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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Katastrophenangst
Eingestellt am 05. 11. 2001 21:00


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schreiber
Hobbydichter
Registriert: Nov 2001

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In Erwartung Karl-Heinz Schreiber
Auf den Stra├čen herrschte das ├╝bliche Chaos. In den Amtsstuben machte sich die ganz normale Ratlosigkeit breit. Man hatte sich eigentlich gewissenhart vorbereitet. Vorr├Ąte eingekauft und gut trainiert. Jede Familie war auf alles gefa├čt. Die Polizei rechnete mit dem Schlimmsten. Sogar die Armee war in Alarmbereitschaft versetzt worden. Der Regierungspr├Ąsident hafte extra seinen Urlaub unterbrochen. Die Kinder hatten eine Woche schulfrei bekommen. Die Katastropheneinsatzpl├Ąne waren noch einmal in aller Ausf├╝hrlichkeit in den Zeitungen abgedruckt und im Fernsehen besprochen worden. Auch die Plakatw├Ąnde zierte kein anderes Thema mehr. Zigarettenwerbung war out, Katastropheneinstimmung war in. Die Gesichtsausdr├╝cke der Leute hatten die erforderliche Anspannung. Man sch├╝ttelte ├Âfter den Kopf, machte mit den Unterarmen ├Âffnende und schlie├čende Bewegungen. Verkniff die Lippen und verzog die Augenbrauen. Kaum einer getraute sich noch, sich ernsthaft zu betrinken. Denn jeden Moment konnte es passieren, konnte es losgehen.
Man hatte ja bisher schon so viel dar├╝ber geh├Ârt und gelesen. An allen Stammtischen gab es seit Wochen kein anderes Thema mehr. An den Bushaltestellen, in den Wartezimmern, in der Sauna und auf den F^iedh├Âfen sprach man ├╝ber nichts anderes mehr. Alle Nachrichtensendungen waren darauf eingestellt: es gab Vorberichte, Prognosen und Expertengespr├Ąche auf allen Kan├Ąlen mit mehr oder weniger seri├Âsen Zielvorgaben. Sogar ein Institut f├╝r kultivierten Exitus wurde gegr├╝ndet und aus Steuermitteln finanziert. Beteiligung war das entscheidende Stichwort, war die Parole, war das Fee-ling. Die Bev├Âlkerung war derma├čen diszipliniert auf das zu Erwartende eingestimmt, man plante nichts L├Ąngerfristiges mehr; man f├╝hrte manchmal sogar schon ernsthafte Gespr├Ąche ├╝ber die Zeit danach - falls es so etwas ├╝berhaupt noch geben w├╝rde. Eine Zeit danach, welch wagemutige Kategorie. F├╝r viele war derartiges ohnehin nicht mehr reali^, stisch vorstellbar. Wie sollte das denn auch gehen. Das bevorstehende Ereignis w├╝rde alles unbarmherzig ver├Ąndern, da├č es auch kein Vorher mehr gegeben zu haben schien. Erinnerungen waren seit langem eigentlich nicht mehr erw├╝nscht. Mit R├╝hrseligkeiten konnte man das Kommende auch nicht mehr aufhalten. Sonderkommandos marschierten regelm├Ą├čig auf. Die Bev├Âlkerung war voll auf der offizi├Âsen Linie. In den Stadtzentren ebenso wie in den Vororten war man auf alles gefa├čt.
Nur dunkel konnte man sich noch an das letzte Mal erinnern. Eigentlich nur noch aus den Erz├Ąhlungen der Gro├čeltem. Irgendwie war der Greuel f├╝r zu lange Zeit schon in weite Ferne ger├╝ckt. Man wollte es jetzt auch endlich selbst erleben. Die Praxis z├Ąhlte auch in diesem Fall mehr als die Theorie. Zwar waren die Aussichten gering, da├č man das Bevorstehende ├╝berleben w├╝rde, aber das Risiko war alles wert. Wer es ├╝berlebte, der konnte etwas erz├Ąhlen. Der konnte dann erz├Ąhlen, wie es diesmal gewesen war. Aber das Monster kam nicht. Es hatte sich abgesetzt. Was sollten die Leute jetzt mit ihrer Katastrophenstimmung anfangen.

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