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Leselupe.de > Erzählungen
Katar Kafala - Straße ohne Wiederkehr (Erster Teil)
Eingestellt am 18. 01. 2018 19:18


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CPMan
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Die in einer Metallschiene gefasste Kamera saust auf die Höhe meines Kopfes und fixiert mit einem leichten Surren meine müden Augen. Auf einem Monitor sehe ich ein Fadenkreuz mit meinem Gesicht darin. Ich stehe nicht ganz mittig, mache also einen Ausfallschritt nach links. Jetzt passt es. Die Kamera macht ein Bild und gleicht es mit dem Foto des elektronischen Reisepasses ab, das der Scanner gerade eingelesen hat: Übereinstimmung. Eine grüne Lampe leuchtet auf, die Glasschranke öffnet sich. Ich kann hindurch gehen.

Über eine automatische Passkontrolle betrete ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Emirat. Es ist aber niemand da, der sagt: „Welcome to Qatar!“
Hinter mir ist Maria, die, obwohl in Deutschland geboren und aufgewachsen, einen koreanischen Pass besitzt. Vielleicht dauert es deswegen länger. Die grüne Lampe leuchtet jedenfalls nicht sofort auf. Doch irgendwann darf auch sie durch.

Als wir den Flughafen von Doha verlassen, ist es tiefste Nacht und ungefähr 25 Grad warm. Es weht nur ein ganz leichter Wind und wir tragen immer noch die langen Klamotten.
Wir sind ziemlich durch. Gute zwölf Stunden zuvor sind wir in Düsseldorf gestartet und mit Turkish Airlines zunächst nach Istanbul geflogen. An Bord befanden sich hauptsächlich europäische Touristen wie wir. Nach drei Stunden Aufenthalt am Atatürk Flughafen sind wir mit Qatar Airways weiter nach Doha geflogen. Schon im Flugzeug merkte man, dass wir kein wirklich touristisches Ziel ansteuerten. An Bord befanden sich hauptsächlich alte, muslimisch anmutende Männer, einige im Business Anzug, die meisten aber in billigen Jacketts und Stoffhosen mit Bügelfalte. Maria war, abgesehen von den Stewardessen, so ziemlich die einzige Frau an Bord.

Wir nehmen uns ein Taxi. Maria hat die Adresse auf einen kleinen Zettel geschrieben: Tower 24, Porto Arabia, The Pearl, Doha. Sie reicht dem Fahrer das Stück Papier. Der schaut kurz drauf und fährt dann los. Während der halbstündigen Fahrt sagt er kein einziges Wort. Wir auch nicht. Zum einen, weil wir müde sind, zum anderen, weil uns absolut keine passende Frage einfällt.
The Pearl ist eine künstlich aufgeschüttete Peninsula an der Ostküste Katars. Eine lange Zufahrtstraße mündet in eine Kontrollstation mit Wachhaus und Schranke. Der uniformierte Mann schaut kurz zu uns auf die Rückbank und bedeutet dann einem anderen Wachmann, die Schranke zu öffnen. Wir fahren weiter. Durch die Seitenfenster erkennen wir die hell erleuchteten, riesigen und luxuriösen Hochhäuser der Halbinsel.
„Plattenbau für Millionäre“, sagt Maria leicht verächtlich und ich muss grinsen, weil ich den Vergleich ganz passend finde. Obwohl Jürgen wahrscheinlich noch kein Millionär ist. Aber nah dran.

Unser Fahrer stoppt vor dem Eingang des Tower 24 und packt unsere Koffer aus. Fast scheint er ein bisschen genervt, dass Maria ihn bezahlt und nicht ich. Wir laufen in die Lobby aus rotem Marmor und begeben uns an die Rezeption.
„We are guests of Mister Becker“, sagt Maria. „He is expecting us“.
Der Mann hinter der Rezeption lächelt uns an.
„Yes, we were informed. You’re on floor 21, Apartment 4!“
Wir bedanken uns und fahren mit dem Aufzug in den einundzwanzigsten Stock. Wir finden das Apartment am Ende eines langen Flures. Leise klopfen wir an die Tür zum Apartment, die ein paar Minuten später aufgeht. Jürgen steht in Boxershorts und T-Shirt verschlafen im Eingang.
„Kommt rein“, sagt er und gähnt dabei. Als er die Tür hinter sich schließt, umarmt er uns beide kurz.
„Ich zeig euch eure Zimmer“, flüstert er ohne erkennbaren Grund und läuft den geräumigen Flur entlang. Am Ende macht er drei Türen auf: die zu unserem ausladenden Badezimmer, die zu meinem Zimmer und die zu Marias Zimmer. Dazu bekommen Maria und ich jeweils eine Magnetkarte, mit der wir rein- und rauskommen.

