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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Katastrophenflüge
Eingestellt am 23. 09. 2017 18:23


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Arno Abendschön
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„Zuerst bin ich von Caracas nach Houston geflogen, da gab es Huhn“, sagte der Mitreisende neben mir. „Dann bin ich nach New York weitergeflogen, es gab wieder Huhn. Nun fliegen wir nach London – und ich bekomme zum dritten Mal Huhn …“ Er weinte beinahe. Ja, ja, auch das sind Katastrophen. Eine noch größere wäre eine Salmonellenvergiftung an Bord gewesen.

Eine andere Katastrophe hätte sich beinahe einmal über und unter den Wolken von Saarbrücken ereignet. Wir saßen ahnungslos in einer zwölfsitzigen Linienmaschine nach Berlin und ruckelten übers Flugfeld. In diesen kleinen Flugzeugen nimmt man alles viel deutlicher wahr: Löcher und Rillen auf dem Rollfeld, später dann die Luftlöcher, von denen Adorno behauptet hat, es gäbe sie schlichtweg nicht. Hier wenigstens irrte der Philosoph … Wir waren schon auf der Startbahn, machten uns startklar – als folgende Durchsage kam: „Herr Doktor Riesenstiefel, Sie haben die Autoschlüssel Ihrer Gattin versehentlich mit an Bord genommen. Würden Sie das bitte nachprüfen …“ Er fischte den Schlüsselbund aus der Jackentasche und gab ihn der Stewardess. Wir ruckelten zurück zur Halle. Die Stewardess riss die Tür auf und verschwand die Gangway hinunter, wobei sie die Schlüssel wie eine Trophäe in der erhobenen Rechten schwenkte: „Frau Doktor, Ihr Tag ist gerettet!“

Aber jetzt wird es endlich wirklich einmal dramatisch. (Bitte anschnallen.) Allerdings empfand ich damals fast nichts dabei, ich war die ganze Zeit wie anästhesiert. Das kam so: Nur ungern und in allerletzter Minute hatte ich mich in München aus einer – hm, hm – liebevollen Umarmung gelöst und war mit dem Taxi zum Flughafen gerast, bloß um dort zu erfahren, mein Flug nach Berlin sei gestrichen. Der nächste ging in fünf Stunden. War mir doch egal, ich war noch so glücklich … Dann konnten wir nach sehr unruhigem Flug in Berlin wegen Schnee und Eis nicht landen und flogen tief über der damaligen Halbstadt dahin, wie ein neuer Fliegender Holländer. Vielleicht müssten wir noch nach Hannover ausweichen … Als um zwei Uhr nachts Tegel unter uns zum elften Mal auftauchte, wurde die gefahrvolle Landung doch noch gewagt – die Feuerwehrautos standen für alle Fälle neben der Landebahn parat. Es hat mich noch immer kalt gelassen.

Auch keine Katastrophe, nur eine unglückliche Fügung war das Folgende. Ich flog einmal von Berlin ins Wochenende, nach Köln. Beim Einnehmen der Plätze ließen sich vor mir eine rheinische Mama und ein rheinischer Papa nieder, biedere Kleinbürger mit strengen Gesichtern, denen man das Pflichtbewusstsein von der Stirn ablesen konnte. Rheinischer Frohsinn? Nichts da! Vielleicht hatten sie in Berlin an einer Beerdigung teilgenommen. Ihr Sohn, ungefähr neunzehn und sehr ansehnlich, flog mit. Er wollte sich gerade neben mich setzen. War es mütterlicher Instinkt – die Mama blickte sich auf einmal argwöhnisch um und ihr ahnungsvoller Blick ruhte nicht lange auf uns beiden, da befand sie: „Rolf, wir tauschen!“ Und so geschah es dann.

In allen Zeitungen liest man heute ständig vom Fliegen. Um mitzuhalten, habe ich einmal in Erinnerungen gekramt. Was tut man nicht alles für das gebildete Lesepublikum. Fliegen, du uralter Menschheitsalptraum, auch ich habe dich nicht nur geträumt. Geflogen bin ich nun schon sehr lange nicht mehr.

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