Tochter der Russin und des Polen weist, vielleicht, mal auf diesen, mal auf jenen hin, je nachdem, in welchem Land sie sich gerade befindet.
Die Tochter der Polin und des Ostdeutschen ist, vielleicht, sauer auf alle Deutschen, ihr Erzeuger hat die Mutter sitzen lassen, sie versucht, stolz auf ihre polnische Identität zu sein, oft denkt sie aber an einen Satz Heines über Chopin. (Heine schrieb, Chopin sei weder Pole noch Franzose noch Deutscher, er verrate einen weit höheren Ursprung, er stamme nämlich aus dem Lande Mozarts, Raffaels, Goethes, sein wahres Vaterland sei das Traumland der Poesie.)
Die Tochter einer Ostdeutschen und eines Westdeutschen – und so weiter. In aller Regel entscheiden sich die Suchenden und Zweifelnden für den vermeintlich wertvolleren Teil der Familie. Den Wert bestimmen soziale Rangordnungen, das allgemeine Renommee des Vater- oder Mutterlandes, des Vater- oder Mutterberufsstandes, des Vater- oder Muttereinkommens, ihrer Bildung etc.

Kaspers Vater war ein Offizier der Grenztruppen. Nach der Wende schoß man ihn zum Mond, das heißt, er wurde entlassen. Nach ein paar Wochen Tätigkeit bei einem privaten Wachdienst verschwand er wirklich, Kasper hat ihn nicht mehr gesehen.
Kaspers Mutter entfloh schon frühzeitig ihrem Angeheirateten, dessen Beförderungsaussichten zum Oberleutnant und der Schrankwand Marke „Bützow“. Sie jobbte in Kneipen, Diskotheken, hatte viele Freunde, einen Ausreiseantrag und ging nach der Wende auf eine Nordseeinsel, da war sie auch schon in einem „schwervermittelbaren Alter“.

Für Kasper war lange klar: nur wer aus einer wirklichen Kasperfamilie kommt, kann ein echter Vollkasper sein. Und er wollte dies gern sein. Wessen Erbgut dagegen mit einem Nichtkasper väter- oder mütterlicherseits belastet ist, könne nur ein Halbkasper sein, was einer Minderung der Kasperqualität entspräche.
Sein Vater nun war in keiner Weise als Vollkasper zu sehen, er stufte ihn eher in die Kategorie der Kasperinsuffizienten oder gar der Antikasper ein Seiner Mutter konnte man den Titel einer Vollkasperin guten Gewissens auch nicht zugestehen. Zu sehr war sie fixiert auf ein besseres Leben, dem sie ständig hinterherhetzte, durch Kneipennächte, durch Betten, durch das ganze Land...
Das belastete Kasper lange.

Zum Glück erkannte er eines Tages Folgendes: aller Bezug auf Herkunft und Abstammung ist eines wahren Kaspers unwürdig, es ist kein Kasperkram, sondern einfach nur Kram. Der wahre Kasper macht sich frei von seiner Herkunft, er erfindet sich neu – als Kasper. Einen Kasper kann kein Fremder erfinden, man kann ihn also auch nicht klonen. Ein Kasper ist ein Kasper ist ein Clown (Er nannte diese Einsicht "Das Kasparelium"). Sein geplagtes Herz ward wieder frei mit dieser Erkenntnis, ihn faßte eine ungeheure Lust zu neuen Kaspereien, und so griff er sich den Telefonhörer, um seine Mutter anzurufen.
Er wählte eine Zufallsnummer, hörte das Besetztzeichen, legte auf. Eigentlich wollte er sowas nicht mehr machen, aber in diesem Fall war er sich nicht schlüssig, was ihn trieb und was seine Handlung darstellte: war das noch Kasperei oder war es eine völlig unsinnige, irrationale Handlung?

Denn seine Mutter war seit Jahren tot.

Also wußte Kasper und war doch im Zweifel.

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