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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Katzen
Eingestellt am 25. 12. 2015 13:28


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van Geoffrey
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Registriert: Nov 2011

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Katzen

Hört, ich war ein Spitzbube und Filou gewesen. Ein alberner Genießer und Geck von Natur.
Aus Genuss wurde Trunksucht, und die hatte mich bald fest im Griff.
Was fĂŒr ein elendes Leben das war, fĂŒhlt‘ ich nicht, noch war mir bewusst, was fĂŒr eine höchst lĂ€cherliche Figur ich abgab.
Zeitig, wenn sich die ehrbare Welt an ihren Broterwerb machte, eilte ich ins Wirtshaus, und war unter den Letzten, die sich erhoben, um mit unsicherem Schritt heimwĂ€rts zu gehen. Bald hatte ich mein Haus an das Laster verloren, und begann ein unstetes Wanderleben immer nach jenen Gegenden, wo man mir Arbeit bot. Es fiel mir nicht ein, mich zu besinnen und das Erworbene fĂŒr einen ehrbaren Unterhalt zu verwenden, sondern abends regierte ich wie ein Herzog ĂŒber GlĂ€ser und Kannen, so lange der Segen reichen mochte, alles ausgegeben war und Wirt und Wirtin ihre Dienstbarkeit verloren hatten.
Selten stand ich vom Wirtstisch auf, ehe das letzte Geld ausgegeben war.
Bei all dem blieb aber mein Herz wunderbar bewahrt vor anderen Lastern, sodass ich königlich zufrieden unter einem Baum mein Lager zurecht machte, wenn die letzte Schenke ihre Pforten geschlossen hatte. Ich sage euch: Kinder in ihrer Unschuld haben keinen sanfteren Schlummer, als ich armer SĂŒnder damals hatte. Denn, wisst ihr: ich stahl nicht, hasste nicht, log wohl manchmal aus Verlegenheit, was ich mir aber großmĂŒtig verzieh, hatte aber sonst kein Begehr nach meines NĂ€chsten Weib und Gut. Was sollte denn also meinen Schlaf stören?
In kĂŒhlen NĂ€chten zog ich 2 Decken aus meinem Rucksack, wenn ich eine geeignete Schlafstatt gefunden hatte. Eine legte ich zusammengelegt als Kissen unter mein Haupt, wĂ€hrend mich die andere deckte und vor der KĂ€lte schĂŒtzte.
Da, ehe ich einschlief, schien mir oft, ich sei ein erzraffinierter Bursche, welcher der Welt vormachte, was nobles und gutes Leben sei.
Ich fĂŒhlte mich bald als Graf der Landstraße, bald als Herzog der Waldschenken. Mein Talent fĂŒr Witze und lustige Geschichten nutzte mir bald hier und bald da, und ich unterhielt Wirt und GĂ€ste mit allerlei Possen, was mir in der MĂŒnze der Gastfreundschaft mit Speise und Trank oft großzĂŒgig vergolten wurde.

