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Leselupe.de > Erzählungen
Katar Kafala - Straße ohne Wiederkehr (Zweiter Teil)
Eingestellt am 19. 01. 2018 09:35


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CPMan
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Gegen zehn Uhr am nächsten Morgen wanke ich ins Wohnzimmer. Maria und Jürgen liegen entspannt, aber noch in Unterwäsche auf der Couch und schauen sich einen Hollywoodfilm auf dem überdimensionalen Fernseher an. Sie nicken mir zu wie einem Kameraden, mit dem sie abends zuvor ein Fronterlebnis hatten.
„Musst du nicht arbeiten?“, frage ich.
„Hab mir frei genommen. Muss erst nächste Woche wieder hin.“
„Cool“, sage ich eine Spur zu abgeklärt und setze mich neben Maria auf die Couch.
Während der Film läuft, dessen Inhalt komplett an mir vorbeigeht, macht Jürgen Kapselkaffee und bestellt bei der Rezeption französisches Frühstück. Keine zehn Minuten später steht ein Page, der aussieht, als sei er aus den Zwanzigern in eine Zeitmaschine gefallen, mit einem Tablett warmer Croissants und goldener Butter im Türrahmen und lächelt uns untergeben an. Jürgen nimmt dem Pagen das Tablett aus der Hand, drückt ihm einen Geldschein in die Hand und macht die Tür zu. Noch bevor er das Tablett auf dem Couchtisch absetzen kann, haben Maria und ich uns jeder zwei Croissants geschnappt.

„Wir könnten heute die Al Zubara Festung besichtigen und anschließend ins Museum für islamische Kunst gehen“, schlägt Jürgen schließlich vor.
Weder Maria noch ich springen enthusiastisch von der Couch auf. Obwohl wir wenig wissen über das Emirat, ahnen wir beide, dass das, was Europäer für gewöhnlich unter Kultur verstehen, hier schwer zu finden ist. Mir fällt jedenfalls kein islamisches Kunstwerk ein, das einer Mona Lisa den Rang ablaufen könnte, und eine Festung irgendwo in der Wüste ist sicher nicht etwas, von dem ich meinen Enkeln noch erzählen werde. Mir ist, als sähe ich bereits durch all die Wolkenkratzer und Shopping Malls, durch all den Tand hindurch, als sähe ich Katar als das, was es wirklich ist: eine Fata Morgana, ein schickes Dorf, bewohnt von kulturlosen Nomaden, die zufällig auf Erdgas gestoßen sind. Ich steigere mich, halbnackt auf der Couch liegend und meine Eier kraulend, in koloniale Herablassung hinein. Wenn ihr auch nur ein bisschen fortschrittlich wäret, denke ich, dann wäre hier alles voller Solarmodule. Aber nix: Fehlanzeige. Wozu auch alternative Energie, wenn man auf Erdgas sitzt.

Wir machen also die Festung. Wir fahren aus Doha raus, vorbei an Autobahnen und elend langen Shopping Malls mit künstlich bewässerten Rasenflächen. Wir machen an einem großen Supermarkt Rast und decken uns mit Getränken und Snacks ein. Als ich ein Foto von den akribisch eingeräumten Regalen mit allen möglichen Frühstückscerealien von Kellogg’s mache, taucht plötzlich ein Mann mit Walkie Talkie auf, den ich für den Chef des Supermarktes halte.
„No photos“, sagt er streng und untermalt seine Worte mit einem wedelnden Zeigefinger.
„Okay“, sage ich gehorsam und zeige ihm, wie ich das soeben gemachte Foto wieder lösche. Er nickt dankbar und lässt mich dann leicht irritiert stehen.

„Die haben’s nicht so gerne, wenn man ihre totale Abhängigkeit von Importen dokumentiert“, erklärt mir Jürgen beiläufig, als wir uns auf dem Parkplatz wieder zusammenfinden. „Die stellen nichts selber her. Gar nichts.“

Eine knappe Stunde später kommen wir an der Festung an. Es ist eine überdimensionale Sandburg mit vier Türmen aus rotem Lehm. Außer uns ist niemand da und man kann die Festung nicht betreten, sondern nur um sie herum laufen, was keine zehn Minuten dauert. Aus Höflichkeit verberge ich meine absolute Enttäuschung und stelle irgendwelche Fragen, die Interesse heucheln.
„Wie alt die Festung wohl ist?“
„Die ist 1938 gebaut worden, unter der Herrschaft von Scheich Al Thani.“
An der Art, wie Jürgen antwortet, erkenne ich, dass er schon andere Freunde und Bekannte hierher geführt hat. Er liefert im gleichen Tonfall noch ergänzende Erklärungen, aber ich höre nicht wirklich hin. Ich nicke bloß in regelmäßigen Abständen und mache bisweilen ‚Aha’. Das Haus meiner Eltern ist älter, denke ich, bevor wir wieder in den Mercedes steigen.