Keine zehn Minuten später liegen wir alle in den Betten. Jürgen muss morgen früh raus und arbeiten, wir sind platt von der Anreise.

Kennengelernt habe ich Jürgen über Maria. Zu der Zeit arbeiteten beide noch bei Globafone. Jürgen war Marias Vorgesetzter und machte nebenher seinen Master in Informations- und Telekommunikationstechnik. Da der Konzern in Großbritannien ansässig war, wurde Jürgen dazu angehalten, seine Arbeit auf Englisch zu schreiben. Maria fragte mich, ob ich sie für ihn Korrektur lesen könne und ich sagte zu. Obwohl ich mich für Telekommunikation nicht sonderlich interessierte, las ich mich mit Interesse durch seinen Text. Es ging hauptsächlich um RFID, insbesondere um Chip-Implantate, die man sich unter die Haut einsetzen lassen konnte. Jürgens Englisch war fast fehlerlos, es gab nicht viel zu korrigieren. Dennoch wurde ich als Dankeschön zum Essen eingeladen.

Beim Essen lernte ich einen Mann Anfang dreißig kennen, der kaum noch Haare auf dem Kopf hatte und ein wenig an Christoph Maria Herbst in Stromberg erinnerte. Beim Abendessen kompensierte Jürgen dieses Aussehen eines Durchschnittsdeutschen mit einem Ausbund an Feingeistigkeit und Eloquenz, dass ich ihn automatisch für sehr gebildet und ziemlich schwul hielt. Sein vorzügliches Limetten-Risotto mit Spinat und Mascarpone war dann das letzte Glied in meiner Beweiskette.
„Der ist extrem nett und gebildet“, meinte ich zu Maria auf der Rückfahrt. „Aber der ist doch schwul, oder?“
Maria verneinte und ich schüttelte ungläubig den Kopf. Dem steht nur sein Coming-Out noch bevor, dachte ich.

Am nächsten Morgen, Jürgen ist schon längst zur Arbeit gefahren, wachen wir auf, machen uns nacheinander im luxuriösen Badezimmer fertig und frühstücken dann. Es gibt labberiges Brot mit Marmelade und Kapsel-Kaffee. Wir inspizieren die klimatisierte Wohnung mit Marmorboden, versuchen vergeblich, den riesigen Flachbildfernseher einzuschalten und gehen einmal kurz auf den Balkon. Von dort haben wir einen guten Überblick über die mit Baustellen und Hochhäusern bespickte Wüstenei. Auf den Straßen sind praktisch keine Menschen zu sehen, nur am Horizont, auf einer riesigen Freifläche, sehen wir Arbeiter aus weißen Containern kommen und in Dreierreihen antreten, bevor sie sich dann, angeführt von einem Vorarbeiter, in Bewegung setzen. Ich würde mir das Schauspiel noch länger anschauen, aber es wird bald zu heiß dafür. Wir gehen wieder rein.