Hört nun die Ereignisse, die mich jĂ€h und endgĂŒltig dem lasterhaften Leben entreißen sollten.
Einmal hatte ich nach lĂ€ngerem Fasten zu viel getrunken und war zu frĂŒh – das heißt, nach meinem damaligen Begreifen: mit Geld in der Tasche – aufgebrochen. Bange war ich durch den Wald geirrt, ehe ich mich fĂŒr ein gemĂŒtliches PlĂ€tzchen unter einer Eiche entschied. Ich war sanft eingeschlummert, als mich nĂ€chtlicher LĂ€rm weckte. Es klang von weither, wie ausgelassenes Feiern und Singen. „Böse Zecher.“ knurrte ich. „Wollt ihr wohl still sein.“ Da besann ich mich, und mein klares Denken kehrte wieder. Ich fĂŒhlte mich durch den Schlaf einigermaßen gestĂ€rkt, und meinte nun: „Viel besser, als hier schlaflos liegen, ist es doch, sich anzuschließen und bei einem guten Wein mit den Nachbarn Frieden schließen.“
Ich verstaute die Decken rasch in meinem Rucksack, und machte mich so eilig, als es im Dunkeln gehen mochte, immer dem LĂ€rm nach, tapsend und ĂŒber Äste stolpernd auf den Weg.
Der liebe Mond spendete sein Licht.
In der frischen Abendluft verflog meine Schlaftrunkenheit rasch und nach etlichen kleinen Umwegen, die mich zuweilen in die stachlige Umarmung von GestrĂŒpp und Dornen brachten, gelangte ich endlich zu einem kleinen HĂ€uschen.
Wirklich war’s eine kleine Wirtsstube, in welcher es hoch her ging. Puh, das waren bĂ€rtige Gesellen, die polterten laut und vergnĂŒgten sich beim Karten- und WĂŒrfelspiel. Rasch, dachte ich, werd‘ ich gut Freund mit diesen lieben MitbĂŒrgern, und trat ein.
Einer der BĂ€rtigen wies mir einen Platz an. Jetzt wollte ich meine Brille aus dem Rucksack holen, um die Zecher in Augenschein zu nehmen. Da war die Reihe aber schon an mir, die Karten zu geben.
„Lustig geht’s her.“ Dachte ich, zwinkerte die Augen zusammen, und glich auf diese Weise das Fehlen meiner Brille aus. Die mochte im Rucksack bleiben. Jetzt sollten erst einmal die Karten sprechen.
Gewann ich, war’s still, mĂ€uschenstill, und meine Kumpane glotzten mich an. Gewann ein anderer, schlugen sie mit den FĂ€usten auf die Tische und brĂŒllten „Hurra!“ dass sĂ€mtliche Fenster zitterten.
„Ruhe, ihr Trunkenbolde!“ rief ich dann Ă€rgerlich, und wollte ein Spiel ums andere.
BĂ€rtige, buschige Gesellen waren das. Ich zwinkerte, und meinte, in die Gesichter großer Kater zu blicken. Da begriff ich, dass dies der SĂ€uferwahnsinn sein musste, der dem Verstand zuweilen kleines Getier wie MĂ€use vorgaukelt. Ich musste schon fortgeschritten sein auf meinem Weg des Verfalls, dachte ich, dass sich fĂŒr mein Auge die Zecher in derart bizarres Getier verwandelten.
Und doch – so oft ich zwinkerte, musste ich die ausgesprochen realistische TĂ€uschung meiner Augen begaffen: große, gelbe Katzenaugen, stattliche Schnurrbarthaare und Pfoten. Unmöglich konnte ich dies meiner bloßen Einbildungskraft zuschreiben. Zu klar war dieses erlesen schreckliche Bild.
„Da bist du in eine feine Gesellschaft geraten.“ Dachte ich, und mĂŒhte mich, den Spitzbuben ein GestĂ€ndnis ihrer Natur abzuringen.
„Unrasierte Gesellen!“ rief ich etwa mit gespielter Herzlichkeit, wenn ich ein gutes Blatt in der Hand hatte. Die Antwort meiner Kumpane war nur starres Glotzen, wie ich es von Katzen kannte, wenn sie auf Beute lauern, und sich zum Sprung bereit machen.
Ich mochte fĂŒr diese Gesellen nicht mehr als ein Vöglein und eine absonderliche aber willkommene Beute sein.
Musste ich niesen, so machte ich: „Kaa-tzn!!“
„Gesundheit!“ kam die Antwort aus der Runde, und wieder folgte das atemlose, starre Glotzen.
Dann wieder murmelte ich vor mich hin: „Minz und Maunz, die Katzen, erheben ihre Tatzen. Sie drohen mit den Pfoten; Die Mutter hat’s verboten.“ Und murmelnd, als hĂ€tten sie darauf gewartet, stimmten die trinkfreudigen Gesellen in den letzten Satz ein.
Die haarige Bande musste im Falschspielen geĂŒbt sein, denn ich verlor mehr als alle anderen und musste Runde um Runde bezahlen. Zum Verlieren gehört, seinen Ärger zu ĂŒbertreiben und den glĂŒcklicheren Kontrahenten Titel wie „GlĂŒckskinder“ und „Beutelschneider“ zu verleihen, was mit GelĂ€chter und scherzenden Erwiderungen beantwortet wurde. Wieder und wieder musste ich MĂŒnzen hervorholen, klopfte sie mit teils gespielter und teils echter Empörung auf den Tisch und rief nach dem Wirt, den ich einen TrĂ€umer nannte, welcher in seiner Seele kein Empfinden fĂŒr den Durst seines NĂ€chsten kannte.
Dann wollte es mir gefallen, die ausgelassenen Grobheiten zu erwidern und schlug einem so krĂ€ftig auf die Pfote, dass er auffuhr. „Miau! Wollen euer Durchlaucht geruhen, die arme Dienerschaft nicht zu Tode zu prĂŒgeln.“ „Wer“, antwortete ich keck, „wĂŒrde mir sonst aufwarten und mich unterhalten, wenn nicht mein aller-faulpelzigstes Gesinde.“
WĂ€hrend ich trank hielt ich Ausschau nach einem Schlupfloch, das mir erlauben wĂŒrde mit einem Satz aus dem Kreis der Zecher ins Freie zu fliehen. Doch da stand mir der dickste Kater im Weg, und ich verwarf meine Gedanken an Flucht.
Mir wurde immer unwohler, die Gesellschaft dagegen immer ausgelassener. Sie rissen mich burschikos am Arm. Immer wilder wurden die kumpelhaften Herzlichkeiten, wenn ich mich ĂŒber ein schlechtes Blatt beschwerte, bis sie mir gar den Ärmel abrissen. „Jetzt hab ich aber genug.“ rief ich, indem ich abrupt aufstand.
Seit jeher hatte es zu meinen Gewohnheiten gehört, Gefahren, wo sie mir begegneten, ins Gesicht zu sehen. Jetzt aber strĂ€ubten sich mir die Nackenhaare vor Entsetzen. Nach einigen Sekunden des wechselseitigen Starrens fasste ich mir ein Herz, und rief: „Ich sehe deutlich, dass ihr keine ehrenwerten Zecher, sondern nichts and’res als große Miezekatzen und deshalb kein Umgang fĂŒr mich seid. Ich denke wahrhaftig, dass heute Nacht ein Tor der Hölle fĂŒr euren Ausgang entriegelt worden ist. Da die Sitten so verwahrlosen, kann ein Gentleman nicht bleiben. Dringende GeschĂ€fte rufen mich dorthin, wo ihr nicht sein könnt. Deshalb: gebt den Weg frei!“
„Pfchchch!“ pfauchte da der vielstimmige Chor. Einer ergriff das Wort: „Entlarvt hast du uns, armes Menschenkind, denn du siehst, was du siehst, und bist nicht wie die andern alle, die nur sehen, was sie zu sehen gewohnt sind. Du wirst uns arme Zecher aber nicht verraten, denn jetzt 
 ist dein LebensfĂ€dlein vollends abgewickelt.“
„In der Falle“ dachte ich bei mir, „wie eine Maus, die in der Ecke sitzt und von der Katze bedrĂ€ngt wird.“ So verstrich wohl eine Minute, in welcher keine der Parteien einen Vorstoß wagte. Zwischen mir und der TĂŒr waren die Miezekatzen. Ich lachte grimmig, um dem Gegner Mut vorzuspielen.
In der Gefahr arbeitet mein Verstand rasch. Meine Trunkenheit war vollkommener geistiger und leiblicher Anspannung gewichen.
Jetzt frisch drauf! Mit grimmigem WutgebrĂŒll drang ich auf den dicksten Kater ein, den schweren KerzenstĂ€nder wie eine Ramme gebrauchend. Der Dicke wich ĂŒberrascht zur Seite. TĂŒre und Freiheit waren gewonnen. Ich stolperte mit schlotternden Knien schnaufend durch den Wald. Jedes GerĂ€usch ließ mich zusammenfahren und hinter mich blicken. Lange und bang irrte ich weiter, bis ich mit klopfendem Herzen gewahrte, dass ich dem Spuk glĂŒcklich entkommen war.
Da war ich nun endlich allein im tiefen Dunkel und Schweigen des Waldes. Ich war gerettet.
Diese Schrecken liegen nun viele Jahre zurĂŒck. War’s TĂ€uschung der Sinne im Trinkerwahn, oder ein Spuk aus der Hölle? Ich weiß es nicht, bis auf den heutigen Tag.
Seither blieb ich den Wegen des Lasters fern, denn dies alles ließ ich mir zur Warnung gereichen. Dies war die Ohrfeige gewesen, die mich zur Umkehr bewegen sollte. Denn entweder hatte mich der lotterhafte Lebenswandel derart zerrĂŒttet, dass mein Verstand Wahngebilde von erschreckender Lebendigkeit erfand, oder aber die Wege der Haltlosigkeit hatten mich in die Gesellschaft solcher wahrhaft höllischer Gestalten gebracht. Ich nahm die Medizin mit Dank – und werde wohl nie erfahren, wem ich dafĂŒr zu danken habe.
So wich ich – gemahnt – seither alkoholischen GetrĂ€nken und liederlichen Zerstreuungen aus. Das wurde mir zum Segen. Ich heiratete eine Frau, zu kostbar, um sie mit dĂŒrren Worten zu beschreiben. Und seht nur, wie sehr beschenkt und glĂŒcklich muss ich armer SĂŒnder ĂŒber diese Schar lieber Kinder sein.