Wieder fahren wir eine Stunde durch asphaltierte Wüste. Wir begegnen bis kurz vor Doha nur zwei größeren, weißen Jeeps. Darin sitzen ausschließlich Männer im Dischdascha, so nennt man, Jürgen hat es mir erklärt, das weiße knöchellange Gewand, das die Einheimischen hier tragen. Die ebenfalls weiße Kopfbedeckung, ein langes Tuch mit schwarzem Ring, nennt man Gahfiya. Auch diese Einheitstracht erschwert es mir, die Kataris als Individuen wahrzunehmen. Bis auf den Chef des Supermarktes habe ich auch noch mit keinem gesprochen. Vielleicht war der auch gar kein Katari.

Das Museum für islamische Kunst ist ein architektonisches Meisterwerk ohne Inhalt. Das Gebäude erhebt sich am Ende einer Uferpromenade über die Westbay und prahlt mit klaren Kanten und Ecken. Innen drin geht man jedoch nur durch ewig lange Gänge, in denen Keramik, Schriftrollen und andere Dokumente in Vitrinen oder auf kleinen Podesten ein jämmerliches Dasein fristen. Unter jeder Schüssel, unter jedem Dokument befindet sich ein kleines Kärtchen mit arabischer Erklärung. Ich bin des Arabischen nicht mächtig, aber an der Bedeutungslosigkeit der Erklärungen hege ich keinen Zweifel. Fast tun mir die Kataris leid, wie sie krampfhaft versuchen, sich mit viel Geld Tradition und Geschichte zu erkaufen. Wie Neureiche, die ein Buch kaufen (dass sie nie lesen werden), nur um intellektuell zu wirken.

Am Abend fällt uns wieder nichts Besseres ein, als ins Sheraton Hotel zu fahren und uns dort bei ordentlich Rotwein und Lammbraten über Katar lustig zu machen. Selbst Jürgen gibt mit jedem Schluck Wein seine Zurückhaltung und Distinguiertheit auf.
„Vor zwei Jahren“, erzählt er leutselig, „hat der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich al-Nahayan, den einkommensschwachen Bürgern seines Landes einfach mal so die Schulden erlassen. Schulden im Wert von einer halben Milliarde Euro. Die Nachricht hat in Katar natürlich eingeschlagen wie eine Bombe. Irgendwann ging dann das Gerücht um, dass der Emir von Katar das bald auch machen würde. Was machen also die Kataris? Stürmen die Shopping Malls und kaufen wie die Blöden. Irgendwann sah sich der Emir dann gezwungen, ein Statement abzugeben, dass er nicht plane, die Schulden zu erlassen.“
Maria und ich müssen lachen.
„Es ist einfach der absolute Wahnsinn“, fährt Jürgen fort, „wie die Leute hier mit Geld umgehen. Das sehen wir jeden Tag auf der Arbeit. Jede ausländische Firma ist dazu verpflichtet, fünfzehn Prozent Einheimische einzustellen, also echte Kataris. Die meisten haben aber so viel Geld, dass sie gar keinen Sinn darin sehen, zu studieren, jeden Tag in einem Büro abzuhängen und Probleme wie unsere zu lösen. Die Studienabschlüsse von denen sind auch nichts wert. Was macht also Globafone? Die stellen zwanzig Prozent Kataris ein, die alle Home Office machen. Die kriegen jeden Monat genau dasselbe Gehalt wie wir, müssen aber keinen Handschlag dafür tun.“
„So ‘nen Job hätte ich auch gerne“, meine ich lachend.

Gegen dreiundzwanzig Uhr verlassen wir das Hotel und fahren zurück zu Jürgens Wohnung. Ich staune darüber, wie sicher Jürgen seinen Mercedes lenkt, obwohl wir insgesamt drei Flaschen Wein geleert haben.
„Trinkt der immer so viel?“, frage ich Maria.
„Vielleicht will er dich beeindrucken“, erwidert sie.

