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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Katze zugelaufen
Eingestellt am 02. 05. 2016 22:01


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Arno Abendschön
HĂ€ufig gelesener Autor
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Ich spĂŒrte etwas hinten am Hosenbein entlangstreichen und sah mich um. Eine kleine schwarze Katze lief auf dem Feldweg hinter mir her und erwiderte meinen Blick. Sie war erst wenige Monate alt. Es ist eigentlich erstaunlich, dass so kleine Tiere einem fĂŒr sie so großen Wesen, wie es ein erwachsener Mensch ist, in die Augen sehen können. Ich bin diesen kleinen Tieren gegenĂŒber nicht so gefĂŒhllos, wie es meiner Verlobten bald vorkommen musste. Im Gegenteil, ich wundere mich immer wieder, wenn ich feststelle, wie wenig körperliche Ausdehnung zur Ausbildung eines individuellen seelischen Apparates genĂŒgt. Ja, ich erkenne es an, dieses KĂ€tzchen hatte schon seinen eigenen Willen und war somit fast so etwas wie eine kleine Persönlichkeit. Sie sollte mir rasch lĂ€stig werden.

Doris ging in die Hocke und sprach auf diese verniedlichende Weise zu dem kleinen Tier: „Ja, wer bist du denn? Und woher kommst du denn?“ Dann in ihrer ziemlich tiefen normalen Stimmlage zu mir: „Sie ist noch keine drei Monate. Was macht sie hier auf dem Feld?“

Das Gut liegt etwa drei Kilometer von unserem Dorf entfernt. Davon hatten wir jetzt mindestens zwei schon zurĂŒckgelegt. Doris stand auf und strich sich das Kleid glatt. Sie sah mich fragend an.

„Sie wird vom Gut gekommen sein. Und jetzt findet sie den Weg nicht zurĂŒck.“ Wir gingen langsam weiter, und das Tier folgte uns mit flinken Trippelschrittchen. Es missfiel mir gleich, dass es dabei geradezu heiter und zuversichtlich wirkte. Alles wird gut, alles wird gut 
 Dieser Text schien seinem Hoppeln und Trippeln zugrunde zu liegen.

„Soll sie halt mitlaufen.“ So war es beschlossen. Übrigens lief das KĂ€tzchen immer nur hinter mir her, nicht hinter Doris. Meine Verlobte wandte sich hĂ€ufig nach ihm um. Ich konnte jetzt nicht von unserer Hochzeit anfangen. So hielt ich einen kleinen Vortrag ĂŒber das Gut und ĂŒber einen seiner frĂŒheren Besitzer. Das war eine ebenso eigenwillige wie unselige Persönlichkeit gewesen, sie versorgte mich mit Stoff, bis wir die ersten GebĂ€ude erreichten. „Er ist schon so lange tot, aber sein Geist spukt noch immer bei uns herum.“

Ich drehte mich jetzt auch um. „So, jetzt bist du wieder daheim. Du weißt doch hoffentlich, wo du hingehörst?“

Die Katze schien durchaus noch nichts wiederzuerkennen. Wir gingen langsam die Reihe der GutsgebĂ€ude entlang. Ich sah mir das Tier noch einmal an. Es wirkte jetzt weniger zuversichtlich, eher leicht irritiert. Es war wohl schon etwas ĂŒberanstrengt.

Hinter dem Gut fĂŒhrt der Weg in den nahen Wald. „Lass uns jetzt schneller gehen, so schnell, dass sie nicht mitkommt. Dann muss sie zurĂŒckbleiben.“

„Du willst sie einfach zurĂŒcklassen? Wo soll sie denn hin?“ - „Einfach hier bleiben. Sie muss doch von hier sein.“

Wir gingen sehr schnell, rannten fast schon. Doch der Versuch fĂŒhrte zu nichts. Die kleine Katze folgte mir geradezu hĂŒndisch. Obwohl es ihr sichtlich schwer fiel, ließ sie uns keinen Vorsprung gewinnen. Nach fĂŒnf Minuten waren wir bereits tief im Wald. Und das Tier miaute jetzt auch noch fortwĂ€hrend mit dĂŒnnem Stimmchen. Ich wusste, man soll das Verhalten der Tiere nicht mit der menschlichen Psychologie erklĂ€ren. Aber das half mir nichts, es klang nun einmal enttĂ€uscht, wenn nicht anklagend.

Doris protestierte, als ich weiter in den Wald vordringen wollte. Sie verlangte, dass wir den Versuch abbrĂ€chen und zum Gut zurĂŒckkehrten. Da das ohnehin unser Heimweg war, willigte ich ein. Unsere Prozession erreichte den Hof in der gleichen Formation wie bisher. Die Katze miaute lebhafter, seit wir den Wald verlassen hatten. Dennoch war nicht zu ĂŒbersehen, wie erschöpft sie jetzt war. Wir blieben stehen.

„Nie im Leben kommt sie vom Gut“, sagte Doris.

