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Leselupe.de > Anonymus
Kasper und die Auserwählten
Eingestellt am 09. 03. 2010 09:08


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Kasper und die Auserwählten

Kasper glaubt fest an das Paradies: Wir können es haben, wenn wir fröhlich sind und guter Dinge unser Tagewerk verrichten. Es kostet nicht viel, wir bekommen die Eintrittskarte für ein kleines Lächeln; selbst ein lauter Lacher oder ein derber Joke wird noch so halbwegs anerkannt.

Leider scheint das den wenigsten klar zu sein. So ziehen sie es vor, außerhalb des Gartens der Freundlichkeit und der guten Laune zu leben.

Sie lassen sich austreiben, in früher Jugend schon. So wie die ersten Menschen: Kasper interpretiert den Sündenfall nicht als Verkostung unreifer Früchte, zu der zwei sich langweilende Menschlein im Garten Eden angeblich von einer listigen Blaustrümpfigen angestiftet wurden, und der anschließend schlagartig hereinbrechenden Erkenntnis vom Nackidei-Dasein, sondern als Ergebnis einer völlig übertriebenen Reaktion Adams auf den Output seiner Geschmacksnerven: wenn die Frucht ihm auch schockierend sauer aufgestoßen sein mag und er – möglicherweise und ohne dass er es wollte – Erbrochenes auf seinen reinweißen Astralleib spie: so musste er doch nicht gleich in Depressionen fallen, die Augen niederschlagen und sich verkriechen in der hintersten Gartenecke vor Gott, Eva und der ganzen Welt; da war noch lange kein Anlass, Weltuntergangsstimmung zu verbreiten und sich dem Weltschmerz genüsslich zu ergeben! Freuen hätte er sich können, dass kein Pullover dabei verdreckte! Er hätte in einen der vier Flüsse springen können, und vergessen gewesen wäre das Problem. Gott trieb ihn aus, weil er keine Sauertöpfischen in seinem Garten aushalten konnte, aus keinem anderen Grund! (Eva, die viel gelassener auf den Genuss der Frucht reagierte, sie hätte natürlich bleiben können, um frei, ohne jegliche Bevormundung und vollemanzipiert, auf Gottes Rabatten herumzutreten. Aber das kam ihr sofort langweilig vor, so ging sie mit.)

Wer zu schnell sauer werde, wiederhole den Sündenfall, sagt Kasper. Und wer das nicht begreife und sein Verhalten ändere, werde nicht zu den Auserwählten gehören, denen Erlösung zugelacht sei.

Alle könnten zu den Erwählten gehören! Kasper: Es geht hier nicht um einen oder 144.000, für die’s ne Leiter in den Himmel gibt, es geht um alle, die vor dem verlorenen Paradies herumlungern und aus unerfindlichen Gründen schlechte Laune verbreiten! Sie kämen rein, ganz ohne Leiter, Fegefeuer, Armageddon.

Spucket aus den Rest der sauren Frucht, die euch im Magen oder auf der Seele liegt!, möchte er den Leuten zurufen, wenn er an manchem trüben Montagmorgen auf seiner Bordsteinkante hockt und die misslaunige Herde zur Arbeit und in die Geschäfte trotten sieht. Gott schuf uns nach seinem Bilde! Warum? Er machte die Sonne, den Himmel, die Sterne; er designte die Schlange, den Uhu, den Affen; er schrieb die erste Komödie und nannte sie „Des Menschen Lebenslauf“, ein an sich sinn-, zweck- und zielfreies, aber sehr unterhaltsames Stückchen, das schon eine große Zahl von Aufführungen in verschiedensten Qualitäten und erstaunlichsten Versionen erlebte; das leider auch und viel zu oft zum Drama oder aberwitzigen Horrorstück ausartete, ein Vorgang, der so nicht vorgesehen war und wofür der Stückeschreiber zuallerletzt verantwortlich gemacht werden kann, zumal, da er schwer greifbar ist. Man darf nicht vergessen: Ein guter Stückeschreiber muss kein guter Regisseur sein, vielleicht hat er die Regie auch gar nicht im Vertrag...

Kasper stellt sich Gott vor als lieben Kerl mit viel Fantasie, Spaß, Freude am bunten, vielgestaltigen Werkeln und Schöpfen, der harte, monotone Arbeit immer abgelehnt habe. Kasper sagt: Er war und bleibt ein Bastler, ein Improvisateur, ein Murkser; ein schräger, dilettantischer Künstler, ein fröhlich pfeifender Spinner; ein Scherzkeks, kurz: der größte aller Kasper.

Außerdem: Wer hätte schon, wäre er auch nur einen Deut seriöser gewesen, eine derart große Anzahl von liebenswerten, aber auch lächerlichen und mitunter höchst bedenklichen multiplen Unvollkommenheiten, die wir sind – und deren ursprüngliche er sein könnte –, in dieser Anzahl kopieren lassen?

Kopierfehler? Nein, sagt Kasper. Da gab’s keine Kopierfehler. Das Urbild war fehlerhaft, zum Glück. Wäre dem nicht so, lebten wir als Perfekte unter Perfekten. Wie langweilig wäre die Welt und wie weit vom Paradiese entfernt!

Würde man Kasper auf eine Kanzel lassen, er wendete sich an alle Verzagten, Depris, Lust- und Launelosen mit derlei Worten wie: Glaubt an das Paradies! Glaubt an eure Erwählung! Lacht mal! Von mir aus: grinst, aber nicht zynisch. Seid nicht sofort sauer, auch wenn euch die Kiwi vom türkischen Gemüsehändler aufstößt! Trinkt einen Tee, lächelt. Schalom: ihr werdet staunen.




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