Nach einer traumlosen Nacht (zumindest kann ich mich an nichts erinnern) treffen wir uns am nächsten Morgen gegen elf Uhr wieder im Wohnzimmer. Wieder schauen Maria und Jürgen gerade einen Hollywoodfilm und wieder rufen wir den Pagen, der uns erneut französisches Frühstück in die Wohnung bringt.

„Heute fahren wir zum Kamelrennen“, sagt Jürgen schließlich in einem Tonfall, der mich glauben lässt, dass dies der Höhepunkt unseres doch recht ereignislosen Aufenthaltes wird.
„Super“, sage ich, zum einen, um meine Enttäuschung über den bisherigen Aufenthalt zu verbergen, zum anderen, um Jürgen meine Dankbarkeit zu zeigen, denn schließlich kennen wir uns nicht gut, und doch darf ich bei ihm wohnen, er nimmt sich Zeit für uns und streckt alle Kosten vor.

Erneut geht es über eine breite Autostraße aus Doha raus und in die Wüste hinein. Diesmal fahren wir noch länger als tags zuvor, und auch der Straßenverlauf ist noch eintöniger: links und rechts nur Sand, der sich gelegentlich am Horizont zu kleinen Hügeln erhebt. Vor uns in weiter Ferne, über dem Asphalt schwebend, die Luftspiegelung eines imaginären Sees, eine Fata Morgana. Erst nach einer guten Stunde erkennen wir ein Gebäude, das einer Festung ähnelt, und Ansammlungen von Menschen und Kamelen. Je näher wir dem Gelände kommen, desto klarer wird das Bild: Kameltrainer, die ich mit meinem Halbwissen als schwarzafrikanische Beduinen bezeichne, laufen mit den arabischen Renntieren auf einer eigens eingerichteten Sandbahn. Gelegentlich stellt sich ein Einheimischer, vielleicht ein Scheich oder Emir, dazu und redet auf den Kameltrainer und das Kamel ein.
„Das sind die Besitzer“, meint Jürgen, der meinem Blick gefolgt ist.
Auf dem Rücken der Kamele erkenne ich bunte Jockey-Puppen, die mit Bändern festgeschnallt und mit einer kleinen Rotorpeitsche ausgestattet sind.
„Warum keine echten Jockeys?“, frage ich unverblümt.
„Zu schwer“, erwidert Jürgen. „Früher haben sie fünfjährige Jungen aus Bangladesch oder Sri Lanka benutzt, aber dann hat der Emir ein Mindestalter festgesetzt und seitdem gibt es diese kleinen Roboter-Jockeys. Putzig, nicht wahr?“
Putzig schon, aber irgendwie zerstört es auch das archaische Element eines Kamelrennens. Auch die Kataris mit ihren Handys am Ohr vergällen mir das antizipierte Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Wir parken den Mercedes und schlendern dann betont gemütlich über das Areal. Ein Katari, Typ reicher Scheich, kommt unvermittelt auf uns zu und fragt Maria, ob er sie fotografieren dürfe. Maria, die die Frage sowohl als schmeichelnd als auch befremdlich zu empfinden scheint, willigt nach kurzem Zögern ein. Jürgen und ich nehmen Abstand von unserer asiatisch-europäischen Freundin und lassen den Mann ein paar Fotos von ihr machen.
„She is special“, sagt der Scheich, als er fertig ist, zu uns und bedankt sich nochmal galant bei Maria.
„Ob der gemerkt hat, dass ich keine richtige Koreanerin bin?“, fragt Maria uns.
Wir zucken mit den Schultern.
„Wo ist denn die Tribüne?“, frage ich Jürgen, der auch hier schon einmal war.
„Es gibt keine. Wir steigen gleich in einen Minivan, der im Innern der ovalen Rennbahn seine Runden dreht und den Kamelen hinterher rast. Wir sind dann immer nah am Geschehen. Die Kamelbesitzer werden in ihren Fahrzeugen den Kamelen auf der äußeren Seite des Ovals hinterher jagen.“

Zehn Minuten später klettern wir mit zwei französischen Touristen in einen weißen Minivan, der Fahrer lächelt uns höflich zu. Die Franzosen holen beide ihre Kameras mit Teleobjektiven raus und bringen sich an den Fenstern in Stellung. Maria, Jürgen und ich stellen uns hin, denn der Minivan ist oben offen, wie bei einer Safari. Wir sehen, wie die Rennkamele in ihre jeweiligen Gatter dirigiert werden. Auf der anderen Seite der Rennbahn erkennen wir einen kleinen Fuhrpark an weißen Jeeps, aus fast jedem schaut ein Katari im Dischdascha und hält ein Funkgerät oder Handy in der Hand. Es herrscht eine angespannte Ruhe, die selbst bei mir ein leichtes Kribbeln verursacht.

