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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Kathrein
Eingestellt am 06. 12. 2014 14:45


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John Wein
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Registriert: Mar 2013

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Kathrein

-Eine Heimat Geschichte-

Die Wahrheit ist die Existenz einer einzigen, unabĂ€nderlichen Wirklichkeit. Doch gibt es im Leben nicht auch die höhere Wahrheit, eine Wahrheit die uns ertrĂ€glicher erscheint, als die nachprĂŒfbare, unanfechtbare Wirklichkeit?

Die Kathrein hatte in einem baufĂ€lligen HĂ€uschen im Bauerngestell gelebt, eine Flur weit draußen vor dem Dorf. Man wusste nicht mehr genau, wann und woher die Alte gekommen war, sie hatte nie darĂŒber gesprochen. Doch allein das ist noch keine Geschichte.

Irgendwann, im Dorf hĂ€tte man sich nicht mehr auf Jahr und Tag genau erinnern können, wĂ€re sie da gewesen. Meine Mutter, die mir davon erzĂ€hlte meinte, sie wĂ€re in den Wirren der Nachkriegsjahre zusammen mit den FlĂŒchtlingen aus dem Böhmerwald ins Dorf gespĂŒlt worden, aber NĂ€heres hat auch sie mir nicht sagen können.

WĂ€hrend es sich alle anderen Fremden mit der Zeit im Dorf eingerichtet hĂ€tten, hĂ€tte die Kathrein weiter draußen im Siechenhaus leben wollen. Es war eine windschiefe Bruchbude, in die man vor sehr langer Zeit einmal die Pestkranken zum Sterben verbannt hatte. In den Jahrhunderten danach hatte sich die Gegend mehr und mehr in eine Schlucht voller Unrat, eifrigem Holunder und Brennnesseln entwickelt. Immerhin, mit den Jahren hatte es sich die Kathrein an diesem trostlosen Andersort eingerichtet und sich auch spĂ€ter nicht mehr ĂŒberreden lassen, das Anwesen zu rĂ€umen. Nur mit den FĂŒĂŸen voran tĂ€te sie das, hatte sie mit scharfer Zunge gekrĂ€ht.

Als junge Frau war sie bestimmt einmal hĂŒbsch gewesen. WĂ€re da nicht das Schlupflid und die schadhafte Zahnreihe gewesen, ein Gewehrkolben hatte seine Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen, hĂ€tte man in ihr eine attraktive Person vermuten können. Hat man sich nach ihrem Alter erkundigt, so hieß es lapidar, sie wĂ€re sehr alt gewesen, sie hĂ€tte beispielsweise noch die Französische Revolution erlebt. Wörtlich war das nicht zu nehmen aber im höheren Sinne schon. Vielleicht hatte sie den Leuten auch nur davon erzĂ€hlt. MĂ€rchen sind nun mal ein Stoff, der sich in alles verwandeln kann.

Bei allem Respekt, heute ist auch meine Erinnerung an die damaligen VorfĂ€lle schon etwas ins Schwimmen geraten, aber wie ich mich entsinne, so hatten Dörfler hinter vorgehaltener Hand Worte getuschelt, die man sonst nur in AnfĂŒhrungszeichen setzt. Sie hĂ€tte einen Schiefen Blick und einige hatten sogar gemeint, sie könne hexen. Durch Handauflegen hĂ€tte sie dem FlurschĂŒtz den Gallenstau gemildert und dem Gemeindediener Gschwandner zur Heilung seiner AltemĂ€nnerschmerzen verholfen.

Des Öfteren und immer spĂ€t am Abend soll sich der Gschwandner, Gemeindediener und Ausrufer, im Schutz der Dunkelheit ins Bauerngestell aufgemacht haben. Er hĂ€tte bereits die besten Jahre hinter sich gehabt, hĂ€tte mit seiner Frau und den beiden Kindern im Gemeindehaus gelebt, aber ungeachtet seines Alters hĂ€tte er noch mit beiden Beinen mitten im Leben und voll im Saft gestanden. Er wĂ€re ein ehrbarer und furchtloser Mann gewesen hieß es, selbst die Gottesfurcht sei ihm fremd gewesen. Mitunter so hatte man im Dorf vernommen, wĂ€re aus dem Bauerngestell mit dem Wind markerschĂŒtterndes Gezeter herĂŒber geweht. Man munkelte es wĂ€re vielleicht ein Hirsch gewesen, der brunftig in die Dunkelheit geröhrt hĂ€tte oder ein wehklagendes KĂ€uzchen. Auf alle FĂ€lle wĂ€re die Arthritis des Gemeindedieners nach geraumer Zeit wie von Zauberhand verschwunden.

