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Leselupe.de > Kurzprosa
Kasper macht eine Traumkarriere
Eingestellt am 23. 08. 2005 16:22


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Penelopeia
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2002

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Ja, liebe Kinder, kĂŒrzlich machte Kasper Karriere. Sogar eine Traumkarriere! Leider hat es keiner mitbekommen außer er selber, und das, obwohl er schlief. Ihr könnt es mir glauben, was ich sage, das stimmt! Und zwar war es so, daß er sich eines Abends ganz zerschlagen fĂŒhlte. Viel war ihm begegnet an diesem Tage, mit vielen Menschen hatte er gesprochen, mit dem zustĂ€ndigen Mitarbeiter des Arbeitsamtes, mit seinem Noch-Vermieter, mit der schönen Blumenfrau, mit Skins und Punks und Polizisten, mit Kindern, Hunden, Katzen, mit seiner Mundharmonika, der Sonne, den Wolken und noch vielen anderen Wichtigkeiten. Nun fĂŒhlte er sich ziemlich kaputt, konnte jedoch nicht schlafen. So trank Kasper eine Flasche krĂ€ftigen Roten, schloß die Augen, schlief ein. Und trĂ€umte.
Er trĂ€umte einen eigenartigen Traum. In diesem Traum machte er Karriere, eine große, eine Traumkarriere. Und zwar so:

Auf Kasper tritt der Gehörnte zu, raunzt: Kasper, eh, ich hab was fĂŒr dich!
Kasper winkt ab. Ach, du schon wieder. Um was gehts denn heute?
Eine Karriere, eine Traumkarriere!, zischelt der Gehörnte.
So? Als was denn?
Der Gehörnte legt den Finger auf die Lippen: Psst! Niemand sagen! Du wirst Kanzler!
Kasper zeigt ihm einen Vogel. Ich und Kanzler? Und was muß ich tun?
Der Gehörnte zwinkert verschwörerisch: Du mußt dich entscheiden, haucht er. Ich berate dich dann.
Kasper kratzt sich im Schritt. Du meinst, welches Land?
Der Gehörnte schweigt.
Du meinst, welche Partei?
Der Gehörnte verzieht keine Miene.
Du meinst, ob ein – linker oder rechter Kanzler?
Der Gehörnte nickt unmerklich.
Gut, sagt Kasper, ich werde natĂŒrlich ein linker Kasper, Ă€h, Kanzler.
Der Gehörnte zieht ein NotizbĂŒchlein aus dem Jackett, setzt sich einen Zwicker auf. Er schlĂ€gt das BĂŒchlein auf, beginnt vorzulesen: Also, du wirst als linker Kanzler zuerst die Besteuerung großer Konzerne wieder einfĂŒhren. Du wirst die Einkommen radikal von oben nach unten verteilen, die Pendlerpauschale verdoppeln, die Lehrerstellen verdreifachen, Benzin- und Bierpreise vierteln, die vorhandene Arbeit an alle per Gutschein zuweisen, allen AuslĂ€ndern eine Arbeitsgenehmigung erteilen, dich fĂŒr die Aufnahme aller Beitrittswilligen in die EU einsetzen, die ArbeitsĂ€mter auflösen, das MilitĂ€r...
Kasper unterbricht: Und dann?
Der Gehörnte ĂŒberlegt nicht lange. Dann, haspelt er los, verlagern die Konzerne ein bißchen ihre Standorte in andere LĂ€nder, dann schmuggeln die Reichen ihre Gelder noch schneller auf Schweizer Konten, dann wird dir das Volk zunĂ€chst zujubeln und kurz drauf, wenn die Einkommen ins Bodenlose stĂŒrzen und es denn gar keine Arbeit mehr gibt im Lande, nicht mal einen Job beim Bundesgrenzschutz oder im Panzerinstandsetzungswerk von Meck-Hinterpomm, dich verfluchen und beschimpfen, man wird dich zerreißen wollen...
Kasper hÀlt sich die Ohren zu. Ja, stöhnt er, soll ich denn ein rechter Kanzler werden?
Der Gehörnte ĂŒberlegt nicht lange. Dann, kommt es wie aus der Pistole geschossen, mußt du Lederhosen tragen, bayrisch lernen, dir ein Bild vom seligen Franz-Josef oder, besser noch, vom unseligen Franz Schönhuber in die Stuab hĂ€ngen, dann mußt du das Schulwesen landesweit ein bißchen – kruzifixverdammtnochmal – katholisieren, du mußt die Konzerne, das Flugbenzin, den VertriebenenverbĂ€nden, der RĂŒstungslobby, den TĂŒrken, allen AuslĂ€ndern, arbeitsscheuen KĂŒnstlern, Alternativen, Linken, Homos, Kaspern na und so weiter bla-bla-bla: ich werde dich gebĂŒhrlich einweisen.

Kasper stöhnt laut auf. Er entschließt sich, dem Gehörnten eine zu verpassen. Er zielt und – findet erwachend seinen Fuß in der eingetretenen NachtschranktĂŒr. Wie froh ist er, sich wiederzuhaben. Gott sei Dank, es war nur eine Traumkarriere, und keiner hats gesehen.

Also machte Kasper nicht wirklich Karriere.

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