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herziblatti
???
Registriert: Jan 2007

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Hallo van Geoffrey, die Geschichte vom Trunkenbold, der einen Riesen-Kater hat, oder gleich mehrere den rechten Ton getroffen, Punktlandung.
Lediglich der Schluss ist mir fast zu dĂŒrr in der Sprache.

quote:
Das wurde mir zum Segen. Ich heiratete eine Frau, zu kostbar, um sie mit dĂŒrren Worten zu beschreiben.
Vorschlag, in etwa: Das wurd' zum Segen mir. Ich fand ein Weib, zu kostbar, in Worten zu beschreiben etc.
Gern gelesen. LG - herziblatti
__________________
Warten, was der Fluss so bringt - Fritz Popp

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van Geoffrey
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2011

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Danke!

Hallo, Herziblatti!
Danke fĂŒr die Kritik und das Lob. Ja, die "dĂŒrren Worte" habe ich zögernd stehen gelassen, weil mir die Formulierung gefiel, ohne dass ich belegen könnte, ob das eine erlaubte, aus der Mode gekommene Wendung oder eine sprachliche LausbĂŒberei meinerseits ist. "DĂŒrre Worte" = kraftlose, trockene Worte.
Bin mir selber unschlĂŒssig.
Mit einiger VerspĂ€tung wĂŒnsche ich euch allen noch frohe und gesegnete Weihnachten.

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