Mitunter war die Kathrein mit ihrem LeiterwĂ€gelchen ins Dorf gezuckelt um getrocknete KrĂ€uter, Beeren und selbstgebraute Elixiere gegen geringes Geld feilzubieten. Aber viele hĂ€tten sich aus GrĂŒnden, die man zwar verstehen aber nicht gutheißen kann, abgewandt und wĂ€ren hinter den Gardienen verschwunden. Man hĂ€tte ja nie wissen können. Von einem Bösen Blick bedacht zu werden, hĂ€tte möglicherweise unbekömmlich sein können. Einmal hĂ€tte der Bauer Kreck, der sein Vieh im Bauerngestell weidete, ernĂŒchternd zur Kenntnis nehmen mĂŒssen, dass der Gertrud die MilchdrĂŒsen vertrocknet seien, dabei wĂ€re sie noch vor nicht allzu langer Zeit seine beste Kuh im Stall gewesen mit einem prallen, fruchtbaren Euter. Dem Tillmann sei in dem Jahr das Haus herunter gebrannt und die arme Gschwandnerin, Frau des Gemeindedieners, wĂ€re in eine seltsame Melancholie verfallen. Durch all diese merkwĂŒrdigen VorgĂ€nge und gleichsam wegen ihrer absonderlichen Art, war die Kathrein mit einer geheimnisvollen Aura verwoben, die den Dörflern mit der Zeit ein großes Unwohlsein bereitet hatte.

Man sagt spiritistische Wahrnehmungen und Handlungen lĂ€gen jenseits der Grenzen des Verstehens der meisten Menschen. Doch wer sagt uns denn, dass es nicht jenseits dieser Grenzen ein höheres Verstehen gibt, eine Wahrheit, die unserem Verstand fremd ist. Waren nicht die denkwĂŒrdigen VorfĂ€lle einerseits und die Genesung des Gschwandner der beste Beweis dieser These, oder war die Vorkommnisse doch nur Hokuspokus?

Bei Vollmond des Nachts soll sich die Kathrein in den Weißbirken am Hammerweiher ihrer Kleider entledigt und splitterfasernackt einen Tanz aufgefĂŒhrt haben, um sich hernach ohne dass der Spiegel des Weihers auch nur einen Wellenkreis gezeigt hĂ€tte, im Wasser abgekĂŒhlt haben. Jedenfalls hatte der FlurschĂŒtz davon berichtet, der wegen seiner Schlafprobleme, manche hatten zuvorderst sein schlechtes Gewissen vermutetet, des Nachts oftmals im GelĂ€nde unterwegs gewesen sei. Über dem Wasser hĂ€tte da fußhoch ein Nebel gewabert, mit dem sich Wirklichkeit und seine Einbildung vermischt hĂ€tten und die Kathrein wie von Zauberhand entschwunden sei. Im Nassauer Hof hatte der FlurschĂŒtz bei seinen Schilderungen die Stirn besorgniserregend in Falten gelegt, wĂ€hrend seine Augen in eine ahnungsvolle Ferne stierten. Nach jedem zweiten Satz hatte er die Pfeife abgesetzt und mehrsilbige Worte gemunkelt, indes die Hörerschaft mit aufgerissenen Augen gebannt und schaudernd den Andeutungen gelauscht hatten. Da war eine Stille in der Wirtsstube gewesen, eine Stille von so einer Dichte, dass beinahe die Uhren eingeschlafen wĂ€ren. „Die Alte ist besessen!“ hatte er geraunt. „Sie ist der Teufel!“ hatte die Gschwandnerin gegeifert und ein „Kruzifix!“ hinten angehĂ€ngt und weiter, „da muss man doch was unternehmen!“

Herrschaft nochmal, wie doch der Teufel manchmal mit unseren Zungen spielt! Aber sollte sie mehr als die andern im Dorf gewusst haben?

Dann im SpĂ€therbst, an einem nebelumsponnenen Novembertag, war das unĂŒberhörbare Zeichen einer höheren Macht vernommen worden, Gertrude hatte einen Sprung in der SchĂŒssel erlitten. Die grĂ¶ĂŸere der beiden Kirchenglocken St. Margaretens hatte mit ihrem Schlagwerk ĂŒber zweihundert Jahre die Geschicke des Dorfes gelenkt, alle Tageszeiten gewissenhaft gekĂŒndet und die Kirchgangzeiten verantwortlich angemahnt. Nun war da ein Sprung im unteren Teil. Er hatte sich bis an den Hals hinauf gezogen, und der einst saubere glockenklare Klang war im Nu zu einem saftlosen und stumpfen Misston verkommen. Ein Himmelszeichen?

Es hatte nicht mehr lange gebraucht und der Tag war gekommen, an dem die Kathrein von heute auf morgen verschwunden war, und mit einem GefĂŒhl, das nichts Gutes verhieß, hatte man nach ihr oder einem Hinweis auf ihren Verbleib gesucht. GrĂŒndlich war das HĂ€uschen nach einer Notiz umgekrempelt, das GerĂŒmpel der RĂ€umlichkeiten durchwĂŒhlt, die Platte der Sickergrube gelĂŒftet, der KrĂ€utergarten neben dem Haus und der Garten dahinter umgegraben worden. Nichts! Die Brennnessel Wildnis im Bauerngestell wurde abgemĂ€ht, der Wald des Eichholzkopfs, des Kronbergs und des Eibershains wurden durchkĂ€mmt, sogar den Hammerweiher hatte man abgelassen, aber alles blieb ohne verwertbare Hinweise oder gar Ergebnisse. NatĂŒrlich hatte man sich auch nachdem Warum gefragt, fĂŒr einen Anhaltspunkt fĂŒr das Verschwinden der Kathrein, selbst der Geschwandner, der doch immer Umgang mit ihr gehabt hatte, wusste hier keine verwertbare ErklĂ€rung.