„Dann hat sie einer auf den Feldern ausgesetzt, vielleicht einer aus der Stadt. So etwas kommt vor.“

„Und was soll nun werden? Können wir sie nicht mitnehmen? Sie meint ja offenbar, du bist jetzt ihr Mensch.“

„Das geht absolut nicht. Im Dorf gibt’s mehr als genug Katzen. Die nimmt keiner. Außerdem kann sie bald nicht mehr.“

„Dann musst du sie tragen.“ Ich hob sie hoch und trug sie einige Meter. Sie war so zappelig, dass ich sie bald wieder laufen lassen musste. „Geht ohnehin nicht“, sagte ich zu Doris. „Sie muss hier bleiben.“

Doris sah mich schweigend an. Wir gingen weiter. Ich versuchte noch zweimal, das Tier loszuwerden, indem ich es wieder packte und ĂŒber eine Einfriedung aus Buchsbaum warf. Es fand beide Male eine LĂŒcke in der Hecke und klebte mir wieder am Hosenbein.

Diese peinliche Geschichte, die mir schon viel zu lange dauerte, endete dann unversehens. Im Garten des letzten der GesindehĂ€user stand eine junge Frau. Ich ergriff das KĂ€tzchen noch einmal und brachte es ihr. Sie hörte sich an, was ich zu sagen hatte, und sagte dann ihrerseits: Ja, sie wolle das Tier annehmen. Ich segne sie noch heute dafĂŒr.

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Hyazinthe
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Hallo Arno!

Ich musste deine Geschichte zweimal lesen, um zu erfaasen, wie treffend du die innere Befindlichkeit deines Protagonisten darstellst: Wie er sich gegen das aufkommende Mitleid mit der Katze wehrt, (das ja eigentlich nur menschlich und sympathisch wĂ€re,) weil er ja Wichtigeres (die bevorstehende Heirat u. Ă€.) zu bedenken hat, wie er Pragmatismus und RealitĂ€ssinn zeigt, nur um nicht dem ganz normalen Impuls von FĂŒrsorglichkeit und VerantwortungsgefĂŒhl nachgeben zu mĂŒssen.

Kann sein, dass ich deine Geschichte ganz falsch verstehe, denn vieles bleibt ungesagt und offen.

Gruß, Hyazinthe


__________________
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Arno Abendschön
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Hyazinthe, im Wesentlichen deutest du die kleine Katzengeschichte richtig. Ja, "offen" sollte zweierlei bleiben: die weitere Perspektive fĂŒr die Katze ebenso wie diejenige fĂŒr die Ehe. Bei dem unvorhergesehenen Zwischenfall mit der Katze erweist sich die Verschiedenartigkeit der kĂŒnftigen Eheleute. Welche Prognose kann man daraus fĂŒr kĂŒnftige, grĂ¶ĂŸere Krisen ableiten? Man kann wohl in beide Richtungen spekulieren.

Danke fĂŒr deine freundliche Wortmeldung.

Arno Abendschön
__________________
Gegen Gleichmacherei - nein zur Ehe fĂŒr alle!

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aligaga
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Jaja, die Katzengeschichten - frĂŒher oder spĂ€ter kommt jeder mal auf den Hund und schreibt was fĂŒr die Katz.

Hier amĂŒsiert @ali nicht nur der gestelzte Umgang eines "verlobten" Paares miteinander, sondern auch die völlig untypische Reaktion der Frau auf die AnhĂ€nglichkeit des Tierleins, die ausschließlich ihrem ZukĂŒnftigen gilt.

Jeder, der sich mit MĂ€delz ein bisschen auskennt, weiß doch, dass diese sowohl vor als auch nach der Eheschließung sehr sorgfĂ€ltig darauf achten, dass ihr Liebster nicht von ihnen abgelenkt wird. Sie entwickeln - z. T. reflexhaft! - Abwehrstrategien, die dem significant other jedes außereheliche GefĂŒhl verleiden sollen. Dabei richten sie ihr Augenmerk nicht nur auf Freundinnen und Freunde des ZukĂŒnftigen, sondern auch auf (Haus)tiere und GegenstĂ€nde wie FußbĂ€lle, Laptops oder Modellflugzeuge.

Dieser ganz natĂŒrliche Trieb scheint der hier vorgestellten, als weiblich bezeichneten Person zur GĂ€nze zu fehlen. Das ist so bemerkenswert, dass man sich wĂŒnschte, es fiele auch dem Ich-Protzen auf und er kĂ€me von dem Viecherl weg auf die Psyche seiner "Verlobten" zu sprechen, um zu ergrĂŒnden, was sie dazu veranlasse, ihn in eine fremde "Bindung" zu treiben.

So aber plÀtschwert's seicht und beliebig dahin. A Katzng'schichterl, halt. Sonst nix.

Heiter

aligaga

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Wipfel
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Hi Arno, es gab einen Moment, an dem ich dachte: da kommt noch etwas. Du legst dem Leser eine Spur.

quote:
Meine Verlobte wandte sich hÀufig nach ihm um. Ich konnte jetzt nicht von unserer Hochzeit anfangen.
Die Verlobte und die Hochzeit. Und was dann? Nix. Kein vorgezogener Ehekrach, kein ich bin vielleicht doch bi oder irgendeine Wendung, die der Geschichte Sinn geben wĂŒrde. Der Geschichte fehlt etwas. Salz.

GrĂŒĂŸe von wipfel

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Arno Abendschön
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Wipfel, das von dir vermisste spezielle Salz wĂŒrde eben nicht zu der Absicht passen, mit der ich den Text hier eingestellt habe. Hier ist es primĂ€r eine Tiergeschichte, bei der erst in zweiter Linie die charakterliche Verschiedenheit zweier Verlobten mitbehandelt wird.

Arno Abendschön

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