Gegen dreizehn Uhr ist uns so langweilig, dass wir unseren ersten Spaziergang nach draußen wagen. Wir verlassen die Lobby und treten über einen Nebeneingang ins Freie. Die trockene, heiße Luft, die uns sogleich umspült, ist zunächst eine angenehme Abwechslung zur künstlich kalten Luft im Gebäude. Aber schon noch wenigen Metern, als wir aus dem Schatten des Hochhauses ins pralle Sonnenlicht treten, gilt es, den aufkeimenden Fluchtimpuls zu unterdrücken.
Wir laufen zum menschenleeren Yachthafen; Luxusboote wiegen sich im Wasser, leise, nichtssagende klassische Musik dringt aus versteckt installierten Lautsprechern über das Areal und lässt uns glauben, wir seien auf dem Gelände eines Filmstudios nach Drehschluss. Es ist gespenstisch.
Sobald ich den Eingang eines weiteren Hochhauses erkenne, gehe ich automatisch darauf zu und betrete einen der klimatisierten Wandelgänge. Nach diesem Muster umrunden wir einmal die ganze Halbinsel: immer auf der Suche nach dem nächsten klimatisierten Raum, der uns eine Abkühlung bietet.

Als wir endlich wieder an Tower 24 ankommen, atmen wir erleichtert auf. Wir fahren mit dem Fahrstuhl zurück in Jürgens Wohnung und empfinden das Betreten der klimatisierten Wohnung wie einen Sprung ins kühle Nass. Wir fläzen uns mit Eistee in Longdrinkgläsern auf die Couch und erholen uns von den Strapazen.
„Ist das eine Affenhitze“, sagen wir beide stöhnend im Wechsel, bis wir zu lachen anfangen.

Gegen siebzehn Uhr kommt Jürgen dann zurück. Das Drehen des Schlüssels im Schloss ist wie eine Erlösung, dennoch verharren wir beide auf der Couch. Jetzt geht es los, denken wir wohl. Wir stehen dann doch auf, begrüßen Jürgen erneut herzlich, diesmal ist er im Anzug und wir sind fast nackt. Er fragt wie unsere Reise war und wir fragen ihn, wie sein Tag war. Nach einem ausschweifendem Smalltalk sprechen wir über die Pläne für unseren Aufenthalt.
„Ich habe euch mal eine Excel-Tabelle gemacht, mit Vorschlägen für die Tage, die ihr hier seid.“
Er reicht mir und Maria ein Blatt und ich muss verhohlen grinsen angesichts eines solchen, ins Privatleben dringenden Perfektionismus. Auch Maria schaut mich an und rollt mit den Augen.
„Außerdem schlage ich vor, dass ich alle Rechnungen hier bezahle und euch dann nachher eine individuelle Rechnung mache.“
Ich nicke und schaue auf die Tabelle: eine Festung, ein Museum, eine Shopping-Mall, der Aspire-Tower, ein Kamelrennen, eine Wüstenfahrt mit einem HUMMER und ein Frühstück im Marriott Hotel mit anderen Expats stehen auf dem Plan. Könnte nett werden, denke ich.

„Und jetzt gehen wir erst einmal essen“, sagt Jürgen dann. Maria und ich sind froh, dass wir endlich das Apartment verlassen können. Wir ziehen uns rasch an und fahren dann mit Jürgens Mercedes in den Souk Waqif, einem kommerziellen Viertel am Rande von Doha. Die Geschäfte und Stände im Souk unterscheiden sich kaum vom Basar in Istanbul, nur dass es hier einige sehr spezielle Produkte gibt: bunt angemalte Küken, kleine Schlangen, farbenfrohe Papageien und in Gold gegossene Falken. Wir gehen auf die Dachterrasse eines der vielen Restaurants und genießen bei einem leckeren Reisgericht und Bier die laue Abendluft.
„Und wie läuft es mit Globafone?“, frage ich, um Konversation zu machen. „Kommt ihr gut voran?“
„Nö“, erwidert Jürgen lapidar. „Die Kataris verarschen uns nach Strich und Faden.“
Ich bin leicht irritiert. Maria hat mir erklärt, dass Globafone als erster ausländischer Bewerber die Erlaubnis bekommen hat, ein privates Telefonnetz als Konkurrenz zum staatlichen Anbieter zu etablieren.
„Wie das?“
„Naja, im Kooperationsvertrag hieß es ursprünglich, dass Globafone die bereits vorhandenen spots nutzen kann, also die Stellen im Land, wo bereits Sendemasten installiert sind. Jetzt stellt sich heraus, dass wir zwar die spots, also die Plätze benutzen dürfen, aber nicht die dort bereits vorhandenen Masten. Die haben das Wort spots wortwörtlich gemeint.“
Ich muss lachen.
„Ja, du lachst, aber Globafone darf jetzt durch das ganze Land fahren und überall COWs aufstellen. Das kostet ein Heidengeld.“
„COWs?“
„Carrier on wheels, kleine LKW mit aufmontierten Sendemasten. Jeder dieser mobilen Sendemasten kostet 200 000 Euro!“
Ich pfeife durch die Zähne.
„Globafone hat sich schon damit abgefunden, hier in den nächsten zehn Jahren keinen Gewinn zu machen. Es ging ohnehin mehr ums Prestige.“ Jürgen hebt die Hände und wackelt damit. „Schaut her, wir sind sogar am Persischen Golf.“