Schließlich, die Tage waren allmĂ€hlich dunkler geworden und die Temperaturen tiefer gesunken. Am ersten Adventssonntag hatte dĂŒnner Flockenwirbel eingesetzt zunĂ€chst zögernd und lautlos in der Nacht zum Montag sich mit dem Wind zu einem beispiellosen Schneetreiben verdichtet, bei dem man nicht mal mehr die Hand vor Augen sehen konnte. Drei volle Tage war das so gegangen. Man hatte sich danach von Haus zu Haus mit Schaufel und Besen die Wege erst wieder freimachen mĂŒssen. Am Ende der Woche hatte es aufgeklart und war bitterkalt geworden bis unter minus zwanzig Grad des Nachts. Da war natĂŒrlich die Suche nach der Kathrein zunĂ€chst einmal eingestellt worden.

In den RaunĂ€chten des JĂ€nner hatte eine gewaltige Schneedecke alles Land mit einem kalten, weißen Frieden ĂŒberzogen, und wĂ€hrend die Älteren ihre Winternot hatten, hatten wir Kinder unseren Spaß, waren noch gefahrlos auf der Straße die Weidelbacher Höhe hinunter gerodelt und auf dem gerĂ€umten Hammerweier Schlittschuh gelaufen. Oh ja, da ich kann mich im Nachhinein noch genau erinnern, an den dampfende Atem, unsere roten Nasen und die kalten Finger. Der Winter aber ging dahin und die Zeit zusammen mit Schnee und Eis hatten ihren Mantel ĂŒber das Verschwinden der Kathrein gedeckt.

Schade dachte ich, eigentlich liebe ich die Geschichten nicht, die ein blutleeres Ende haben und bei denen man HerumrĂ€tseln soll, wie sie schließlich ausgegangen sind. Es hĂ€tte nichts mehr zu bedeuten gehabt, hatte die Mutter gemeint und ohne beim KartoffelschĂ€len aufzublicken ergĂ€nzte sie, wĂ€re das Leben im Dorf recht harmonisch weiter seinen normalen Weg gegangen, und ĂŒbersinnliche MerkwĂŒrdigkeiten hĂ€tte es auch nicht mehr gegeben. Vielleicht noch, dass die Frau des Gschwandner von heute auf morgen von ihreren Depressionen geheilt gewesen sei und den Clemens ihrem Angetrauten seine AltemĂ€nnerschmerzen wieder angeflogen hĂ€tten. Er hĂ€tte bis zu seinem seligen Ende bitter daran gelitten.

„Ja und die Kathrein? Blieb sie denn gĂ€nzlich wie vom Erdboden verschwunden?“ fragte ich die Mutter, „hat man nie mehr ein Zeichen von ihr gehabt?“

SpĂ€ter im Jahr, so genau wusste sie es nicht mehr, hĂ€tten in dem undurchdringlich von Farn, Buschwerk und niederen Tannen zugewachsenen Steinbruch hinter dem Gispel Pilzsucher ein paar Knochen gefunden, die man zusammen mit ein paar Fetzen der Kathrein hĂ€tte zuordnen können. Das Wild und die Zeit hĂ€tten aber ihre Arbeit geleistet. Doch wie sie zu Tode gekommen sei: „Durch einen Sturz?“
. „NatĂŒrlich durch einen Sturz!“ An weitergehenden Vermutungen wollte sich die Mutter nicht mehr beteiligen. Sie meinte, man hĂ€tte es einfach nicht mehr herausfinden können. Es wĂ€re auch besser fĂŒr den Dorffrieden gewesen, dass Gras ĂŒber die Sache gewachsen sei, denn schließlich gĂ€be es ein höheres Verstehen und Grenzen, die man tunlichst nicht ĂŒberschreiten dĂŒrfe.

„Die Toten soll man in Ruhe lassen“, hatte sie gesagt und mit feierlich mahnender Miene hinzugefĂŒgt, „ihnen soll man ein fĂŒr alle Mal den göttlichen Frieden anheimstellen“.

So wurden am Ende aus einem GebrĂ€u von Ahnungen und Vermutungen eine eingebildete Gewissheit und schließlich die unumstĂ¶ĂŸliche Wahrheit. Und die Zeit verrann und alle Welt im Dorf ging darĂŒber hinweg. Es hieß, es sei nun einmal FĂŒgung und göttliche Macht, die alle Zeit regiert und unser menschliches Zusammenleben auf der Erde regelt.

JW. 12. 2014

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