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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Katzanzakis
Eingestellt am 23. 09. 2014 13:41


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Jens Rohrer
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Jan 2012

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Letztes Jahr haben wir uns einen Traum erf├╝llt. Meine Frau und ich verbringen schon seit Jahren unsere Ferien in dem kleinen Fischerdorf Agia Galini im S├╝den Kretas. Eines der H├Ąuser stand seit l├Ąngerem leer, und da haben wir gespart und es schlie├člich gekauft. So ein kleines, wei├čes. Mit blauer T├╝r und blauen Fensterl├Ąden. Ganz klassisch.
Ich bin ja Grieche. Also nicht richtig. Geboren bin ich in Deutschland. Meine Eltern hatten drei├čig Jahre lang ein Restaurant. Kreta. Da kamen sie auch her. Als ich ein Kind war, sind wir da immer hin gefahren. Und jetzt fahre ich immer hin. Ist wohl noch der Zauber der Kindheit. Ein Sehnsuchtsort. Sorglose Kindheitstage. Und ein bisschen Wehmut. Weil es die Eltern ja nicht mehr gibt.
In dem Ort gibt es noch keine Hotelplatten, wie andernorts auf der Insel. Ein paar Restaurants, gut. Mit ├╝bersetzten Speisekarten, aber die kann man verschmerzen.
Da sind wir dann also. Steigen am Abend die Treppen hinunter. Zum Hafen. Das Dorf ist an einen H├╝gel hinauf gebaut. Steile Stra├čen. Zwischen den H├Ąusern schmale Treppen. Anstrengend ist das schon. Vor allem, wenn man ganz nach oben muss. Sieht aber sch├Ân aus. Die kargen, braunen H├╝gel, und dazwischen so ein wei├čer. Blaue T├╝ren. Blaue Fensterl├Ąden. Blaue N├Ąchte.
Da unten steht eine kleine Taverne. Drinnen ist nicht viel Platz. Eine Bar und drei Tische. Daf├╝r drau├čen umso mehr. Die kleinen runden Tischen bedecken den ganzen Platz davor bis hin zur Hafenmole. Direkt am Wasser kann man da sitzen und auf die kleine Bucht rauskucken. Am Ende von der Bucht schlie├čt eine Mauer den Hafen ab. Gesch├╝tzt schaukeln die vielen kleinen Fischerboote vertr├Ąumt herum. M├╝ssen ja morgen fr├╝h raus. Genauso wie die Fischer, die an den anderen Tischen sitzen. Segeltuchhosen, Sandalen, offene Hemden, braune Haut. B├Ąrte. Vor allem B├Ąrte. Ich muss da immer an Alexis Sorbas denken. Die sehen irgendwie alle so aus. Wie der Alexis. Sie trinken Ouzo und Wein. Wir auch. Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde. Das hat der Udo J├╝rgens geschafft. Was bleibendes. Immer wenn griechisch und Wein kommt, muss man an sein Lied denken. Komm schenk mir ein.
Und da, vor der Taverne, streicht dann immer so ein K├Ątzchen um uns herum. So ein schwarz-braun geschecktes. Ist noch jung. Und ziemlich unterern├Ąhrt. Man kann die Rippen unter dem Fell sehen. Sie hofft wohl auf Futter. Vielleicht, weil wir nicht wie Alexis Sorbas aussehen. Die scheuchen sie nur weg. Die Sorbasse. Und meine Frau sagt nat├╝rlich:
"Komm. Lass uns die mitnehmen, die arme."
Frauen und Katzen. Da kommt man nicht gegen an. Also die Katze untern Arm und mit zum Haus. Das arme Tier hochp├Ąppeln.
"Gell, die behalten wir." sagt sie.
Wir geben ihr einen Namen. "Katzanzakis", sage ich. Wie der Autor von Alexis Sorbas. Findet sie bl├Âd. Will sie Kleopatra nennen. Das wiederum finde ich bl├Âd. Ist ja keine ├Ągyptische Katze. Kann mich durchsetzen. Obwohl sie weiblich ist, die Katze.
Am n├Ąchsten Tag fahren wir nach Heraklion. Die gro├če Stadt mit dem Flughafen. Katzenstreu besorgen. Gibt aber keines. Wir finden S├Ągemehl. Das geht auch. Wir kaufen noch eine flache Plastikwanne. Fertig.
Als wir am Abend zur├╝ckkommen, hat sich eine Menschentraube vor unserem Fenster gebildet. Was machen die da? Kucken alle auf unser Fenster. Sitzt aber nur die Katze drin. Ich frage die Nachbarin. Die steht auch dabei. Klein, schwarzes Kleid, Kopftuch. Ganz klassisch.
"Eine Katze im Haus. Sachen gibt┬┤s.", sagt die. Und sch├╝ttelt ungl├Ąubig den Kopf.
"Ja ja, auf der Stra├če. Fangen die M├Ąuse und die Ratten. Aber was soll so ein Tier im Haus?"
Ich erkl├Ąre ihr, das Katzen in Deutschland als Haustiere gehalten werden. So wie Hunde und Hamster. Ich sehe ihr an, dass das Konzept Katze und Haustier in Griechenland nicht nur unbekannt, sondern g├Ąnzlich unvorstellbar ist. Ein Affe im Fenster w├Ąre nicht weniger ungew├Âhnlich.
Als wir abreisen, frage ich die Nachbarin, ob sie die Katze f├╝ttern kann. Die ist besorgt.
"Aber die macht doch ├╝berall hin.", sagt sie. Runzelt die Augenbrauen.
"Nein, nein, wir haben doch ein Katzenklo."
"Was? Die geht aufs Klo?" Sie sieht aus, als h├Ątten wir ihr gerade erz├Ąhlt, das Tier k├Ânne sprechen. Wir zeigen ihr die Wanne mit dem S├Ągemehl. Hat Katzanzakis schnell kapiert. Das mit dem Katzenklo. Ob sie die Katze mal streicheln will. Fragt meine Frau. Die Nachbarin geht in die Hocke, streckt die Hand aus, zieht sie kurz vor dem Ziel wieder zur├╝ck. Steht wieder auf. Lieber nicht.
Als wir wieder zu Hause sind kommt ein Anruf. Die Nachbarin klingt best├╝rzt. "Die Katze muss zum Tierarzt.", sagt sie. "Die ist erk├Ąltet."
"Was? Erk├Ąltet? Im Sommer? In Griechenland? Wo sie nur im Haus ist?"
"Ja.", antwortet sie. "Ich habe sie nach dem F├╝ttern ein bisschen gekrault. Und da hat sie so ger├Âchelt. So rrrrrrrrrrrrrrrr. Hat sie gemacht." Sie wiederholt es noch einmal, um sicherzugehen, dass sie das Symptom auch richtig geschildert hat. "Rrrrrrrrrrrrrrrrrr."
Ich lache. "Nein, nein, die schnurrt. Das machen die, wenn sie sich wohlf├╝hlen." Ich kann das ungl├Ąubige Kopfsch├╝tteln beinahe durch den H├Ârer hindurch sp├╝ren.
Ich lege auf und denke. Vielleicht gilt das ja mal als Kulturleistung. Die Domestizierung der Katze in Griechenland. Durch Kostas Mitroglou. Und dann bin ich ein bisschen stolz.
__________________
Jens Rohrer

Version vom 23. 09. 2014 13:41
Version vom 26. 09. 2014 15:50

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