Der Rest des Abends wird feuchtfröhlich. Obwohl Katar muslimisch ist, stört sich niemand an unserem Alkoholkonsum. Es scheint auch niemanden zu kümmern, als wir fast drei Stunden später zu dritt durch den Souk torkeln und in den Mercedes steigen.
„Ab nach Hause“, lallt Jürgen ins Steuer und streicht einmal über das Lenkrad. Wie von Zauberhand springt der Motor an, und mir kommt es so vor, als hätte Jürgen gar keinen Schlüssel ins Zündschloss stecken müssen. Oh Mann, bin ich voll, denke ich, als wir losfahren.

Als wir wieder am Tower 24 von The Pearl ankommen, spüre ich entsetzliche Müdigkeit. Ein Blick in Marias und Jürgen Gesicht zeigt mir, dass sie ähnlich fühlen. Bei der Fahrt im Aufzug sagt keiner ein Wort und ständig gähnt einer oder fährt sich durchs Gesicht. Als wir an der Tür ankommen, streicht Jürgen lediglich mit der flachen Hand über die Stelle, die wir mit den Magnetkarten berührt haben.
„RFID!“, rufe ich laut und zeige auf Jürgens Hand.
„Ja“, lallt er zurück, „merkst du das jetzt erst? Ich hab doch auch den Wagen damit bedient.“
Ich bin bass erstaunt. Jürgen hat sich tatsächlich einen Chip implantieren lassen, mit dem er seinen Mercedes fahren und seine Wohnungstür öffnen kann.
„Hat alles Globafone gemacht. Alle im Management haben so ein Ding! Hier in Katar zumindest.“
Ich bin immer noch so betrunken, dass ich glaube, zu halluzinieren. Ich sage den beiden gute Nacht und gehe in mein Zimmer. Ich streiche mit der flachen Hand über die Nachttischlampe und muss grinsen, als sie nicht angeht. Ich drücke den Schalter, lege mich ins Bett und falle in einen tiefen Schlaf.

In der Nacht träume ich von Kühen, die auf der Weide stehen. Plötzlich kommen da Kabel und Eisenstangen aus ihrem Körper, fahren kleine Satellitenschüsseln hoch und richten sich nach Osten aus. Die Kühe stehen weiter völlig unbeeindruckt auf der Weide und kauen ihr Gras, auch dann noch, als sie fremdländische Sender empfangen. Am Ende kommt Jürgen ins Bild und streicht mit der flachen Hand über die Kühe, die sich daraufhin sofort in Luft auflösen.



Version vom 18. 01. 2018 19:18

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helmut
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Katar Kafala - Straße ohne Wiederkehr (Erster Teil)

Die Geschichte hat mich nicht gefesselt. Das lag sicher nicht an zu viel Text. Mir ist auch nicht klar was die Aussage „zu viel Text“ in dieser Erzählung bedeuten soll. Ganz im Gegenteil, mir ist die Erzählung zu hektisch – fast im Telegrammstil. Sollte es sich um den Anfang der Geschichte handeln, dann denke ich, sollten die Personen dem Leser schon am Anfang der Geschichte so vorgestellt werden, dass der Leser sich in ihnen gleich hineinversetzen kann.

Und bitte nicht, „Maria war, abgesehen von den Stewardessen, so ziemlich die einzige Frau an Bord.“,
ist sie es oder ist sie es nicht.

LG
Helmut

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helmut

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