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Leselupe.de > Kurzprosa
Kaspers Traumurlaub
Eingestellt am 14. 10. 2005 14:21


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Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

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Kasper hat nicht viel Geld. Für einen Urlaub in den Alpen reicht es natürlich nicht. Er hat sich einmal vorgestellt, er würde jeden Monat von seiner „Stütze“ eine größere Summe, so einen Euro etwa, sparen. Dann hat er den Preis für einen üppigen Urlaub genommen und durch eins geteilt, er wollte wissen, wie lange es ungefähr dauen könnte, wenn er beim Sparen durchhielte...
Das Ergebnis seiner „stützenbasierten Hochrechnung“ hat ihn fast zusammenbrechen lassen. Flugs fiel ihm ein passender Trost ein: Er sprach zu sich, er habe ja eigentlich sowieso Urlaub, wenn auch nur „hier“...
So richtig überzeugen wollte ihn sein eigenes Argument dennoch nicht. Und so setzte sich Kasper eines wunderlich-schönen Tages auf einen Bordstein, besah sich ein Geschäft auf der anderen Straßenseite und malte sich aus, er würde den Laden betreten:

„Mc Trek – Ihr Outdoorspezialist“, ist über der Eingangstür zu lesen. Kasper preßt die Lippen zum Strich, die Augen zum Spalt, befiehlt seinen zuckenden Mundwinkeln ein Päuschen, und betritt den Laden.
„Sie wünschen?“, wendet sich ein Verkäufer an ihn.
„Ich hätte gern“, erklärt Kasper sein Anliegen, „ich hätte gern – ein Bergseil. Ein besonders festes, langes...“
„Ach ja, ein Bergseil.“ Der Verkäufer gähnt. „Um welchen Berg geht‘s denn?“
Kasper beugt sich vor, als habe er ein Geheimnis preiszugeben: „Es geht um den begehrtesten Gipfel der Welt! Es geht um – “
„Mount Everest?“ Der Verkäufer sieht an Kasper herunter und wieder hinauf. „Sie..?"
„Ja, ja, ich.“ Kasper zieht seine ewig rutschende Hose hoch. „Aber nicht der Mount Everest ist mein Ziel. Sondern der – Gipfel der Deutungshoheit!“ Er nickt bedeutungsvoll mit dem Kopf. „Erlauben: Kasper, mein Name.“
Der Verkäufer überlegt einen Augenblick. „Ja“, sagt er schließlich, „ das ist allerdings ein besonderer Fall. Ich hörte selbst schon oft von diesem Gipfel. Viele versuchen es, manche schaffen es. Er verfügt über ein winziges Plateau, da soll meist schwer Betrieb sein. Auf dem knappen Platz versammeln sich Gipfelstürmer aus unterschiedlichsten Berufen...“
„Welche denn?“
Der Verkäufer kommt in Fahrt: „Zum Beispiel Dichter, Philosophen, Theologen, Politiker, Ökonomen, aber auch Schauspieler, Liedermacher, Kartenleger, Wahrsager... Selbst Modemacher, Klatschjournalisten, professionelle Vollidioten – der Gipfel scheint für viele Berufsgruppen eine große Anziehungskraft zu haben...“
„Mit welchen Hilfsmitteln komme ich denn nun am schnellsten da hoch?“, will Kasper wissen.
„Jahrelanges Training, jahrelanges Üben an den entsprechenden Schulen, Hochschulen, Universitäten. Sicher kann einem ein fähiger Vater auch geeignete Kniffe für die Bezwingung dieses Gipfels zeigen, der familiäre Hintergrund hat eine tiefe Bedeutung für hohe Ziele, verehrter Kasper, eine ganz außerordentlich tiefe, wenn ich so an meine Herkunft denke...“
„Und, wenn ich fragen darf“, unterbricht Kasper den zu großer Form auflaufenden Verkäufer, „wie ist es denn da oben? Haben sie mal ein Feedback bekommen von denen, die oben waren?“
Der Verkäufer schüttelt den Kopf. „Nicht direkt. Wer auf diesen Gipfel gelangte, läßt sich hier nicht wieder sehen. Aber von Bekannten weiß ich: es soll eng sein da oben. Sehr eng. Gefährlich eng. Mancher fällt, wird gestoßen...“
Kasper schaut traurig. „Und wenn ich nun, nach jahrelangem Training an den richtigen Schulen, den Aufstieg schaffe?“
„Ja, mein lieber Kasper“, antwortet der Verkäufer. „Überlegen sie es sich. Da oben herrscht neben dem gefährlichen Gedränge und der nicht eben schonenden Umgangsweise der erfolgreichen Gipfelstürmer untereinander – ein dichter Nebel!“
„Nebel?“
„Ja, Nebel. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Von wegen herrliche Aussicht...“
Kasper grübelt einen Moment. „Das bedeutet, man würde mich da oben gar nicht wahrnehmen!?“
„Schlimmer“: Man würde, verehrter Kasper, sie als solchen nicht ansatzweise erkennen!“
„Wissen sie“, sagt Kasper, „ich glaube, ich verzichte auf diese Bergtour. Wo man nicht einmal mich erkennt, will ich nicht sein. Das käme einer Beleidigung gleich.“
Er klopft dem Verkäufer auf die Schulter, zieht die rutschende Hose hoch, entspannt sein Gesicht, verläßt den Laden. Der Verkäufer wünscht ihm noch einen „Schönen Urlaub, hier, bei uns!“ Er geht über die Straße und setzt sich auf den Bordstein...


Kasper starrte, in seine Gespräche vertieft, noch immer auf das Geschäft. Im Schaufenster entdeckte sein Blick ein Schild. Neugierig erhob er sich, ging nun wirklich über die Straße, trat an das Schaufenster heran, las das Schild. Er las: „Geschäftsaufgabe wegen Konkurs.“

Also träumte Kasper von Urlaub und befand sich doch schon mitten drin.

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