Dann knallt der Startschuss. Die Gatter gehen auf und die Kamele preschen hervor, auf ihren Rücken die Roboterjockeys mit ihren kleinen Rotorpeitschen. Unser Chauffeur fährt ruckartig los, wir drei fallen fast hinten über. Wir halten uns erst aneinander, dann an den seitlichen Metallstreben fest und lenken unseren Blick wieder auf die Rennbahn. Es ist erstaunlich, wie schnell Kamele laufen können, unser Fahrer muss ordentlich Gas geben. Auf der anderen Seite der Rennbahn findet ein zweites, ein Autorennen, statt. Alle weißen Jeeps streiten sich um die Pole Position, jeder will den besten Platz haben. Während der Fahrt werden Befehle oder ähnliches in die Handys und Funkgeräte geschrien, die Gahfiyas der reichen Kataris flattern im Wind, manche müssen sie mit einer Hand festhalten, damit sie nicht davon fliegen. Auch bei uns im Minivan wackelt und ruckelt es, die beiden Franzosen fluchen wie die Rohrspatzen, weil sie ihre Kameras nicht still halten können. Ein Blick zum Fahrer zeigt mir, dass er sichtlich Spaß daran hat, uns Europäer so durchzuschütteln. Ich empfinde es als mindestens genauso lustig und komme das erste Mal in dieser sandigen Ödnis auf meine Kosten. Ich sehe ein halb legales Autorennen unter reichen Kataris, ein Haufen davon jagender Kamele mit kleinen, ferngesteuerten Elektrojockeys auf dem Rücken und stehe selbst in einem fahrenden Minivan irgendwo in der Wüste nahe des Persischen Golfes. Endlich habe ich etwas, von dem ich später daheim erzählen kann.

Nach einer knappen halben Stunde ist das Spektakel vorbei. Erschöpfte Kamele trappeln von der Rennbahn, verschwitze Kataris kühlen ihre glühenden Köpfe mit Eiswasser und wir trinken gutgelaunt Gin Tonic aus einer mitgebrachten Thermoskanne.
„Das war ein Spaß“, sage ich. „Aber wie wettet man eigentlich auf die Kamele?“, hake ich bei Jürgen, unserem allwissenden Führer, nach.
„Glücksspiel ist offiziell verboten in Katar. Die machen das hier alle nur für die Ehre. Unter der Hand aber...“
Jürgen macht eine Drehbewegung mit seinem rechten Arm, die mir nur im Kontext unseres Gespräches etwas bedeutet.
„Ich verstehe“, sage ich bedeutungsschwanger.

„Lass mal zurückfahren“, sagt Maria etwas später. „Hier ist nix mehr los“.
Tatsächlich wirkt das ganze Gelände wieder wie ausgestorben. Die Kamele wurden zurück in ihre Ställe gebracht, die weißen Jeeps sind zum Großteil wieder verschwunden und nur vereinzelt sieht man noch einen der schwarzafrikanischen Beduinen ein Kamel striegeln.

Auf der Rückfahrt trinken wir alle Gin Tonic aus den schweren Gläsern, die Jürgen vorausschauend eingepackt hat. Sogar Eiswürfel und Limettenscheiben hat er zur Hand, was die lange Strecke zurück nach Katar recht angenehm macht. Während wir die eintönige Straße abfahren, quatschen wir redselig über die vielen kleinen Beobachtungen, die wir beim Kamelrennen machen konnten. Zum Beispiel darüber, dass keine einheimischen Frauen zugegen waren, dass die Kataris trotz ihrer Einheitskleidung im Dischdascha über die vielen verschiedenen Klunker an den Fingern und der Hand (seltener am Hals) unterscheidbar waren und dass so ein Kamelrennen neben der Falknerei wohl so ziemlich der einzige Zeitvertreib der Erdgasscheichs sein muss.
„Lieber arm in einem Land mit Kultur als reich in einem Land ohne“, verdichte ich die Quintessenz meiner Überzeugung. Wobei ich gleich nach dieser Äußerung befürchte, dass Jürgen diesen Satz als Angriff auf seine Person verstehen könnte, weil er hier arbeitet und lebt. Und tatsächlich reagiert Jürgen nicht, sondern nimmt einen tiefen Schluck von seinem Gin-Tonic. Ein unangenehmes Schweigen macht sich im Innern des Wagens breit. Wir schauen alle aus unserem Fenster, voneinander weg.

Ich meine, dass ich wegdöse, in eine Art Sekundenschlaf falle, der mich wiederholt überfallt und mir das Gefühl für die Zeit nimmt. Vom Alkohol benommen muss mein Kinn wohl auf die Brust sacken, ich nehme den Arm zur Unterstützung meines fallenden Kopfes. Ich schließe mehrmals die Augen, schrecke hoch, falle zurück, schrecke hoch, falle zurück, wie in Trance.
Plötzlich, ohne dass sich der Straßenverlauf ändert, steigt Jürgen in die Eisen. Der schwere Mercedes bremst so abrupt ab, dass Maria und ich nach vorne knallen und uns den Kopf stoßen. Kurz bevor die Limousine zum Stillstand kommt, gerät der Wagen ins Schlingern, so dass wir fast quer zur Straße stehen. Ich meine, dass Rauch aufsteigt, jedenfalls fliegt mir der Geruch von verbranntem Gummi in die Nase.
Ich schaue zu Jürgen, der das Steuer fest in der Hand hält und geradeaus stiert. Sein Gin Tonic Glas liegt auf seinem Schoß, seine kurze Hose ist nass.
„Fuck!“, schreit er laut in die Windschutzscheibe hinein.
Ich schaue an mir herunter. Auch mein Gin-Tonic Glas liegt auf meinem Schoß, glücklicherweise hatte ich es schon leer getrunken, so dass nichts ausgelaufen ist. Ich schaue auf die Straße und sehe nichts. Fahr doch einfach weiter, denke ich. Sekundenschlaf passiert jedem Mal.
Ich schaue zu Maria. Auch sie weiß nicht, wie ihr geschehen ist.
„Was ist los?“, fragt sie entgeistert.

Statt einer Antwort schnallt Jürgen sich ab und steigt aus dem Wagen. Wir tun es ihm gleich und verlassen den Mercedes. Wir stehen auf der Straße und schauen uns nach Jürgen um, der bereits die Straße zurück läuft. Als wir ihm folgen, sehen Maria und ich gleichzeitig, was passiert ist: Ein weißer Jeep liegt etwa fünfzig Meter hinter uns falsch herum auf dem Sandstreifen abseits der Straße. Die nach oben zeigenden Reifen drehen noch nach, Rauch steigt auf, das Dach des Fahrzeugs ist zerquetscht. Maria und ich halten in unserem Lauf inne, schauen uns entsetzt an und bleiben wie angewurzelt stehen. Nur Jürgen läuft bis zum Jeep und wirft einen Blick hinein. Ich meine, eine blutverschmierte Ghafiya im Innern des Wagens zu sehen, sicher bin ich mir aber nicht.
„Wir müssen einen Rettungswagen rufen“, sage ich, als Jürgen wieder zu uns gerannt kommt. Wieder reagiert er nicht, sondern läuft zurück zu unserem Mercedes. Ich vermute, dass er den Erste-Hilfe Kasten oder sein Handy holen will und folge ihm deshalb. Auch Maria verspürt offensichtlich keine große Lust, sich den Unfallwagen aus der Nähe anzusehen.
Zurück am Auto sehe ich jedoch, dass Jürgen sich wieder angeschnallt hat und bereit ist zur Abfahrt.
„Steigt ein“, schreit er. „Schnallt euch an. Wir hauen ab!“.
„Willst du keinen Krankenwagen rufen?“, frage ich in einem erbärmlichen Versuch, das Richtige zu tun.
„Ich hab mein Handy zuhause gelassen“, erwidert er.
Ich fasse mir in die Hosentasche und merke, dass auch mein Handy in Jürgens Wohnung geblieben ist. Meinen fragenden Blick beantwortet Maria mit einem Kopfschütteln. Folglich steigen Maria und ich wieder in den Wagen ein, in der Annahme, dass Jürgen mit dem Auto Hilfe holen will. Die Irrationalität dieser Vermutung wird mir erst klar, als wir schon fast wieder am Tower 24 sind.

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